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Lemlin-Vorkommen in Südwestdeutschland 1200-1400.


Vortrag
von Gerhard Lemmel am Familientag in Bamberg November 1973.
Funde aus seinen Forschungen in der historischen Literatur.

1. Einige Strafbestimmungen

Wenn man sich in die Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts zurückversetzt, dann hat man ein nur spärlich besiedeltes Land vor sich. Noch im 15. Jahrhundert hatte eine damalige "Weltstadt" wie Nürnberg kaum mehr als 20ooo Einwohner. Es war ein Land, das zu großen Teilen von weiten und dichten Wäldern bedeckt war. Noch in der Zeit des 30-jährigen Krieges sind in den Wäldern um Schneeberg im Erzgebirge durchschnittlich in jedem Jahr 5 Bären und 80 Wölfe erlegt worden. Die Sicherheit des Einzelnen und seiner Sippe lag in der eigenen Stärke.
Es war eine rauhe Zeit. Das ging auch aus den verhängten Strafen hervor. Man konnte auf das Rad geflochten werden, einem konnten wegen irgend einer Missetat die Ohren abgeschnitten werden. Wenn man einen Mitbürger "blutlich verletzte", riskierte man den Verlust einer Hand, wie aus folgender Strafbestimmung hervorgeht:
"Wenn jemand zornigen Gemüts in der Stadt einen andern bei Tage verwundet und er dessen mit zwei tauglichen Zeugen überwiesen wird, so soll ihm die Hand abgeschlagen werden."

Auch die Ausführung war geregelt:
"Ist einer zum Verlust der Hand verurteilt, so soll der Stockwart das Beil halten und der Scharfrichter schwinget dann den hölzernen Schlegel und schneidet die Hand ab."

Sogar einem Lemblin-Sohn, der zu unserem direkten Vorfahrenkreis gehört, ist diese Strafe angedroht worden. Im Nürnberger Achtbuch lesen wir eine Eintragung aus dem Jahre 1337:
"Dem Mangolt und dem Heinrich, der Lemblinne sun, ist diu stat verpoten ein jar 5 meile hindan bei einer hant an dem freytag nach sunwenten."

Das heißt also, dass sie bei Missachtung dieser einjährigen Verbannung den Verlust einer Hand riskierten.
In diesen rauhen Zeiten hielt man es sogar für erforderlich, eine besondere Strafe für den auszusetzen, der dem andern die Haare ausrauft. Eine solche Verordnung fand ich gleich in zwei Städten:
"Wer dem andern die Haare ausrauft, der gebe dem Schultheißen für den Frevel 3 Pfund Denare, meide einen Monat die Mauern der Stadt und gebe für seine Wiederaufnahme der Stadt 2 Pfund Denare."

Oder:
"Rauft einer dem andern die Haare aus, den strafe der Richter mit 3 Schillingen, und kann der Täter dieselben nicht erlegen, so dürfte ihn der Richter mit 40 Stockhieben abwandeln,"
Und sie werden es nicht glauben, selbst mit der Mini-Kleidung hatten die ehrbaren Stadtväter schon damals ihre Sorgen. Unter der Überschrift "Von kurtzen klaydern" traf ich auf folgende Verordnung:
"Auch gebieten die Bürger vom Rat, dass fürbaz niemant ein kleid nicht kürtzer tragen sol, es dek im dann den hintern und die scham. Wer daz uberfür und kürtzer klayder trüg, der muest geben von jedem tag dreyn gulden. Het er des gelts niht, so sol er als lang von der stat sein, untz er es gibt."

2. Lembelin am Oberrhein

Da haben sich unsere Lämmlein wohlgefühlt, am Rhein "dem Rinstrom, das danne eyn paradiss deutscher lande geheißet ist", damals im 13. und 14. Jahrhundert, also vor 600 bis 700 Jahren, vor gut 20 Generationen. Da war man, wie heute hier in Bamberg, überall von Lämmlein umgeben, oder, wie sie sich dort im andern Dialekt nannten, von Lemlin's, Lemblin's, Lembli's.
Von Straßburg gibt es ein "Goldenes Buch", das vor etwa 100 Jahren bearbeitet worden ist, das die alten Straßburger Geschlechter behandelt. In ihm werden auch die Lemlin's als ein altes Straßburger Geschlecht aufgeführt und ein Zusammenhang mit einem Geschlecht der Lamp in Frankfurt angedeutet.
1259 lebt hier ein Geistlicher Conradus Lemblin als Kustos von St.Thomae.
Schon 1243 wird ein Kleriker Leibelinus als Kustos von St.Thomae erwähnt. Das macht es wahrscheinlich, dass auch dieser Leibelinus schon zu den Lemlin's zu rechnen ist. Es gab ja damals noch keine Rechtschreibung in unserm heutigen Sinn. Man schrieb die Namen nieder, wie sie nach dem jeweiloigen Dialekt ausgesprochen und wie sie verstanden wurden. Die Schreibweise schwankt daher beträchtlich. Vielleicht können daher die beiden folgenden bereits zu den Lemlin's gerechnet werden:
1200 und 1201 wird ein Bürger Henricus Lebelin genannt.
1225 erscheint die Witwe Hedewiga des verstorbenen Symonis Limbli.
1257 gibt es einen Kleriker Hugo genannt Lembelin.
1263 wird ein Lembelin, des howemessers Sohn, erwähnt.
Nun folgt in Straßburg eine wichtige Personengruppe, bei der die Namen Lampertus und Lembelin in einander übergehen. Einen solchen Wechsel des Familiennamens hat Herbert Lemmel in Franken nachgewiesen: bei den Lemplein/Lamprecht von Gerolzhofen hat das Lemplein als Verkleinerungsform von Lamprecht zunächst die Bedeutung von "Lamprecht junior". So wohl auch in Straßburg:
1266 wird ein Lembelinus, Sohn des Lampertus als erster in der Liste der Hausgenossen aufgeführt.
1300 erfahren wir von einem Lampertus natus quondam Lembelini de Westhoven.
1324 ist ein Lambert Lembelin Präbendarius des Münsters.
1337 wird ein Lampertus genannt Lembelin de Kraftstetten als Kapellan genannt.
1340 und später hören wir von einem Henselinus, dem Sohn des Lampertus genannt Lembelin.

