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Zu seinem 450. Todestag 1993:

Beiträge zu Copernicus und seiner Verwandtschaft

von Hans-Dietrich Lemmel

Kurzfassung, ohne Quellenangaben. (Zur ausführlichen Fassung mit Quellenangaben.)

1993 jährten sich zum 450. Mal der Tod von Nicolaus Copernicus und der Erstdruck seines Hauptwerkes in Nürnberg. Aus diesem Anlass veröffentlichte ich einige Ergänzungen zu den Ahnen von Nicolaus Copernicus, die deutsche Kaufmannsfamilien im Raum Breslau - Krakau - Thorn - Danzig betreffen. Eine Bildtafel im Heilsberger Schloß, die angeblich Niklas Koppernigk, den Vater des Astronomen, nebst vier Familienwappen zeigt, wird besprochen. Einige teils amüsante Marginalien zur Copernicus-Verwandtschaft und zu seiner Nichte und Haushälterin Anna Schilling werden vorgetragen. Den Abschluß bildet eine kurze Darstellung der politischen Verhältnisse Altpreußens, die der heutigen Generation kaum noch bekannt sind. Da meine Danziger Urgroßmutter mehrfach von einer Schwester der Mutter von Copernicus abstammt, wurde bewußt eine Darstellung aus einer persönlichen Sicht gewählt.

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Nicolaus Copernicus, * Thorn 19.2.1473, † Frauenburg 24.5.1543. Vor 450 Jahren wurde sein Hauptwerk "De Revolutionibus Orbium Coelestium", das die Erde von der gedachten Mitte des Weltalls in eine Umlaufbahn um die Sonne versetzte, in Nürnberg gedruckt; das erste Exemplar erreichte Frauenburg am Todestage seines Autors.

Der Titel ist nicht leicht zu übersetzen. Er lautet nicht: "Von den Umläufen der Himmelskörper", wie man ihn oft übersetzt findet; denn die Wörter für Körper oder Lauf oder Rotation wurden nicht benutzt. Wörtlich heißt es: "Von den Umwälzungen der himmlischen Kreise". Dabei kann das Wort Orbis=Kreis alles bezeichnen, was am Himmel rund ist: die Scheiben der Sonne und des Vollmonds, die Bahnen der Planeten und die der Fixsterne um den Polarstern, Himmelsäquator oder Tierkreis. Im Gegensatz zum "orbis terrae", dem Erdkreis, bezeichnen die "orbes coelestes" aber auch die "himmlischen Bereiche", also das ganze Himmelsgewölbe, das Weltall. In dem Titel klingen also nicht nur die Drehbewegungen der Planeten an, sondern auch die "Umwälzungen" in der Lehre über das Weltall. Es sieht so aus, als ob diese Mehrdeutigkeit des Titels durchaus beabsichtigt war - freilich nicht unbedingt von Copernicus selbst sondern vom Nürnberger Herausgeber Johannes Petreius. Dieser dürfte den vermutlich von Copernicus gewählten kürzeren Titel "De Revolutionibus" eigenmächtig erweitert haben.
 
Das Werk wurde Papst Paul dem III. gewidmet. Zur dieser Zeit war die Kirche den Naturwissenschaften gegenüber aufgeschlossen. Wegen der geplanten päpstlichen Kalenderreform erhielt Copernicus aus Rom Zuspruch zur Fortführung und Publikation seines Werkes. Aber im Jahre 1600 wurde Giordano Bruno wegen seiner Lehre über das unendliche Weltall von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ebenso hätte es 1633 Galilei ergehen können, der mit seinem neuen Fernrohr die heliozentrische Lehre überprüfen konnte und in seinem "Dialogo über das ptolemäische und das copernicanische Weltsystem" für Copernicus Stellung nahm. Er mußte widerrufen, um sein Leben zu retten. 359 Jahre dauerte es, bis die katholische Kirche 1992 ihren Irrtum eingestand und Galilei (nicht aber Bruno!) rehabilitierte.

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Mein persönliches Verhältnis zu Copernicus begann damit, daß ich in meiner Jugend in Thorn oftmals am Copernicusdenkmal vorbeikam oder es mit der in ihren Gleisen quietschenden Straßenbahn umkurvte; und auch damit, daß ich in einer Straße wohnte, die nach dem Thorner Bürgermeister Albrecht Russe benannt war, einem der Urgroßväter von Copernicus. Damals wußte ich noch nicht, daß Albrecht Russe mein Vorfahr war. Ich wußte auch nicht, daß wir in einer Gegend wohnten, in der vormals meine Vorfahren Watzenrode Besitz gehabt hatten ("vier Morgen Wiese in der Mocker"), und daß es im Thorner Stadtarchiv den Brief meines Namensvetters Hans Lemmel von 1439 gab, in dem Lucas Watzenrode, der Großvater des Astronomen, angesprochen wird. Das erfuhr ich erst Jahre später, als ich mich mit der Familienforschung beschäftigte.

