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Herrn Brunwards Kinder zu Bamberg

Ergänzungen zur Genealogie der Bamberger Lemlein, Haller und Münzmeister im 14. Jahrhundert

von Hans-Dietrich Lemmel

Gedruckt in: Blätter für fränkische Familienkunde Band 33, 2010, Seiten 61-75. Seither unwesentlich ergänzt.



1.  Einleitung

Über die Genealogien der Familien Haller und Lemlein, die im 14. Jahrhundert aus Nürnberg kommend sich in Bamberg niederließen, gibt es in den Berichten des Historischen Vereins Bamberg ausführliche Darstellungen, 1958 von Helmut Freiherr Haller von Hallerstein [1] und 1965 von Herbert Lemmel [2], ergänzt durch zwei Aufsätze [3] in den Blättern für Fränkische Familienkunde. Freilich irrte letzterer über die Herkunft der Lemlein, die er, ohne überzeugende Begründung, von den Lampert/Lemplein von Gerolzhofen herleitete. Hierzu konnte ich 1985 Korrekturen und Ergänzungen mitteilen[4]. Sowohl die Haller als auch die Lemlein waren um 1300 in Nürnberg beurkundet und kurz darauf auch in Bamberg, wo sie in die Familien der bischöflichen Ministerialen, der "Hausgenossen" einheirateten, zu denen unter anderen die Familie Münzmeister gehörte.

1   Helmut Freiherr Haller von Hallerstein: Die Haller zu Bamberg und Nürnberg; in: 96. Bericht des Historischen Vereins Bamberg 1958 S.107-148.

2   Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jahrhunderts; in: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg 1965 S.13-220; im folgenden zitiert als "Herkunft". – Herbert E. Lemmel: Beitrag zur Geschichte und Genealogie der Bamberger Lemmel des 14. und 15. Jahrhunderts; in: 116. Bericht des Historischen Vereins Bamberg 1980 S.115-125.

3   Herbert E. Lemmel: Der Heiratskreis der Bamberger und Nürnberger Lemmel des 14. Jahrhunderts; in: Blätter für Fränkische Familienkunde Band 9 1966 Seiten 80-95. - Herbert E. Lemmel: Miszellen zur Geschichte der Bamberger Lemmel; in: Blätter für Fränkische Familienkunde Band 9 1968 Seiten 263-286; im folgenden zitiert als "Miszellen".

4   Hans-Dietrich Lemmel: Nürnberger Lemlein im 14. Jahrhundert; in: Blätter für deutsche Landesgeschichte Bd.129 1984 S.329-370; und in: "lemlein filii" Heft 4, Selbstverlag 1991. – Jetzt auch im Internet unter http://geneal.lemmel.at/NurnbLemlein.html

 2.  Die ersten Bamberger Lemlein

In Bamberg ist der erste der Familie Lemlein der etwa 1290 geborene Cunrad, der 1331 als Schöffe in Bamberg beurkundet ist [5], und zwar in der mittelhochdeutschen Form des Namens: "der lemblin".

 
1331 in Bamberg. In den unteren drei Zeilen stehen die Namen der Schöffen:
"Vor den Zentschepfen. Der Glok, Hermann Gref, der Lemblin [6], F. Swertfeger,
Ver Gerlint Sun (= Sohn der Gerlint Ver)".
 
Der Lemblin hatte in Pödeldorf (10 km östlich von Bamberg) ein Lehen des Bamberger Bischofs inne, hier als "Cunr. Lemlein". Sein Sohn war der jüngere Conrad Lemlein, der ab 1371 als Bamberger Schöffe in vielen Urkunden belegt ist. Mit dessen Söhnen, den im Jahre 1400 so genannten "lemlein filii", beginnt eine gesicherte Stammfolge. Dazu gehören unter vielen anderen der Nürnberger Ratsherr und zeitweilige Bürgermeister Hans Lemlein/Lemmel (†1473), der eine Hallerin zur Frau hatte, sowie sein älterer Halbbruder Mertein Lemlein/Lemel, der 1437 das Chemnitzer Bürgerrecht erwarb und dort der Stammvater der zahlreichen sächsischen Lemmel und Lämmel wurde [7].

Dass der erste der Bamberger Lemlein aus Nürnberg kam, geht aus einer Jahrtags-Stiftung von 1516 [8] hervor, in der die Nürnberger Vettern Michel und Caspar Lemble/Lemlein ihre Bamberger Vorfahren bedachten, darunter "Cunrat Lemlein von Nuremberg", also der eingangs genannte Schöffe "lemblin" von 1331. Als dessen Vater kommt in Nürnberg nur ein älterer "Chunrad Lembelin" in Frage, der 1305 im Nürnberger Bürgerbuch als Bürge für einen Neubürger verzeichnet ist und der etwa um 1250 geboren sein mag. Außer dem nach Bamberg gegangenen Sohn hatte er den Sohn Hermann, mit dessen ab 1435/1437 genannter Witwe "Irmela Lemmelin" und ihren Kindern die Stammfolge des Nürnberger Familienzweiges beginnt, mit Nachkommen in der Oberpfalz [9].

Die ersten Lemlein/Lemmel in Nürnberg und Bamberg werden in Tafel 1 gezeigt. Die Geburtsjahre der angeführten Personen, die in der Form "*?1250" angegeben sind, wurden von mir so abgeschätzt, dass sie zu den urkundlichen Daten passen. Natürlich könnte man die Geburtsjahre im Einzelfall auch etwas früher oder später ansetzen.

┌─────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│Chunrad Lembelin                                                 │
│*?1250                                                           │
│1305 Bürge in Nürnberg                                           │
│       ├───────────────────────────┐                             │
│Hermann Lemlein/Lemmel             │                             │
│*?1280                       Cunrad Lemblin                      │
│seine Witwe Irmel Lemblin    *?1285, 1331 Schöffe in Bamberg     │
│1335-1363 Nürnberg                 │                             │
│                             Conrad Lemlein                      │
│                             *?1325, † vor 1398, Schöffe Bamberg │
│                             seine Söhne: die "lemlein filii"    │
│                                   │                             │
│                             Hans Lemlein                        │
│                             *?1360, † 1428, Schöffe in Bamberg  │
│                                   │└───────────┐                │
│                             Mertein            │                │
│                             ab 1437 in    Hans, ab 1440 Nürnberg│
│                             Chemnitz      1447-1473 Ratsherr    │
└─────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 1: Die ersten Lemlein/Lemmel in Nürnberg und Bamberg

5  Stadtarchiv Bamberg, Gerichtsbuch der Stadt Bamberg 1306-1333, Seite 147. Fotokopie durch Gerhard Lemmel 1980, Nachzeichnung der in der Kopie schwer erkennbaren Urkunde.