Hier sollen noch einige weitere Namensträger aus dem 14. Jahrhundert folgen:
1306 erscheint eine Witwe des Herrn Lambelin mit ihren Söhnen Johannes, Rulin und Jacob.
1320-1338 werden als Münzmeister in Straßburg genannt: Fritsche Lembelin und Johannes Lembelin.
1328 ist ein Lembelinus Presbyter im Kloster St.Margareta.
1332-1357 erscheinen in den Ratslisten Peter Lembelin, Götze Lembelin und Henselin Lembelin.
Die Lembelin treten in Straßburg also schon im 13. Jahrhundert auf, zum Teil als Geistliche, im 14. Jahrhundert auch als Ratsmitglieder.

Von besonderer Bedeutung ist ein Lembelinus, miles in der freien Reichsstadt Eheim (Oberehnheim, heute Obernai) südwestlich von Straßburg, der 1300 und 1303 erwähnt wird. "Miles" ist ein Ritter, möglicherweise aus dem Ministerialenstand hervorgegangen. Etwa 100 Jahre früher gab es schon einen miles Lampertus de Eheim.

Auch in anderen Orten des Elsaß taucht der Name auf:
In Gebweiler lebt 1393 ein Bürger Henman Lembelin.
In Nieder-Herickheim im Bistum Basel ist 1431 ein Johans Lembelin Priester.
In Oberbergheim wird 1433-1442 ein Bürger Paulus Lemblin erwähnt.
In Reichshofen stiftet Hanns Lemlin der Kirche einen Hengst.

3. Lembelin in Württemberg

In der freien Reichsstadt Heilbronn gibt es schon im frühen 13. Jahrhundert ein Lemelin-Geschlecht, über das Karl-Heinz Mistele auf unserem Bamberger Familientag einen Vortrag halten wird.
1220 gehört der Heilbronner Bürger Konrad Lemellin zu sechs Bürgern, denen der Bischof von Würzburg Einkünfte verpfändet hat.
1281-1303 wird ein Hartmud Lemelin als Zeuge erwähnt. Von ihm kennen wir zwei Brüder, Volmar und Heinrich, und deren Frauen. Sie sind Heilbronner Bürger. Der Vorname Volmar vererbt sich dann über mehrere Generationen.
1349-1353 war ein Volmar Lemblin Bürger und Richter.
1374-1409 wird wieder ein Volmar Lemblin genannt.
Auch im 15. Jahrhundert sind die Lemblin's in Heilbronn in öffentlichen Ämtern vertreten.

Ebenfalls freie Reichsstadt ist Eßlingen. Hier tritt
1229 ein Hermannus Lambelinus als Zeuge auf.
Um 1290 werden eine Witwe Lembelin und ein Albertus Lemblin erwähnt.
Im 14. Jahrhundert erscheint der Name etwas abgewandelt als Laimelin, Layblin, Laimblin, Lamblin. Ein Konrad Laimelin ist Küfer und Hausbesitzer.
In Horb ist 1279-1318 ein Hugo Laimelin Bürger und Richter. Sein Sohn ist Conrad Laimmeli.
In Messkirch treffen wir 1345 und 1365 auf die Bürger Heinrich Laemmeli und Cunrat Lemlin.
Die zahlreichen  Lemlin's des 15. Jahrhunderts in noch manchen andern Orten Württembergs aufzuführen, würde zu weit führen. Neben den Orten in der Umgebung von Heilbronn und Esslingen möchte ich Ludwigsburg und Wolfach erwähnen.