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Die westpreußischen Bürger- und Ratsfamilien waren schon vor einigen Jahrzehnten durch den kürzlich verstorbenen Danziger Genealogen Helmut Strehlau gut erschlossen, so daß jeder, der einen Danziger Ratsherrn unter seinen Vorfahren hatte, seine Ahnentafel umfangreich ausbauen konnte. Nun legte die Danzigerin Frau Dorothea Weichbrodt geb. v.Tiedemann 1986-1994 ein umfangreiches Werk über die "Patrizier, Bürger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig" vor, in dem ein noch wesentlich umfangreicheres Material erschlossen wird.

Die älteren Generationen spiegeln Danzigs weitläufige Beziehungen der Hansezeit wieder: im Westen bis Holland und Westfalen, im Nordosten bis Dorpat und Reval, im Süden bis Breslau, Krakau und Warschau. Aber mit dem Ende der Hanse scheinen die Danziger Familien mehr und mehr in eine Isolierung vom übrigen Deutschland geraten zu sein, die sich auch in den Stammtafeln zeigt. Dadurch gibt es viele Verwandtenehen, und jede Danziger Ahnentafel wird einen beträchtlichen Ahnenschwund aufweisen. Auffallend ist, daß Frauen oft in sehr jungen Jahren heirateten und Kinder bekamen, während andererseits Männer noch in recht hohem Alter für Nachwuchs sorgten. Oft gibt es Kettenehen: Ein Witwer heiratet eine junge Frau, die dann als Witwe wieder heiratet... Dadurch entstehen starke Generations-Verschiebungen, so daß bei Ahnenschwund manche Vorfahren in drei oder vier verschiedenen Generationen auftauchen.

Meine Urgroßmutter ist Marie Schumann aus Danzig. Sie hat sechs Ahnenlinien, die zu Copernicus' mütterlichen Großeltern Lucas und Käthe Watzenrode führen, wie in untenstehender Tafel gezeigt wird. Insgesamt ergeben sich 2270 Vorfahren, die bei einem Ahnenschwund von 66 Prozent jedoch nur aus 770 Personen bestehen.



 
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Zu Copernicus gibt es unzählige Veröffentlichungen. Eine sehr empfehlenswerte neuere Biographie über Copernicus erschien 1984 von Georg Hermanowski, einem gebürtigen Allensteiner.

Niklas Koppernigk, der spätere Astronom, war der Sohn eines gleichnamigen Vaters, der als Großkaufmann aus Krakau seit 1458 in Thorn lebte, wo er Gerichtsschöppe der Altstadt wurde. Die Mutter des Astronomen war Barbara Watzenrode, Tochter des reichen Thorner Kaufmannes Lucas Watzenrode und seiner schönen Frau Käthe ("sie war eine Krone aller Frauen in der Stadt Thorn").

Die gesicherte Koppernigk-Reihe reicht bis zum Großvater des Astronomen, Johann Koppernigk, der etwa um 1390 geboren sein mag und der von 1422 bis 1441 als Großkaufmann in Krakau beurkundet ist. Er war mit einer Tochter des Krakauer Bürgers Peter Bastgert verheiratet, dessen Vater Johannes aus Oppau in der Rheinpfalz nach Krakau gekommen war. Als Johann Koppernigks Vater gilt ein Niclos Koppirnik, der 1386 in Krakau das Bürgerrecht erhielt und 1395 dort als Steinmetz lebte. S
chon vorher gab es Namensträger Koppernigk in Krakau, die wohl alle aus dem Dorf Köppernig bei Neiße in Mittelschlesien (südlich von Breslau, westlich von Oppeln) stammten. Sie mochten den Namen ihres Heimatdorfes als Familiennamen angenommen haben, so daß Leute dieses Namens zwar aus demselben Ort kämen aber nicht alle der gleichen Familie zuzurechnen seien.

Andererseits aber war Köppernig keiner der typisch schlesischen Ortsnamen, die in den deutschen Neusiedlungen des 13. Jahrhundert gern auf -walde, -rode oder -hau gebildet wurden. In diesem Falle wäre nicht der Familienname vom Ortsnamen herzuleiten, sondern der Ortsname müsse auf einen Kolonisator ("Lokator") namens Köppernig zurückgehen, der das Dorf um 1260 als Rodungssiedlung gegründet habe.

