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zur Stammtafel der Nürnberger Lemlein

Nürnberger Lemlein im 14. Jahrhundert
Fernhändler und Montanunternehmer bereits um 1300?

von Hans-Dietrich Lemmel

1. Einleitung - 2. Bamberg - 3. Nürnberg - 4. Namensformen - 5. Wer war der Mann der Irmel Lemlein? - 6. Soziale Stellung - 7. Österreich und Kärnten - 8. Prag - 9. Wappen - 10. Übersicht - 11. Gerolzhofen? - 12. Herkunft? - 13. Schlussbemerkung

Gedruckt in "Bätter für deutsche Landesgeschichte" Band 120 (1984) Seiten 329-370.
Seither geringfügig ergänzt.

Spätere Ergänzungen zu diesem Aufsatz:
Die Nürnberger Lemmel in der Oberpfalz, g
edruckt im Genealogischen Jahrbuch Band 45/46, 2008, Seiten 87-158
Herrn Brunwards Kinder zu Bamberg, gedruckt in: Blätter für fränkische Familienkunde Band 33, 2010, Seiten 61-75. 

1. Einleitung

Die Bedeutung der Geschlechter oberdeutscher Städte für Handel und Bergbau im Mitteleuropa des ausgehenden Mittelalters wurde insbesondere durch W. v. Stromer dargestellt (2). Zu diesen Familien gehören die ostfränkischen Lemlein/Lemmel, über die ausführliche Arbeiten von Herbert E. Lemmel (3-7) vorliegen sowie eine Untersuchung von mir über die Lemmel im Dienste der Luxemburger Könige in Böhmen und Ungarn (8). Während somit die Geschichte dieser Unternehmerfamilie für das 15. Jahrhundert gültig dargestellt wurde, möchte ich für die Ursprünge im quellenmäßig viel ungünstigeren 14. Jahrhundert eine neue Darstellung geben.
1)    Ausführliche Regesten zu dieser Arbeit siehe H.D. LEMMEL, Die Lemmel, Regesten und Stammfolgen aller Lemmel und Lämmel, Manuskript beim Verein Herold, Berlin. Später mit vielen Ergänzungen im Internet unter http://geneal.lemmel.at/Stammtafeln.html

2)    W v. STROMER, Oberdeutsche Hochfinanz 1350-1450, 1970. - W. v. STROMER, Fränkische und schwäbische Unternehmer in den Donau- und Karpatenländern im Zeitalter der Luxemburger 1347-1437, in: JbFränkLdForsch 31, 1972, S.353-365.

3)    HERBERT E. LEMMEL, Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jahrhunderts, in: 1O1. BerHistVBamb, 1965.

4)    H.E. LEMMEL, Der Heiratskreis der Bamberger und Nürnberger Lemmel des 14. Jahrhunderts, in: BllFränkFamilienkde 9, 1966, S. 81ff.

5)    H.E. LEMMEL, Miszellen zur Geschichte der Bamberger Lemmel, in: BllFränkFamilienkde 9, 1968, S.263ff.

6)    H.E. LEMMEL, Die Bedeutung der Lemmel und ihres Heiratskreises für Bamberg zwischen 1300 und 1450, in: Lemmlein filii, Selbstverlag Fürth 1975, zu beziehen durch Fr. I. HÖFLER-LEMMEL, 843 Neumarkt, Parkstr. 6.

7)    H.E. LEMMEL, Die genetische Kontinuität des mittelalterlichen Adels, dargestellt am Beispiel des fränkischen Uradelsgeschlechtes der Lampert von Gerolzhofen (GenealogieLdG 35), 1980. - Zusammenfassung des Teiles hieraus, der die Lemlein/Lemmel betrifft, s. H.E. LEMMEL, Beitrag zur Geschichte und Genealogie der Bamberger Lemmel des 14. und 15. Jh., in: 116. BerHistVBamb, 1980, 1. Teilband S.115-125.

8)    H.D. LEMMEL, Die Bamberger Lemmel in Böhmen und Ungarn 1364-1475, in: Lemmlein filii (Anm. 6). Hier müssen einige genealogische Angaben korrigiert werden, wie in der vorliegenden Arbeit begründet wird.  Später mit Ergänzungen im Internet unter http://geneal.lemmel.at/BoU.html


Dabei verwende ich Archiv- und Literaturforschungen meines Vaters Gerhard Lemmel (9) und Hinweise von etlichen Forschern (10), zusätzlich zu den Veröffentlichungen von Herbert E. Lemmel, die ich teils wiederholen, teils ergänzen und korrigieren werde (11).

Im 14. Jahrhundert sind für die Nürnberger Lemlein nur wenige Quellen erhalten, insbesondere Lehens- und Kaufurkunden, die nur ein lückenhaftes Bild der Familie ergeben, obwohl ihr durchaus bedeutende Leute angehörten. Es ist auffallend, dass sich in den Nürnberger und Bamberger Archiven nicht eine einzige Nennung der beiden bedeutendsten Vertreter der Familie fand, nämlich des königlichen Schatzmeisters Mathias Lemmel und des Kammergrafen Johannes Lemmel, obgleich beide als Finanzbeamte unter Luxemburger und Habsburger Königen für einige Jahrzehnte die Interessen ihrer Nürnberger und Bamberger Vettern vertreten haben müssen. Das liegt an der ungünstigen Quellenlage, denn im Gegensatz zu manchen anderen Familien sind von den Lemlein keine Geschäfts- oder Handelsbücher erhalten, die über ihre Wirtschaftsbeziehungen Aufschluss brächten. So datiert die erste Nürnberger Urkunde, die einen Nürnberger 'Leml' (Sohn des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein) im oberungarischen Bergbaugebiet nachweist, vom Jahre l475 (12). Hieraus zu schließen, dass dies der erste der Nürnberger Lemlein in den Karpaten gewesen sei, erscheint verfehlt. Der Nürnberger Hans Leml folgt hier auf einen Nikolaus Lemmel, der 1456 Bürgermeister in Kremnitz war (12a). Dass er aus der Nürnberger Lemlein-Familie stammt, ist urkundlich nicht erwiesen, kann aber aus Indizien erschlossen werden. So ergibt sich für die früheren Zeiten mit ungünstiger Quellenlage die Alternative, entweder mangels urkundlicher Beweise auf eine Aussage zu verzichten, oder aber aus dem spärlichen Urkundenbestand Indizienbeweise zu führen. Letzteres will ich versuchen, und ganz ohne Hypothesen werde ich nicht auskommen.

Im 14. Jahrhundert sind einige der bekannten Lemlein lediglich aus einer einzigen Urkunde überliefert, selbst wenn sie reichen Besitz oder ein öffentliches Amt innehatten. Daraus folgt eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit dafür, dass der eine oder andere, und vor 1300 womöglich ein Großteil der Familienangehörigen, mangels erhaltener Urkunden überhaupt nicht mehr erschlossen werden kann.

Aber selbst bei günstigerer Quellenlage besteht oft Unsicherheit, ob man zwei an verschiedenen Stellen genannte Personen gleichen oder ähnlichen Namens miteinander identifizieren oder überhaupt der gleichen Familie zuordnen darf. Im allgemeinen wird man für Filiationen oder für Gleichsetzung
gleichnamiger Personen aus verschiedenen Dokumenten mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen auskommen müssen, wobei alle Grade von 'vielleicht' über 'wahrscheinlich' bis 'fast sicher' vorkommen. Welches Gewicht man diesen Wahrscheinlichkeitsschlüssen beilegt, erfordert Diskussion und Begründung, muss aber dennoch teilweise Ermessenssache bleiben.

Hinzu kommt das Problem der unsicheren Namens-Schreibweise. Es ist zu untersuchen, welche von verschiedenen Varianten eines Namens man als identisch ansehen darf, und aus welchen Gründen sich geänderte Namensformen herausbilden. Dabei werde ich einige urkundlich gesicherte Namensentwicklungen aufzeigen, die für Genealogen und Namensforscher wichtig sind.

9)    GERHARD LEMMEL danke ich für eine große Zahl von Regesten aus teils schwer zugänglicher Literatur und aus Archiven sowie für die Besorgung von Fotokopien vieler hier besprochener Urkunden.

10)    Besonders danke ich H. Frhr. v.HALLER, Schloss Gründlach/Mfr., für eine Reihe von Hinweisen nach Durchsicht des Manuskriptes.

11)    Die hier vorgetragenen Korrekturen schmälern nicht Verdienst und Priorität der Forschungen von Herbert E. Lemmel. Nichtsdestoweniger musste ich in allen wichtigen Einzelheiten auf die Originalquellen zurückgreifen, da ich bei Herbert E. Lemmel, wohl bedingt durch die Fülle des Materials, die Unterscheidung zwischen Gesichertem und Vermutetem sowie die korrekte Wiedergabe der Namen oftmals unzureichend fand.

12)    6.1.1475 bevollmächtigt Hans Leml von Nürnberg, Bürger auf der Krembnitz, seinen Bruder Caspar Leml, für ihn Lehen zu empfangen. Stadtarchiv Bamberg, Nürnberger Patrizierurkunden Rep. A 102 Lade 426 Nr.634. Den Hinweis auf diese Urkunde verdanke ich einer Mtlg. von H. PASCHKE an H.E. LEMMEL.

12a)    14.4.1456 in Buda: König Ladislaus bestätigt der Kremnitzer Bürgerschaft Privilegien. Als Vertreter von Kremnitz u.a.: Nicolaus Lemmel Iudex (=Bürgermeister). Statny Okresny Archiv Ziar nad Hronom (= Staatl. Kreisarchiv Ziar an der Gran) pobocka Banská Stiavnica (Zweigstelle Kremnitz), Archivfond Magistrat der Stadt Kremnitz, Abt.I, Gruppe 1., Fasc.1, Urk. 39a. Mtlg Direktor Mikulás Celko 1991. 

2. Bamberg

Die im 15. Jahrhundert als wohlhabende Kaufleute in Nürnberg, Bamberg und Chemnitz (13) sitzenden Lemlein/Lemmel stammen von Conrad Lemlein ab, der in Bamberg erstmals 1371 erwähnt wird, und zwar als Schöffe (14). Er stirbt vor 1398, und aus den Erbverhandlungen sind seine Kinder bekannt (15). Der Sohn Conrad schließt 1389 das Universitätsstudium in Prag ab und wird Dekan in Bamberg (16). Ein anderer Sohn, Heinz, ist ab 1405 Schöffe in Bamberg (17). Er wird im Dezember 1421 in diesem Amt von seinem Bruder Hans Lemlein abgelöst (18). Den Grund für diese Ablösung kann man darin sehen, dass Hans zuvor außer Landes war: 1420 war ein Hans Lemlein Schöffe der Kupferbergbau-Stadt Kuttenberg in Böhmen (19), wo die Deutschen im April 1421 sich den Hussiten ergeben mussten und auswanderten (20). Einige Monate später löst in Bamberg Hans Lemlein seinen Bruder Heinz im Schöffenamt ab. Diese zeitliche Koinzidenz ist zwar kein Beweis, lässt es aber als wahrscheinlich erscheinen, dass der Kuttenberger Schöffe Hans Lemlein mit dem gleichnamigen Bamberger Schöffen identisch ist. Ein anderes Indiz ist, dass die Kuttenberger Namensform Lemlein fränkischer Herkunft und in Böhmen unbekannt ist, da dort der Diminutiv nicht auf -lein sondern auf -el gebildet wird, worauf ich noch eingehen werde.

13)    Die bei H.E. LEMMEL (Anm. 3 u. 5) angegebene Herkunft der Chemnitzer Lemmel aus Bamberg konnte ich bestätigen: HANS-DIETRRICH LEMMEL, Die ersten Chemnitzer Lemmel, in: Familie und Geschichte Band 4, 2002, S.241-249 und 315-324. Danach ist Mertein Lemlein, der 1431-34 in Bamberg zusammen mit seinen jüngeren Brüdern belehnt wird, 1446 aber von Bamberg abwesend ist und sich dort vertreten lässt, identisch mit 'Lemel der elder', der 1437 Bürger in Chemnitz wird; sein Sohn, der 1431 als Martinus Lemlein de Pabenberga in Wien studiert, ist demnach identisch mit Merten Lemel, der 1476 in Chemnitz lebt.

14)    Hist. Verein Bamberg, Urk. vom 15.12.1371 Nr.115. Laut H. PASCHKE, Lämleinsgasse und Lämleinshof zu Bamberg, in: 101. BerHistVBamb, 1965, S. 290 ff.

15)    Germ.Nat.Museum Nürnberg, Imhoff-Archiv Fasc. 26 = Lemlein-Archiv, Urk. 2 von 1406. - Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.46 f. u. 68 f.

16)    J. KIST, Die Matrikel der Geistlichkeit des Bistums Bamberg, in: VeröffGesFränkG 7, 1965, S.255, Nr.3885.

17)    M.H. SCHUBERTH, Historischer Versuch über die geistliche und weltliche Staats- und Gerichtsverfassung des Hochstifts Bamberg, 1790, Nachträge 1792, S.145 ff.

18)    A. DECKER, Das ehemalige Karmelitenkloster zu Bamberg, in: 91. BerHistVBamb, 1952, S.265 Nr. 62-64.

19)    W. v.STROMER, Unternehmer (wie Anm. 2), S.364

20)    E. SCHWARZ, Die Volkstumverhältnisse in den Städten Böhmens und Mährens vor den Hussitenkriegen, in: Jahrbuch des Collegium Carolinum 2, 1961, S.27.
 
Hans Lemleins jüngster Sohn Hans wird Ratsherr in Nürnberg († 1473), die Enkel Caspar und Michel Lemlein werden Partner der Imhof-Gesellschaft, wovon in der Nürnberger Lorenzkirche das Sakramentshaus von Adam Krafft mit den Wappen Imhof, Neudung, Lemlein ein schönes Zeugnis ablegt (2l). Ihr Wohlstand wurde offenbar mit Handel und Bergbau in Böhmen und Ungarn (8) begründet, wo drei Generationen der Bamberger Lemlein anzutreffen sind: Conrad Lemlein, der in Prag studierte, sein Bruder Hans in Kuttenberg, Michel Lemmel 1413 in Tetzschen an der Elbe (22), Claus Lemmel 1434 in Schemnitz (23), sowie der eingangs erwähnte Hans Leml 1475 in Kremnitz; letztere beiden Orte sind Bergstädte in Oberungarn, der heutigen Slowakei. Dieser Ausblick soll hier genügen, da ich mich auf das 14. Jahrhundert beschränken möchte.

Um 1420 war Hans Lemlein bereits betagt, da seine Söhne Mertein, Michel und Hans, die ab 1431 nach dem Tod ihres Vaters in Bamberger Urkunden genannt werden (24), etwa zwischen 1385/95 geboren sein müssen. Man muss annehmen, dass Hans Lemlein etwa um 1355/60 geboren wurde, sein Vater Conrad daher, grob geschätzt, um 1325 (25). Diese Altersabschätzung des Conrad Lemlein ist wesentlich, weil dadurch ein 1361 in Bamberg genannter Heinrich Lemblein (26) kaum als Conrads Vater in Frage kommt sondern eher als dessen Bruder, zumal Heinrich als letzter, also wohl jüngster von neun Zeugen genannt ist. Vermutlich ist es Heinrich, der (um 1370) als "h'r lemlein" dem Kloster Micbelsberg für einen Besitz zinst, der dann an Hermann Muffelger übergeht (27).


21)    H. BAUER, G. STOLZ, Engelsgruß und Sakramentshaus in St. Lorenz zu Nürnberg (Reihe Die Blauen Bücher), 1974. - Zur Imhof-Lemlein Gesellschaft s. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3)

22)    H. ERMISCH, Aus dem Stadtbuch II (1404-1472), Hs. im Ratsarchiv Freiberg, in: Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen, 3, 1891, S.307, 310.

23)    StsA Budapest, Film 11197, Schemnitzer Archiv 111.56, laut Hinweis W. v. Stromer.

24)    StadtA Bamberg, Urk. 12.11.1431. Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.15 u. 134, Miszellen (wie Anm. 5), S.264.

25)    Abschätzung von Geburtsjahren ist natürlich mit Unsicherheiten behaftet, da der Altersunterschied zwischen Vater und Sohn mal 20 Jahre und mal 60 Jahre betragen kann. Statistische Auswertung von zahlreichen gesicherten Lemmel-Stammreihen zeigt aber, dass der weitaus wahrscheinlichste Altersunterschied zwischen Vater und Sohn bei 30 bis 35 Jahren liegt. Das wird durch demographische Forschungen ab Beginn der Kirchenbücher im 16. Jh. bestätigt: A.E. IMHOF, Die gewonnenen Jahre, Verlag C.H. Beck, 1981.

26)    StadtA Bamberg, Urk. d. Hist. Vereins Rep. 1 1 Nr.114 von 1361. Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.48. - Er kann identisch sein mit "Heintz lem.", der 1348 für einen Besitz (feodo) in Landorf (= Lohndorf nahe Pödeldorf bei Bamberg) Abgaben an den Bamberger Bischof zahlt. C. HÖFLER, Friedrichs v. Hohenlohe, Bischofs von Bamberg Rechtsbuch 1348, 1852, S.53. Vergl. H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.240, dort jedoch unverständlicherweise mit Namen wie Laublein und Loener gleichgesetzt.

27)    StsA Bamberg, Standbuch 4300, Zinsbuch des Klosters Michaelsberg in Bamberg, f. 21v, Fotokopie durch K.H. MISTELE, 1982. Die Datierung des Zinsbuches 'vor 1378' kann laut Dr. Mistele auf Grund der äußeren und inneren Merkmale nicht präzisiert werden. Der Eintrag lautet zu Martini "h'r lemlein", zu Walburgis h'man Muffelger, wobei 'Muffelger' auf einer Rasur steht; was dort vor der Rasur stand, ist nicht zu ermitteln. - H.E. LEMMEL (Herkunft, wie Anm. 3, S.48 f.) deutet h'r lemlein als "Herr Lemlein" (was mir nach Uberprüfung der Urkunde unwahrscheinlich erscheint) und setzt mit dem Schöffen Conrad Lemlein gleich; dann aber (Kontinuität, wie Anm. 7, 5.226) deutet er die gleiche Stelle als "Hermann Lemlein" (was kaum eine akzeptable Deutung der Abkürzung h'r ist).

Heinrichs Witwe ist wahrscheinlich "Frau Kune Lemlerin", die 1371 Häuser und Hofreiten im Bamberger Zinkenwerd verkauft (28), wohl weil kein Erbe da ist, oder weil der einzige Erbe Geistlicher wird: ein Hans Lemlein/Lömlein ist von 1394 bis 1428 Vikar und Werkmeister am Bamberger Dom (29).

Conrad Lemleins Vater ist nicht gesichert (30); mit großer Wahrscheinlichkeit darf man aber annehmen, dass sein Vater "der Lemblin" (ohne Vorname) ist, der 1331 als dritter unter fünf Zehntschöffen in Bamberg genannt ist (31) und dessen Geburtsjahr man mit etwa 1290, jedenfalls ungefähr zwischen 1280 und 1300 annehmen kann. Zwar ist das Zehntgericht, das für den Bamberger Zehntbezirk zuständig ist, nicht mit dem Stadtgericht gleichzusetzen; es fällt aber auf, dass vier Namen der fünf 'Zentschepfen' von 1331 noch hundert Jahre später zusammen mit den Lemlein unter den Bamberger Schöffen und Genannten auftauchen, wobei es sich um die Nachkommen der Zehntschöffen von 1331 handeln dürfte. Wenn die Bezeichnung "der Lemblin" ohne Angabe des Vornamens eindeutig sein soll, dann dürfte er in Bamberg der einzige seines Familiennamens und daher der Vater der später hier genannten Heinrich und Conrad Lemlein sein.