4. Bodenseeraum

In Basel erscheinen die Lembeli schon früh.
1284 wird eine Frau Lenbelin erwähnt.
1296 lernen wir einen Maler Hugo genannt Lembeli kennen. Sein Sohn Heinrich Lembelin wird 1317 genannt.
1326 besitzt ein Johannes genannt Lembli ein Haus in der Suterstraße.

Interessant ist auch ein Cunradus Agnellus in Luzern 1234. Agnellus ist das lateinische Wort für Lämmlein, Lemblin. In den alfabetischen Registern dieses Urkundenbuches ist er unter "Lambeli" registriert, mit der Bemerkung, dass es sich wohl um ein altes Luzerner Geschlecht handelt. Eine direkte Anfrage in Luzern hat das zunächst nicht bestätigen können.

Verhältnismäßig spät erscheinen die Lemblin's in Konstanz. Allerdings reichen hier die Steuerbücher nur bis etwa 1400 zurück. 1398 lernen wir den Priester Rudolf Lämblin kennen, der wohl aus Überlingen stammt. Er ist offenbar wohlhabend gewesen, hat Häuser besessen und hat der Kirche eine Heilige-Kreuz-Kaplanei gestiftet. Im 15. Jahrhundert kommt der Name dann noch öfter vor. Mehrere Lemblin's sind Hausbesitzer.

Im Bodenseegebiet sind die Lemblin's erst im frühen 15. Jahrhundert zu finden, oft als Geistliche. Nördlich des Bodensees nenne ich Überlingen und Ravensburg, wo Lemlin's Bürger sind, ferner Pfullendorf und Hohentengen. Südlich des Bodensees nenne ich Bischofszell, ferner Staufen im Kanton Aargau und Doppelschwand im Kanton Luzern.

Überrascht wurde ich kürzlich durch ein Urkundenregest aus dem Jahr 1266. Das Kloster Lindau erhebt bei dem Richter der Konstanzer Kirche Klage gegen Irmengardis geb. Leemelinne, die Gattin des jüngst verstorbenen Kellers in Eschach (nördlich von Lindau, unweit Ravensburg). Sie solle dem Kloster den Besitz zurück geben, den ihr Gatte hinterlassen habe. Der Klage wird stattgegeben. Sie habe ihre Einrede nicht genügend beweisen können, dass ihr Gatte, obwohl Eigenmann des Klosters, diesem doch nicht dienen und seinen Besitz geben müsse, weil er und seine Vorfahren sich jener Freiheit zu erfreuen gehabt hätten, die die Bürger von Lindau haben.

5. Schluss

Ich komme zum Schluss. Ich habe zu zeigen versucht, wo in Südwestdeutschland vor 1400 Namensträger Lemlin vorkommen. Sie konzentrieren sich besonders auf drei Zentren, nämlich das Elsaß mit den freien Reichsstädten Straßburg und Oberehnheim, Württemberg mit den freien Reichsstädten Heilbronn und Eßlingen, und auf die Gegend Basel-Konstanz-Bodensee. Die Konzentration auf die freien Reichsstädte mag dadurch vorgetäuscht sein, dass hier naturgemäß mehr Urkunden erhalten sind, so dass die Wahrscheinlichkeit, Namensträger Lemlin zu finden, hier größer ist.

Zum Schluss möchte ich auf zwei Umstände hinweisen. Das Material zu vorstehender Zusammenstellung wurde unsystematisch gewonnen. Bei der Durchsicht gedruckter Veröffentlichungen habe ich Namensträger, die ich zufällig fand, notiert. Es bedeutet das daher nur das Abstecken eines Gebietes für weitere systematische Nachforschungen. Zum andern ist es nicht erwiesen, ob die Lemlin im Südwesten unter einander oder gar mit unseren fränkischen Lemlein verwandtschaftlich zusammenhängen. Man muss annehmen, dass der Familienname Lemlin sich an verschiedenen Orten unabhängig bildete, und zwar aus zwei Quellen. In der Zeit, in der sich Familiennamen auszubilden begannen, trugen die Häuser oft Namen, häufig Tiernamen. Ein Haus "zum Lemblin" gab es damals in vielen Städten. Die Gasthäuser haben diesen Brauch bis heute erhalten. Es war also möglich, dass der Bewohner eines Hauses "zum Lemblin" nach diesem Haus benannt worden ist und dass dieser Name dann allmählich zum Familiennamen wurde. Die andere Möglichkeit der Bildung eines Familiennamens liegt darin, dass Lemblin, Lämplein als Verkleinerungsformen des weit verbreiteten Namens Lamprecht angesehen werden kann. Das ist im fränkischen Gerolzhofen und auch in Straßburg nachgewiesen, und auch das Baseler Archiv hat mich auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht.

>> Teile dieses Familientag-Vortrages wurden verwendet in dem Aufsatz von Gerhard Lemmel und Herbert E. Lemmel "Die Lemlein im Gebiete des Oberrheins im 13.und 14. Jahrhundert" in "lemlein filii" Heft 2 (1975) S.89-95.

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