Köpperning bei Neiße war ein Gut. Es wäre kein Einzelfall, daß ein Gut nach seinem Besitzer benannt wurde. Um diese Hypothese zu prüfen, wäre es nun interessant zu wissen, ob eine Familie mit Köppernig-ähnlichem Namen bereits im 13. Jahrhundert im deutschen Sprachraum existierte und mit dem mutmaßlichen Gutsbesitzer von Köpperning in Verbindung gebracht werden könnte.

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Der mütterliche Großvater des Astronomen ist Lucas Watzenrode (auch Wetzelrode), der als Schöppenmeister und "einer der reichsten Männer in Thorn und im Kulmerland" 1462 in Thorn starb. Sein Vater Friedrich W. starb 1416 in Thorn an der Pest. Dessen Vater Albrecht W. ist mit seinen beiden älteren Brüdern Friedrich und Johann 1369-1392 in Thorn mit Hausbesitz beurkundet. Sie müssen etwa um 1340 geboren sein. Hier endet die gesicherte Reihe.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß die Thorner Watzenrode, für welche Leibrenten der Stadt Breslau beurkundet sind, aus Schlesien stammen.

Etliche Familienforscher haben versucht, die Thorner Brüder Watzenrode als Söhne des Paul Watzenrode auf Peterwitz in Schlesien einzuordnen, aber vergeblich. Die schlesischen Watzenrode waren im 13. und 14. Jahrhundert ein Ratsgeschlecht in Münsterberg (unweit Köppernig) und in Breslau. Ihr Familienname wird auf das Dorf Wazygenrode/Weizenrodau bei Schweidnitz (südwestlich von Breslau, nordwestlich von Münsterberg) zurückgeführt.

Hier läßt sich nun aus den Angaben von Frau Weichbrodt und Helmut Strehlau ein neuer Ansatz herleiten.

Der Thorner Ratsherr Johann v.Lohe, * ca 1335,
1400, war Herr auf dem Gut Wetzelrode/Watzenrode bei Thorn. Aus diesem Besitz zu folgern, war er mit einer Tochter Watzenrode verheiratet, welche dieses Gut von ihrem Vater geerbt hatte. Ihr Vater muss der etwa um 1300 geborene Großkaufmann Tidemann Watzelrode gewesen sein, nach dem dieses Gut benannt worden war, und der als "Tidemannus Watzelrod, nobilis Prutenus" beurkundet ist. Ob er tatsächlich ein Adeliger (nobilis) war, kann man bezweifeln; aber wohlhabende Kaufleute dieser Zeit pflegten, wenn sie es sich leisten konnten, den Lebensstil des Adels zu imitieren, so daß der mutmaßliche Großkaufmann Tidemann Watzenrode nach dem Erwerb seines Gutsbesitzes dem späteren Chronisten als ein Nobilis Prutenus erscheinen konnte. Dessen Vater dürfte einer der "Waczinrode fratres" sein, die in einem um 1310 zu datierenden Thorner Akziseregister erwähnt sind.

Der Thorner und der Breslauer Watzenrode-Zweig sind also etwa gleich alt. Die "Waczinrode fratres" in Thorn können Brüder des Konrad W. in Breslau und somit Söhne des Nikolaus Watzenrode sein, der 1269-1304 als Bürger in Münsterberg in Schlesien beurkundet ist.

Die so dargestellten Zusammenhänge sind freilich urkundlich nicht gesichert. Aber die vorhandenen Urkunden und die anzunehmende Herkunft der Thorner Watzenrode aus Schlesien können genealogisch kaum anders erklärt werden. Die  Reihe Watzenrode in der Ahnentafel Copernicus könnte also um etliche Generationen verlängert werden.

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Über Käthe Watzenrode, Copernicus' Großmutter mütterlicherseits, waren die Experten nicht einig, weil Danziger und Thorner genealogische Quellen in diesem Punkt nicht übereinstimmen. Mit Sicherheit war sie in erster Ehe mit dem Thorner Fernkaufmann und Schöffen Henrich Peckau (
1435) verheiratet. Er war mit zwei Brüdern aus Schweidnitz in Schlesien nach Thorn gekommen und stammte aus einer ursprünglich Dortmunder Familie.

Hier sei die Anmerkung eingefügt, daß die Familie Peckau zu den Vorfahren des nach Copernicus wohl zweitgrößten altpreußischen Naturforschers gehört: Daniel Gabriel Fahrenheit. Seine Urururgroßmutter war eine geborene Peckau. Fahrenheit, * Danzig 24.5.1686, führte durch das von ihm erfundene Quecksilberthermometer erstmals eine genaue Temperaturmessung ein und vollbrachte so auf diesem Gebiet eine ähnlich wichtige Umwälzung wie Copernicus in der Astronomie.