6  Die Glok(lein), Grefe, Lemlein und Ver finden wir noch 100 Jahre später auf der Bamberger Schöffenbank. – Zu dieser Urkunde meinte Herbert Lemmel irrtümlich: "Es ist ohne Zweifel zu lesen: hermann der lemblin, graf" und deutete irrtümlich "Hermann den Lemblin als Centgrafen des Centgerichtes der Glocke", siehe "Herkunft" Seite 22, wo aus diesem Irrtum weitere Irrtümer folgten.

7  Hans-Dietrich Lemmel: Die ersten Chemnitzer Lemmel; in: Familie und Geschichte Bd.4, 2002, Heft 2 S.241-249 und Heft 3 S.315-324; und (etwas ausführlicher) in: "lemlein filii" Heft 6, Selbstverlag 2001, S.40-71. – Im Internet unter http://geneal.lemmel.at/ersteChemnitzerL.html

8 Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Imhoff-Archiv Fasc. 27 = Lemlein-Archiv, Urk. 3c u. 4a von 1512 und 1516, Fotokopien durch Dr. L. Veit, 1982. Im Internet unter http://geneal.lemmel.at/BambJahrtag.html – Vergl. Herbert E. Lemmel "Herkunft" S.46.

9  Hans-Dietrich Lemmel: Die Nürnberger Lemmel in der Oberpfalz. In: Genealogisches Jahrbuch Band 45/46, 2009, Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte. – Etwaige Ergänzungen wird es im Internet geben unter http://geneal.lemmel.at/Oberpfalz.html
 

3.  Die ersten Bamberger Haller

Nach H.v.Haller beginnt die Stammfolge der Bamberger Haller mit der etwa 1280 geborenen "Hallerin", Tochter des Nürnberger Ratsherrn Ulrich Haller aus seiner ersten Ehe mit Anna Tockler aus Bamberg. Sie war verheiratet mit "Brunwardus filius Waltheri" aus "Brunwards Geschlecht" in Bamberg. Das ist eins der Geschlechter, die im Dienste des Bamberger Bischofs erbliche Ämter innehatten und als "Hausgenossen" bezeichnet wurden [10]. Die Hausgenossen hatten zunächst keine Familiennamen, bis einige von ihnen anfingen, ihren Amtstitel als Familiennamen zu benutzen, so die Münzmeister, Küchenmeister und andere.

Über Herrn Brunward sind in Bamberg Urkunden von 1305 bis 1310 erhalten [11]. Als einige Jahre später "Herrn Brunwarts Kinder" beurkundet sind, war Brunward tot und seine Kinder waren noch jung, so dass sie von ihrer Mutter, der Hallerin, großgezogen wurden. Da die Kinder keinen väterlichen Familiennamen hatten, überrascht es nicht, dass sie nun mit dem mütterlichen Familiennamen Haller bezeichnet wurden. Als Söhne des Brunward waren sie berechtigt, in ein Hausgenossen-Amt gewählt zu werden. Einer von ihnen, wohl der älteste Sohn, wurde wechselnd Walter Braunward (1357) und Walter Haller (†1360) genannt. Im Wappen führten sie die drei Streitkolben ("Sporen") der Bamberger Hausgenossen und wurden so später als "Sporhaller" von den Nürnberger Hallern unterschieden, die den bekannten winkelförmigen Sparren im Wappen führten. Die drei Streitkolben im Wappen führten u.a. auch die Bamberger Münzmeister.

    
Die Wappen der Nürnberger Haller (links), der Bamberger Haller (Mitte) und der Bamberger Münzmeister, nach Schöler [12]

Nun können nicht alle Bamberger Haller des 14. Jahrhunderts als Nachkommen der Hallerin eingeordnet werden. Offenbar kam auch einer ihrer Brüder von Nürnberg nach Bamberg. So gab es hier zwei Männer namens Conrad Haller, die 1360 und nach 1374 starben und deren Einordnung Helmut v.Haller offen ließ. Letzterer ist 1370 als Hausgenosse genannt, muss also, da dieses Amt erblich ist, Brunwards Sohn sein. Der 1360 gestorbene Conrad Haller muss dann ein Bruder der Hallerin sein, also Schwager des Herrn Brunward. Sohn dieses Conrad müsste Praun Haller sein, für den H.v.Haller feststellte, dass er nicht mit dem Streitkolben-Wappen, dem Zeichen der Hausgenossen, siegelte. Sein Vater Konrad hatte ihm also den Vornamen seines Schwagers Braunward gegeben.

Um 1370 sind unter den Hausgenossen genannt [13]: Conrad Haller, NN Haller und Georg Haller. Der hier ohne Vorname genannte Haller muss der aus anderen Urkunden bekannte Ulrich sein. Da die Berechtigung zu einem Hausgenossen-Amt nur vom Vater ererbt werden konnte, müssen diese drei Haller mit Sicherheit Söhne des Hausgenossen Brunward und seiner Frau, der Hallerin, sein.

Ein weiterer Sohn, Walter Braunward/Haller, den ich oben schon erwähnte, starb bereits 1360, so dass er 1370 nicht mehr als Hausgenosse in Frage kam. Somit kann die von H.v.Haller angegebene Tafel der Bamberger Haller für die ersten Generationen spezifiziert werden, wie in Tafel 2 gezeigt wird. Wieder habe ich abgeschätzte Geburtsjahre eingetragen, die mit den Urkunden vereinbar sind.