1357 gehört ein Haus in Bamberg 'der Lemlerin' (32); auch hier scheint die 'Lemlerin' eine eindeutige Bezeichnung zu sein, so dass die Angabe eines Vornamens entfallen konnte. Man darf also die 'Lemlerin' als Witwe des Schöffen 'Lemblin' ansehen.

28)    Gleiche Urk. wie Anm. 12.

29)    KIST (wie Anm. 14), S.254 Nr.3882. - F. WACHTER, General-Personal-Schematismus der Erzdiözese Bamberg, 1908, S.293 Nr.6067. - StadtA Bamberg Urk. Nr.158 vom 1.12.1406. - H. PASCHKE, Der mittlere Sand, in: Bamberger Kirchweihkalender 1957, S.68. - H. PASCHKE, Die Lange Gasse zu Bamberg (Studien zur Bamberger Geschichte, Heft 12), 1958, S.8. - H. PASCHKE, Der Bach, Festschrift 75 J. Städt. Mädchen-Realgymnasium im Bach zu Bamberg, 1956, S.64. - H. PASCHKE, Lämleinsgasse (wie Anm. 14), S.298. - Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.73.

30)    H.E. LEMMEL (Herkunft, wie Anm. 3, Tafel 2) ließ ursprünglich den Bamberger Schöffen Conrad Lemlein aus Nürnberg stammen, und zwar als Sohn der dortigen Irmel Lemlein. Das erschien nach der damaligen Urkundenkenntnis plausibel. Nunmehr (Kontinuität, wie Anm. 7, S.226) gibt er als Conrads Vater einen Hermann Lemlein an, dessen einzige Nennung der Zinsbucheintrag "h'r lemlein" ist, auf dessen fragwürdige Deutung ich in Anm. 27 hinwies.

31)    StadtA Bamberg, Gerichtsbuch der Stadt Bamberg 1306-1333, S.147, Fotokopie durch Gerhard Lemmel. - Vergl. H. ZOEPFL, Das alte Bamberger Recht als Quelle der Carolina, 1839, S.147, Anhang V. - Die Schöffenreihe lautet: Vor den Zentschepfen. d'glok. h'ma' gref der lemblin. F. swertfeg. v' gerlint sun. Die Zehntschöffen heißen also: Der Glok, Hermann Gref, der Lemblin, Fritz Swertfeger, Ver Gerlint Sohn. Letzteres ist als Sohn der (Witwe) Gerlint Ver zu deuten; noch 1421 und danach sind in Bamberg Hanns Ver und Hanns Lemlein zusammen als Schöffen genannt, beide also wohl Enkel der 1331 genannten Schöffen Lemblin und Ver. Auch die mutmaßlichen Nachkommen von Glok und Gref sind noch 1435 als Glocklein und Grafe zusammen mit Heintz Lemlein unter den Genannten in Bamberg (StadtA Bamberg, Eid- und Pflichtbuch B4/34, Fotokopie durch G. Lemmel). - Die Schöffenreihe von 1331 wurde in den Veröffentlichungen von H.E. LEMMEL (Herkunft, wie Anm. 3, S.22; Lemmlein filii, wie Anm. 6, S.26) unterschiedlich und nicht ganz richtig wiedergegeben und zunächst unkritisch von mir übernommen (vergl. Lemmel in Böhmen u. Ungarn, wie Anm. 8, S.41 u. 64, wo Herdegen Tockler gestrichen werden muss).

32)    BayHStsA München, Urk. vom 25.9.1357, laut H. PASCHKE, Lämleinsgasse (wie Anm. 14), S. 290.


Zehn Kilometer östlich von Bamberg sind in Bodelndorf (heute Pödeldorf) um 1325 Cunrad Lemlein und Eberlin Lemlein für einen zinspflichtigen Besitz des Hochstifts Bamberg genannt (33). Cunrad kann mit dem Schöffen Lemblin identisch sein, denn 1348 folgt auf diesem Besitz (wie auch 1357 in Bamberg) die "Lemlerinn" (34) neben dem weiterhin genannten Eberlin. Da der Bamberger "Lemblin" Schöffe des bischöflich bamberger Zehntbezirkes ist, ist es durchaus wahrscheinlich, dass er selbst ein Lehen des Bamberger Bischofs innehat und mit dem in Pödeldorf genannten Cunrad Lemlin identisch ist.

Ein Cunrad Lemlin ist zu einem unbekannten Zeitpunkt zwischen 1313 und 1337 im Zinsbuch des Schweinfurter Deutschorden-Hauses für einen zinspflichtigen Besitz in Jochsheim (35) bei Schweinfurt genannt, wobei Identität mit dem Pödeldorfer Cunrad möglich ist. Weder in Pödeldorf noch in Jochsheim sind weitere Vorkommen des Namens Lemlein bekannt, so dass es sich wohl nur um vorübergehenden Besitz handelt.

Über die Herkunft des Zehntschöffen Lemblin geben die Bamberger Quellen keine Auskunft. Es gibt aber einen kompetenten Zeugen, der es wissen sollte. Im Jahre 1516 vermehrt Michel Lemleins Witwe Katharina in Nürnberg eine Jahrtagstiftung für die Nürnberger Vettern Michel und Caspar Lemble/Lemlein und ihre Vorfahren, wobei auch der Urgroßvater Conrad Lemblein erwähnt wird (also der Bamberger Schöffe von 1371), wobei angegeben wird, dass er aus Nürnberg stamme (36).

Ergebnis: Der 1331 genannte Bamberger Schöffe "Lemblin" dürfte der Stammvater der Bamberger Lemlein sein, geboren etwa um oder vor 1290. Wahrscheinlich heißt er Cunrad und hat zinspflichtigen Besitz in Pödeldorf bei Bamberg und in Jochsheim bei Schweinfurt. Er stammt aus Nürnberg.

33)    StsA Bamberg, StB 710 (Urbar A) f. 15, laut W. SCHERZER, Das älteste Bamberger Bischofsurbar 1323/28, in: 108. BerHistVBamb, 1972, S.59. - H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 28 f.

34)    HÖFLER, Rechtsbuch (wie Anm. 26), S. 51. - H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, S.226) setzt die Witwe Lemlerin 1348 in Pödeldorf gleich mit der Witwe Irmel Lemlein in Nürnberg, was mir wenig wahrscheinlich erscheint.

35)    LUDWIG MÜLLER, Gült- und Zinsbücher des Deutschordenshauses zu Schweinfurt aus den Jahren 1313 und 1337, in: ArchHistVUntFrank Bd. 22, 1873, S.681, Nr.2680.

36)    Lemlein-Archiv (wie Anm. 15), Fasc. 27, Urk. 3c u. 4a von 1512 und 1516, Fotokopien durch Dr. L. VEIT, 1982. - H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.46.

3. Nürnberg

In Nürnberg beginnt eine gesicherte Stammfolge mit der Witwe Irmel Lemlein, von der ab 1335/37 sechs oder sieben Kinder in verschiedenen Urkunden (38) bekannt sind: Fritz, Seitz, Heinrich, H(ermann) und drei Töchter (38a). Irmel hat einen ansehnlichen Hausbesitz in Nürnberg und Güter außerhalb, und zwar in Schweinau bei Nürnberg, Solar bei Hilpoltstein, Traunfeld bei Neumarkt/ Oberpfalz, Bischofspach (wo?), Pahres bei Neu-stadt/Aisch (39). Diese Orte liegen in einem Halbkreis westlich, südlich und östlich von Nürnberg. Da über Vorbesitzer wenig bekannt ist, gibt dieser Besitz leider keine Auskunft über die Herkunft von Irmel Lemlein oder ihrem Mann. Lediglich von dem Gut in Schweinau weiß man, dass es 1318 im Besitz der Familie Weigel war (39a). Die erhaltenen Urkunden dürften nur eine zufällige Auswahl aus dem Besitz geben, der vermutlich wesentlich umfangreicher war.

Von Irmels Kindern bleibt Fritz Lemlein in Nürnberg, wo er von 1357 bis 1381 Genannter des Größeren Rates ist (40).


37)    Entfällt.

38)    Zwischen 1335/37: Irmela Lemmelin de Nur et cum ea Fritzlinus et Sitzlinus nati ejus. StsA Würzburg, Würzburger Lehenbuch, Sign. 1, Blatt 214'. - 1337: Heinrich der Lemblinne sun. W. SCHULTREISS, Die Acht-, Verbots- und Fehdebücher Nürnbergs 1255-1400, in: QForschGStNürnb, Bd. 2.1960, S.55 Nr.532, S.57 Nr.550. - 1341: Irmel Lemlin verleiht ihr Gut in Schweinau; gesiegelt von ihrem Sohn Seifrid. StadtA Nürnberg, Urk. von 1341 Okt. 18, vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.30. - Die Urkunde von 1341 wurde von H.E. Lemmel mehrfach völlig falsch zitiert und so ursprünglich auch von mir ungeprüft übernommen; in dieser Urkunde sind  n i c h t (wie von H.E.L. angegeben) Kunigunde, Conrad, Fritz und Hermann als Kinder der Irmel beurkundet. - H.E. LEMMEL gibt als weiteren Sohn der Irmel an (Kontinuität wie Anm. 7, S.229): Johann Lewlin, 1338 in Kuttenberg/Prag erw., wobei fragwürdig ist, warum dieser Lewlin ein Lemlin und warum er Sohn von Irmel sein soll. Auch weitere Angaben über den Verbleib von Irmels Söhnen sind nicht hinreichend begründet: zu Hermann vergl. Anm. 27; den Sohn Conrad setzt er gleich (S.231) mit einem in drei Urkunden genannten 'Petz', wobei 'Petz' als Dialektwort für Lamm ein Übername für Lemlein sein soll, was nirgends belegt ist; den Sohn Seitz setzt er gleich (S.233) mit dem Regensburger Chorherrn Seifried Lampp, wobei eine Identität Lemlein = Lamp nirgends belegt ist.

38a)    StadtA Nbg, Urk. 1331 Sept.28. Fotokopie durch Dr. Beyerstedt 1993.

39)    Besitz der Irmel Lemlin: Um 1336 Bischofsbach, s. Anm. 38. - 1337 Solar, BayHStsA München KU Seligenporten 1337 VI 26. - 1341 Schweinau, StadtA Nürnberg, Urk. 1341 X 18. - 1343 Traunfeld, BayHStsA München Urk. Nürnb. Reichsst. Nr.635. - 1348 Haus in Nürnberg neben dem Hof des Klosters Heilsbronn, BayHStsA München Urk. Brandenburg-Ansbach Nr. 581a. - 1363 Pahres, BayHStsA München Urk. Nürnb. Reichsst. Nr.1153. - Ausführlicher s. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.30, Kontinuität (wie Anm. 7), S.226, H. D. LEMMEL (wie Anm. 1).

39a)    HIRSCHMANN, Familie Muffel, MVGN 41 (1950) S.257-392.

40)    F. ROTH, Verzeichnis aller Genannten ... Nürnberg, 1802. - Stadtbibliothek Nürnberg, Genanntenbuch, Hs Amb. 804 2 °, und Beschreibung ... der Genannten des Größeren Raths in Nürnberg 1338-1695, Hs Amb. 172. 2°, laut Mtlg. F.X. PRÖLL an G. LEMMEL. Die Angaben sind teils fehlerhaft. Roth nennt für Friedrich Lämblein unter "kam ab oder starb" einmal 1380, einmal 1381. Für Werner Lämblein gibt Roth das Sterbejahr 1330 an (was sicher falsch ist), während die beiden oben angeführten Handschriften 1430 angeben (was wohl auch falsch ist). Nachdem Werner Lemlein zuletzt 1412 erwähnt wird und 1414 Conrad Lemlein als Genannter folgt, dürfte das richtige Sterbejahr 1413 sein.


In dieser Stellung folgen sein Sohn Werner Lemlein (41), sowie ab 1414 Conrad Lemlein (42), mit dessen Tod 1415 diese Lemlein-Linie in Nürnberg ausstirbt.

Irmels Sohn Heinrich wird 1337 (43) aus Nürnberg verbannt. Sein weiterer Verbleib ist unsicher. Er könnte identisch sein mit dem 1361 in Bamberg genannten Heinrich Lemblein, den man aber auch dem Bamberger Zweig zuordnen kann (siehe oben). Er wurde aber auch gleichgesetzt (44) mit dem Vikar Heinrich Lemlein (
1376) in Ansbach, wo auf ihn in der Vikarei ein Friedrich Lemlein folgt (45). Die Vikarei war eine Stiftung des Nürnberger Burggrafen (46).

In Claffheim bei Ansbach gab es offenbar einen alten Lemlein-Besitz, denn 1319/20 hat ein Ulrich Bosse hier ein Würzburger Lehen, welches "Lemelinsgerüth" heißt (47).

Der Verbleib von Irmels Sohn Seitz und kann nicht angegeben werden; vielleicht fiel er der ersten Pestwelle zum Opfer, die 1348/50 mancherorts ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte. Ein weiterer Sohn könnte der Nürnberger Handwerksmeister "H. Lemlein" sein, der 1363 und 1370 erwähnt wird (48). Fritz Lemlein, der Genannte des Größeren Rates, hätte dann einen Handwerksmeister zum Bruder; diese zunächst überraschende soziale Kombination ist zu dieser Zeit durchaus möglich: um 1370 stammten acht der Genannten aus den besseren Branchen der Handwerker (49). H. Lemleins Sohn ist wohl Ulrich Lemel/Lembel, der 1388 im Nürnberger Meisterbuch und 1397 im Losungsbuch (einem Steuerverzeichnis) erwähnt wird (50).

41)    wie Anm. 40. - 1392 ist "Lemmel filius F. lemel" als steuerzahlender Einwohner in der ältesten Losungsliste (Sebaldi) genannt; StsA Nürnberg, Rep. 52b, Nr.271, fol. 23a, laut CHARLOTTE SCHEFFLER-ERHARD Alt-Nürnberger Namenbuch, in: NürnbForsch Bd. 5,1959. Der hier ohne Vorname angegebene 'Lemmel' muss identisch sein mit dem von nun an mehrfach erwähnten Werner Lemlein, der demnach Sohn von 'F. lemel', also von Fritz Lemlein ist. - Letzte Erwähnung 1412 'Herr Wernher Lemmlein' als Zeuge eines Gerichtsbriefes; Historia Norimbergensis Diplomatica, 1738, Teil 2, S.530.

42)    Wie Anm. 40. - 1414 Conrad Lemblein in Cadolzburg am Berge, erw. im Salbuch des Amtes Cadolzburg; MonBoica, Bd. 47, NF Bd. 1, 1902, S.638.

43)    SCHULTHEISS (wie Anm. 38).

44)    H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.233.

45)    WACHTER (wie Anm. 29), Nr.6064 u. 6066. - W. ENGEL, Die mittelalterlichen Seelbücher des Kollegiatstifts St. Gumbert zu Ansbach, Regest 137, in: QForschGBistHochstWürzb 3,1950, S.31.

46)    Copialbuch des St. Gumpert-Stiftes zu Anspach, in: Monumenta Zollerana 4, 1858, S.373, Regest 339.

47)    F. HÜTTNER, Das Lehenbuch des Würzburger Bischofs Gotfried III. von Hohenlohe 1317-1322, 1901, S.96 Nr.506. - H. HOFFMANN, Das älteste Lehenbuch des Hochstifts Würzburg, 1. Teilband 1972, S.169 Nr.1601.

48)    H. Lemlein erw. in Namenslisten aller Nürnberger Handwerker 1363, fol. 28a, und im Nürnberger Meisterbuch 1370, fol. 31a, beides Handschriften in StsA Nürnberg, laut SCHEFFLER-ERHARD (wie Anm. 41).

49)    H.H. HOFMANN, Nobiles Norimbergenses, in: VortrrForsch, 11, 1966, S.71.

50)    1388 Ulrich Lemel erw. in Nürnberger Meisterbuch (wie Anm. 48), Nachträge von anderer Hand, fol. 82b; 1397 Ulrich Lembel erw. im Nürnberger Losungsbuch, in: M. LEX, Nürnberger Personennamen-Buch 1300-1500, Hs vom März 1864 im StadtA Nürnberg, 1944 vernichtet; beides laut SCHEFFLER-ERHARD, (wie Anm. 41).

 

Weiter gibt es einen Chunrad Lömel, dessen inzwischen wiederverheiratete Witwe 1358 in Neumarkt in der Oberpfalz lebt, und zwar als 'Kungunt Ulreich des Ammans in Wentelstain eheliche Wirtin', die für ihre früheren Ehemänner 'Chunr. den Lömel und Heinr. den Loter' ein Gut zu Mantlach als Seelgerät vermacht (5l). Chunrad Lömel, der erste Mann dieser Kungunt, starb bereits vor 1343, als die Witwe 'Kunel Lemblinne' für einen Besitz in Heng (51) bei Neumarkt genannt wird. So wie auch in späteren Neumarkter Urkunden die Namensvarianten Lömel/Lemel/Lemlein nachweislich für die gleichen Personen vorkommen, so kann auch Lömel von 1358 mit Lemblin von 1343 gleichgesetzt werden. Auf diesen älteren Chunrad Lemblin/Lömel folgt in Neumarkt ein jüngerer Chunrad Lömlein/Lemel, der um 1340, also kurz vor dem frühen Tod des Vaters geboren worden sein muss und ab 1370 als Bürger in Neumarkt genannt wird (52), wo er von 1386 bis 1407 Schöffe ist (53).

Die Neumarkter Lömel/Lemel haben Verbindungen zur Nürnbergerin Irmel Lemlein: Irmel hat Besitz in der Nähe von Neumarkt, und zwischen den Nürnberger und Neumarkter Lemlein gibt es fortdauernde Beziehungen, die in Tafel 1 dargestellt sind. Um 1400 bürgt der Neumarkter Schöffe Conrad Lömlein zweimal für den Nürnberger Bürger Franz Wendelstein, der wiederum mit dem Nürnberger Genannten Werner Lemlein einen gemeinsamen Besitz hat (54). Auch haben Irmel Lemlein in Nürnberg und Conrad Lömlein in Neumarkt andauernde Beziehungen zu der Oberpfälzer Familie Loterpeck (54).

    Irmel Lemlein, Nürnberg
    1337 Solar bei Neumarkt
    1343 Traunfeld bei Neumarkt,
    Zeuge: Loterpeck
            ├ ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─ ─ Sohn oder Neffe? ─ ┐
            │                                    │
    Fritz Lemlein                      Chunrad Lömel/Lemblin
    * etwa 1310                        † vor 1343. Seine Witwe: 
    Genannter in Nürnberg              1343 Kunel Lemblinne in
    1379 Wolfstein bei Neumarkt          Heng bei Neumarkt
            │                          1358 Kungunt in Neumarkt
            │                                    │
    Werner Lemlein                     Chunrad Lömel/Lemlein
    * etwa 1340                        * etwa 1340
    Genannter in Nürnberg              Schöffe in Neumarkt, kauft Gut
            :                          in Loterpach von Erh.Loterpeck
            :                                    :
            :...........Franz Wendelstein........:
           gemeinsamer                    Bürgschaft
             Besitz
Tafel 1: Die Lemlein in Nürnberg und Neumarkt


51) 1358: Urkunden des Hochstifts Eichstätt Bd. 2, 1306-65 (MonBoica Bd. 50, NF Bd. 4), 1911, S.467, Urk. 719. - 1343: G. PFEIFFER, Die ältesten Urbare der Deutschordenskommende Nürnberg, 1981, S.43 Nr.131. - H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, S.231-234) identifiziert unverständlicherweise Chunrad Lömel mit einem Chunrat Laniprecht, 1330 in Monheim. Auch wenn gelegentlich 'Lemplein' aus 'Lamprecht junior' entsteht und 'Lemlein' mit 'Lömel' gleichzusetzen ist, geht es nicht an, ohne klare Begründung einen 'Lömel' mit einem 'Laniprecht' (= Lamprecht) gleichzusetzen.

