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Das Königstreffen 1730 auf der Elbe

Die große Politik Augusts des Starken wurde für einige Lemmel aus dem Torgauer Lemmel-Stamm zum Schicksal. Einer von ihnen gelangte nach Ostpreußen, wo er zahlreiche Nachkommen hatte, darunter den Familienforscher Hans-Dietrich Lemmel.

In Ostpreußen regierte um 1700 der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich der Dritte, als Herzog. Das deutsch besiedelte Ostpreußen war bis 1660 formell ein Lehen der polnischen Krone, die nun ab 1697 der Kurfürst von Sachsen innehatte. In Deutschland waren die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen ebenbürtig; aber falls Polen die Lehenshoheit über Ostpreußen erneuern würde, drohte dem Kurfürst von Brandenburg die unerträgliche Situation, ein Lehens-Untertan seines sächsischen Kurfürsten-Kollegen zu werden. Als nun August der Starke von den Schweden vor Riga geschlagen wurde, ergriff Kurfürst Friedrich die günstige Gelegenheit, sagte die polnische Lehenshoheit endgültig auf und krönte sich in Königsberg zum "König in Preußen" - nicht "König von Preußen", solange das Ermland und Westpreußen weiter unter der polnischen Krone verblieben.

Damit hatten sowohl der sächsische als auch der brandenburgische Kurfürst einen Königstitel errungen, sie waren nun wieder ebenbürtig und feierten mit einander.

Im Juni 1730 gab August der Starke ein Fest (52) zu Ehren des preußischen Königs (53), und zwar auf der Elbe bei Belgern. Darüber wird folgendes berichtet:

"Am 27. Juni fuhr Seine Majestät der König von Polen mit seiner Majestät dem König von Preußen aus dem Lager auf der Elbe an Belgern vorbei zur Jagd nach Lichtenberg. Die Belgerner Bürgerschaft machte dieserhalb am Ziegelberge Parade und gab Salve, wobei aber der Tischler Samuel Lämmel den Ackersmann Fröber aus Unachtsamkeit durch einen Schuss in die linke Hälfte 2 1/2 Zoll tief hart verwundete. Wiewohl Fröber kuriert wurde, so musste der vielen Kur- und sonstigen Kosten wegen doch Lämmels Haus zur Subhastation (=Zwangsverkauf) gebracht werden." So wird die Prunksucht der Großen zum Ruin für die Kleinen.

Unter den Organisatoren dieses Königstreffens war auch der Belgerner Tambour Samuel Lemmel, der nach dem Ausscheiden aus dem Kriegsdienst Amtsverwalter in Mühlberg geworden war. Sein Neffe war der unglückliche Schütze Samuel Lemmel in Belgern. Beide gehörten zum Torgauer Lemmel-Stamm, in dem es seit 1550 bis zur Gegenwart in zehn Generationen 47 Tischler gab.

Aber nicht nur der unglückliche Schütze Samuel Lemmel sondern auch sein Bruder Gottlieb musste sein Haus verkaufen, wegen Steuerschulden (54). Aus dieser Notlage ging dessen Sohn Friedrich zu den preußischen Truppen, die während des 7-Jährigen Krieges nach der Schlacht von Torgau 1760 nach Ostpreußen gegen die Russen geworfen wurden, die dort tief in das Land eingedrungen waren. Als 1762 mit Russland Frieden geschlossen wurde und die Soldaten entlassen wurden, saß Friedrich Lemmel in Masuren auf der Straße, ohne Geld für die Heimreise. Aber als Tischler war er eine begehrte Arbeitskraft, um das kriegswüste Land wieder aufzubauen. Nach zehn Jahren heiratete er Eleonore Waschul aus einer leibeigenen Prussenfamilie des Rittergutes Adlig Groß Blaustein (55) und ließ sich schließlich als Tischlermeister in der Stadt Lötzen nieder. Über seine vier Söhne, die alle Tischler wurden, wurde er der Stammvater der später weit verbreiteten ostpreußischen Lemmel (56), als Spätfolge der Politik Augusts des Starken.


siehe auch:  Johann Lämmel - Generalkrigszahlmeister unter August dem Starken
                      Lemmel/Lämmel im sächsischen Militär 1675-1730

                     

52  J. de Bordes: Ausführliches Tagebuch oder eingehende Beschreibung aller Vorkommnisse in dem großen Lager Sr. Majestät des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen zwischen Mühlberg und Radewitz in Sachsen in der Nähe der Elbe. In: Veröff. d. Altertumvereins zu Torgau, Heft 18/19, Torgau 1906, S.5. - Laut Mtlg Gerhard Lemmel.

53  Es war Friedrich Wilhelm, der "Soldatenkönig" (der das Bernsteinzimmer dem Zaren schenkte).

54  LHA Magdeburg, Gerichtshandelsbuch Amt Belgern II Rep.D Nr.9 S.212 u. 677b. Laut K.Wensch.

55  Totenschein Pfarramt Lötzen 1935 für Eleonora Lemmel geb. Waschul, + 27.6.1819. - Zu Waschul / Groß-Blaustein siehe Otto Wank: Bevölkerungsfluktuation zwischen Ostpreußen und den Nachbarländern. In: Altpreuß. Geschlechterkunde Bd.24 S.125-218; S.149.

56  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Lötzen. - H.D. Lemmel, Die Herkunft der ostpreußischen Familien Steinbach und Lemmel, in: Altpreußische Geschlechterkunde, Neue Folge 19.Jg., Hamburg 1971, S.323ff. - Georg Roemert: Stammfolge Lemmel aus Johannisburg in Ostpreußen, in: Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Görlitz 1910, S.365-374.  




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