┌─────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│                                        Ulrich Haller                            │
│                                        *?1260, †1324                            │
│                                        Ratsherr in Nürnberg                     │
│                                        oo1) Anna Tockler                        │
│                                    ┌─────────┴────────────────────────────┐     │
│         Braunwart     oo    Tochter Haller                                │     │
│     *?1275, †um 1320        *?1285, †nach 1340                     Konrad Haller│
│         in Bamberg                 │                                 *?1290/1295│
│             └────────────┬─────────┘                                 †1360      │
│                 Die "Sporhaller" in Bamberg                          in Bamberg │
│         ┌────────────────┴───┬───────────────┬────────────┐               │     │
│Walter Braunward/Haller  Konrad Haller        │            │               │     │
│*?1305/1310, †1360       *?1310         Ulrich Haller  Georg Haller        │     │
│in Bamberg               †nach 1374     *?1310/1315    *?1315              │     │
│                         in Bamberg     †1387          †1380         Praun Haller│
│                                        Schöffe in     in Bamberg   *?1325, †1390│
│                                        Bamberg                       in Bamberg │
└─────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 2: Die ersten Haller in Bamberg

10   C.A. Schweitzer: Die Hausgenossen zu Bamberg; in: Archiv für Geschichte und Altertumskunde von Oberfranken Bd.2 Heft 2, Bayreuth 1842, S.1-32.

11   Bei H.v.Haller (wie Anm.1 Tafel III) starb Brunward "nach" 1334. Das ist ein Druckfehler. Richtig ist "vor", denn 1434 wird die "Braunwartin" genannt, offenbar als Witwe. Tatsächlich starb er schon um 1320 (siehe weiter unten).

12   Eugen Schöler: Historische Familienwappen in Franken, Neustadt/Aisch, 1975.

13   C.A.Schweitzer, Hausgenossen (wie oben Anm.10), Seiten 17, 26. – K.Arneth: Die Familiennamen des ehemaligen Hichstifts Bamberg in ihrer geschichtlichen Entwicklung, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung Band 16 1956.

 
4.  Ein Lehen in Unterleiterbach

Herbert Lemmel wies bereits darauf hin, dass die Bamberger Lemlein ihre Bamberger Lehen teilweise der Einheirat in die Hausgenossen-Familien verdankten. Die von ihm dargestellten Zusammenhänge [14] müssen jedoch korrigiert werden.

Einen bisher zu wenig beachteten Schlüssel bietet ein Lehen in Unterleiterbach bei Zapfendorf, 15 km nördlich von Bamberg, das zunächst im Besitz des Brunward war, dann aber teils an die Lemlein, teils an die Haller gelangte.

Um 1300 gehörte Unterleiterbach zum Territorium der Grafen von Henneberg, die es als Lehen einem Grundherrn weitergaben, an den die Bauern ihren Zehnten abführen mussten. Dieser Grundherr war der Herr Brunward, Hausgenosse des Bamberger Bischofs. 1353 kam Leiterbach von den Hennebergern an die Wettiner [15]. Als dann ein Wettiner, Ludwig von Meißen, von 1366 bis 1374 den Bamberger Bischofssitz innehatte, kam schließlich ein Teil von Leiterbach an den Bischof von Bamberg.

Im Hennebergischen Urbar, das 1317 begonnen wurde, heißt es: "Herrn Brunwarts Kinder zu Bamberg, die haben von uns und unsern erben zu lehen daz dorf zu Leyterbach" [16]. Der Zeitpunkt des Eintrags im Urbar ist nicht genau bekannt, jedenfalls 1317 oder einige Jahre später. Vor dem Zeitpunkt dieses Eintrags war Brunward also gestorben. Dieses Lehen zu Leyterbach ist, wie schon Herbert Lemmel feststellte, das selbe, von dem ein Drittel im Jahre 1400 im Erbe von Conrad Lemlein erwähnt ist, nunmehr als Leitterbach oder Lauterbach, das von den Hennebergern teils an den Markgrafen von Meißen, teils an den Bamberger Bischof gekommen war.

Im bischöflichen Lehenbuch heißt es im Jahre 1400: "Heinrich, Johann et Petrus die lemlein filii habent in feodum ... ein Rewtzehen situm in nidern Leitterbach; item ein drittel desselben dorf zehenden an (=ohne) ein zwelffteil"; in diesem Eintrag wurde "Petrus" später durchgestrichen [17], da er, wie aus anderen Quellen bekannt ist, wegen finanzieller Schwierigkeiten seinen Besitz an die Brüder abtreten musste.

Im Erbschaftsvertrag von 1406 heißt es: "Heintz, Hanns und Peter die Lemlein gebrüder, Bürger zu Bamberg," teilen die Lehengüter, "die von Conrad Lemlein seligen ihrem Vater an sie gefallen sind"; darunter: 1 Hof mit 3 Selden zu Lauterbach, Lehen des Markgrafen zu Meichssen, und 1 Rewtzehend und 1/3 des Dorfzehend daselbst, Lehen des Bischofs zu Bamberg [18].

Diese Lemlein-Gebrüder sind Söhne ("lemlein filii") des Bamberger Schöffen Conrad Lemlein, der um 1397 starb, und Enkel von Cunrad Lemblin, der 1331 Schöffe in Bamberg war und in Pödeldorf ein Lehen des Bamberger Bischofs hatte.

Wie kam dieses Leiterbacher Lehen, das der Herr Brunward um 1300 innegehabt hatte, an die Lemlein um 1400?

Während die Lemlein ein Drittel des Zehents zu Lauterbach hatten, war ein anderes Drittel im Besitz von drei Vettern Haller.

Um 1400 heißt es im Lehenbuch [17]: Conrad, Laurentius und Balthasar Haller, Bürger zu Bamberg, werden, u.a., mit einem Drittel des Zehents zu Leiterbach belehnt.

Die drei Haller-Vettern sind Nachkommen der drei Brüder Conrad, Georg und Ulrich Haller, die 1370 als Hausgenossen genannt waren; deren Vater ist der 1305-1310 beurkundete "Braunward des Walters Sohn", der die Hallerin aus Nürnberg zur Frau hatte. Helmut v.Haller hatte nur Conrad und Ulrich als Braunward-Söhne bestimmt und hatte den Vater des Georg offen gelassen. Das gemeinsame Lehen aus dem Braunward-Erbe ist ausreichender Beleg, dass auch Georg ein Sohn von Braunward und der Hallerin ist.