52)    BayHStsA München, Abt. 1, Gerichtsurk. Neumarkt Nr.15.

53)    J. FINK, Beiträge zur Geschichte der ehemaligen Landgerichte Hirschberg, Sulzbach und Amberg; Landgericht Hirschberg, in: VerhhHistVObPfalz, Bd. 4, 1839, S.18. - J. N. v. LÖWENTHAL, Geschichte des Schultheißenamts und der Stadt Neumarkt, 1805, S.235. - BayHStsA München, Gerichtsurkunden Neumarkt.

54)    Zu Wendelstein: MonBoica 24, 1821, S.495 Nr.179; S.547 Nr.225. - A. WÜRFEL, Historische, genealogische und diplomatische Nachrichten zur Erläuterung der Nürnbergischen Stadt- und Adelsgeschichte, 1766, S.253. - 1343 Cunr' Loterpekken Zeuge für einen Verkauf der Irmel Lemlein in Traunfeld (wie Anm. 39). - 1401 verkauft Erhard Loterpeck zu Rotenfeis sein Gut zu Loterpach an Conrad Lömel in Neumarkt. BayHStsA München, Abt. 1, Oberpfalz Urk. Nr.1486, früher GerUrk. Neumarkt/OPf. Nr.30.
 
Neuere Forschungen (54a) ergaben freilich, dass eine gemeinsame Abstammung der Nürnberger und Neumarkter Lemlein wohl früher anzusetzen ist. Dann wäre Chunrad Lömel/Lemblin in Neumarkt nicht ein Sohn sondern ein Neffe der Nürnberger Irmel.

Es gibt ein Schabkunstblatt von G. Fenitzer, das einen Hanns Lemlein darstellt "In Nürnb. Ao. 1351" (55). Im Gegensatz zu einem anderen Fenitzer-Blatt, das den urkundlich gesicherten Nürnberger Ratsherrn Hanns Lemlein († 1473) darstellen so11 (56), muss das Porträt von 1351 zu den zahllosen Fantasieprodukten Fenitzers gerechnet werden, da zu dieser Zeit ein Hanns Lemlein bisher in keiner Urkunde belegt werden konnte.

Ergebnis: Nach dieser Betrachtung des Verbleibs von Irmels Kindern muss man davon ausgehen, dass die Bamberger Lemlein nicht (wie bisher angenommen) zu den Nachkommen der Nümbergerin Irmel Lemlein zu rechnen sind. Folglich muss für die Bamberger und Nürnberger Lemlein ein gemeinsamer Ursprung früher angesetzt werden. Damit muss aber auch der Ursprung des Lemleinschen Unternehmertums, das sowohl im Bamberger als auch im Nürnberger Zweig zur Blüte kam bereits um oder vor 1300 angenommen werden.

54a)    Simon Federhofer: Herrschaftsbildung im Raum Neumarkt, Neumarkter Historische Beiträge Bd.2, Neumarkt/OPf 1999, Seite 136.

55)    G. FENITZER, Schabkunstblatt, in meinem Besitz. - Vergl. H.-D. v. DIEPENBROICK-GRÜTER, Allg. Porträt-Katalog, 1931/33, S.446, Nr.14993. - Vergl. KORBsches Sippenarchiv Regensburg, Bild-Archiv-Nr. 2042/1943e. - Dieses Porträt findet sich auch im Nürnberger Geschlechterbuch Hs 1837 der Bibliothek des Germ.Nat.Museums Nürnberg.

56)    FENITZER (wie Anm. 55). - v. DIEPENBROICK-GRÜTER Nr.14994. - KORB Nr.3544.

4. Namensformen

Die vorangegangenen Ausführungen zeigen bereits einige Varianten des Namens Lemlein, der in Nürnberg erstmals 1304/05 als Lemlein, Lemlin und Lembelin vorkommt (57), in Bamberg erstmals 1325/31 als Lemlein und Lemblin. In Bamberg lautet dann der Name in den folgenden hundert Jahren in weit mehr als 100 Urkunden (58) nahezu ausschließlich Lemlein. Man muss davon ausgehen, dass der Familienname im 14. Jahrhundert bereits weitgehend festgeschrieben ist. Orthografische und Dialekt-Varianten des Namens kommen in Bamberg nur in wenigen Einzelfällen vor: Lemerlein, Lämblein, Lemmlein, Lemlyn, Lömlein, sowie die femininen Formen Lemlerin (59), Lemblin, Lemlinn. Als vereinzelte Schreibfehler entsteht Leinlein aus Lemlein durch falsch gesetzten i-Punkt oder Lemter aus Lemler durch falschen t-Querstrich, wodurch aber keine bleibenden Namensvarianten entstehen können. Andere ähnliche Namen, die in Bamberg vorkommen, wie Lörlein, Löhlein (60), Lemten, Lampert, Lamp (61) oder Lemplein (62) konnte ich nicht als Varianten von Lemlein identifizieren (63).

57)    Siehe folgendes Kapitel.

58)    Ausführlich s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1).

59)    Die Namensformen Lemlerin, Lemblerin als feminine Formen von Lemlein, Lemblein sind noch um 1700 in der Bamberger Gegend üblich, bis sich ab etwa 1730 Lemleinin und Lembleinin als feminine Formen durchsetzen.   Erzbischöfliche Pfarrmatrikel Bamberg, laut G. LEMMEL, 1981.

60)    Gelegentlich wird ein 'm' ausgelassen und durch einen Strich über dem vorangehenden Vokal ersetzt, so dass aus Lemlein 'Lelein' wird, was dann leicht falsch als 'Lölein' gelesen wird. Das darf nicht mit dem Bamberger Familiennamen Löhlein verwechselt werden.  Im Jahre 1450 wird Hans Lemlein/Lömlein, Vikar und Werkmeister am Bamberger Dom, mehr als 15 Jahre nach seinem Tod wechselnd Lemlein und Lölein genannt (PASCHKE, Der Bach, wie Anm. 29). Aus dieser einmaligen postumen Namensverwechslung kann nicht auf eine Identität der beiden Namen geschlossen werden.

61)    Zu Lamp s. H. PASCHKE, St. Gangolf zu Bamberg, 1959, S.77, 62, 84 f.

62)    Vergl. Kapitel 11.

63)    Die nachweisbaren Namensvarianten sind Dialekt- und Orthographie-Varianten, die sich in engen Grenzen halten, entsprechend der anzunehmenden guten Ausbildung der Schreiber der Urkunden. - H.E. Lemmel (Kontinuität, wie Anm. 7, Exkurs 1 S.184 ff., und weniger extrem in früheren Veröffentlichungen) geht bei der Verallgemeinerung vereinzelter Fehlformen meines Erachtens entschieden zu weit; er kommt dadurch zu Gleichsetzungen und Filiationen, die mehr als fragwürdig sind, zumal er oft die urkundliche Namenschreibweise nicht korrekt wiedergibt.
 

In Nürnberg kommt Irmel Lemlein um 1335/37 als Lemmelin (64) vor, dann als Lem(b)linne, Lem(b)lin, Lem(b)lein (65). Ihr Sohn Fritz kommt neben den vorwiegenden Formen Lemlein und Lämblein auch als Lemmelin und Lemel, sein Sohn Werner auch als Lemmel und Lembel vor (66).

In Bamberg und Nürnberg zeigt sich ein kleiner aber beachtenswerter Unterschied: In Bamberg ist die Diminutiv-Endung ausschließlich -lein und -lin. In Nürnberg kommt zusätzlich die Diminutiv-Endung -el vor, die in Bamberg völlig unbekannt ist.

Für den 1440 von Bamberg nach Nürnberg abgewanderten Ratsherrn Hans Lemlein, der in weit über 100 Urkunden (67) sicher identifiziert werden kann, kommen neben der vorwiegenden Form Lemlein und den in Bamberg bekannten Nebenformen zusätzlich vor: Leml, Lembl (68), Lembel, Lemel, Lemmel. Das gleiche gilt für seinen ebenfalls nach Nürnberg kommenden Bruder Michel und beider Nachkommen.


Nach Dialekt-Landkarten (69) liegen Bamberg und das Obermain-Gebiet, wo die Diminutiv-Endungen -lein und -lin vorherrschen, zwischen Schwaben, wo der Diminutiv sich von -lin zu -le wandelt, und dem altbayrisch-oberpfälzer-erzgebirgischen Raum, wo der Diminutiv auf -el endet. Nürnberg liegt an der Dialektgrenze, die offenbar im 14. Jahrhundert wie auch später gilt. Während in Nürnberg die Endung -lein noch wesentlich häufiger ist als die Endung -el, ist es im nur 35 km südöstlich gelegenen Neumarkt bereits umgekehrt.

64)    Würzburger Lehenbuch (wie Anm. 38). Die Schreibweise des Namens in der Urkunde ist 'Lemmelin'. Am Blattrand des Lehenbuches sind zur besseren Übersicht die Namen der Lehensträger herausgeschrieben. Bei Irmela Lemmelin steht am Rand "Nach Lemler". - Der Eintrag ist zwischen 1335 und 1337 zu datieren. - Der mittelalterliche Schreiber der Namen am Blattrand sah also 'Lemler' und 'Lemmelin' als maskuline und feminine Formen des gleichen Namens an. - H. HOFFMANN, Das älteste Lehenbuch des Hochstifts Würzburg, 1. Teilbd., 1972, S.358, Nr.3539; hier ist der Name mit Lemmelerin unrichtig wiedergegeben und so bei H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.226 übernommen.

65)    Wie Anm. 38 sowie 1337 Lemlinne: BayHStA München, Urk. KU Seligenporten 1337 VI 26; 1343 Lemlinn: BayHStA München, Urk. Nürnberg Reichsstadt Nr.635; 1348 Lemblinn: G.W.K. Lochner, Geschichte der Reichsstadt Nürnberg zur Zeit Kaiser Karls IV., Berlin 1873; 1352 Lemlein: E. Guttenberg, A. Wendehorst, Germania sacra, II. Abt. Bd. 1, Berlin 1966, S.296; 1354 Lemblinne: BayHStA Brandenburg-Ansbach U 619; 1360 Lemlinn: BayHStA München, Urk. Nürnberg Reichsstadt Nr.1053; 1360 Lemblein: Mtlgn. d. Vereins f. Nürnberger Geschichte 47, 1956, 182 und Müller, Annalen, Quellen zur Gesch. u. Kultur d. Stadt Nürnberg 8, 1972, 51; 1363 Lemlin: BayHStsA München Urk. Nürnberg Reichsst. Nr.1153.

66)    1392 Lemmel, Lemel, s. Anm. 41. - 1397 Wernher Lembel, laut SCHEFFLER-ERHARD (wie Anm. 41).

67)    Ausführlich s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1).

68)    Vereinzelt deutet ein Schnörkel hinter den Namensformen Leml und Lembl an, dass es sich um eine abgekürzte Schreibweise für Lemlein und Lemblein handelt. Die Mehrzahl der Leml- und Lembl-Vorkommen ist jedoch eindeutig nicht als Abkürzung zu lesen.

69)    W. KÖNIG, dtv-Atlas zur deutschen Sprache, Deutscher Taschenbuch-Verlag, Bd. 3025, 1978, S.157.
 

Im 15. Jahrhundert gibt es ein halbes Dutzend Nachweise, dass ein Bamberger Lemlein, der nach Osten oder Südosten abwan-dert, den Namen in Lemel oder Lemmel verwandelt (70). Bestes Beispiel ist "Lemel de Babenberga" 1440 an der Universität Wien (71), obgleich in Bamberg der Name fast nur als "Lemlein" aber nie als "Lemel" vorkommt. Das meines Wissens einzige Vorkommen des Namens "Lemmel" in Bamberg ist die Äbtissin Margaretha Lemmel (er-wähnt 1464-1481), die bezeichnenderweise aus Nürnberg stammt (72).

Freilich kann eine Dialektlandkarte, die für die Landbevölkerung gilt, nicht maßgeblich sein für die standesmäßig herausgehobenen Urkundenschreiber, die in ihren Kanzleien individuelle Gewohnheiten in Dialekt, Stil und Rechtschreibung haben mochten. Ich möchte daher betonen, dass meine angeführten Beobachtungen über die Varianten des Namens Lemlein und die Entstehung des Namens Lemmel nicht von Dialektforschungen und Namenstheorien hergeleitet wurden sondern Fakten sind; sie beruhen ausschließlich auf Urkunden, in denen keine Zweifel an der Identität der Namensträger bestehen.

Ergebnis: Der Name Lemmel entsteht in Nürnberg (und weiter östlich), nicht aber in Bamberg.


70)    Einzelheiten s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1).

71)    Die Matrikel der Universität Wien, Bd. 1,1956.

72)    M. LANDGRAF, Das Jungfrauenkloster Sankta Clara der strengen Regel zu Bamberg, 1838. - N. HAAS, Geschichte der Pfarrei Sankt Martin in Bamberg, 1785, S.147. - Danach gibt das Kalendarium des Klosters von 1497 an: "Margaretha Lemmel von Nürnberg". Die Einordnung bei H.E. LEMMEL (Herkunft, wie Anm. 3, S.125) als Tochter des Bambergers Franz Lemlein ist daher unrichtig.

73)    entfällt


5. Wer war der Mann der Irmel Lemlein?

Zur Nürnbergerin Irmel Lemlein, die bei ihrer ersten Nennung 1335 verwitwet ist, ist eine Altersabschätzung wesentlich. Die von 1335 bis 1341 genannten sechs Kinder sind zu dieser Zeit bereits mündig; Fritz lebt noch 1383. Für die Geburten dieser sechs Kinder muss man einen Mindest-Zeitraum von zehn Jahren annehmen. Demnach sind die Geburtsjahre von Irmels Kindern mit guter Sicherheit zwischen etwa 1305 und 1320 anzunehmen. Setzt man voraus, dass Irmel die leibliche Mutter ist (und nicht eine Stiefmutter), dann muss sie etwa um 1280/85 geboren worden sein. Ihr Tod kurz nach 1363 erfolgte dann im Alter von etwa 80 Jahren.

Vor 1335 sind in Nürnberg nur zwei Lemlein-Urkunden bekannt. 1304 wird "H. Lemlein", ein anderes Mal "Lemlin", im Handlungsbuch der Nürnberger Holzschuher genannt (74). 1305 ist "Chunrad Lembelin" Bürger in Nürnberg, wo er für einen Neubürger bürgt (75). Da in dem Bürgerverzeichnis, das im Jahre 1302 beginnt, kein Lembelin als Neubürger angeführt wird, muss Chunrad Lembelin bereits vor 1302 Nürnberger Bürger gewesen sein.



Nürnberger Bürgerbuch 1305: Für Fritz von Golnhoven bürgen H. Stromayr und Chunr. Lembelin

Nach der Altersabschätzung der Irmel Lemlein (* etwa 1280/85) muss es offen bleiben, ob einer der beiden 1304 und 1305 in Nürnberg genannten Lemlein als Irmels etwa 1275/80 geborener Mann oder eher als ihr wohl vor 1250 geborener Schwiegervater in Frage kommt. Nach den Nürnberger Urkunden ist diese Frage nicht zu beantworten.

Aus dem Besitz der Witwe Irmel zu schließen, muss ihr Mann in Nürnberg in gutem Stande gelebt haben. Wenn die Nürnberger Urkunden im Zeitraum 1305-1335 nichts über einen Lemlein berichten, so zeigt sich, wie lückenhaft die erhaltenen Urkunden sind; ich sehe keinen Anlass dafür, die Nicht-Erwähnung dahin zu interpretieren, dass Irmels Mann in dieser Zeit nicht in Nürnberg gelebt habe.

74)    A. CHROUST, H. POESLER, Das Handlungsbuch der Holzschuher in Nürnberg 1304-1307 (GesFränkG, 10. Reihe, Bd. 1), 1934. Zitiert bei H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.85 u. 99, Ziffer 1760: "H. Lemlein: ii sol. Brev. ante Tenzelinnam. Item persolvit 44 Babenbergensis." (Datiert: 1304.) - Ziffer 2041: Item Piderolf et Lemlin: II sol. long. er 6 hall, pro 2 albo pelicium. - H.E. Lemmel deutet "H." Lemlein nicht als Abkürzung des Vornamens, sondern als "Herr", was ich für wenig wahrscheinlich halte. - Die hier genannte Familie Tenzel ist 1311 als Nürnberger Bürgersfamilie bekannt, während die Piderolf als Schöffen in Meiningen, hier in der Form Bitterolf, vorkommen (laut H.E. Lemmel).

75)    1305 bürgen in Nürnberg H. Stromair et Chunr. Lembelin für den Neubürger Friczo de Golnhouen. - Nürnberger Bürgerverzeichnis 1302-1315, Staatsarchiv Nürnberg Rep. 52 b, Amts- und Standbuch Nr.228 fol. 4a. - G. HIRSCHMANN (Hg.), Die Nürnberger Bürgerbücher (QGKultNürnb Bd. 9), 1979, Nr.98. - H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.95 f.


Angesichts der eben diskutierten Entwicklung des Namens Lemmel erscheint es mir in diesem Zusammenhang von Bedeutung zu sein, dass 1319 ein "Hermannus Lemmel" mit Äckern bei Haßfurt am Main belehnt wird (76), mitten in einer Gegend, wo die Diminutiv-Endung -el nicht vorkommt und, insbesondere, nicht entstehen kann. Es ist dies das erste und für 15 Jahre einzige Auftreten des Namens Lemmel. Das nächste und wiederum für lange Zeit einzige Auftreten dieser Namensform findet sich im gleichen Würzburger Lehenbuch mit der Nümbergerin Irmel "Lemmelin" 1335/37. Nachdem, wie gezeigt, die Entstehung des Namens Lemmel dem Nürnberger Dialekt entspricht, und nachdem dieser später häufige Name zu dieser Zeit noch extrem selten ist, halte ich den 1319 bei Haßfurt belehnten Hermann Lemmel mit größter Wahrscheinlichkeit für einen Nürnberger, und zwar für den in Nürnberg mit Hausbesitz lebenden, dort aber mangels erhaltener Quellen nicht erwähnten Mann der Irmel Lemmelin/Lemlein.

Die Nennung von "H. Lemlein" 1304 im Holzschuherbuch findet eine Erklärung als Abkürzung von Hermann. Entsprechend der Geburtsjahr-Abschätzung für Irmel müsste er zu dieser Zeit ein noch junger Mann sein, geboren etwa 1280. Chunrad Lembelin, der 1305 in Nürnberg würdig genug ist, um für einen Neubürger zu bürgen, dürfte älter sein und kommt als Hermanns älterer Bruder, aber insbesondere auch als dessen wohl um 1250 geborener Vater in Frage. Er müsste dann auch der Vater des Bamberger Schöffen "Lemblin" von 1331 sein.

76)    Würzburger Lehenbuch (wie Anm. 38), Blatt 19'. - HOFFMANN (wie Anm. 64), S.156 Nr.1487. - HÜTTNER (wie Anm. 47), S.90, Nr.393. - H.E. LEMMEt, Herkunft (wie Anm. 3), S.22 f., Kontinuität (wie Anm. 7), S.80, 102.

77)    entfällt


 
Nach Herbert E. Lemmel (78) war Irmel Lemlein vermutlich eine geborene Holzschuher, und zwar Tochter des 1339 gestorbenen Friedrich Holzschuher. Dieser war einer der Brüder, über deren Textilhandel das Holzschuherbuch 1304-1307 geführt wurde, in dem "H. Lemlein", also Hermannus Lemmel, als Geschäftspartner erwähnt wird. Und zwar zahlen die Holzschuher dem Lemlin einen Geldbetrag "pro 2 albo pelicium" (74). 'Album' ist ein weißer Farbstoff, der in der Kürschnerei verwendet wird (pellis = Fell, Haut, Leder). Als Lemlins Partner wird ein "Piderolf" angegeben, der möglicherweise aus der Meininger Schöffenfamilie Bitterolf stammt (74).