Käthe, Witwe des Henrich Peckau, dann verheiratete Lucas Watzenrode, war vermutlich eine geborene Katharina Rüdiger. Schon 1349 war ein Jakob Rüdiger Bürgermeister von Thorn; aber ein Nicolaus Rüdiger wanderte noch 1396 aus Thüringen nach Thorn ein. Wie hier Copernicus' Großmutter Käthe einzuordnen ist, bleibt offen.

Die Mutter von Lucas Watzenrode war eine Tochter des 1404/05 gestorbenen Thorner Ratmanns Albrecht Russe und wohl Enkelin des 1369-1384 beurkundeten Ratmanns Lucas Russe, nach dem Lucas Watzenrode seinen in der Familie sonst nicht vorkommenden Vornamen erhielt.

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Nachstehend ist die Ahnentafel von Nicolaus Copernicus wiedergegeben.

 

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Copernicus benutzte ein Siegel, das Apoll mit einer Lyra zeigt. Das wird als eine Allegorie dafür gedeutet, daß Copernicus sowohl im Christentum als auch im antiken Humanismus wurzelte: Apoll, der mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt wird, ist nicht nur ein Symbol für das heliozentrische System, sondern galt schon in der Urkirche als ein Christus-Symbol

Andreas Koppernigk, der ältere Bruder des Astronomen, der ebenfalls Domherr in Frauenburg war, benutzte ein Wappen mit einem Sparren, der von drei Rosen in der Anordnung 2:1 umgeben ist (Abb.1). Es ist in den Danziger Genealogien naturgemäß ohne Angabe der Farben überliefert, da seine Kenntnis von einem Siegelabdruck herrührt. Man nimmt an, daß er dieses Wappen von seinem Onkel, dem Thorner Bürgermeister Tiedemann v.Allen ( vor 1502), übernommen hatte, der Christina Watzenrode, Vater Koppernigks Schwägerin, zur Frau hatte. Die v.Allen, die unter den Thorner Kaufleuten die bedeutendsten Kupferhändler waren, führten ebenfalls einen Sparren im Wappen, aber ohne Rosen.

Zuvor und auch zusätzlich zu einem Wappen benutzten die damaligen Kaufleute Haus- und Handelsmarken. Das sind runenartig wirkende abstrakte Strichzeichnungen. Die Hausmarke des Kaufmanns Niklas Koppernigk ist in Abb.2 gezeigt. Ein Siegelabdruck mit seinem Wappen ist von ihm leider nicht bekannt. Die Unkenntnis des Koppernigk-Wappens hatte, wie im folgenden Kapitel gezeigt, zu etlicher Verwirrung geführt.
       
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Das Bischofs-Schloss in Heilsberg [Postkarte Verlag Rautenberg]

Im bischöflichen Schloß Heilsberg findet man heute eine Bildtafel, die den Vater des Astronomen zeigt. Es ist ein Votivbild, das den knienden Koppernigk vor einer Fantasie-Landschaft zu Füßen einer Madonna zeigt, umgeben von vier Familienwappen in den Bildecken. Durch einen schweren Pelzmantel ist er als ein wohlhabender Mann erkennbar. Eine dreizeilige Inschrift am oberen Bildrand lautet: NICOLAUS COPERNICUS PATER NICO/LAI COPERNICI ASTROLOGIA UNIUS MIRACULE / NATI 1473 19 FEBRUARY.

Die vier Wappen dieser Bildtafel führten in der Vergangenheit zu Diskussionen.

Eine Skizze der Bildtafel mit den vier Wappen zeige ich in Abb.3. Man sollte annehmen dürfen, daß das Wappen a zu Koppernigks Füßen sein eigenes ist (was aber nicht der Fall ist). Das Wappen d, das auf einem Silber-Rot geteilten Schild einen Vogelkopf auf zwei Menschenbeinen zeigt, ist von anderen Porträts als das des Bischofs Lucas Watzenrode bekannt. Das Wappentier blickt hier nicht, wie üblich, nach links (vom Betrachter aus) sondern nach rechts zur Bildmitte; es ist gedreht. Hieraus zu schließen muß auch das Wappen a gedreht sein. Es zeigt vorne auf Silber drei rote runde Scheiben (Rosen?), hinten auf Rot drei goldene etwas durchgebogene Schrägbalken, auf denen jeweils ein ausgestreckter Arm zu sehen ist.


Das Wappen b zeigt in Silber einen schwarzen Schrägbalken, "schrägrechts", der mit einem silbernen Kreuzstab belegt ist.