Das Erbe in Leiterbach, von dem die Haller und die Lemlein je ein Drittel innehatten, muss von einem gemeinsamen Vorfahren stammen.

14   Herbert E. Lemmel: "Miszellen", wie oben, Kapitel V. - Hier nahm Herbert Lemmel an, dass das Lehen in Leiterbach über Conrad Lemleins Frau Alheid Münzmeister an die Lemlein kam, was nicht gut möglich ist.

15   Dietmar Absch, Günter Dippold (Herausgeber): Dorf-Leben, 1200 Jahre Unterleiterbach. Unterleiterbach 2000, S.11.

16   Hennebergisches Urbar von 1317. Johannes Mötsch, Katharina Witter (Bearb.): Die ältesten Lehnsbücher der Grafen von Henneberg, Weimar 1996 (Veröff. aus Thür. Staatsarchiven Bd.2), S.40. - Vergl. Herbert E. Lemmel "Miszellen" S.282, dort als Quelle: Schultes, Diplomatische Geschichte des Gräflichen Hauses Henneberg, 2.Teil, Hildburghausen 1791, S.32.

17   Staatsarchiv Bamberg, Standbuch 1, ältestes Bamberger Lehenbuch, Lehenbuch des Bischofs Albrecht von Wertheim 1398-1421. - Haller-Belehnung fol.15v, vergl. H.v.Haller, 96.BHVB, wie oben, S.124. - Lemlein-Belehnung fol.16, vergl. Herbert E. Lemmel, "Herkunft", wie oben, S.16.

18   Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Imhoff-Archiv, Fasc.26 (Lemlein-Archiv) Urk. Nr.2. - Fotografie durch Gerhard Lemmel 1982. - Vergl. Herbert E. Lemmel "Herkunft" Seiten 46 und 68.


 5.  Brunward, Ahnherr der Bamberger Haller und Lemlein

Die einzige Möglichkeit, die gemeinsame Herkunft des Erbes in Leiterbach zu erklären, ist die in Tafel 3 dargestellte Verwandtschaft.
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│                          Walter *?1250                                    │
│                                │                                          │
│                          Brunward *?1280                                  │
│                          1305 seine Frau: die Hallerin aus Nürnberg       │
│                          1305-1310 urk.                                   │
│                          nach 1317 Herrn Brunwarts Kinder: Leyterbach     │
│                                │                                          │
│  Conrad Lemlein    ┌───────────┴────┬─────────────┬──────────────┐        │
│  aus Nürnberg  ∞ Tochter      Conrad Haller       │              │        │
│  *?1295          *?1305     *?1305/10 †1360  Georg Haller        │        │
│  1331 Schöffe  │              1330-60 urk.   *?1310 †1380  Ulrich Haller  │
│       Bamberg  │                    │        1366-80 urk.  *?1315 †1387   │
│                │                    │             │       1373 Schöffe Bbg│
│  Conrad Lemlein *?1325/30           │             │              │        │
│      1371 Schöffe Bamberg     Conrad Haller       │              │        │
│           † um 1397           *?1330              │              │        │
│                │              1366-74 urk.        │        Baltasar Haller│
│    ┌───────┬───┴───┐                │        Lorenz Haller *?1345         │
│  Heinz   Hans      │                │        *?1350        1384-1413 urk. │
│  *?1358  *?1360  Peter        Conrad Haller  1380-1420 urk.               │
│                  *?1365       *?1365                                      │
│                               1384-1435 urk.                              │
│                                                                           │
│ └─────────────────────────┘   └──────────────────────────────────────────┘│
│1400/06 1/3 Lehen Leiterbach         1400   1/3 Lehen   Leiterbach         │
└───────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 3: Das Leiterbach-Lehen kommt von Brunward teils an die Lemlein, teils an die Haller.

Der ältere Conrad Lemlein muss Brunwards Tochter geheiratet und ein Drittel des Leiterbacher Lehens als Mitgift erhalten haben. Ein anderes Drittel blieb bei den Söhnen, die den Familiennamen "Haller" ihrer Mutter annahmen. Die interessante Frage, wer das dritte Drittel bekam, konnte ich nicht klären. Im Bamberger Lehenbuch, in dem für die Haller und die Lemlein je ein Drittel des Zehents verzeichnet ist, ist über das dritte Drittel nichts zu finden [19].

Die in der Tafel angegebenen Geburtsjahre sind wieder die von mir vorgenommenen Abschätzungen. Unten in der Tafel sehen wir die drei Brüder Lemlein, die 1400/1406 ein Drittel des Leiterbacher Lehens besitzen, sowie die drei Vettern Haller, für die im Jahr 1400 ein Drittel dieses Lehens beurkundet ist. Sie sind alle Nachkommen von Herrn Braunward [20], der dieses Lehen ein Jahrhundert zuvor innegehabt hatte.

Da Conrad Lemlein, der 1331 als Schöffe genannt ist, zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet gewesen sein muss, kann seine Frau, die Tochter Brunwards, etwa um 1305 geboren sein. In diesem Jahr ist auch die Hallerin als Frau des Herrn Brunwart beurkundet. Diese Tochter scheint das älteste der Kinder Brunwarts zu sein; ihre Brüder, die sich später "Haller" nennen, dürften in den folgenden Jahren geboren sein. Für sie habe ich in der Tafel Geburtsjahre eingetragen, wie sie etwa gewesen sein könnten und wie sie mit den urkundlichen Daten ihrer Söhne zwanglos zusammenpassen.

Somit ergibt sich eine neue Basis für die Genealogie der Bamberger Haller und Lemlein. Da die Haller in männlicher Linie von Brunward abstammen, waren sie zum Hausgenossen-Amt befähigt. Die Lemlein waren das nicht, weil sie von Brunward in weiblicher Linie abstammen. Während die Haller das Streitkolben-Wappen der Hausgenossen annehmen durften, nahmen die Lemlein ein "redendes" Wappen an: ein Lamm, wobei das Lamm, zur Unterscheidung vom Löffelholz'schen Lamm-Wappen, auf einem Dreiberg steht.