Die Identität der Irmel Lemlein als Holzschuherin ist freilich nicht erwiesen; sie ist jedoch plausibel: Die Nachkommen der Irmel Lemlein haben mehrfach Beziehungen zur Familie Holzschuher, wobei es sich stets um Nachkommen des Friedrich Holzschuher handelt (79). Auch die Sitte der Holzschuhertöchter, die typischen Holzschuhervornamen an ihre Nachkommen zu vererben (80), findet sich bei Irmel bestätigt: ihr Sohn Fritz heißt nach ihrem mutmaßlichen Vater; ihr Sohn Seitz trägt den Namen ihres Großvaters und eines ihrer Brüder; ihr Sohn Heinrich trägt den Namen ihres Großvaters, der freilich allenthalben häufig ist.

Im Holzschuherbuch ist es üblich, dass die Verwandten stets als solche bezeichnet werden (80). Man sollte daher annehmen, dass H. Lemlein im Holzschuherbuch entsprechend als Schwiegersohn bezeichnet sein müsste, was aber nicht der Fall ist. Diesem Einwand kann man zwanglos durch die Annahme begegnen, dass die Heirat zwischen Hermann Lemlein und Irmel Holzschuher erst nach dem Eintrag im Holzschuherbuch, also nach 1304 stattfand, was mit dem oben abgeschätzten Geburtszeitraum von Irmels Kindern im Einklang ist.

Wenn Irmel tatsächlich Tochter des Friedrich Holzschuher ist, dann ist laut Nürnberger Genealogien (aber nicht urkundlich belegt!) ihre Mutter eine Stromer (81), also wohl nahe verwandt mit H. Stromayr, der 1305 zusammen mit Chunrad Lembelin als Bürge genannt ist.

Ergebnis: Mit allem Vorbehalt, der bei der Unsicherheit der Quellen angebracht erscheint, kann man annehmen: Chunrad Lembelin und sein um 1280 geborener mutmaßlicher Sohn Hermann lebten um 1300 als Fernhändler in Nürnberg, mit Beziehungen zu den Unternehmerfamilien Stromer und Holzschuher. Sie hatten Lehen des Würzburger Bischofs bei Ansbach und Haßfurt. Der Handel, der zumindest teilweise mit Kürschnerei zu tun hatte, brachte stattlichen Besitz ein, den 1335 die Witwe Irmel Lemlein verwaltete, die wohl eine geborene Holzschuher war. Da die Bamberger Lemlein aus Nürnberg stammen, muss man den Bamberger Zehntschöffen (Cunrad) Lemblin von 1331 als Sohn des Nürnberger Chunrad Lembelin ansehen. Damit ergibt sich das in Tafel 2 wiedergegebene genealogische Schema als die wahrscheinliehste Lösung für den gemeinsamen Ursprung der Nürnberger und Bamberger Lemlein.

78)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 32 f. Fußnote 73.

79)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), 5. 38 f. - H.D. LEMMEL, (wie Anm. 1). - Vergl. Anm. 86.

80)    G. WUNDER, Mtlg. 1982.

81)    J.C. GATTERER, Historia Genealogica Dominorum Holzschuherorum, 1760, Tafel II. - Vergl. aber A. SCHARR, Zur Genalogie des Nürnberger Patriziats: Friedrich I Holzschuher und seine Ehefrau Jutta Graf, BllFränkFamilienkde, Bd. 8, 1962, S. 144. Die hier angegebene (zweite) Ehe des Friedrich Holzschuher mit Jutta Graf widerlegt nicht die (erste) Ehe mit einer Stromerin.

    Chunrad Lembelin, * etwa 1250
    vor 1302 Bürger in Nürnberg,
    1305 Bürger zusammen mit H.Stromayr
            ┌────────────────────────────────────────────────────────┬──────────┐
            │                                                        │          │
    Hermann Lemmel/Lemlein  oo mit Irmel                            ???    Conrad Lemlein
    * etwa 1280              (geb.Holzschuher, T.v.                        * etwa 1290
    1304 H.Lemlein im        Friedr.H.oo Stromer)                    │   1325 Pödeldorf, 1348 s.Witwe
      Holzschuherbuch         * etwa 1280/1285                           1331 "Lemblin" Schöffe Bamberg
    1319 Hermann Lemmel bei  ab 1335 Irmel                           │   1357 Witwe Lemlerin in Bamberg
      Hassfurt belehnt         Lemmelin/Lemlein                                 │
    † vor 1335                 in und um Nürnberg                    │          │
            │                † nach 1363                                        │
            └─────────────┬──────────┘                               │          │
         ┌───────────────┬┴─────────┬─────────┬─ ─ ─ ─ ─ ┐       Chunrad        │
    Fritz Lemlein   Saiz Lemlin  Heinrich   drei     H.Lemlein   Lömel          ├─────────────┐
    * um 1305/10    * um 1310    Lemlein   Töchter   * um 1315   * um 1310   Conrad        Heinrich
    Nürnberg,       1335 Bi-     *1310/15            1363/70     †vor1343    Lemlein       Lemlein
    1357-74           schofsbach 1337 aus            Meister in  Wwe Kunel   * um 1325     * um 1325
      Genannter,    1343 Traun-  Nürnberg              Nürnberg  Lemblinne   erw. ab 1371  1361 Bamberg
    1379/83           feld bei   verbannt                 │      1343 Heng,  in Bamberg,
      Wolfstein       Neumarkt                            │      1358 Neu-    Schöffe
         │                                         Ulrich Lemel     markt    † vor 1398
         │                                           1388,1397       │           │
    Werner Lembel                                    Meister in  Conrad      Die Lemlein in
    Genannter Nürnberg                                 Nürnberg  Lömlein/    Bamberg, ein Zweig ab
                                                                  Lemmel     1440 in Nürnberg
                                                                 1370-1407
                                                           Neumarkt,
                                                                  Schöffe

Tafel 2: Die ersten Generationen der Nürnberger und Bamberger Lembelin/Lemlein und
         ihr wahrscheinlicher genealogischer Zusammenhang


6. Soziale Stellung

Zur sozialen Stellung der Nürnberger Lemlein ist zu sagen, dass sie trotz der Kontakte zu den erstrangigen Familien Holzschuher und Stromer im 14. Jahrhundert nicht zu den führenden Konsuln und Schöffen gehörten (52) sondern nur, ab 1357, zu den Genannten des Größeren Rates. Dagegen erlangten die abgewanderten Zweige in Bamberg und Neumarkt die Schöffenwürde. Wahrscheinlich waren sie Kaufleute, hatten aber auch einen Handwerksbetrieb, so dass sie wohl teilweise mit Selbstproduziertem oder Selbstverarbeitetem handelten. Einen Hinweis liefert der Eintrag von 1304 im Holzschuherbuch, der mit Kürschnerei zu tun hat. Fritz Lemlein muss um die Mitte des Jahrhunderts zu Reichtum gekommen sein, der sogar zum Erwerb eines Adelssitzes führte: Bis zur Heimzahlung von 100 Mark Silbers (1379) und 1000 Mark Goldes (1383) wurden ihm die Feste Wolfstein und der Markt Allersberg bei Neumarkt in der Oberpfalz verpfändet (83); kurz darauf verkaufte er jedoch beides an Steffan von Wolfstein (84), der einem anderen Zweig der Wolfsteiner angehörte als der Vorbesitzer. Während dieser Erwerb also fehlschlug, muss ein anderer erfolgreich gewesen sein, denn um 1400 saß ein Lemel, wohl ein Sohn oder Neffe des Fritz, auf dem nahegelegenen ländlichen Adelssitz Reichertshofen, der dann durch einige Generationen Sitz der Lemel von Reichertshofen wurde (85).

82)    Laut Mtlg. H. Frhr. v. HALLER sind die Ratslisten so vollständig (abgesehen von der Zeit des sogen. Handwerkeraufstandes), dass mit Bestimmtheit keiner der Nürnberger Lemlein des 14. Jh. im Rat war. Der erste und einzige der Familie ist der aus Bamberg stammende Hans Lemlein, der 1447 und 1450 bis zu seinem Tod 1473 dem Rat angehörte. Frhr. v. Hallersches Archiv, CHH-II f. 311ff. (älteste Nürnberger Ratslisten). - Die Erklärung bei H.E. LEMMEL (Herkunft, wie Anm. 3, S. 139 f.), dass Hans Lemlein diese Würde seiner Herkunft aus einem der großen fränkischen Adelsgeschlechter verdanke, erscheint mir unhaltbar.

83)    BayHStsA München, Urk. Kurbaiern 22903 von 1379 (früher Sulzburg/Pfalz Nr.59), Urk. Kurbaiern 22900 von 1383 (früher Sulzburg/Pfalz Nr.68). - Regesta Boica Bd. 10, 1843, S.25.

84)    D. KOELER, Historia Genealogica Wolfstein, S.43, laut Mtlg. v. HESSBERG an H.E. LEMMEL 1965 u. Mtlg. G. FUCHS, Heimatpfleger Neumarkt, 1982.

85)    Über die Ursprünge der Familie Lemel von Reichertshofen (nach Reichertshofen bei Neumarkt!, nicht zu verwechseln mit der Familie Lemble von Rennertshofen und Reichertshofen bei Ingolstadt und Neuburg/Donau) siehe HANS-DIETRICH LEMMEL, Die Nürnberger Lemmel in der Oberpfalz, unveröffentlichtes Manuskript 2005. Steffan Lemel/Lämbel zu Reichertshofen, der 1421 bis 1444 in zahlreichen Urkunden des BayHStsA München genannt wird, ist 1408 als Stephan Lemel de Barsperg an der Univ. Heidelberg immatrikuliert. G.TOEPKE, Die Matrikel der Univ. Heidelberg 1386-1662, Bd. 1, 1884. Sein namentlich unbekannter Vater muss also bereits 1408 in Parsberg ansässig gewesen sein sowie auch in Reichertshofen, das der Sohn Steffan als 'Erbe von alters her' innehat, und in Lupburg, wo 1400 'ein Lemmel' saß. J. PLASS, Der oberpfälzische Adel, 1880. Wegen Wappengleichheit (kein Lamm-Wappen sondern ein Wolfswappen!) müssen die Reichertshofener Lemel vom Nürnberger Saiz Lemlein abstammen. 


 
Über den Ursprung des Wohlstandes gibt es keinen direkten Nachweis. Unter den knapp 30 bekannten Nürnberger Lemlein-Urkunden des 14. Jahrhunderts sind fünf, die Beziehungen zur Familie Holzschuher (86) zeigen und weitere fünf mit Beziehung zur Familie Stromer (87). Andere Namen kommen nur je einmal oder allenfalls zweimal (Stör und Schürstab) vor. Werner Lemlein kauft 1393 von Hermann Stromer ein Anwesen am 'Vischbach', wo die Zentrale der Stromeir-Gesellsehaft, des führenden Handelshauses dieser Zeit, lag (88). Eine förmliche Zusammenarbeit in einer Stromer-Lemlein-Gesellschaft ist nicht belegt, aber eine lose Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten wird man annehmen können, so wie es eine Generation später deutlich wird: 1425 wurde bei Chemnitz ein Kaufmannszug beraubt, dem neben einem Stromer und einem Imhof auch Fritz Held von Bamberg angehörte, der Agnes Lemlin zur Frau hatte (89).

Trotz dieser engen Kontakte zu prominenten Handelshäusern meldet keine Nürnberger Quelle, was die Lemlein selbst geleistet haben. Es scheint nur einen einzigen, noch dazu äußerst unsicheren Beleg über ein Lemleinsches Unternehmen in der Mitte des 14. Jahrhunderts zu geben.

Nach einem etwas fragwürdigen Bericht von 1732 gab es im Archiv der Gemeinde Prösau eine Urkunde des 14. Jahrhunderts über ein Silberbergwerk im Kaiserwaldgebirge bei Eger (90): "Es ist ein reiches Silberbergwerk im Jahre 1352 über Prösau hin. Linker Hand läuft ein Wasser und ist ein Stein, darauf ein Lamm gehauet; bei dem sogenannten Kuhruh ist ein reicher Schatz zu finden. In einem Stollen auf einem Schacht zu sind in einem Querschlag beiläufig 12 Zentner Silber zu finden. Dieses Bergwerk hat gebaut ein reicher Kaufmann aus Nürnberg, war der größte Bauherr. Durch Kriegsunruhen, Religionsstreitigkeiten eingeschlafen." Nach dieser Beschreibung habe man dann den Stein mit dem Lamm und das alte Stollenmundloch gefunden.

86)    Holzschuher: 1304 zweimalige Erwähnung im Holzschuher-Handlungsbuch (wie Anm. 74). - 1337 Herr Fritz Holzschuher Zeuge für einen Hofkauf zu Solar durch Frau Irmel die Lemlinne (wie Anm. 39). - 1343 ist Herr Fritz Holtzschuher Zeuge für einen Gutsverkauf in Traunfeld durch Frau Irmel die Lemlinn (wie Anm. 39). - 1365 sind Herr Seytz Holzschuher und Herr Fritz Lemlein Zeugen eines Kaufbriefes zwischen Berhtolt und Albrecht Holzschuher. J. C. GATTER: Historia Genealogica Dominorum Holzschuherorum, 1755, Tl. 2, S.58, Urk. 53. - 1365 ist Herr Seiz Holzschuher Zeuge für einen Hofverkauf des Fritz Lemlein. StsA Nürnb., Rep. 52a, Nürnberger Handschriften Nr.236, Des Nürnbergischen Geschlechterbuches anderer Teil, fol. 241-243. - 1405 bezeugt Herr Wernher Lambleyn einen Hofverkauf durch Friedrich Holzschuher. BayHStsA München, Ritterorden, Kommende Ellingen Urk. Nr.2039, laut H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.39.

87)    Stromer: 1305 H. Stromair und Chunrad Lembelin zusammen als Bürgen (wie Anm. 75). - 1375 sind Fritz Lemlein und Peter Stromer zusammen Zeugen. Geschlechterbuch (wie Anm. 86). - 1375 bezeugen die Herren Lewpolt Schurstab d. J. und Fritz Lemlein einen Gutskauf des Herrn Peter Stromeyr. M. THIEL, Archiv der Frhr. Stromer v. Reichenbach auf Burg Grünsberg, (Bay. Archivinventare 34), 1972, S.28, Nr.61. - 1393 kauft Werner Lemlein in Nürnberg von Hermann Stromer ein Eigen bei St. Lorenz am Vischbach gelegen. Welserisches Archiv laut IMHOFF, Geneal.Hdb.d.rats- u. gerichtsfähigen Familien Nürnbg, 9. Forts., 1900, S.256. - 1403 hat Hermann Stromeyr einen Besitz am Frawentor in Nürnberg. Dabei ist eingefügt: Wernher Lemblin, was später wieder gestrichen wurde. StsA Nürnb., Losungsliste der Lorenzer Stadthälfte von 1403, Amts- und Standbücher Nr.280, fol. 6, laut Mtlg. Dr. MACHILEK.

88)    W. v.STROMER, Hochfinanz (wie Anm. 2), S.73.

89)    ROTH: Nürnberger Handel, Bd. 1, 1800, S.163. - H. Frhr. v. HALLER, Landadel und Stadtadel, in: BllFränkFamilienkde, 9, 1967, S.78. - Schwager des Fritz Held von Bamberg, der bei Chemnitz überfallen wird, ist der Bamberger Mertein Lemlein, der wahrscheinlich mit dem 'Lemel' identisch ist, der 1437 Bürger in Chemnitz wird (vergl. Anm. 13).

90)    A. FRIESER, Das Erzvorkommen im Kaiserwaldgebirge und seinen Nachbargebieten, in: Unser Egerland 19, 4915, S.78
 

Will man diesem Bericht aus zweiter und dritter Hand überhaupt Glauben schenken (91), dann muss es Fritz Lemlein gewesen sein, der als "reicher Kaufmann aus Nürnberg" 1352 das Silberbergwerk bei Prösau errichtete und daran sein Wappen, ein Lamm, in Stein hauen ließ. Das Lamm-Wappen ist für die Lemlein nach 1400 mehrfach belegt, so dass man annehmen kann, dass auch Fritz Lemlein bereits das Lamm im Wappen führte.

Dieser unsichere Bericht, dem man, für sich allein genommen, kaum Beweiskraft zubilligen würde, wird dadurch glaubhaft, dass 1371 ein Chunrat Laembel von Eger (92) erwähnt wird, den man im Zusammenhang mit dem Lammbergwerk als Sohn von Fritz Lemlein sehen kann. Im Eisenerzgebiet von Arzberg (in Rothenpach, heute Röthenbach) wird 1395 ein "Lemel"  (ohne Vorname) genannt (93).

Auch im nahegelegenen Fichtelgebirge dürften die Lemlein im Bergbau tätig gewesen sein: 1386 hat ein Ulrich Lemlein (94) ein Lehen in Gollenbach bei Bayreuth inne; vielleicht ist er identisch mit Ulrich Lemel, der 1388 und 1397 in Nürnberg (95) genannt ist. Nachkommen in Bayreuth sind wohl Apel Lemlein/Lemel, erwähnt ab 1444, Ratsherr in Bayreuth, und dessen Sohn Johannes Lemmel, erwähnt ab 1455, 1477-1483 Gewerke in Goldkronach (96). Demnach kann man vermuten, dass schon 1386 Ulrich Lemlein hier mit dem Bergbau zu tun hatte.

Ergebnis: Die Lemlein waren um 1300 in Nürnberg eine zweitrangige Kaufmannsfamilie mit Kontakten zu den erstrangigen Gesellschaften der Holzschuher und Stromer. Sie hatten teils mit Kürschnerei zu tun (1304) und unterhielten offenbar einen Handwerksbetrieb (1363-88) unbestimmter Art. Ihr um 1380 feststellbarer Reichtum, der schließlich sogar zum Erwerb eines Adelssitzes führte, stammte vermutlich aus Bergbauunternehmen um 1350 im Kaiserwaldgebirge bei Eger und im Fichtelgebirge. Da die spärlichen Überlieferungen sicher nur eine sehr zufällige Auswahl der tatsächlich vorhanden gewesenen Lemleinschen Aktivitäten darstellen, erhebt sich die Frage, ob sich die Familie auch in anderen Bergbaugebieten und Handelsstädten dieser Zeit nachweisen lässt.

91)    Laut Mtlg. H. Frhr. v. HALLER gab es im Kaiserwaldgebirge schon im 13. Jh. Bergbau in primitiver Form (J. MAIER, Tezba cinu ve Slavkovske'm lese v 16. stoleti, Praha 1977, S.12f.), eine Beteiligung auswärtiger, oberdeutscher Unternehmer sei aber vor Mitte 15.Jh. nicht bekannt.

92)    BayHStsA München, Bestand Regensburg S:1.D25. - Regensburger Urkundenbuch Bd. 2 1351-1378 Monumenta Boica, Bd. 54), 1956, S.379, Regest 944. - H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.235, 249; die Behauptung, dass Conrad Laembel in Eger an der Spitze der dortigen Ratsherren Lamp-Lemblein steht, ist nicht haltbar: weder kenne ich hier einen Namensträger Lemblein, noch kenne ich ein Indiz dafür, dass die Lemp oder Lamp in Eger oder anderswo ein Zweig der Nürnberger Lemlein sein sollten.