Das Wappen c zeigt auf einem rot-weiß gevierten Schild einen vorwärts gekehrten schwarzen Stierkopf, der von rechts unten (vom Betrachter aus gesehen) von einem Spieß durchbohrt wird.

Das Bild wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Thorn als Kopie nach einem sonst unbekannten Original gemalt. Auftraggeber dieser Kopie war der Krakauer Professor Johannes Broscius (Jan Brozek), der sie 1614 nach Krakau an den Geburtsort des Koppernigk-Vaters brachte und sich selbst in einer Inschrift am unteren Bildrand verewigte: "IOANNES BROSCIUS CVRZELOVIENSIS DEPINGI CVRAVIT TORVNII ATQ. HIC REPOSVIT."


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Wie ist das Bild zu erklären? Da Niklas Koppernigk allein und nicht mit seiner Frau zusammen dargestellt ist, mag das Bild (jedenfalls das verschollene Original) nach seinem Tod von seiner Witwe Barbara geb. Watzenrode gestiftet worden sein, deren Wappen ja auch links oben zu sehen ist. Zu diesem Zeitpunkt war der Sohn aber noch nicht ein berühmter Astronom, so daß die Inschrift, die diesen erwähnt, auf einen wesentlich späteren Zeitpunkt deutet. Dabei ist es offen, ob das Bild alt ist und die Inschrift nachträglich dazugesetzt wurde, oder ob das ganze Bild jüngeren Datums ist, wobei es freilich die Kopie eines älteren Bildes sein könnte.

Inzwischen wurde die Frage der vier Wappen geklärt. Das Bild wurde um 1600 von angesehenen Thorner Bürgern gestiftet, die sich durch ihre Wappen auf der Bildtafel selbst ein Denkmal setzten. Es sind die Wappen der Familien Roth (Wappen a), v.Wege (b), Rüdiger (c), und zwar das erst nach 1552(!) nachweisbare jüngere Wappen der Rüdiger, und Watzenrode (d). Neben den Rüdiger und Watzenrode gehören auch die beiden anderen zu den ältesten Thorner Familien. Die Rothe stehen schon um 1400 in enger Beziehung mit den Watzenrode, und Tileman v.Wege war der Titelheld des um 1450 spielenden historischen Romans "Der Bürgermeister von Thorn" von Ernst Wichert.

Ob das Porträt des Kopernikus-Vaters nun ein Fantasieprodukt ist, oder ob es die Kopie eines verschollenen Original-Porträts ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß die Bildtafel (ohne die Wappen und Inschriften) mehr oder weniger der Vorlage eines hypothetischen Originals entspricht, das die Koppernigk-Witwe ihrem Mann nach dessen 1483 erfolgtem Tod gewidmet haben mochte.

Als Vater Koppernigk starb, war der Sohn Niklas erst zehn Jahre alt. Dadurch kam er in die Obhut seines Onkels Lukas Watzenrode, der Geistlicher war und 1489 Fürstbischof von Ermland wurde. Er sorgte für die Ausbildung seines Neffen und ermöglichte ihm ein dreijähriges Studium (bis 1494) an der damals hochberühmten Universität von Krakau, wo gerade die Nachricht der Rückkehr des Christoph Columbus von seiner aufsehenerregenden Entdeckungsreise eintraf. 1495 wurde "Nicolaus de Thorn, nepos episcopi" Domherr in Frauenburg, was er mit vielen Unterbrechungen bis zu seinem Tod 1543 blieb. Er wirkte nicht nur als Astronom sondern als Mathematiker, Übersetzer, Jurist, Arzt, Administrator, Finanzfachmann, Baumeister und Teilnehmer an preußischen Landtagen.

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Der Dom in Frauenburg. (Foto H.D.Lemmel 1959)


In Frauenburg gibt es eine lustige Episode, die zu verschiedenen Legenden führte, zu der aber neuere genealogische Daten Klärung bringen.
 

Von 1537 bis 1539 hatte der alternde Copernicus in Frauenburg eine Wirtschafterin namens Anna Schilling, und in der Domburg gab es eine Affäre, aufgrund derer Anna Schilling, und auch die Wirtschaftsdamen zweier anderer Domherren, Frauenburg verlassen mußten. Ob es eine Intrige war oder Prüderie, ist nicht ganz klar.