Die drei Haller-Vettern müssen später vereinbart haben, dass das Leiterbacher Drittel von Balthasar allein übernommen wurde. Dieser starb 1414, worauf dessen Sohn Caspar 1415 damit belehnt wurde "ex morte patris sui Balthasar" [21]. Caspar wurde 1468 vor dem Chor der Bamberger Franziskanerkirche beigesetzt, in der Begräbnisstätte der Braunwarte [22]. Seine Belehnung 1415 bezog sich auf den bischöflich bambergischen Anteil von Leiterbach. Caspars Enkel, die Brüder Hans und Caspar Haller, wurden noch 1499 mit dem Wettiner Anteil von Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen und seinem Bruder, Herzog Johann dem Beständigen, belehnt [15].

Für das Lemlein-Drittel von Leiterbach gibt es in den folgenden Jahrzehnten eine Reihe von Einträgen in den bischöflichen Lehenbüchern, zunächst für Heinz und Hans Lemlein [23] (nach Ausscheiden ihres Bruders Peter), dann, nach Hansens Tod, für Heinz allein [24], dann 1437 für dessen Söhne Cunz und Claus [23], und zuletzt für Cunzens gleichnamigen Sohn, der 1470 unter "Bambergenses" angeführt ist [25].

19   Freundliche Mitteilung Archivrat Dr. Klaus Rupprecht.

20   Nach C.A.Schweitzer, K.Arneth, H.Paschke, H.v.Haller ist die väterliche Ahnenreihe des Herrn Braunward wie folgt: Cunradus, *?1180, †1255, bischöflicher Münzmeister in Bamberg. – Brunward, *?1220, †1290, bfl. Münzmeister und Küchenmeister 1255 Brunwardus filius antiqui monetarii. – Walter, *?1250, †1306, Schöffe in Bamberg, Waltherus filius quondam Brunwardi. – Brunward, *?1275/1280, urkundlich 1305-1310, Brunwardus filius Waltheri, seine Ehefrau die Hallerin. – Schon der 1290 gestorbene Brunward war 1268 mit einem Hof in Leiterbach beurkundet. – Stammvater der Bamberger Brunward-Sippe und Großvater oder Urgroßvater des Münzmeisters Cunradus dürfte Brunward sein, der ursprünglich ein Eichstätter Ministeriale war und an einem Hoftag von Kaiser Heinrich dem V. am 19.11.1122 durch einen personellen Tausch vom Eichstätter zum Bamberger Bischof wechselte (Internet 2008: Gemeinde Hofstetten, Geschichte des Ortsadels).
 
21   Lehenbuch (wie oben Anm.17) fol.80', 1415.

22   Schweitzer, Hausgenossen (wie oben Anm.10) S.14.

23   Staatsarchiv Bamberg, Standbücher 1, 3 und 5.

24   Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Imhof-Archiv Fasc.26 (Lemlein-Archiv), Urk.13a, Lehenbrief 1431.

25   Staatsarchiv Bamberg, Standbuch 5, Lehenbuch des Bischofs Georg I. von Schaumburg 1459-1475 Bd.2 fol.295'. - Laut Herbert E. Lemmel "Herkunft" S.102.

 
6.  Haller  –  Lemlein

In der Folge gab es durch viele Generationen enge Kontakte zwischen den Nachkommen der Bamberger Hausgenossen und auch zwischen den Hallern und den Lemlein. Balthasar Haller hatte die etwa 1375/1380 geborenen Söhne Caspar und Lorenz. Lorenz heiratete Katharina Lemlein [26], Tochter des etwa 1360 geborenen Hans Lemlein. Ein Halbbruder dieser Katharina Lemlein war der jüngere Hans Lemlein (*?1395), der mit Catharina, Tochter des Caspar Haller, verheiratet war und Ratsherr und zeitweilig Bürgermeister in Nürnberg wurde – eine Würde, die zuvor schon etliche der Nürnberger Haller innegehabt hatten. Vertreter beider Familien finden wir später in Bergbaustädten wie Schneeberg und Goldkronach, und schließlich auch in Hermannstadt in Siebenbürgen, wo Johannes Lemmel 1438-1456 ungarischer Kammergraf und Münzmeister war, in welchen Ämtern ihm hundert Jahre später Peter Haller folgte. Letzterer stammte freilich nicht von den Bamberger Hallern sondern von den Nürnberger Hallern ab, aber in seiner engeren Verwandtschaft gab es zwei Hallertöchter, die zwei Enkel des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein heirateten, siehe Tafel 4.

┌─────────────────────────────────────────────────┐
│                       Conrad Lemlein            │
│                       *?1325, † vor 1398        │
│      Balthasar        ∞ Alheid (Münzmeister)    │
│       Haller                 │                  │
│       *?1345          Hans Lemlein              │
│       Bamberg         *?1360, †1428             │
│           │           Schöffe Bamberg           │
│    ┌──────┴────┐      ∞1)Tockler  ∞2)Katharina  │
│Caspar          │         │           Klieber    │
│Haller      Lorenz        │             │        │
│*?1375      Haller  ∞  Katharina        │        │
│†1468       *?1380     Lemmel           │        │
│Bamberg     †1460      *?1385           │        │
│    │       Nürnberg      │         Hans Lemlein │
│    │           └────┬────┘        *?1395 Bamberg│
│Katharina                         Schöffe Bamberg│
│Haller                             dann Nürnberg,│
│*?1400                            Ratsherr, †1473│
│    └──────────────────┬────────────────┘        │
│                Ursula Lemlein                   │
│                 ∞ Hans Imhof                    │
│              ┌────────┴───────┐                 │
│         Conrad Imhof     Franz Imhof            │
│       ∞ Magdal.Haller    ∞ Barbara Haller       │
└─────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 4: Die Heiraten Haller-Lemlein

26   Nebenbei: Eine Urur-Enkelin des Paares Lorenz Haller ∞ Katharina Lemlein ist Agnes Frey, die Ehefrau von Albrecht Dürer. Siehe im Internet unter http://geneal.lemmel.at/DuererLemlein.html


 7.  Das Lamm-Wappen

Während die Haller das Streitkolben-Wappen der Hausgenossen annahmen, waren die Lemlein, die nur in weiblicher Linie von den Hausgenossen abstammten, zu diesem Wappen nicht berechtigt. Sie führten als "redendes Wappen" ein Lamm im Schild. Das ist für die Söhne des Conrad Lemlein nachgewiesen, so dass man sicher sein kann, dass schon Conrad Lemlein das Lammwappen führte.
     