93)    K. SIEGL, Das Musterungsbuch der Egerländer Bauernschaft vom Jahre 1395, in: Unser Egerland, Jg. 22,1918, S.14: Lemel stellt 2 goppen, 2 hantschuch, 1 spiez, 1 eiserner Hut. - M. SIMON, Arzberger Heimatbuch, 1954, S. 51, laut H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.64.

94)    Das Landbuch A des Amtes Bayreuth 1386-1392, in: ArchGObFrank Bd. 29,
1924-26, S.116.

95)    Wie Anm. 50.

96)    StadtA Bayreuth, Ältestes Stadtbuch und verschiedene Steuerlisten laut frdl. Mtlg. Archivar J. WINKLER. - M. BENDINER, Die Rechnungen über den Bau der Kirche St. Maria Magdalena zu Bayreuth, in: ArchGObFrank 17, 1889. - 1455 Iohannes Lemml de Peyruth Univ. Leipzig: G. ERLER, Codex Diplomaticus Saxoniae Regiae, 2. Hauptteil Bd. 16, 1895. W. NEUKAM, Ein Gewerkenbuch von Goldkronach aus den Jahren 1481/83, in: MittV-GNürnb, Bd. 44, 1953. - Weitere Quellen s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1) u. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 111ff., wo aber die genealogische Einordnung, die nach wie vor unsicher ist, überholt ist.


7. Österreich und Kärnten

Im bayrisch-österreichischen Raum kommt der Name Lempel in verschiedenen Varianten recht häufig und stellenweise frühzeitig vor. 1150 leben Rupertus und Heinricus Lambel/Lembel in Tarsdorf bei Burghausen am Inn (97). 1254 ist Chunradus Laempel Zeuge einer Schenkung an das Kloster Gleink bei Steyr (98). Gleink ist Bamberger Besitz. Ab 1297 gibt es zahlreiche Lempel-Urkunden in der Gegend von Baumgartenberg an der Donau unterhalb von Linz (99). Ab 1394 ist die Ratsfamilie Lempel in Freistadt in Oberösterreich nachweisbar (100), einem alten Handelsplatz des Steyrer Eisens nach Böhmen. 1316 ist Hainricus Lömel auf einem Freisinger Besitz in Waidhofen an der Ybbs genannt (10l). Jacobus filius Chunradi Lemblini verkauft 1368 in Wien sein Haus am Graben (102). Wiland der Lemel und seine Söhne Hans, Nikel und Jokel von Velach in Kärnten verkaufen 1374 einen Acker (103). Um 1500 ist Georg Lämpel in Bruck an der Mur Stammvater eines reichen Gewerkengeschlechtes im steirischen Eisenerzwesen (104).

Ein genealogischer Zusammenhang all dieser Familien ist nicht nachweisbar und zumeist auch nicht anzunehmen (l05). Bei einigen gibt es jedoch Indizien, dass sie zur Nürnberger Familie Lemlein gehören können. Die Handelsstraße der Donau, der Bergbau in den Alpen und der dortige Bamberger Besitz sind vielfacher Grund für eine mögliche Abwanderung der fränkischen Familie Lemlein nach Österreich, Steiermark und Kärnten.

Auffallend sind in Velach die Namensform Lemel, die, wie gezeigt, in Nürnberg entsteht, und in Waidhofen die Namensform Lömel, die in Neumarkt entsteht. Ich will nicht behaupten, dass diese Namensformen nicht auch andernorts entstehen können; aber sie sind kaum österreichischen Ursprungs, wo Namensformen wie Lampl, Lempel oder Lämbl eher den Dialekten entsprechen, und wo manchem später zugewanderten Lemmel der Name alsbald in Lämbl umgewandelt wird (106).

97)    Monumenta Boica Bd. 3,1764, S.256. - K. v. DUMRATH, Die Traditionsnotizen des Klosters Raitenhaslach (QErörtBayerG, NF 7), 1938, S.20.

98)    Urkundenbuch des Landes ob der Enns 3,1862, S.213.

99)    Urkundenbuch des Landes ob der Enns 4, 1867, mehrere Regesten.

100)    Stadtarchiv Freistadt (Urkundenbuch des Landes ob der Enns, 11), 1941-56, S. 311, 336. 101) Codex Diplomaticus Austriaco Frisingiensis 3 (FontRerAustr Bd. 36), Urbariale Aufzeichnungen, S.404.

102)    StadtA Wien, Landtafel und Grundbuchamt Wien. - QGWien, Teil 3, Bd. 1, Nr.126.

103)    Archiv Schloss Thurnau in Oberfranken, Urk. Nr. S-64 aus dem Archiv Landskron/ Kärnten, laut G. KHEVENHÜLLER, Das Landskroner Archiv; österreichische Urkunden im Schloss Thurnau, in: ArchVaterldGKlagenfurt, Bd. 55,1959, S.72.  Das Archiv Thurnau, das heute zur Universität Bayreuth gehört, ist noch ungeordnet und unzugänglich, laut Mtlg. PEZOLD, 1952.

104)    SteiermLandesA Graz, zahlreiche Urkunden. - A. v. PANTZ, Die Gewerken im Bannkreis des Steirischen Erzberges, in: JbHeraldGesAdler NF Bd. 27/28,1917/18, S.170 f.

105)    H.D. LEMMEL, Die Lemmel/Lämbl/Lampl in Österreich 1254-1625, Vortrag Wien 1976, Ms in der Herald.Geneal.Ges. Adler, Wien.

106)    H.D. LEMMEL, G. LEMMEL, Hans Lemmel in Wien, Handelsmann - Ratsherr - Protestant, in: WienGBll 35,1980, S. 69-81.
 
Die wenigen weiteren österreichischen Vorkommen des Namens Lemel erweisen die Herkunft. In der Wiener Universitätsmatrikel (107) findet sich 1403 Ulricus Lemel unter der 'Rheinischen Nation', die (neben der österreichischen, sächsischen und ungarischen Nation) nicht nur das Rheinland sondern auch den bayrisch-fränkisehen Raum umfasst. Schließlich findet sich 1440 'Lemel de Babenberga' an der Wiener Universität. Demnach gibt es zwar keinen Beweis, aber durchaus gute Gründe für die Annahme, dass die Lemel/Lömel in Velach und Waidhofen aus der Nürnberger/Bamberger Familie Lemlein/Lemel stammen.

Bedeutungsvoll erscheint mir, dass die Lemel/Lömel in beiden Fällen in Bergbauzentren auftreten. Waidhofen liegt am Fuße des niederösterreichischen Eisenerzgebietes der Eisenwurzen und bietet, neben Steyr, auch Zugang zum steirischen Erzberg bei Eisenerz. Hainricus Lömel, der 1316 in Waidhofen genannt ist, mag also mit dem Bergbau zu tun haben. Er ist in die gleiche Generation einzuordnen wie Hermann Lemmel/Lemlein in Nürnberg.

Eine Generation jünger ist Wiland Lemel in Velach. Da er 1374 zusammen mit Söhnen genannt ist, dürfte er, grob geschätzt, um 1320 geboren worden sein. Er gehört also der gleichen Generation an wie der Nürnberger Bergunternehmer Fritz Lemlein und der Bamberger Schöffe Conrad Lemlein. Bei Velach handelt es sich um den heutigen Ort Obervellach im Mölltal (108), das schon im 13. Jahrhundert ein Zentrum des Oberkärntner Edelmetall-Bergbaues war (109): in den Gräben der Kreuzeckgruppe gab es bedeutende Gold- und Silberfunde, und im Jahre 1313 wird in Obervellach ein Münzmeister genannt; im Markt Obervellach leben nicht nur die Bergunternehmer des Mölltales sondern auch reiche Kaufleute, die die Knappen mit Brot, Fleisch und Talg für Grubenlichter versorgen. Aus dem 14. Jahrhundert sind für Obervellach nur sehr lückenhafte Quellen erhalten, die kein zuverlässiges Bild über die Bergunternehmerfamilien ergeben. Es ist jedoch bemerkenswert, dass nach der gleichen Quelle, in der Wiland Lemel genannt ist, auch ein Rupel Schütz in den Jahren 1340 und 1342 Güter verkauft, und zwar ebenso wie Lemel an die Familie von Groppenstein (110). In Bamberg aber sitzen 1423 und später Hans Lemlein und Hans Schütz gemeinsam auf der Schöffenbank (111), und um 1490 sind der Nürnberger Ulrich Schütz und der Bamberger Merten Lemel als reiche Kaufleute Nachbarn in Chemnitz (l12). - So spricht einiges dafür, dass Wiland Lemel in Obervellach der gleichen Familie zuzurechnen ist wie die Nürnberger und Bamberger Lemlein.

107)    Wie Anm. 71.

108)    D. NEUMANN, Museum der Stadt Villach, Mtlg. 1982.

109)    H. BRAUMÜLLER, Zur Geschichte des Marktes Obervellach, in: Carinthia 1,153. Jg., 1963, S.702-713. - H. WIESSNER, Geschichte des Kärntner Edelmetallbergbaus, in: Arch-VaterldGKlagenfurt 32, 1950, S. 18. - 0. SAKRAUSKY, Aus der evangelischen Vergangenheit Obervellachs, in: Carinthia 1,153, 1963, S. 463.

110)    KHEVENHÜLLER (wie Anm. 103), Urk. v. 22.1.1340 u. 2.2.1342.

l11)    SCHUBERTH (wie Anm. 17), Nachträge S.145 ff.: Verzeichnis der Schultheisen und Schöpfen des Stadtgerichtes zu Bamberg. 1426 und 1428 Hans Lemlein und Hans Schütz zusammen als Schöffen. 1423 s. HAAS (wie Anm. 72), S.44, 444, 744.

112)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 181. - H.E. LEMMEL, Geschichte der erzgebirgisch-vogt1ändischen Lemmel im 15.-16. Jh., in: DtFamilienArch, Bd. 43, 1970, S.295.

 
Chunradus Lemblinus in Wien, dessen Sohn Jacob dort 1368 ein Haus verkauft, dürfte um oder vor 1300 geboren worden sein. Sofern die Nürnberger Lemlein Donauhandel betrieben, muss ein Stützpunkt in Wien in ihrem Interesse gelegen sein. Wegen des Wiener Stapelrechtes musste ein Kaufmann, der die Donau entlang zog, seine Ware einige Monate in Wien lagern, "stapeln", oder an einen Wiener Kaufmann verkaufen, der dann mit der Ware weiterziehen konnte. Dieses lästige Wiener Stapelrecht konnte dadurch umgangen werden, dass ein Bruder oder Vetter Bürger in Wien wurde. Dem konnte man dann die Waren verkaufen, und das Geschäft blieb in der Familie. Ob das Wiener Lemblinus-Haus tatsächlich als Niederlassung des Nürnberger Familien-Unternehmens angesehen werden kann, ist nur zu vermuten, aber nicht nachzuweisen. Die latinisierte Namensform Lemblinus beinhaltet, im Gegensatz zu den Formen Lemel/Lömel, keinen Hinweis auf die Herkunft.

Ergebnis: Im Gegensatz zu etlichen Lemlein-ähnlichen Namensvorkommen des 14. Jahrhunderts in Österreich gibt es für die nicht-österreichischen Namensformen Lemel/Lömel Indizien für eine mögliche Herkunft aus Nürnberg. Wenn man diese Indizien als gültig akzeptiert, dann müsste Heinrich Lömel, der 1316 auf einem Freisinger Besitz in Waidhofen am Fuß der niederösterreichischen Eisenwurzen genannt ist, ein Schwager der Nümbergerin Irmel Lemlin sein, also wohl Bruder des Hermannus Lemmel von 1319. Dann aber kann man die Nürnberger Lemlein bereits 1316 als Femhändler und Bergunternehmer ansehen.


8. Prag

Im Jahre 1355 kauft Wernher Lembl/Lembil/Lembel/Lemblinus ein Haus in der Altstadt von Prag (113). Im Bürgerbuch der Prager Altstadt (114) wird 1364 und 1368 Wernherus Lemmel/Lemmil erwähnt, als er für die Neubürger Henricus Preuss und Hensinus Cosniczer bürgt. Er muss also selbst Bürger gewesen sein, und zwar seit vor 1351, da er in dem 1351 beginnenden Bürgerbuch nicht als Neubürger erscheint. Über seine Herkunft gibt es keinen urkundlichen Nachweis, jedoch sind die historischen Gegebenheiten aufschlussreich.

Karl von Luxemburg war 1346 als Karl der IV. zum deutschen König gewählt worden und hatte noch im gleichen Jahr durch den Tod seines Vaters das Königreich Böhmen geerbt. Erst allmählich konnte er seine Macht in Deutschland durchsetzen, bis er im Juli 1349 in Aachen gekrönt wurde (115). Im Oktober 1349 zog er über Nürnberg nach Böhmen, wo er in den nächsten vier Jahren daranging, seine Residenz Prag zu einer europäischen Metropole auszubauen, und zwar in engster Zusammenarbeit mit Nürnberg, wohin Karl in diesen Jahren zweimal reiste. Die Nürnberger Handelsherren, insbesondere die Familie Stromer (mit der Chunrad Lembelin 1305 zusammen genannt wurde!), stellten ihm Ratgeber und Kapital. In den Jahren 1348 bis 1350 war die Prager Neustadt errichtet worden, die nun hauptsächlich als Handwerkersiedlung organisiert wurde, während die Prager Altstadt zielstrebig als Handelszentrale ausgebaut wurde.

In diesem Zusammenhang muss man die Ansiedlung Wernher Lembels in Prag sehen. Der historische Hintergrund spricht dafür, dass er ein Angehöriger der Nürnberger Familie Lemlein/Lemmel war. Um 1350 dürfte er mit anderen Nürnberger Unternehmern dem Rufe Karls des IV. in seine Residenzstadt Prag gefolgt sein. Sein Hauserwerb 1355 in Prag folgt auffallend auf die am Dreikönigstag 1355 erfolgte Kaiserkrönung Karls des IV. in Rom, die wesentlich von den Nürnbergern finanziert worden war und den Nürnbergern alsbald Handelsprivilegien einbringt, die ihnen den ganzen böhmischen Raum und den Osthandel darüber hinaus öffnen (116).

113)    W.W. TOMEK, Základy starého místopisu Prazskeho, Prag 1866-1875, Bd. 1, S. 250.

114)    Kniha mestskych prav Staromesiskych (= Bürgerbuch der Altstadt Prag) 1351-1437. In: Almanach Kralovského Hlavního Mesta Prahy, Jahrgang 5, Prag 1902, Seiten 42+ und 45+. - H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.68, gibt als Quelle an: Archiv der Stadt Prag, rkp Nr.986 und 902. Ich vermute, dass sich dies auf das gleiche Bürgerbuch bezieht. - Am gleichen Tag des Jahres 1368, als Wernherus Lemmil als Bürge genannt ist, wird unter anderen auch ein Haniczil de Babenberg Bürger, also ein Johannes aus Bamberg, woher möglicherweise auch Werner Lemmel stammt.

115)    F. SEIBT, Karl IV., ein Kaiser in Europa, 1346-1378, 1978.

116)    v. STROMER (wie Anm. 2).
 

Das wird eine Generation später deutlich: um 1380 bis nach 1400 lebten Nikolaus Lemmel und Mathias Lemmel in wohlhabendem Stande in Prag, der eine als Kaufmann (mercator), der andere wohl zu-nächst auch als Kaufmann, dann aber als Beamter der Reichs-finanz-verwal-tung, wo er bis zum Schatzmeister König Sigmunds aufstieg (117). Beide dürften Brüder sein, geboren um 1350, und Söhne des Wernher Lembel, der dann etwa um 1315 geboren wurde (118).

1380 verkaufte Mathias Lemil in Kolin ein Haus (119). Wieder gibt es eine Verbindung zur Familie Stromer/Stromayer, die hier ebenfalls ein Haus besaß. Ein anderes Haus in Kolin gehört der Familie Zollner, mit der die Lemlein in Bamberg verschwägert sind (120). Kolin, 50 Kilometer östlich von Prag an einer Elbefurt gelegen, war zu dieser Zeit eine der wichtigsten Handelsstädte Böhmens und Ausgangspunkt für den Kupfer- und Silberbergbau, der bald darauf sich mehr in die 10 Kilometer südlich gelegene Bergstadt Kuttenberg verlagerte, wo, wie gezeigt, der Bamberger(?) Hans Lemlein 1420 Schöffe war. Seit wann der Hausbesitz in Kolin bestand, ist nicht nachweisbar. Es muss offen bleiben, ob die Lemmel hier aktiv in Bergbau und Metallverarbeitung tätig oder Fernkaufleute waren, vermutlich beides. In Anbetracht der glänzenden Laufbahn Mathias Lemmels ist es wahrscheinlich, dass bereits sein Vater (also wohl der Prager Bürger Wernher Lembel) in Kolin ein Montanunternehmer war, dessen Haus 1380 nach seinem Tod von dem noch jungen Mathias Lemil verkauft wird.

117)    H.D. LEMMEL (wie Anm. 1 u. 8)

118)    Ich möchte auch hier betonen, dass Wernher Lembel als Vater von Mathias und Nikolaus lediglich die von mir als wahrscheinlichste angesehene genealogische Lösung ist, für die kein Beweis vorliegt. Wären die zweifellos bedeutenden Männer Nikolaus, Mathias und der Kammergraf Johannes Lemmel selbst aus Bamberg oder Nürnberg zugewandert, so müssten sie in den dortigen Quellen erwähnt sein, da um 1400 die Quellenlage bereits wesentlich besser ist. Sie sind daher eher als Nachkommen des wohl bereits um 1349 nach Prag gekommenen Wernher Lemmel anzusehen. - H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, Exkurs III) rechnet auch Namen wie Leubel/Lobel/Leblinus, Lomer u. a. zur Familie Lemmel und kommt dadurch zu anderen, kaum haltbaren Ergebnissen. Zwar können im Einzelfall die Varianten Lembel und Lewbel durch die Ähnlichkeit des Schriftbildes verwechselt werden; dennoch besteht kein Anlass, sie als Varianten des gleichen Namens anzusehen. Der Prager Notar Hanko Leublinus/Lewlinus, den H.E. Lemmel als Vater des Mathias Lemmel angibt, mag u. U. der Familie Leubel aus Wiener Neustadt zuzurechnen sein, die schon 1288 das Amt eines Münzmeisters bekleidet; vergl. R. PERGER, JbVGWien, Bd. 23/25,1969, S.82.

119)    Okresni Archiv v Koline, Koliner Stadtbuch Nr.1, ab 1376, Seite 17. Fotokopie durch Zdenek BISINGER. - Im gleichen Stadtbuch sind u. a. genannt: 1382 Nicolaus Czolner gener antiqui Czolneri (S.50) und 1386 Hans Stromayer (S.53').

120)    J. G. BIEDERMANN, Geschlechtsregister der reichsfrei unmittelbaren Ritterschaft zu Franken, 1747, Tafel 287. - Die hier angegebene Ehe zwischen Friedrich Zollner und Agnes Lämmlin wurde noch nicht urkundlich belegt. Die Zollner und Lemlein sitzen in Bamberg zusammen auf der Schöffenbank, siehe SCHUBERTH (wie Anm. 17), und ein Zollner bezeugt 1406 die Erbteilungsurkunde nach dem Tod von Conrad Lemlein (wie Anm. 15).

 

1381 wird Nitsche Lemmel (also wohl der Prager Nikolaus) in Liegnitz genannt (121), und auch in Breslau kommt in dieser Zeit der Name Lemmel vor (122). Da Schlesien in dieser Zeit zu Böhmen gehört, ist ein Zusammenhang der hier genannten Lemmel plausibel und kann in einem Fall sogar belegt werden: 1398 heisst es in Görlitz, dass die von Lauban 'zu schaffen hatten mit dem Lemmel von Proge' (123), also wohl mit Nikolaus oder Matthias Lemmel, für die zu dieser Zeit ein stattlicher Hausbesitz in Prag nachweisbar ist.