Anna Schilling war eine Verwandte von Copernicus. Seine Kusine mütterlicherseits war Christina von Allen, die den aus Köln stammenden Thorner Ratsherrn Heinrich Krieger (Krüger) heiratete, der "einer der reichsten und mächtigsten Thorner Patrizier seiner Zeit" war. Deren Tochter Anna Krieger heiratete den aus Holland stammenden Danziger Kaufmann Arend van der Schelling (Schilling), der 1437 starb. Als Witwe ging Anna Schilling zu Copernicus, ihrem Onkel zweiten Grades, nach Frauenburg.

Bisher nahm man an, dass es nicht die Witwe Anna Schilling sondern ihre 20-jährige gleichnamige Tochter war, die dem Copernicus den Haushalt führte und durch ihre Jugend im Domkapitel Anstoß erregt haben mochte. Denn von der Mutter Anna Schilling berichtet eine Chronik, daß sie 1536 im Kindbett starb, so daß nur die Tochter Anna als Copernicus' Haushälterin in Frage kam. Die Nachricht vom Tod im Kindbett stellte sich freilich als falsch heraus.

Arend van der Schelling war ein wohlhabender Danziger Kaufmann, der ein eigenes Schiff auf Hollandfahrt hatte und der die Stadt Danzig auf Hansetagen vertrat. Er hatte vor der Stadt ein Gut mit Land, Häusern und Gärten, dem er den Namen Schellingsfelde gab. Kurz vor seinem Tode 1537 stiftete er dieses Gut dem Danziger Pockenhause zur Anstellung eines Priesters für die Kranken. Diese uneigennützige Stiftung überrascht angesichts der Tatsache, daß er die Witwe und 13 Kinder hinterließ, die zu versorgen waren. Die Stiftung wird nun erklärlich, wenn man weiß, daß Witwe und Kinder zu Copernicus nach Frauenburg zogen und dort versorgt waren, und daß die Witwe in Frauenburg sogar ein Haus erwarb. Daß die Versorgung seiner Familie in Frauenburg nicht gutging, hatte Arend van der Schelling auf seinem Totenbett nicht wissen können.

Jedenfalls brachte die Witwe 13 Kinder im Alter zwischen 2 und 22 Jahren nach Frauenburg mit, die vermutlich bei ihr lebten. Es sind also wohl nicht nur die Reize der Witwe, welcher moralisch anstößiger Lebenswandel nachgesagt wurde, sondern auch die vielen kleinen Kinder, die für die Domherren unerträglich sein mochten. Nach längerem Streit zwischen Copernicus und dem Bischof Johann Dantiscus, worüber einige Schriftstücke erhalten sind, mußte Copernicus nachgeben und seine Haushälterin entlassen. Sie mußte Anfang 1539 ihre Koffer packen und durfte erst nach Copernicus' Tod (1543) nach Frauenburg zurückkehren, um dort ihr Haus zu verkaufen, für das Bischof und Domkapitel ihr kein Wohnrecht geben wollten. Der Bischof freilich, der sich so um die Moral des Domkapitels sorgte, hatte selbst zwei uneheliche Kinder.

Enger Freund von Copernicus und sein Mit-Domherr in Frauenburg war Tiedemann Giese aus Danzig. Im Januar 1438 verläßt Tiedemann Giese Frauenburg, sehr zum Kummer von Copernicus. Nahezu gleichzeitig wird im Februar 1438 Barbara, die 17-jährige Tochter der Anna Schilling, mit einem anderen Tiedemann Giese verheiratet, einem 47-jährigen Witwer in Danzig. Die beiden Tiedemann Giese waren Vettern; der eine wurde Bischof von Kulm, der andere Bürgermeister von Danzig.

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Vom Bischof Tiedemann Giese gibt es ein mehrfach im Druck wiedergegebenes Porträt. Ein weniger bekanntes ihm zugeschriebenes Porträt gab es im Königsberger Schloß als hölzernes Bildnisrelief, auf dem er in einer irrealen Palastruine und mit einem Totenschädel in der Hand so dargestellt ist, als ob er den Weltuntergang vorausahnen würde, der dann ja auch 1945 für seine Welt erfolgte. Wunderbarerweise hat dieses Holzrelief den Untergang Königsbergs überdauert: von nicht mehr festzustellender Seite wurde es in West-Berlin zum Kauf angeboten, so dass es heute im Berliner Grunewald-Schloss hängt.
 