                                       
Die Siegel der "lemlein filii" unter dem Erbteilungsvertrag von 1406,
oben Foto [27], unten Zeichnung.

Bemerkenswert ist, dass zwei der Lemlein-Brüder ein einfaches Lamm im Schild führten, während der mittlere, Hans, mit einem zusätzlichen Helm und einem zweiten Lamm auf dem Helm ein rittermäßiges Siegel verwendete, wie es unter wohlhabenden Kaufleuten Mode war. Das führte dazu, dass spätere Genealogen [28] ihn als einen "Ritter" bezeichneten, was er sicher nicht war.

Ein ähnliches Lammwappen führte in Bamberg Burkhard Löffelholz. Im Nekrolog der Bamberger Franziskaner [29] ist das Löffelholzsche Lammwappen erstmals für Gerhaus Löffelholtzin verbürgt, die im Jahre 1400 starb.

Der Eintrag für Gerhaus Löffelholz im Nekrolog der Bamberger Franziskaner

In einer Nürnberger Genealogie heißt es, dass der Schild der Lemmel "nicht wohl von der Löffelholt altem Wappen unterschieden werden kann", so dass Herbert Lemmel folgerte [30], dass die 1400 gestorbene Gerhaus Löffelholz eine Tochter des Conrad Lemlein gewesen sei und dass in der Folge die Nachkommen Löffelholz das Lemleinsche Lammwappen angenommen hätten. Tatsächlich waren die beiden Familien Lemlein und Löffelholz verschwägert, denn Conrad Lemlein und Burkhard Löffelholz waren jeder mit einer Münzmeister-Tochter verheiratet.

Dennoch ist die Ähnlichkeit der beiden Familienwappen ein Zufall. Die 1400 gestorbene Gerhaus Löffelholz war unverheiratet, denn in einer Familienchronik [31] von 1590, geschrieben von Matthias Loeffelholz, heißt es: "Gerhauß Löffelholzin, auch Burkharden und der Münzmeisterin Tochter, starb ledigs standes Ao. 1400". Laut Wilhelm Freiherr Loeffelholz von Colberg ist das Löffelholzsche Lammwappen schon um 1300 in Hollfeld (40 km östlich von Bamberg) verbürgt, wo der Name von einem Waldstück ("Holz") herrührt, für das noch heute die Bezeichnung "Löffel" bekannt ist.

Als die Lemlein ihr "redendes" Lammwappen verwendeten, mussten sie also darauf achten, dass es vom älteren Löffelholzschen Lammwappen zu unterscheiden war. In Bamberg, und auch später in Nürnberg, zeigt das Lemlein-Wappen ein Lamm auf einem Hügel ("Dreiberg"), während das Löffelholz-Wappen nur ein Lamm aufweist, meistens schreitend.
 
Die Wappen der Lemlein (links) und Löffelholz (rechts), nach Schöler.

In der Folge waren die Löffelholz und die Lemlein Schicksalsgenossen, als sie im Ringen um städtische Rechte und Freiheiten unterlagen und nach Nürnberg abwanderten. Aber aus der Ähnlichkeit der Wappen auf eine gemeinsame genealogische Abstammung zu schließen, war verfehlt.

27  Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Imhoff-Archiv, Fasc.26 (Lemlein-Archiv) Urk. Nr.2, wie oben.

28   u.a. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Handschrift 7178 Seite 343.

29   A.Jäcklein: Das Nekrologium des ehem. Franziskanerklosters in Bamberg, 36. Ber. d. Hist. Vereins Bamberg, 1874, S.29.   -  Abbildung Staatsbibliothek Bamberg HV. Msc.302, S. 24 v Gerhaus Löffelholz 1400, im Internet.

30   Herbert E. Lemmel, "Herkunft" (wie oben) Seiten 131f.

31   Freundliche Mitteilung Wilhelm Frhr Loeffelholz von Colberg, 1989.

 

8. Münzmeister

Nach Nürnberger Geschlechterbüchern [32] war die Mutter des Bamberger Hans Lemlein (also die Frau des Bamberger Schöffen Conrad Lemlein) eine Tochter aus der Familie Münzmeister, wobei aber weder ihr Vorname noch ihr Vater angegeben wurde. Aus den Urkunden des Conrad Lemlein geht nur der Vorname Agnes seiner Frau hervor, nicht aber ihr Familienname.

Leider fehlt eine ausführliche Genealogie der älteren Bamberger Familie Münzmeister, so dass ich hier nur Hinweise auf einige relevante Urkunden geben kann.

Für eine enge Verwandtschaft Lemlein-Münzmeister gibt es Indizien. Ein Heinrich Münzmeister, der 1414 beurkundet ist, war Chorherr und Dechant von St.Stefan in Bamberg [33]. Er hatte einen Baumgarten vor dem Stefanstor in der Oblei "Lemleynsleiten". Sein Nachfolger als Dechant aber wurde ab 1427 Conrad Lemlein [34], der Sohn des Schöffen Conrad Lemlein und seiner Frau Agnes, der mutmaßlichen Münzmeisterin.

Hans Lemlein, ein anderer Sohn von Conrad Lemlein und seiner Frau Agnes, ist 1424 im Besitz des Lemleinshofes in der heutigen Habergasse, der vormals "Braun Wagner vel Heinrich Kammermeister" gehört hatte, 1340 aber im Besitz von "Agnes Münzmeister und ir Sune Kammermeister" gewesen war [35]. Demnach war dieser Lemleinshof, der zum wichtigsten Besitz der Bamberger Lemlein wurde, ursprünglich ein Münzmeistersches Anwesen, wenn auch mit einem Zwischenbesitzer.

Aus diesen Zusammenhängen zu folgern, mag Conrad Lemleins Ehefrau durchaus eine Münzmeisterin gewesen sein, so dass die diesbezügliche Meldung der Nürnberger Genealogien bestätigt erscheint. Aber wer war ihr Vater?