Nikolaus Lemel/Lemmel, der ab 1400 Hausbesitzer und 'mercator' in der Prager Altstadt war, besaß dort um 1410 fünf Häuser (l24). (Nach 1415 war keines davon mehr in Lemmel-Besitz.) 1401 war er Pfandgläubiger des Markgrafen Jost von Mähren (l25), eines Neffen von Karl dem IV. 1411 war er (als Niklas Lemlein, Bürger zu Prag) Gläubiger des Nürnberger Burggrafen Friedrich, dessen Mutter, die verstorbene Burggräfin Margarethe von Kärnten, ihm 150 ungarische Gulden schuldig geblieben war (125a); die Burggräfin Margarethe aber war seinerzeit in Nürnberg Nachbarin der Irmel Lemblinn gewesen (125b). Matthias Lemel/Lemmel besaß um 1400 (wohl schon seit längerem?) ein großes Doppelhaus in der Eisengasse; 1398 kaufte er noch ein weiteres Haus hinzu. Alles verkauft er im Jahre 1401, das Doppelhaus an seine Frau Margarethe, die es bald darauf über einen Nicolaus Crimiczawer an Nicolaus Lemel verkaufte (124). Warum dieser plötzliche Verkauf?

Versucht man den etwa um 1315 geborenen Prager Wernher Lembel genealogisch einzuordnen (129), so kann man entsprechend den historischen Gegebenheiten annehmen, dass er aus Nürnberg stammte. Er dürfte dann ein weiterer Sohn der Irmel Lemlein sein, zumal ihr Enkel in Nürnberg wieder Werner hieß. Andererseits ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass Irmel außer den sechs urkundlich bekannten noch weitere Kinder gehabt haben soll.


121)    H BAHLOW, Schlesiens Deutschtum im Spiegel seiner Bürgernamen 1250-1500, in: OstdtFamilienkde 7, 1975, 5.137-144. - H. Bahlow teilte mir 1975 mit, dass es sich um eine Erwähnung im Liegnitzer Schöppenbuch von 1381 handelt, wobei er Näheres seinerzeit nicht notiert habe.

122)    Im 14. Jh. ist der Name Lemmyl in Breslau in Namenssammlungen überliefert, so bei H. REICHERT laut Mtlg. H. BAHLOW 1975, ebenso Lemmel, Lembel, Leml im Sudentenland 1350/1400. Ob die Urkunden erhalten und zugänglich sind, ist mir nicht bekannt. - Spätere Lemmel-Vorkommen im Breslauer Stadtarchiv beziehen sich auf Mathias Lemel, der, seit 1412 am Hofe König Siegmunds, wiederholt als Beschützer und Fürsprecher der wider den Rat von Breslau bei Siegmund klageführenden Opposition genannt wird. J. CARO, Aus der Kanzlei Kaiser Sigismunds, 1879, S.5; frdl. Mtlg. W. v. STROMER. - Lemmel-Nachkommen in Schlesien vielleicht: 1408 Lorencz Lemmeler in Görlitz, Das älteste Görlitzer 'liber actorum' 1389-1413, in: Neues Lausitzisches Magazin, Bd. 70,1894, S.130. Simon Lemmeler wird 1494/95 Bürger in Görlitz, E. WENTSCHER, Die Görlitzer Bürgerrechtslisten 1379-1600, in: Codex Diplomaticus Lusatiae Superioris, 5, 1928.

123)    R. JECHT, Die ältesten Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419, in: Codex Diplomaticus Lusatiae Superioris 3, 1905-10, Ratsrechnung vom 14.12.1398.

124)    TOMEK (wie Anm. 113), viele Regesten.

125)    Stadtarchiv Prag, Mscr 997, Prager Stadtbuch fol. 8b, 1401. Laut J. MAZNIK: Die Finanzen des mährischen Markgrafen Jost (1375-1411), in: Acta Creationis; Unabhängige Geschichtsforschung in der Tschechoslowakei 1969-1980, vorgelegt dem XV. Int. Kongress für Geschichtswissenschaften, Bukarest 1980, ed. Vilém Precan, 1980, S.59-91, S.85 Anm. 79, laut Mtlg. W. v. STROMER 1981. - Sohn oder Neffe des Nikolaus Lemmel könnte ein Johannes Lamel/Leml/Lemphel sein, der zwischen 1413 und 1420 in Olmütz genannt ist, laut Kux, Das Olmützer Judenregister vom Jahre 1413-1420, in: ZDtVMährenSchles 9, 1905, S.418.

125a)    StsA Bamberg, Brandenb. Lehen-Urk. A 160, L. 560, Nr.704. Vgl. R. v. STILLFRIED, T.MERCKER, Monumenta Zollerana 7, 1861, S.29 Urk. 26.

125b)    LOCHNER (wie Anm. 65).
 1396 erwähnt Johannes Kirchen, "des romischen kunigs hofschrei-ber", in einem nach Straßburg gerichteten Brief "von der 30 Gulden wegen, die wir Mathis Lemmel beczalen" müssten (126). Obgleich es unklar bleibt, in welcher Beziehung Mathis Lemmel zum Hofschreiber des Römischen Königs Wenzel steht, dürfte er eine Position in dessen Finanzverwaltung gehabt haben. Im Jahre 1400 wurde Wenzel als deut-scher König abgesetzt (er blieb König von Böhmen), und mit dieser Absetzung muss es zusammenhängen, dass Mathis Lemmel seinen Besitz in Prag verkaufte. Denn kurz nachdem Wenzels Bruder Sigmund im Jahre 1410 deutscher König wurde, taucht Mathias Lemmel an dessen Residenz in Ofen auf, und zwar als Sigmunds Schatzmeister (127). In dessen Gefolge ist er von 1412 bis 1426 in zahlreichen Urkunden nachweisbar. Sein mutmaßlicher Sohn Johannes Lemmel aber wurde 1439 bis 1456 ungarischer Kammergraf in Hermannstadt und bekam mit der Aufsicht über die dortigen Goldgruben eine finanzi-elle Schlüs-sel-stellung für die beiden Habsburgerkönige Albrecht und Ladislaus Postumus und deren Kampf gegen die Türken (128).

126)    J. FRITZ, Urkundenbuch der Stadt Straßburg, 1. Abt., Bd. 6, Politische Urkunden 1381-1400, 1899, S.630 Regest 1100.

127)    Die Angabe bei H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, 5.228), dass Mathias Lemmel im Zeitraum 1398-1412 Finanzbeamter des deutschen Königs war, ist unrichtig. Für die Regierungszeit König Rupprechts von der Pfalz (1400-1410) wurde meines Wissens bisher keine Urkunde über Mathias Lemmel gefunden.

128)    G. GÜNDIScH, Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen, Bd. 5, Bukarest 1975, mehrere Regesten. - Weitere Einzelheiten s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1 u. 8). - Johannes Lemmel als ungarischer Kammergraf ist Nachfolger des Bambergers Eberhard Klieber, der ein Schwager des eingangs erwähnten Bambergers Hans Lemlein ist, der 1420 vorübergehend Schöffe in Kuttenberg ist. Trotz dieser verwandtschaftlichen Zusammenhänge kann ich den Kammergrafen Johannes Lemmel nicht mit einem der Bamberger Lemlein identifizieren, und die von mir früher angegebene genealogische Einordnung (vergl. Anm. 8) muss revidiert werden. - H.E. LEMMEL (116. BHVB, wie Anm. 7, S.117) zitiert mich falsch, wenn er einen Johannes Lemmel als Kammergrafen König Albrechts unterscheidet von einem 'anderen' Johannes Lemmel als Graf von Hermannstadt. Es besteht kein Anlass, hier zwei gleichnamige Personen anzunehmen.

129)    H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, S. 230) ordnet den Prager Wernher Lembel ohne Angabe von ausreichenden Gründen als Sohn des Nürnberger Fritz Lemlein ein. Das kann kaum stimmen, da Wernher (erw. 1355-1368) und Fritz (erw. 1335-1392) mit größter Wahrscheinlichkeit der gleichen Generation angehören.

 
Es gibt gewichtige Argumente für die Annahme, dass Wernher Lembel aus Bamberg stammte, wo man ihn altersmäßig als Sohn des Zehntschöffen Lemblin von 1331 einordnen kann. Ich erwähnte schon, dass dessen Enkel Hans Lemlein wahrscheinlich mit dem gleichnamigen Schöffen in Kuttenberg identisch ist. Hans Lemleins Mutter soll eine Münzmeister gewesen sein (130), seine erste Frau eine Tockler (13l), seine zweite Frau eine Klieber (l32). Dies aber sind drei Namen, die in Prag eine wesentliche Rolle spielen: 1363 war Günter Tockler aus Bamberg Notar in der Prager Kanzlei Karls des IV. (133). Ab 1401 war Johannes Münzmeister von Bamberg Protonotar und Oberster Schreiber König Wenzeis in Prag (134). Bis 1438 war Eberhard Klieber, Hans Lemleins Schwager, Kammergraf in Hermannstadt, und sein Nachfolger dort wurde Johannes Lemmel (135).

In Hermannstadt gibt es ein Indiz dafür, dass Johannes Lemmel dort als Nürnberger angesehen wurde, obgleich er vermutlich in Prag geboren wurde. Und zwar wurden in seiner Amtszeit als Königsrichter in die Hermannstädter Gesetzessammlung die Artikel 534-562 neu eingefügt, die die Überschrift 'Nürnberger Recht' tragen, eine Bezeichnung, die sich nicht aus ihrem Inhalt erklärt, da sich Parallelen zum Nürnberger Recht dieser Zeit nicht feststellen lassen (136). Vielleicht also erhielten diese Artikel die Bezeichnung 'Nürnberger Recht' deswegen, weil man den Königsrichter Johannes Lemmel, der sie einführte, als Nürnberger oder als Nürnberger Interessenvertreter ansah. Das mag eine schwache Argumentation sein, aber eine bessere Erklärung für die Bezeichnung 'Nürnberger Recht' in Hermannstadt ist mir nicht bekannt.

Ergebnis: Obgleich die Herkunft der Prager Lemmel direkt nicht nachweisbar ist, besteht hinreichender Grund zu der Annahme, dass die Lemlein/Lemmel-Zweige in Nürnberg, Bamberg und Prag sehr nahe verwandt sind. Die wahrscheinlichste genealogische Zuordnung ist die, dass Wernher Lembel in Prag ein Sohn des Bamberger Schöffen Lemblin von 1331 ist und ein Neffe der Irmel Lemlein in Nürnberg; er dürfte um 1350 zusammen mit den Nürnberger Kaufleuten, die Karl den IV. unterstützten, nach Prag gekommen sein.

130)    Eine Münzmeister als Hans Lemleins Mutter ist bisher nicht urkundlich nachgewiesen, sondern ist nur in Nürnberger Genealogien angegeben, z. B. Germ.Nat.Museum Nürnberg, Hs 1837, f. 693, Fotokopie durch JOHANNES LÄMMEL.

131)    Die erste Ehe Hans Lemleins mit einer Tocklerin ist noch nicht urkundlich belegt, sondern folgt Nürnberger Genealogien (wie Anm. 130).

132)    Die in Nürnberger Genealogien angegebene zweite Ehe Hans Lemleins mit einer Klieberin wird urkundlich bestätigt: 1428 Hans Lemlein, Bürger zu Bamberg, mit Katharina, Eberhard Kliebers Schwester, seiner ehelichen Wirtin. Lemlein-Archiv (wie Anm. 15), Urk. 10, laut PASCHKE, Lämleinsgasse (wie Anm. 14).

133)    P. SCHÖFFEL, Nürnberger in Kanzleidiensten Karls des IV., in: MittVGNürnb 22, 1934, S.47-68.

134)    Im gleichen Jahr 1401, als Mathias Lemmel in Prag verschwindet, taucht hier Johannes von Bamberg auf, der aus der Bamberger Familie Münzmeister stammt und bis 1418 als Protonotar und Oberster Schreiber König Wenzels genannt ist. TOMEK (wie Anm. 113), v. STROMER, Unternehmer (wie Anm. 2), S.361.

135)    v STROMER, Unternehmer (wie Anm. 2), S.361 f. - Ausführliche Regesten s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1 u. 8).

136)    U.M. SCHWOB, Kulturelle Beziehungen zwischen Nürnberg und den Deutschen im Südosten im 14. bis 16. Jh. (Buchreihe der Südostdt. Hist. Komm. 22), 1969. Siehe S.200 ff. - H.D. Lemmel (wie Anm. 8).


9. Wappen

Soweit bekannt, führen alle hier besprochenen Familien ein Lamm im Wappen. Das älteste mir bekannte Lamm-Wappen ist das der Brüder Chuonradt und Hainreich Lamb, die 1323 in Salzburg siegeln (Abb.1) (137). Hier ist das Lamm im Dreispitzschild auf den einen seitlichen Schildrand gestellt. In der Folge gibt es im österreichischen Raum verschiedene Familien mit Lämmlein-ähnlichem Familiennamen und einem Lamm-Wappen: 1376 Frydreich der Lemplein in Enns in Oberösterreich (138); 1394 Fridreich der Lempel in Freistadt in Oberösterreich, dessen Sohn Wolfgang 1433 mit einem noch einfach gestalteten Lamm-Wappen siegelt (Abb.2) (139), das dann später mit einem Helmschmuck bereichert wird, so bei Conrad Lempl, 1512 Stadtrichter in Freistadt (Abb.3) (140), und Simon Lempl, 1441-1471 Bürger in Wien (Abb.4) (141). Ein genealogischer Zusammenhang dieser Familien ist mir nicht bekannt.

               
138)    Urkundenbuch des Landes ob der Enns, Bd. 9, 1906, S.28, Regest 21, Original im Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien.

139)    Oberöst. LdArch. Linz, HA Weinberg Urk. Sch. 6 Nr. II/38a, eigene Zeichnung nach Siegelabdruck durch Hofrat Dr. H. STURMBERGER.

140)    StadtA Freistadt, Urk. Sch. 46 Nr.11/230, eigene Zeichnung nach Siegelabdruck durch H.STURMBERGER.

141)    Fotografie des Siegels von 1441 durch Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, 1441 IX 1. - Abdruck des Siegels von 1471 durch Hofrat Dr. Hans Sturmberger, Oberösterreichisches Landesarchiv Linz, Starhemberger Urkunden Nr.1675. - Zeichnung von MONIKA LEMMEL.
 

In Bamberg hat sicher der Schöffe Conrad Lemlein ein Lamm im Wappen geführt, das 1406 für seine Söhne belegt ist (142): ein stehendes Lamm auf einem Dreiberg. Das Siegel des Hans Lemlein (Abb.5) hat einen Helmschmuck mit einem darauf stehenden Lamm, die Siegel der Brüder sind ohne Helm.

Mathias Lemmel aus Prag siegelte 1416 mit einem Wappen, in dem ein Lamm in einem Schrägband aufsteigt (Abb.6) (143). Das Wappen hat keinen Helmschmuck. Der ungarische Kammergraf Johannes Lemmel hatte 1439 ein fast gleiches Wappen (Abb.7) (144). (Wegen dieser Wappengleichheit dürfte er ein Sohn des Mathias sein.) Mathias führte dieses Wappen sicher schon vor 1400 in Prag, denn er verzierte damit dort sein Haus, das fortan durch das aufgemalte Lamm identifiziert wird: 1403 'domus ubi agnus est depictus', 1414 'ad agnos' und noch 1433 'ad agnellum' (145).

Für die älteren Nürnberger Lemlein ist kein Wappen überliefert. Wahrscheinlich ein Urenkel der Irmel Lemlein ist Stephan Lämbel von Reukershouen (146), dessen Siegel 1440 überraschenderweise einen Wolf zeigt (Abb.8) (147).

Die Heilbronner Lemlin führen ebenfalls ein Lamm im Wappen, das meines Wissens erstmals für 1358 belegt ist (Abb.9) (148). Später, z.B. 1456 (Abb.10), erscheint hier, wie bei Hans Lemlein in Bamberg, auch ein Lamm auf dem Helmschmuck.


Ergebnis: Das Lamm-Wappen ist ein 'redendes' Wappen, und nahezu alle Familien mit einem an 'Lamm' oder 'Lämmlein' anklingenden Namen führen ein Lamm im Wappen. Die Betrachtung der Wappen kann daher nicht zur Klärung der Frage beitragen, ob die verschiedenen Stämme mit Lemlein-ähnlichen Namen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sind. Dennoch ist auffällig, dass sich keine dieser Familien durch die Wahl eines deutlich anderen Wappens bewusst von den anderen Familienzweigen absondert, abgesehen von den Lemel von Reichertshofen, die einen adeligen Stand anstreben.


142)    Lemlein-Archiv (wie Anm. 15), Urk. 1406/2, eigene Zeichnung nach Fotografie durch H.E. LEMMEL. - H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 46, 68.

143)    Hohenlohe Zentralarchiv Neuenstein, Bestand GHAD 14, Film 1976/67 des HStsA Stuttgart, eigene Zeichnung nach Fotografie und Siegelabdruck durch W. v. STROMER.

143)    Wojewódzkie Archiwum Panstwowe Oddzial w Toruniu (StadtA Thorn), sygn. I, 922, Fotografie durch KAROLA CISSIELSKA, 1973. Eigene Zeichnung nach Fotografie. - GÜNDISCH (wie Anm. 128), S.27 Regest 2339.

145)    TOMEK (wie Anm. 113), Bd. 3-5, S.198, Cislo 544a, Bd. 1, S.27, Cislo 544,

146)    Wie Anm. 85.

147)    BayHStsA, Reichsstadt Regensburg U 1440 II 16, Fotografie des Siegels durch G. LEMMEL 1984, danach eigene Zeichnung. Der Ursprung des Wolf-Wappens der Lemel v. Reichertshofen muss noch untersucht werden. (Es ist ein Wolf, und nicht ein Fuchs, wie ich zunächst annahm.) Auffallend ist, dass die Namensform im Siegel Lemppel lautet, obgleich diese Namensform in keiner der etwa 50 mir bekannten Reichertshofener Lemel-Urkunden vorkommt. - Vgl. Kap. 11.

148)    Stadtarchiv Schwäbisch Hall, Urk. v. 27.11. 1358 u. 1.9. 1363, Heilbronn. Eigene Zeichnung nach Fotografie.


10. Übersicht


In der um 1310/20 geborenen Generation stehen nun neben einander:

 - Fritz Lemlein, Genannter in Nürnberg, reicher Kaufmann, wahrscheinlich Silber-Bergbau bei Eger, wohl Zusammenarbeit mit den großen Handelshäusern der Holzschuher und Stromer;
 - dessen Brüder Heinrich, Seitz und Hermann, letzterer wohl identisch mit dem Nürnberger Handwerksmeister H. Lemlein;
 - Conrad Lömel in Neumarkt;
 - Chunrad Lemblinus in Wien, dem Zentrum des Donauhandels;
 - Wiland Lemel in Obervellach, dem Zentrum des Kärntner Edelmetall-Bergbaus;
 - Wernher Lembel in der königlichen Residenzstadt Prag, wahrscheinlich wohlhabender Kaufmann und Bergunternehmer in Kolin mit Beziehungen nach Schlesien;
 - Conrad Lemlein, Schöffe in Bamberg, wahrscheinlich gleich seinen Söhnen und Enkeln ebenfalls reicher Fernkaufmann;
 - sowie Heinrich Lemlein in Bamberg.

In der um 1280/90 geborenen Generation stehen nebeneinander:
 - Hermann Lemmel/Lemlein, wohlhabender Bürger in Nürnberg, handelt mit Fellen, verheiratet mit Irmel Lemlein (geb. Holzschuher?);
 - der Bamberger Schöffe (Cunrad) Lemblin, sowie Eberlin Lemlein;
 - Hainricus Lömel im Eisenerzgebiet von Waidhofen an der Ybbs.