Unweit davon, in Berlin-Dahlem, hängt das Porträt von Tiedemanns Bruder Georg Giese. Dieser war Kaufmann in Danzig und wirtschaftlicher Berater des Bischofs Tiedemann Giese. Während einer Kaufmannsfahrt hielt sich Georg Giese in London auf, wo er sich von Hans Holbein dem Jüngeren ein Porträt malen ließ. Auf eine Reproduktion dieses berühmten Porträts stieß ich zu meiner Überraschung im Nationalmuseum von Kuwait. Und zwar sitzt auf dem Holbeinbild der Kaufmann an einem Tisch, der mit einem Orientteppich bedeckt ist, und dieser Teppich ist ein besonderer Typ türkischen Ursprungs, für den das Holbein-Bild die älteste Dokumentation darstellt. Unter Experten wird dieser Teppichtyp als "Holbein-Teppich" bezeichnet, und einen ganz ähnlichen Teppich gab es im Kuwaiter Museum - jedenfalls bis zu dessen Ausplünderung durch die irakische Armee 1990/91. In der Museums-Zeitschrift wird Georg Gisze (so die Schreibweise bei Holbein) freilich als "italienischer" Kaufmann angesehen, ein Irrtum, auf den ich als Georg Gieses naher Verwandter den Direktor des Museums hinweisen konnte.

Jedenfalls ist es interessant, aus dem Holbein-Porträt zu sehen, daß ein Danziger Kaufmann um 1530 einen wertvollen Orient-Teppich im Hause hatte. Die Danziger Kaufleute fuhren teilweise über Holland und London hinaus bis ins Mittelmeer. - Der Teppich auf dem Bild ist nicht das einzige Symbol seines Wohlstands. Neben einer Deckeldose mit Münzen, einem Fingerring, seinem Petschaft (Siegel) sieht man links eine Dose: das ist eine Uhr. Erst kurz zuvor war diese allererste tragbare Uhr erfunden worden, die man am Gürtel oder an einer Halskette trug, für wohlhabende Leute ein einzigartiges Statussymbol.
 

Georg Gieses Frau war Christine Krieger, eine Nichte von Copernicus' Wirtschafterin Anna Schilling geb. Krieger.

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Leider stößt man weiterhin auf unrichtige, teils politisch motivierte Äußerungen zur Nationalität von Nicolaus Copernicus. Daß er angesichts Herkunft und Muttersprache ein Deutscher war, darüber sollte keine Diskussion mehr nötig sein. Als Copernicus geboren wurde, war Thorn als eine deutsche Stadt bereits 240 Jahre alt, älter als heute die USA. Aber Copernicus lebte außerhalb der deutschen Reichsgrenzen.

Er war ein Untertan des polnischen Königs. Ihn aber deswegen als einen Polen anzusehen, ist genauso absurd, als würde man die polnischen Dichter Mickiewicz und Sienkiewicz als Russen bezeichnen, nur weil sie als Folge der polnischen Teilung und des Wiener Kongresses Untertanen des Zaren waren, der in Personalunion König von Polen war.

Selbst die Encyclopædia Britannica und ihr französisches Gegenstück, die Encyclopædia Universalis, bezeichnen Copernicus falsch als einen "polnischen" Astronomen. Wie unseriös hier die Encyclopædia Britannica ist, erweist die Tatsache, daß in dem vierspaltigen Artikel unter dem Stichwort "Copernicus" das Land Preußen überhaupt nicht vorkommt; auf den preußischen Landtag, für den Copernicus eine Münzreform plante, wird als "certain Polish provinces" Bezug genommen. Das ist nichts anderes als eine völlig unverständliche Geschichtsverfälschung, zumal die hier ersichtliche Münzhoheit des preußischen Landtags dessen Souveränität erweist.

Hermanowski stellte ihm für die verschiedenen Zeitabschnitte seines Lebens hypothetische "Reisepässe" aus. Danach war er ein Preuße. Copernicus selbst hat Preußen als sein Vaterland angegeben. Auch für die frühen polnischen Copernicus-Forscher Jan Brozek 1618 und Simon Starowolski 1625/1627 lagen Geburtsort und Wirkungsstätten des Copernicus selbstverständlich in Preußen, nicht in Polen.

Freilich war das damalige Preußen, das wir heute mit "Altpreußen" bezeichnen, ein anderes als das des 19. Jahrhunderts mit der Hauptstadt Berlin; ebenso ist das heutige Polen ein anderes als das um 1500 mit der Hauptstadt Krakau.

Über den Status des Landes Preußen gab es stets kontroverse Meinungen. In der Goldenen Bulle Kaiser Friedrichs des II. von 1226 wurde dem Deutschen Orden der Besitz des Kulmerlandes bestätigt und die Ermächtigung erteilt, das Land der heidnischen Prußen zu erobern. Dadurch wurde das Preußenland aber nicht juristisch dem Reich einverleibt, denn die Bulle erließ der Kaiser in seiner Eigenschaft als Beschützer der Kirche, und nur in dieser Eigenschaft konnte er außerhalb der Reichsgrenzen nach kanonischem Recht aktiv werden.