Agnes muss etwa um 1335 geboren sein und um 1355 den Conrad Lemlein geheiratet haben. In der Generation ihres Vaters gibt es insbesondere einen Conrad Münzmeister, der 1353 als Schöffe in Bamberg "am Sand" lebt, 1359 "an der Prucken" wohnt, und der schließlich von 1363 bis 1389 Schultheiß in Bamberg ist [36]. Es muss dieser Conrad Münzmeister sein, den Ulman Stromer, der von 1329 bis 1407 lebte, in seinem "Büchel" über seine Verwandtschaft [37], leider ohne Vornamen, erwähnte: "ein Munczmaister von Babenberg" und seine Frau, die eine Tochter von Konrad Esler (dem "gut richter") war. Der Schultheiß Conrad Münzmeister hatte sein Amt also als Nachfolger seines Schwiegervaters Konrad Esler erworben.

Nun gibt es ein gewichtiges Argument dafür, dass dieser Conrad Münzmeister tatsächlich der Schwiegervater von Conrad Lemlein ist. Und zwar hatte Konrad Esler in Bamberg einen größeren Besitz "am Sand", auf dem er 1328 testamentarisch das Elisabeth-Spital einrichten ließ [38]. Hier am Sand lebte dann zeitweilig auch sein Schwiegersohn Conrad Münzmeister, und offenbar kam ein Teil des Esler-Besitzes am Sand dann auch an Conrad Lemlein, denn sein Sohn Peter Lemlein hatte hier "Häuser und Hofreiten am Sand", die er 1406 verpfänden musste [39]. Ein anderes Haus am Sand gehörte zu einer Pfründe am Bartholomäus-Altar im Dom, und diese Pfründe hatte Conrad Lemleins Neffe, der Vikar Johann Lömlein inne, der dieses Haus 1406 an das Elisabeth-Spital verkaufte. Neben dem Pfründhaus hatte er hier auch ein eigenes Haus [40]. Schließlich wird 1401 "der Lemlein Feld" erwähnt, das "des Spitals Feld am Sand" benachbart ist [41]. Beide Felder mögen aus dem Erbe des Konrad Esler stammen.
 
Aus diesen Zusammenhängen zu folgern, ergibt sich die in Tafel 5 gezeigte Reihe, wobei wieder abgeschätzte Geburtsjahre eingetragen sind. Conrad Lemleins Schwiegervater ist, wie eben diskutiert, der Schultheiß Conrad Münzmeister. Dessen Schwiegervater ist der Schultheiß Konrad Esler [42], der wiederum die (wesentlich jüngere) Tochter des Schultheißen Berthold Pfinzing zur Frau hatte [43].

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│                                      Berthold Pfinzing  │
│                       Konrad Esler   *?1250, † nach 1322│
│                       *?1255         1281-1288 Reichs-  │
│                       † nach 1328      Schultheiß       │
│                       1276 Bamberg           │          │
│                       1287 Nürnberg     ∞ (Anna)        │
│                       ab 1290 Reichs-     Pfinzing      │
│                         Schultheiß        *?1280        │
│                       "der gute Richter"     │          │
│                           └────┬─────────────┘          │
│              Conrad            │                        │
│              Münzmeister  ∞ (Tochter)                   │
│              *?1310          Esler                      │
│              1353 Schöffe   *?1315                      │
│              1363-1389         │                        │
│               Schultheiß       │                        │
│                  └────┬────────┘                        │
│Conrad Lemlein    ∞ Alheid                               │
│*?1325, †vor 1398   Münzmeister                          │
│ab 1371 Schöffe     *?1335                               │
│        └──────┬───────┘                                 │
│Kinder Lemlein * ab ca 1355/60,                          │
│darunter Hans Lemlein, ∞1) Tockler, ∞2) Klieber          │
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Tafel 5: Die mutmaßliche Reihe Pfinzing-Esler-Münzmeister-Lemlein

Die hier dargestellte Abstammung von den Reichs-Schultheißen gibt eine Erklärung dafür, dass in der Folge sowohl Münzmeister als auch Lemlein/Lemmel in Reichsämtern auftauchen. Bei König Wenzel in Prag ist ab 1401 sein königlicher Notar und Oberster Schreiber "Johannes von Bamberg", den Wolfgang v.Stromer [44] als einen Angehörigen der Familie Münzmeister identifizierte. Er mag ein jüngerer Bruder der Alheid Münzmeister sein. Am Hof von König Wenzel finden wir auch Mathias Lemmel, wohl Conrad Lemleins Neffe, der später Schatzmeister und Kammerschreiber von König Sigmund wird [45].

Conrad Lemleins Sohn Hans heiratet dann in erster Ehe eine Tocklerin, wohl eine Tochter von Günter Tockler [46], der 1357 Notar des Bamberger Fürstbischofs war und dann Geheimsekretär Karls des IV. in Prag wurde. In zweiter Ehe heiratete er Katharina Klieber, Schwester des Bamberger Schöffen Eberhard Klieber, worauf Wolfgang v.Stromer [47] vom "Bankhaus Lemmel & Klieber" sprach: Klieber lieh dem König Sigmund so viel Geld, dass dieser ihm 1437 Bergwerke in den Karpaten sowie das dortige Kammergrafen-Amt verpfändete. Kammergraf aber wurde Johannes Lemmel (Sohn des Schatzmeisters Mathias Lemmel), und in der Bergbaustadt Kremnitz in den Karpaten wurde Nikolaus Lemmel um 1450 Bürgermeister [48].

Diese Ämterfolge lässt es plausibel erscheinen, dass Conrad Lemleins Frau Agnes tatsächlich eine Münzmeisterin war und dass es eine Folge dieser Heirat war, dass die Lemlein in die Reichsämter bei Karl dem IV. und Sigmund gelangen konnten.

32  Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Handschrift 1837. – Staatsarchiv Nürnberg Handschrift 211 "Hallerbuch". – Und andere. – Hier ist freilich der Vorname des Mannes der Münzmeisterin mit Hans (statt richtig Conrad) falsch angegeben. Dass dieser "anno viii" (also 1408 gestorben sei), ist auch nicht richtig, wird aber dadurch erklärt, dass etwa um diese Zeit die Erbverhandlung der Erben stattfand.