Der um 1250 geborenen Generation kann man Chunrad Lembelin zuordnen, der vor 1302 Bürger in Nürnberg ist, wo er 1305 als Bürge genannt wird. Da er zusammen mit H. Stromair bürgt, kann man vermuten, dass er ebenfalls ein Fernhändler war.

Der wahrscheinliche genealogische Zusammenhang ist in Tafel 3 dargestellt. Dabei können die durchgezogenen und gestrichelten Linien nur angenähert Gesichertes von Wahrscheinlichem unterscheiden; man beachte in jedem Fall die in den vorangegangenen Kapiteln angegebenen Begründungen. Danach ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Familie Lemblin/Lemlein/Lemel/Lömel bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts eines der frühkapitalistischen Wirtschaftsunternehmen betrieb, die den Handel und Bergbau in Oberdeutschland und dem angrenzenden Südosten beherrschten. Dieses Familienunternehmen dürfte bereits um oder vor 1300 in Nürnberg entstanden sein, jedoch liegen die Ursprünge mangels erhaltener Quellen im Dunkeln. Über die Herkunft der Familie kann man daher nichts sicheres aussagen, jedoch einige Vermutungen anstellen.

   Chunrad Lembelin, *?1250, Bürger in Nürnberg
                         │
             ┌───────────┴────────────────┬──────────────────┬───────────────────────┬──────────────────┐
             │                            :                  ?                       │                  │
   Hermann Lemmel, *?1280                ???            Heinrich Lömel               │                  │
   oo Irmel Lemlin, Nürnberg              │             *?1280              Conrad Lemblin, *?1285   Eberlin
             │                            │             Waidhofen/Ybbs      Schöffe Bamberg          Lemlein
             │                            │                  ?                       │
     ┌───────┴────┬───────┬─ ─ ─ ─ ┐      │               ..........                 │
   Fritz        Saiz   Heinrich H.Lem-  Chunrad         Chunrad    :          ┌──────┴───────┬────────┐
   Lemlein     Lemlin  Lemlein     lein  Lömel          Lemblin  Wiland     Wernher          │        │
   *?1310      *?1310  1337 aus Meister *?1310          *?1310   Lemel      Lembel         Conrad   Heinrich
   Genannter Nürnberg, Nürnberg  Nürn-  Neumarkt        in Wien  *?1315     *?1315         Lemlein  Lemlein
   Nürnberg  Oberpfalz verbannt   berg    │               │      Ober-      Prag           *?1325   Bamberg
     │            │                │      │               │      vellach      │            Schöffe
  ┌──┴────┐       │                │      │        ?      │        │          │            Bamberg
Chunr.    │       │                │    Conrad     :    Jakob      │       ┌──┴──────┐       │
Lämbel Werner   ...Lemel        Ulrich  Lemmel/ Ulrich  Lembelin Jakob,  Nikolaus Mathias    ├────────┬────────┐
*?1340 Lembel   *?1350           Lemel  Lömlein Lemlein *?1340    Hans,  Lemmel   Lemmel   Hans    Conrad      │
1371   *?1350   Reicherts-      *?1350  *?1340  *?1350  Wien       Nikel *?1350   *?1350   Lemlein  Univ.   Heinz
Eger  Genannter   hofen        Meister  Schöffe Bayreuth         Lemel   Kaufmann Kolin,   *?1355   Prag   Lemlein
       Nürnberg   │           Nürnberg  Neumarkt   :                     Prag     Prag,    Schöffe          *?1365
          │       │                       │                              Liegnitz Breslau, Bamberg         Schöffe
          │       │                       │        :                              Ofen     Kuttenberg      Bamberg
       Conrad   Stefan                 Heinz und                                Schatzmstr   ├─────────┐       │
      Lemblein  und Paul                Ulrich     :                       ┌ ─ ─ ─ ──┤       │      Mertein    │
     Genannter  Lemel zu                Lömel                            Ulrich   Johannes Hans     Lemel      │
      Nürnberg  Reicherts-             Neumarkt    :                     Lemmel   Lemmel   Lemlein  *?1385   Claus
                  hofen                         Apel Lemel               Ratsherr *?1390   *?1395   Bamberg, Bam-
                                                *?1405                   Ofen     Hermann- Bamberg, Chemnitz  berg,
                                                Ratsherr                   :        stadt  Nürnberg    │     Schem-
                                                Bayreuth                   :    Kammergraf Ratsherr    │      nitz
                                                   │                       :         │       │         │
                                                Johannes                Nikolaus  Andreas  Hans     Merten
                                                Lemmel                   Lemmel   Lemmel   Lemlein  Lemmel
                                                1480 Gewerke         1456 Bürger- Univ.    Nürnberg Univ.Wien,
                                                Goldkronach       meister Kremnitz  Wien   Kremnitz Chemnitz

Tafel 3: Die wahrscheinliche Stammfolge der Nürnberger Lembelin/Lemlein/Lemmel/Lömel.
Hinweis: Die angegebenen Geburtsdaten sind ungefähre Abschätzungen. Nicht alle genealogischen
Zuordnungen sind gesichert, manche sind nur Vermutungen; man beachte die im Text angegebenen
Argumentationen. Die jüngeren Generationen sind nicht vollständig.



11. Gerolzhofen?

Um 1400 haben die (späteren) Bamberger Schöffen Hans und Heinz Lemlein Doppelgänger: die Ritter Hans und Heinz Lemplein (150). Heinz Lemplein lebte in oder um Bamberg, ist aber durch seine Aktivitäten als Raubritter von seinem bürgerlichen Bamberger Namensvetter zu unterscheiden. Der Ritter Hans Lemplein lebte in Nürnberg (151); er wird in Nürnberger Genealogien gelegentlich mit dem Bamberger Schöffen Hans Lemlein, dessen gleichnamiger Sohn Ratsherr in Nürnberg wurde, verwechselt. Das ist nicht verwunderlich, denn beide weisen Parallelen auf: so wie die Bamberger Lemlein Beziehungen nach Böhmen haben, so wird auch der Ritter Hans Lemplein 1389 zusammen mit König Wenzel in einer Urkunde genannt (152). Herbert E. Lemmel, der die Bamberger 'lemlein filii' und die Ritter Lemplein erstmalig ausführlich darstellte, stellt dazu fest, dass die "Übereinstimmung der Namen im selben Urkundenbereich und zur selben Zeit einen (genealogischen) Zusammenhang beider Brüderpaare offensichtlich erscheinen lässt" (153). Der Anschein trügt jedoch, und entgegen der Meinung von Herbert E. Lemmel lässt sich ein gemeinsamer genealogischer Ursprung nicht verifizieren.

Zum Nachweis der angeblich adeligen Herkunft der Bamberger Lemlein führt Herbert E. Lemmel unter anderem an, dass 1423 im Bamberger Lehenbuch Hans Lemlein unter den "militares nobiles" genannt sei. Das ist ein wesentlicher Irrtum: Heintz und Hans Lemlein haben in dieser Urkunde (154) ein Afterlehen des Thomas von Aysch, und nur auf diesen ist die Überschrift "militares nobiles" zu beziehen. Auch die bei Herbert E. Lemmel angeführte Bezeichnung "nobilis vir" bezieht sich auf einen Hermann Lampert, aber nicht auf Hermannus Lemmel (155). Für die Lemlein ist eine adelige Herkunft nicht nachweisbar und auch nicht zu vermuten (156).


149)    StsA Ludwigsburg, B 189 I U 215 Siegel Film 1982/1. Eigene Zeichnung nach Fotografie. - C. JÄGER, Geschichte der Stadt Heilbronn, 1828, 1, S.255. - WürttGQ 5, Urk. 749, - Württ. Oberamtsbeschreibungen, Oberamt Heilbronn, 2, 1903, S.242.

150)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 17 ff., - Kontinuität (wie Anm. 7), 5. 193 ff. Exkurs II.

151)    Herr Hans Lemplein, Ritter.  19.7. 1400, sein Totenschild bis 1590 in der Frauenkirche Nürnberg. H. v.HESSBERG, Die ehemaligen Totenschilde in der Frauenkirche zu Nürnberg, in. Genealogie, 22. Jg.,1973, S. 607.

152)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 26.

153)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 17.

154)    StsA Bamberg, Standbuch 3 (Lehenbuch des Bischofs Friedrich III von Aufseß 1421-1432), Bl. 27 Originalhandschrift - Bl. 65 spätere Handschrift, Fotokopie 1982 durch K.H. MISTELE. - Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 17, 40, 63, 68.

155)    H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S. 23, Kontinuität (wie Anm. 7), S. 102, wo Hermannus Lemmel (erw. 1319) mit Hermann Lampert (erw. 1331 als nobilis vir) ohne hinreichende Begründung gleichgesetzt wird.

156)    H. PASCHKE (107. BerHistVBamb. 1971, S. 372) weist in bezug auf den Bamberger Kanoniker Theodoricus Lemplein (+ 1389) darauf hin, dass zu dieser Zeit nur Abkömmlinge ritterbürtiger Familien als Kanoniker zugelassen seien. Tatsächlich ist Theodoricus Lemplein, den Paschke als 'Dietrich Lemmel' bezeichnet, wohl kaum ein Angehöriger der bürgerlichen Familie Lemlein/Lemmel. - Auch J. KIST (Das Bamberger Domkapitel 1399-1556, 1943, S.5) irrt vermutlich, wenn er den Kanoniker Dietrich Lemplein 'höchst wahrscheinlich bürgerlichen Familien' zurechnet.
 

Laut Herbert E. Lemmel (157) sind die Ritter Hans und Heinz Lemplein sowie die weiteren Brüder Götz und Dietrich, die etwa um 1360 geboren wurden, Söhne des Ritters Lemplin Lamprecht, der ein Sohn des um 1290 geborenen Lampert (junior) von Gerolzhofen ist. Das ist durch reiches Urkundenmaterial sicher belegt.

Hier muss betont werden, dass es in der Sippe der Lampert von Gerolzhofen, soweit mir bekannt, ausschließlich die Söhne dieses Lemplin Lamprecht sind, die den Familiennamen Lemplein/Lemplin als Diminutiv von Lamprecht annehmen, und zwar in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, als die Nürnberger/Bamberger Lembelin/Lemlein ihren Familiennamen schon längst haben.

Herbert E. Lemmel gibt nun als Vater des Nürnberger Chunrad Lembelin von 1305 den Walther von Gerolzhofen (157) an, von dem er sagt (158): "Es kann angenommen werden, dass die Namensbildung von Lampert zu Lemplein-Lemlein (zunächst) den Nachkommen des Walther vorbehalten blieb, der damit begann." Wie er zu dieser Aussage kommt, ist nirgends festzustellen (159). Im Falle des Ritters Lemplin Lamprecht findet die Diminutiv-Form ihre Begründung als Lampert junior im Gegensatz zum Vater Lampert. Für die Söhne des Walther von Gerolzhofen, sofern er überhaupt welche hatte, sehe ich keine plausible Veranlassung, dass sie einen Lampert-Diminutiv als Familiennamen annehmen.

157)    H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), Tafel VIII, Walther von Gerolzhofen als Onkel des Lampert (junior) von Gerolzhofen.

158)    H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S. 99.

159)    H.E. LEMMEL (Kontinuität, wie Anm. 7, S. 90 u. 188) verweist auf eine Urkunde von 1291, wonach Heinrich von Hofheim, ein Bürger in Haßfurt, Besitzungen bei Hofheim an das Kloster Mariaburghausen verkauft. Unter den Zeugen sind dabei genannt: "... walterus de geroldeshoven C. dcs lomese ...". H.E. Lemmel setzt den C(onrad) Lomese mit Chunrad Lembelin gleich und deutet ihn als Sohn des zuvor genannten Walterus (Lampert) von Geroldeshoven. Beides erscheint mir zweifelhaft. Zwar liegt es nahe, einen bei Haßfurt genannten Lemmel-ähnlichen Namen mit Hermann Lemmel von 1319 in Beziehung zu setzen; jedoch erscheint mir die Form 'Lomese' als Variante von 'Lemmel' weder als begründet noch als plausibel, selbst dann nicht, wenn man den 1319 genannten Namen 'Lomsch' laut Herbert E. Lemmel als Ubergangsform zwischen 'Lemmel' und 'Lomese' ansieht. Da nämlich in der Zeugenreibe der Urkunde von 1291 Namen wie 'Wolfelinus' und 'Ubelinus' vorkommen, würde man für Lemmel hier eine entsprechende Form wie 'Lemelinus' oder 'Lomelinus', nicht aber 'Lomese' erwarten. Um 'Lomese' mit 'Lemmel/Lembelin' gleichsetzen zu dürfen, bedarf es stärkerer Argumente. Warum aber 'C. dcs lomese' ein Sohn des unmittelbar zuvor genannten 'walterus de geroldeshoven' sein soll, dafür finde ich keine einleuchtende Begründung. - Ferner setzt H.E. Lemmel den Nürnberger Chunrad Lembelin von 1305 gleich mit einem "Chunrad filius quondam Waltheri" (ohne Familiennamen), der 1316 Bürger in Bamberg ist (Lemmlein filii, wie Anm. 6, S.24 f.; Kontinuität, wie Anm. 7, S.84 f.) und einen Anteil am Hohenlohischen Zehnten in Zapfendorf kauft. Für diese Gleichsetzung sehe ich keinen hinreichenden Grund, selbst wenn man berücksichtigt, dass 1421 und später (Lehenbuch wie Anm. 128, Bl. 76) die Lemlein in dem gleichen Ort Zapfendorf ein Drittel am kleinern Zehend als bischöfliches Lehen innehaben.

Zur Namensschreibweise ist festzustellen, dass der Familienname der Nachkommen des Ritters Lemplin Lamprecht in der Regel als Lemplin oder Lemplein vorkommt, mit wenigen anderen Varianten in seltenen Einzelfällen, darunter 1402 Lemblein (160). Demgegenüber kommt in der Nürnberger/Bamberger Familie Lembelin/Lemlein die Variante Lemplein meines Wissens nicht vor. Trotz unregelmäßiger Rechtschreibung machen die Urkundenschreiber durchaus einen Unterschied zwischen den Diminutiv-Formen von Lampert (Lemplein, Lemplin, Lempel) und von Lamm (Lemlein, Lemblein, Lembelin, Lemmel). Diese Unterscheidung, die aus den mir bekannten Urkunden folgt, wurde mir von dem bekannten Namensforscher Hans Bahlow bestätigt, der mir, ohne Kenntnis dieser Urkunden, mitteilte (161), dass die Kurzformen zu Lamprecht im Oberdeutschen Lampel, Lämpel u. a. lauten, aber niemals Lembel oder Lemmel, was mittelhochdeutsche Formen von Lamb (= Lamm) sind.

Freilich zweifle ich, ob Bahlows Aussage, die für den Nürnberger Raum gilt, auch für andere oberdeutsche Dialektbereiche gilt. So scheint mir, dass in Straßburger Urkunden (162) die Diminutive von Lampert (Lambert) und Lamm (Lamb) nicht zu unterscheiden sind und dass in Österreich Lampl als Diminutiv sowohl für Lampert als auch für Lamm steht. Ferner können, unabhängig von der Entstehung der Namen, in der weiteren Entwicklung Übergänge zwischen ähnlichen Namensformen stattfinden, insbesondere bei Wanderbewegungen zwischen verschiedenen Dialektbereichen. Zur Frage der Herkunft der Nürnberger Lemlein kann man daher Namensformen, die von Lampert herzuleiten sind, nicht völlig ignorieren. Im vorliegenden Falle, das heißt in Nürnberg und Ostfranken um 1300, sind jedoch die Lembelin/Lemlein klar von den Lemplein zu trennen, selbst wenn im Einzelfall ein Lemplein ausnahmsweise Lemblein (160) genannt wird.

Bemerkenswert ist, dass der Ritter Lemplin Lamprecht in den Urkunden des Raumes Würzburg/Bamberg stets Lemplin oder Lemplein genannt wird, während er in zwei Nürnberger Urkunden Lempel Lamprecht heißt (163). Das bestätigt meine zuvor am Namen Lemmel gemachte Beobachtung, dass der Diminutiv auf -el in Nürnberg gebildet wird, nicht jedoch in Bamberg und Würzburg. Die Nachkommen des Lemplin Lamprecht namens Lemplein sterben meines Wissens freilich alsbald aus, so dass man eine weitere Entwicklung dieses Namens nicht verfolgen kann.

Ergebnis: Eine gemeinsame Herkunft der Nürnberger Lemlein und der Lampert/Lemplein von Gerolzhofen lässt sich weder beweisen, noch vermag ich hierfür Indizien zu erkennen. Die diesbezüglichen Angaben bei Herbert E. Lemmel sind unrichtig.


160)    Versöhnungsvertrag mit den Raubrittern Hilpolt v. Thüngen, Hans v. Bernheim und Heinrich Lemblein. Zitiert bei F. A. DAUBER, Grundriss der Bambergischen Handelsgeschichte, 1818, S.38. - H.J. JÄCK, Bambergische Jahrbücher vom Jahre 741-1829, Jg. 5, 1833, S.894. - H.T. v.KOHLGANE, Der deutsche "Raubritter", in: Alt-Bamberg, Beilage zum Bamberger Tagblatt, Jg. 11, 1909/10, S. 179. - Vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.17

161)    H. BAHLOW, Mtlg. 1975.

162)    Siehe nächstes Kapitel.

163)    Zahlreiche Urkunden zitiert bei H.E. Lemmel, Kontinuität (wie Anm. 7), S.202 ff. Soweit mir bekannt, heißt der Vorname dort stets Lemplin oder Lemplein, aber Lempel in zwei Nürnberger Urkunden: 1378 Lempel Lamprecht ... bey dem Rat zu Nürnberg ausgesöhnet (SCHULTHEIS5 wie Anm. 33, S.157, Nr. 1098c). - 1386 wird Lempel Lamprecht Bürger in Nürnberg (J. C. Siebenkees, Materialien zur Nürnbergischen Geschichte, Bd. 1, 1792, S.346).


12. Herkunft?

Wenn man einmal annimmt, dass der Vater des Chunrad Lembelin von 1305 bereits ein Nürnberger Kaufmann war (er müsste um 1210/20 geboren worden sein), dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass über ihn keine Urkunde erhalten ist, nachdem über Sohn und Enkel in quellenmäßig etwas günstigerer Zeit nur ein oder zwei Urkunden vorliegen. Tatsächlich gibt es den Familiennamen Lembelin in Nürnberg schon wesentlich früher. Im Jahre 1151 wird Cunradus Lembelin aus Nürnberg als Bürger in Köln erwähnt (164). Wenn zwischen 1151 und 1304/05 kein urkundlicher Nachweis für einen Träger dieses Namens in Nürnberg erhalten geblieben ist, so kann man daraus nicht folgern, dass hier keiner gelebt hätte. Rixners Turnierbuch von 1536/49 (165) und, daraus übernommen, Müllners Annalen von 1623 (166) berichten, dass die Lemblein im Jahre 1197 zu den etwa 45 Nürnberger Familien gehört hätten, die Kaiser Heinrich den VI. nach Donauwörth geleiteten. Dieser Bericht, der als ein Fantasieprodukt bekannt ist, hat als einzigen Aussagewert den, dass zur Zeit Rixners, also um 1536, die Lemblein als eine der frühen Nürnberger Familien angesehen wurden, was die Kölner Urkunde von 1151 zu bestätigen scheint. Dennoch können wir nicht wissen, ob die Nürnberger Lembelin des 12. Jahrhunderts und die des 14. Jahrhunderts zur gleichen Familie gehören oder ob in der Zwischenzeit eine andere Familie gleichen Namens auftauchte.