Der Hochmeister war kein Reichsfürst. Andererseits war mit dem Erlaß der Bulle sicher auch eine politische Absicht des Kaisers verbunden. Gerichtsbarkeit, Bodenregal und anderes im Ordensland glichen den Verhältnissen im Reich, so daß zwischen Preußen und dem Reich eine politische Beziehung besonderer Art bestand, zumal der Deutsche Orden mitsamt seiner Siedlungspolitik eine nationale deutsche Angelegenheit war.

Nach den Kriegen zwischen Polen und dem Deutschen Orden wurde im zweiten Thorner Frieden von 1466 wieder auf die Goldene Bulle Bezug genommen, aber die politischen Kräfte waren nun anders. Zu Copernicus' Zeiten war Preußen ein eigenständiges, recht komplexes Staatsgebilde, in dessen verschiedenen Teilen der polnische König verschiedene Funktionen und Rechte hatte, über deren Ausmaß es oft Uneinigkeit gab.

Copernicus' Geburtsstadt Thorn lag im westlichen Teil, der sich unter der Führung des preußischen Städtebundes und in Gegnerschaft gegen den Deutschen Orden unter den Schutz des Königs von Polen begeben hatte, der hier nun, bei relativ großer Unabhängigkeit der Städte, als eine Art Herzog ("dominus et heres") herrschte. Er hatte diesen Titel in Personalunion mit anderen Titeln, die auch Litauen und zeitweise selbst Böhmen und Ungarn umfaßten.

Im östlichen Teil mit der Hauptstadt Königsberg regierte weiter der Deutsche Orden, dessen Hochmeister 1466 dem polnischen König den Treueid leisten mußte. 1525 bei der Gründung des weltlichen Herzogtums blieb das Land unter der Lehnshoheit Polens.

Der westliche Teil hieß das "königliche Preußen", der östliche das "herzogliche Preußen". Dazwischen lag das Fürstbistum Ermland, in dem Copernicus den größten Teil seines Lebens verbrachte. Ermland stellte einen selbständigen Staat dar, dessen militärischer Schutz bis 1466 dem Orden, dann dem polnischen König oblag. Der Fürstbischof, der vom Frauenburger Domkapitel gewählt wurde, ein gebürtiger Preuße sein mußte und oft aus einer Danziger Ratsfamilie stammte, hatte die Funktion eines Staatsoberhauptes. Copernicus hätte also einen fiktiven ermländischen Reisepaß haben müssen. Den hätte er sich zeitweilig selbst ausstellen können, als er, während der Bischofsstuhl von 1523 bis 1525 nicht besetzt war, General-Administrator des Ermlandes war.

In dieser Zeit, gegen Ende der Ordensherrschaft, mußte er gegen den kriegerischen Einfall des Ordensheeres den polnischen König als Schutzherrn Ermlands zu Hilfe rufen, der das vom Ordensheer verwüstete Fürstbistum unter seinem neuen Bischof Mauritius Ferber, einem Bruder des Danziger Bürgermeisters Eberhard Ferber, als eigenständigen Staat bestätigte. Polen als Schutzmacht hatte hier die Ordnung wieder hergestellt, so daß Copernicus nun nach Frauenburg zurückkehren konnte. Er ließ die vom Ordensheer zerstörte Domburg wieder aufbauen und konnte sich nach den "revolutionibus orbis terrae" nun wieder den "revolutionibus orbium coelestium" widmen.

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Der Erstdruck seines Hauptwerkes "De Revolutionibus" soll Copernicus in Frauenburg am Tage seines Todes am 24.5.1543 erreicht haben. Es wurde in Nürnberg gedruckt, und zwar bei Johannes Petreius, der bisher schon bedeutende humanistische und wissenschaftliche Druckschriften herausgebracht hatte.
Titelblatt 


Im Oktober 2003 hatte ich anlässlich eines Lemmel-Familientages in Nürnberg eine Stadtführung durch den verdienstvollen Altstadt-Experten Erich Mulzer. Oben von der Burg blickten wir auf eine Stadtgasse hinunter, in der zwischen lauter neu gebauten Häusern ein einziges unversehrt gebliebenes Fachwerkhaus den Bombenkrieg überlebt hatte. Erich Mulzer hatte erst kürzlich herausgefunden, dass dies das Haus des Buchdruckers Johannes Petreius war.
[Foto H.D. Lemmel 2003]
[Erich Mulzer, Das Haus Ölberg 9, ein neun entdecktes Nürnberger Geschichtsdenkmal, in: Nürnberger Altstadtberichte Nr.5, Nürnberg 1980, S.51-84]

Ende

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