33  C.A.Schweitzer: Copialbuch des Kollegiatstiftes St.Stefan zu Bamberg, in: 19. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, 1856, Seiten 117ff und 130ff. – H.Paschke: St.Stefan, Topografie einer Immunität, Bamberg 1957, S.50. Hier in einer Liste der Dechanten genannt: 1424 Heinrich Münzmeister, 1427 Conrad Lemlein bis 1435.

34   Johannes Kist: Die Matrikel der Geistlichkeit des Bistums Bamberg, in: Veröffentlichungen der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 7, Würzburg 1965, Seite 255 Nr.3885.

35   Hans Paschke: Lämleinsgasse und Lämleinshof zu Bamberg. In: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, 1965, Seiten 221-303, hier Seite 302.

36   K.Arneth (wie oben Anm.13) Seite 250. – Hans Paschke: Die Münze zu Bamberg, 1959, Seite 12. Er nennt Conrad Münzmeister, 1362-1368, 1377-1378, 1386-1388 Schultheiß und Vorsitzender des Bamberger Stadtgerichtes. – Arneth vermutet, dass die Urkunden zwei gleichnamigen Conrad Münzmeister zugeordnet werden müssten, die durch die Angaben "am Sand" und "an der Prucken" unterschieden sind, wobei er offen lässt, ob der Schultheiß mit dem "am Sand" oder dem "an der Prucken" identisch sei. Demgegenüber nehme ich an, dass diese Nennungen nur einer einzigen Person zuzuordnen sind, die wiederum von einem "Conrad Münzmeister von Coburg" zu unterscheiden waren.

37   Zitiert bei Herbert E. Lemmel, Der Heiratskreis der Bamberger und Nürnberger Lemmel des 14. Jahrhunderts, Blätter für Fränkische Familienkunde Band 9, 1966, Seite 89. Hier auch weitere Quellenangaben.

38   W.F.Reddig: Bürgerspital und Bischofsstadt, Bamberg 1998, Seiten 39-50.

39   H.Paschke, Lämleinsgasse (wie Anm.35) Seite 296.

40   Stadtarchiv Bamberg, Urk. Nr.158. - Hans Paschke: Der mittlere Sand, in: Bamberger Kirchweihkalender 1957 S.47ff. – Hans Paschke: Sand-Kerwa-Festschrift 1954 S.42.

41   Stadtarchiv Bamberg, Online Datenbank 2008, Bestand A21, Urk. Sign. 7.3.1401 A und B, Testament des Conrad Pul.

42   Über die Herkunft von Konrad Esler, dem "guten Richter" gibt es widersprüchliche Ansichten, die von Herbert E. Lemmel (Über das Herkommen der Esel/Esler, in: Genealogie Band 8, 1966, S.433-440) diskutiert wurden. J.P.J.Gewin (Blüte und Niedergang hochadeliger Geschlechter im Mittelalter, 1955, Seite 176) identifizierte diesen Konrad Esler mit dem ab 1235 beurkundeten Ritter Chunrad von Dietenhofen, der 1254 Schultheiß von Neumarkt war und dort den Zunamen Eseler annahm. Gewin gibt für ihn Vorfahren bis zurück in die Karolinger-Zeit an. Gewins Identifizierung wurde freilich von G.Wunder und anderen abgelehnt. Der Vater des "guten Richters" mag ein älterer Konrad Esler sein, der nebst einem gleichnamigen Bruder bereits 1253/1264 als Bamberger Bürger beurkundet ist (H.Paschke: Der Bach, Festschrift Bamberg 1956, Seite 8) und nicht mit dem Ritter Chunrad von Dietenhofen identisch sein kann. Solange nicht von einem Experten geklärt wird, ob und wie Konrad Esler und Chunrad von Dietenhofen mit einander verwandt sind, muss man eine Ahnentafel bei Konrad Esler enden lassen.

43   G.Wunder: Pfintzing die Alten, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 49, 1959.

44   W.v.Stromer: Fränkische und schwäbische Unternehmer in den Donau- und Karpatenländern im Zeitalter der Luxemburger 1347-1437, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung Band 31, 1971, Seiten 355-363.

45   Hans-Dietrich Lemmel: Die Bamberger Lemmel in Böhmen und Ungarn 1350-1475, in: Lemlein filii Heft 2, Selbstverlag 1975. Revidierte und ergänzte Fassung im Internet unter http://geneal.lemmel.at/BoU.html.

46   W.F. Reddig (wie oben Anm.38) und etliche Regesten von Hans Paschke. – G.Frhr v.Horn: Die angesehensten und vornehmsten Bürgerfamilien der Stadt Bamberg im 14.Jh., in: 36. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, 1874, S.83-103. - Günter Tockler hatte u.a. das bischöfliche Amt des Mehlmeisters inne. Da diese bischöflichen Ämter erblich waren, müssen die zuvor als Küchenmeister beurkundeten Konrad Tockler (1333) und Heinrich Tockler (1313) Günters Vater und Großvater sein.

47   W.v.Stromer: Nürnberg und der Frühkapitalismus, in: Unser Bayern, Beilage der Bayerischen Staatszeitung, Juli 1972. – W.v.Stromer: Fränkische und schwäbische Unternehmer (wie oben Anm.44).

48   Staatliches Kreisarchiv Ziar an der Gran, Zweigstelle Banska Stiavnica (Kremnitz), Archivfond Magistrat Kremnitz Abt.I, Gruppe 1, Fasc 1, Urk.39a. Mtlg Dir. Mikulas Celko 1991.


9. Ausklang

Die hier genannten Personen gehören zu den fränkischen Familien, die im ausgehenden Mittelalter durch Handel und Neuerungen im Finanzwesen, durch technische Erfindungen, insbesondere im Bergbau, und durch geschickte politische Aktivitäten zu Wohlstand kamen und die Renaissance in Deutschland einleiteten. Im vorliegenden Fall resultieren Ämter und Aktivitäten aus dem Zusammenspiel von drei Gruppierungen: Nürnberger Kaufleute (Haller und Lemlein/Lemmel), Bamberger Hausgenossen (Brunward und Münzmeister) und Reichs-Schultheißen (Pfinzing und Esler).

Die zahlreichen Nachkommen von Conrad Lemlein und Alheid Münzmeister aber finden wir in allen Schichten der Bevölkerung, hauptsächlich namens Lämmlein in Franken und namens Lemmel und Lämmel in Sachsen.

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