Lemlein-ähnliche Namen kommen auch in mehreren anderen oberdeutschen Städten vor. Dabei kann man einerseits davon ausgehen, dass Wanderbewegungen zwischen diesen Städten, insbesondere in Kaufmannsfamilien, die Regel waren; andererseits wird man mehrere von einander unabhängige Namensentstehungen in Betracht ziehen müssen.

In Straßburg scheint eine weitere Bildung des Namens in der Bedeutung von "Lampert junior" vorzuliegen: 1266 ist dort ein "Lembelinus filius Lamperti" (167) genannt. Hier ist der Name deutlich noch kein Familienname, könnte sich aber dazu weiterentwickeln. Aber als Familienname ist dieser Name in Straßburg bereits wesentlich älter; um 1200 ist hier Heinrich Lembelin als Zeuge genannt (168).

J. Kindler v. Knobloch behauptet, dass ein 1376 in Straßburg unter den Hausgenossen genannter "Lembelin zu Franckenfort" dem Frankfurter Patriziergeschlecht "zum Lamb" angehört (167).

164)    Kölner Schreinsurkunden des 12. Jh., Bd. 1, 1884, S. 47, St. Martinspfarre 3, II., Nr.33. Laut Nürnberger Urkundenbuch, in: QForschGStNürnb Bd. 1, 1959, S.42 Regest 63.

165)    H. Frhr. v.HALLER, Nürnberger Geschlechterbücher, in: MittVGNürnb 65, 1978, S.219.

166)    G. HIRSCHMANN, Johannes Müllner: Die Annalen der Reichsstadt Nürnberg von 1632 (QGKulturStNürnb Bd. 8), 1972, S.143.

167)    J. KINDLER v.KNOBLOCH, Das Goldene Buch von Straßburg, 1886, S. 174. - Vergl. G. LEMMEL, H.E. LEMMEL, Die Lemlein im Gebiete des Oberrheins im 13. und 14. Jh., in: Lemmlein filii (wie Anm. 4), S. 91.

168)    HELGA MOSBACHER, Kammerhandwerk, Ministerialität und Bürgertum in Straßburg, ZGORh, Bd. 119, S.33 ff., laut H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S.150.
 
Andererseits ist mir für die viel zitierte Behauptung, Namen wie Lemlein und Lemmel seien von einem Hause "zum Lamm" herzuleiten, kein einziger Beleg bekannt, während in Prag die Umkehrung erwiesen ist: aus dem Familiennamen entsteht ein Hausname. Mathias Lemmel hatte an seinem Haus sein Lamm-Wappen anbringen lassen, wodurch das Haus später gekennzeichnet wird: "Domus ubi agnus est depictus" (169).

Weiter kommt der Name Lemlein nebst Varianten bereits vor 1350 in Nürnberg und andernorts als Judenname vor (170); als jüdische Familiennamen gibt es Lemlein und Lemmel aber erst im 16. Jahrhundert, so dass für die Lemlein des 14. Jahrhunderts diese Namensentstehung ausgeschlossen werden kann. Auch die Überlieferung, dass die ab 1506 belegten Lemblin von Rennertshofen bei Neuburg/Donau möglicherweise von einem getauften Juden abstammen (171), halte ich für abwegig.

Im folgenden und in Tafel 4 gebe ich Beispiele für frühe Vorkommen von Lemlein-ähnlichen Namen in oberdeutschen Städten.



169)    TOMEK (wie Anm. 113), Bd.3-5, S.198 f., Bd. 1, S.27.

170)    HIRSCHMANN, Bürgerbücher (wie Anm. 75), Nr.777. - SCHULTHEISS, Achtbücher (wie Anm. 38), Nr.698. - Weitere Nachweise s. H.D. LEMMEL (wie Anm. 1).

171)    Neuburger Kollektaneenblatt 30, 1864, S.88 ff.

Ein Wernher Laemblin/Lämmlein wird von 1299 bis 1348 in Augsburger Urkunden genannt, wobei er einmal als Eigenmann des Ulrich von Wellenburg, dann aber als Herr Wernher der Lemlin bezeichnet wird (172). Im Raum Donauwörth-Dillingen gibt es um 1325 den Namen Lämlein/Laemmelin (173). In der Reichsstadt Windsheim gab es im Augustinerkloster eine 1370-78 datierte Handschrift von einem Walther Lemlein, auf den nach 1400 ein Heinrich Lemlein folgt (174). In Schwäbisch Gmünd ist eine Familie Lemelin im Jahre 1323 mit Berthold Lämelin erstmals nachweisbar (175). In Esslingen wird 1229 Hermannus Lambelinus als Zeuge erwähnt (176). 1296 lebt in Basel der Maler Hugo genannt Lembeli, sein Sohn Heinrich Lembelin wird 1317 erwähnt; in der Folge ist der Name im ganzen Bodensee-raum häufig (177). Auf die frühen Vorkommen des Namens Lempel und verschiedener Varianten in Österreich wies ich schon in Kapitel 7 hin.

172)    Wernher Laemblin, 1299 Zeuge. K. PUCHNER, Die Urkunden des Klosters Oberschönenfeld, 1953, S.24, Regest 73. - 1300,1304,1307 Acker, Wiesen, Haus und Hof des Wernher Lämmlein/Lemlin innerhalb der Güter des Ulrich Camerarius de Wellenburch. L. HÖRMANN, Erinnerungen an das ehemalige Frauenkloster Katharina in Augsburg, ZHistV-Schwab 10, 1883, S.304. - A. SCHRÖDER, Das Bistum Augsburg historisch und statistisch beschrieben, Bd. 8: Das Landkapitel Schwabmünchen, 1912-1932, S.381. - BayHStsA München, Klosterurk. im Rep. Raum, Augsburg Katharinenkloster Nr.54. - Regesta sive Rerum Boicarum Autographa 5, 1836, S.63. - MonBoica 33, Teil 1, 1841, S.327. - 1318 Herr Wernher der Lemlin als Zeuge. R. HIPPER, Die Urkunden des Reichsstiftes St. Ulrich und Afra in Augsburg 1023-1440, 1956, S.46.

173)    1327 verkaufen Konrad von Knöringen, Olfmann der Schrag, Egenolf der Schrag, und Eberhard, dessen Bruder, Lämlein genannt, einen Besitz in Schabringen bei Dillingen an das Kloster Medingen. Geschichtliches über den ehemaligen Hofmarktsort Schabringen bei Dillingen, in: 5. u. 6. JBerHistVSchwab, 1840/41, S.11, darin als Quelle: LÖHLE, Manuskript unter dem Titel: Kloster und Hofmark Maria Mödingsche Akten- und Urkundensammlung über Kloster Maria Mödingen, Regesta im Staatsarchiv München der vorhandenen Kloster-Urkunde. - Um 1325 ein Laemmelin/Laemlimin in Ebermeringen (heute Ebermergen) und Berg bei Donauwörth. HERMANN HOFFMANN, Die ältesten Urbare des Reichsstiftes Kaisheim 1319-1352, 1959, S.177 f. Regest 350 und S.167 Regest 324.

174)    E. STAHLEDER, Die Handschriften der Augustiner-Eremiten und Weltgeistlichen in der ehemaligen Reichsstadt Windsheim, in: QForschGBistHochstWürzb, Bd. 15, 1963, S.16 u. 209. - Im Stadtarchiv Bad Windsheim sonst nichts über Walter Lemlein bekannt, Mtlg. M. SCHLOSSER 1984.

175)    1323 Berthold Lämelin, erster urkundlicher Nachweis der in Schwäbisch Gmünd noch um 1550 lebenden Familie Lemelin, die auch in den Freiburger Universitätsmatrikeln erscheint. A. NITSCH, Urkunden und Akten der ehemaligen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd 777-1500 (Inventare der nichtstaatlichen Archive in Baden-Württemberg, Bd. 11, 12), 1966/67. - HERMANN MAYER, Die Matrikel der Universität Freiburg i.Br., 1907-10; vergl. H.E. LEMMEL, Herkunft (wie Anm. 3), S.124, wo jedoch der Ort Gamundia nicht als Schwäbisch Gmünd erkannt wurde.

176)    WürttGQ 4, 1899. - Wirt. Urkundenbuch 3, 1871, S.248 f.

177)    Urkundenbuch der Stadt Basel 3,1894. - G. LEMMEL, H.E. LEMMEL (wie Anm. 167).
 Wenn im Zusammenhang mit den Nürnberger Lemlein die Lemlin in Heilbronn (siehe weiter unten) und die Lembelin in Straßburg besonders interessant erscheinen, so mag das Zufall sein, weil gerade hier besonders viel einschlägiges Urkundenmaterial erhalten ist. Standesmäßige Übereinstimmungen lassen aber tatsächlich einen genealogischen Zusammenhang plausibel erscheinen.

Heinrich Lembelin, der um 1200 in Straßburg genannt ist (168), ist Zeuge in einer Urkunde der Kürschner. Auch H. Lemlein, 1304 im Nürnberger Holzschuherbuch, hat ja mit der Kürschnerei zu tun. Der Status eines Kürschners in Straßburg kann der eines Handwerkers sein, er kann aber auch als Kammerkürschner ein Offiziale des Bischofs sein (168). 1259 (
vor 1313) ist Conradus Lembelin Thesaurarius in Straßburg, und 1320 ist Fritscho Lembelin Münzmeister in Straßburg (l78). Dies sind aber die gleichen Funktionen, die ein Jahrhundert später Mathias und Johannes Lemmel am deutschen Königshof innehaben. Die Straßburger Lembelin, die durchaus mit den Nürnberger Lemlein stammverwandt sein können, bedürfen noch eingehender Erforschung. Dabei ergibt sich das gleiche Problem wie in Bamberg und Gerolzhofen, dass nämlich um 1300, also nachdem der Familienname Lembelin in Straßburg schon ein Jahrhundert lang besteht, der gleiche Name abermals als Juniorform von Lambert entsteht (179), und zwar wie in Gerolzhofen in einer Ritterfamilie.

Einige der ältesten Urkunden der Nürnberger Lemlein betreffen Würzburger Lehen. 1319/20 das "Lemelinsgerüth" in Claffheim bei Ansbach und 1319 das Lehen des Hermannus Lemmel in Haßfurt (180). Das mag bedeutungslos sein, weil andere Urkunden eben nicht erhalten sind; es mag aber auch darauf hindeuten, dass die Herkunft der Lemlein im Bereich des Würzburger Bistums zu suchen ist. In Würzburg dürfte es bereits im 14. Jahrhundert eine Familie Lemlein gegeben haben, von denen Hans Lemlin 1409 als Hausbesitzer in Würzburg der erste mir bekannte Vertreter ist (181). Dem Würzburger Bischof gehörte die Stadt Heilbronn, wo bereits im Jahre 1220 Cunradus Lemmelinus als erster von sechs Bürgern genannt ist, denen Bischof Otto auf ein Jahr alle seine Heilbronner Einkünfte verpfändet (182).

Zwar fällt wenig später, 1225, der bischöflich Würzburger Besitz in Heilbronn als erledigtes Reichslehen an den König zurück, was aber nicht ausschließt, dass einige Nachkommen des Heilbronner Cunradus Lemmelinus in Beziehung zum Würzburger Bischof verblieben. Der in Heilbronn ansässige Zweig namens Lemlin/Lemelin bekleidet dort bis 1389 mehrfach das Richteramt und gehört zu den führenden Heilbronner Familien, die innerhalb der Stadtmauern vermutlich in Stadtadelsburgen lebten.

Woher diese Familien ihren Reichtum hatten, ist nicht nachweisbar. Karl-Heinz Mistele (183) nimmt an, dass sie nicht "Handel mit Sack und Elle" betrieben, sondern im Geldverleih tätig waren. Das kann man aus den (freilich erst viel späteren) Heilbronner Steuerbüchern schließen, stimmt aber auch mit dem Sachverhalt der Lemmelinus-Urkunde von 1220 überein. Für eine gemeinsame Herkunft der Nürnberger und Heilbronner Lemlein sprechen der etwa vergleichbare soziale Status sowie die gemeinsame Beziehung zum Würzburger Bischof. Da aber für die Heilbronner Lemlin eine Urkundenlücke von 1220 bis 1281 besteht, lässt sich eine Abwanderung nach Nürnberg, falls es sie gab, nicht mehr feststellen. Genealogische Lücken aus Mangel an erhaltenen Urkunden muss man zu dieser Zeit selbst in bedeutenderen Familien als Regelfall ansehen. Hier ist die Grenze der Genealogie erreicht.

Ergebnis: Familiennamen in den Dialektformen für "Lämmlein" sind unter den oberdeutschen Stadtgeschlechtern bereits im 13. Jahrhundert verbreitet. Wie weit diese Verbreitung durch Wanderbewegung oder durch mehrfache Entstehung des gleichen Namens zu erklären ist, ist nicht zu entscheiden. Diese Lämmlein-Namen sind, soweit bekannt, älter als die Entstehung ähnlicher Namen aus "Lampert junior". Ob die Nürnberger Lemlein des 14. Jahrhunderts von den um 1150 nachweisbaren Nürnberger Lembelin abstammen oder aus einer anderen Stadt zuwanderten, lässt sich mangels erhaltener Urkunden nicht entscheiden.

176)    KINDLER v.KNOBLOCH (wie Anm. 167). - J. KINDLER v.KNOBLOCH, Oberbadisches Geschlechterbuch 2, 1899, S.485.

179)    H.E. LEMMEL, Kontinuität (wie Anm. 7), S. 150.

180)    Vergl. Anm. 47 u. 76.

181)    G. MEYER-ERLAcH, Der Seldener Buch, Ratsbuch Nr.35 des Stadtarchivs Würzburg aus dem Jahre 1409, in: MittZentralstDtpersFamilienG, Heft 48, 1932, S.27 Nr.81. - Spätere Lemlein in Würzburg sind, zumindest teilweise, aus dem Bamberger Raum zugewandert.

182)    E. KNUPFER, Urkundenbuch der Stadt Heilbronn, 1 (WürttGQ Bd. 5), 1904, S.3, Regest 11. - Wirtemb. Urkundenbuch Bd. 11, 1913, S.464, Urk. 5569. - C. JÄGER, Geschichte der Stadt Heilbronn 1,1828,S. 50. - H.D. LEMMEL. Regesten und Stammfolge der Heilbronner Bürgerfamihe Lemlin ab 1220 und der Lemlin v. Thalheim und Horkheim im 15. u. 16. Jh., Manuskript 1984.
 
183)    K.H. MISTELE, Bemerkungen zum Patriziat der Reichsstadt Heilbronn, in: Lemmlein filii (wie Anm. 6), S.79-86.


13. Schlussbemerkung

Die hier versuchte Darstellung einer Nürnberger bürgerlichen Kaufmannsfamilie im 14. Jahrhundert beruht teilweise auf Indizienbeweisen, wobei sich durchaus das eine oder andere Indiz einmal als Trugschluss herausstellen mag. Jedoch lässt die Summe der Indizien die Annahme zu, dass das im 15. Jahrhundert gut belegte Fernhandels- und Montan-Unternehmen der Nürnberger Lemlein bereits um 1350 bestand, und zwar mit Stützpunkten in Nürnberg, Neumarkt, Bamberg, Eger, Prag, Schlesien, womöglich auch in Wien, Waidhofen und Obervellach. Chunrad Lembelin war um 1300 in Nürnberg der erste bekannte Vertreter dieses Familienunternehmens. Hier stößt dieser Beitrag zur oberdeutschen Familien- und Handelsgeschichte an die Grenzen, die sich aus der Nicht-Erhaltung früherer Urkunden ergeben. So wäre es offensichtlich eine zu weit gehende Spekulation, wollte man aus dem Auftreten des Namens Lembelin im 13. Jahrhundert in verschiedenen oberdeutschen Städten auf einen noch früheren Ursprung dieses Familienunternehmens schließen: eine solche Extrapolation wäre weder zu begründen noch zu widerlegen.

Abschließend möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass die angegebene mögliche Stammfolge der Nürnberger Lemlein des 14. Jahrhunderts sich wesentlich ändern würde, wenn irgend eine der frühen Lemlein-Urkunden nicht überliefert worden wäre. Im Umkehrschluss muss man daher damit rechnen, dass jede neue frühe Lemlein-Urkunde, die vielleicht noch aufgefunden wird, Änderungen der angegebenen Stammfolge erforderlich machen kann. Ich stelle die Stammfolge hiermit zur Diskussion und bitte, wenn möglich, um ergänzende oder korrigierende Mitteilungen.






Nachträgliche Notizen:

Der Gutsbesitz der Lemmel und Loterpeck in Bischberg

Um 1336 empfängt Irmela Lemmelin ein "feudum in Bischofspach p(ro)pe Haulsprme", mit einem Schnörkel über "pr", der eine Abkürzung anzeigen kann, und einem langen Schnörkel am Ende des Wortes [1].
 
Das ist wohl Büschelbach, 10 km südwestlich von Heilsbronn, und nicht das in der folgenden Urkunde genannte Bischberg [1a].

Später stiftete Irmelgard Lemblein eine Pfründe für den Andreasaltar (Heilig-Kreuz-Altar) in der Nürnberger Lorenzkirche, zu der unter etlichen anderen Gütern ein Gut "in Bischberg" (Bischofsberg ob Gnadenberg) gehörte [2].

Hierzu passt eine Urkunde von 1352 [3], in der drei Zeugen bestätigen, dass der inzwischen verstorbene Heinrich Loterpeck seinen halben Hof zu Bischofsperch an den Pfleger der St.Lorenzkirche verkauft habe. Die drei Zeugen sind: Heinrich Holzschuher Herrn Leupolts Sohn, Peter Stromeir und Seifried Ebner. Diese gehören zur Verwandtschaft von Irmel Lemmel, wie die folgende Tafel [4] zeigt.

      ┌──────────────────┬──────────────────────────────────────┐
  Leupold       Mechthild Holzschuher       ┌──────────┐        │
  Holzschuher        *?1255                 │       Jutta  oo Friedrich
   *?1255     oo Hermann Ebner *?1250    Heinrich   Stromer   Holzschuher
      │                  │               Stromer    *?1255    *?1250
      │          Hermann Ebner *?1280    *?1275        └────┬───┘
  Heinrich            ┌──┴───────┐          │        Irmel Holzschuher *?1285
  Holzschuher      Seifried   Siglint oo Peter           oo Lemmel
   *?1285          Ebner      Ebner      Stromeir        
                   *?1315     *?1310     *?1310


Sowohl Heinrich Loterpeck als auch Irmel Lemmel hatten also einen Besitz in Bischberg, der in die St.Lorenzpfründe kam. Einige Jahrzehnte später aber verkaufte Erhard Loterpeck (wohl Heinrichs Enkel) seinen Besitz zu Loterbach an Conrad Lömel (Großneffe von Irmel Lemmel).

Wie nun aber die Loterpecks in diese Verwandtschaftstafel hineingehören, ist leider nicht bekannt.


[1] StsA Würzburg, Würzburger Lehenbuch Sign.1 Bl.214'.
[1a] Hinweis J.Wermich 2012.
[2] Hanns Hubert Hofmann: Pfaffenpfründen..., in: MVGN Bd.42, Nürnberg 1951, S.155.
[3] BHSA München, Reichsstadt Nürnberg Urk.817.
[4] Bei Biedermann weisen die Tafeln 22 und 23 über die ältesten Ebner-Generationen etliche Fehler auf. Unter anderem ist da Mechthild Holzschuher, die Ehefrau von Hermann Ebner, als Tochter von Leupold Holzschuher angegeben, was zeitlich kaum stimmen kann: sie muss Leupolds Schwester sein.


Ende

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