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Die Nürnberger Lemmel in der Oberpfalz   


von Hans-Dietrich Lemmel
A-1170 Wien, Handlirschgasse 14
HDLemmel@lemmel.at

Gedruckt im Genealogischen Jahrbuch Band 45/46, 2008, Seiten 87-158, der Stiftung
"Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte - Institut für Genealogie - in Frankfurt am Main".

Vorabdruck in "lemlein filii" Heft 7, 2007, Seiten 27-96.

Hier mit einigen zusätzliche Abbildungen.
Nachträgliche Ergänzungen sind mit < > markiert.

zu den Fußnoten mit Quellen und Anmerkungen

    Gliederung

    1. Einleitung

    2. Nürnberg und Bamberg
             Tafel 1: Auszug aus der Stammtafel der Nürnberger und Bamberger Lemlein

    3. Die Lemmel in Berngau und Neumarkt
           3.1  Die Kammerhube 1270-1439
             Tafel 2: Stammtafel der "Berngauer" Lömel in Neumarkt
           3.2  Vater und Sohn Conrad Lömel in Neumarkt 1343-1407
           3.3  Ulrich und Heinrich Lömlein in Neumarkt 1403-1456
           3.4  Die Lemmel in Altdorf ab 1478
             Tafel 3: Auszug aus der Stammtafel der Altdorfer Lämmel
           3.5  Die Stiftungen in Neumarkt 1436-1478
           3.6  Nürnberg und Neumarkt
             Tafel 4: Die Verwandtschaft der Lemmel in Nürnberg und Neumarkt

    4. Die Lemel mit dem Wolfswappen
           4.1  Irmel und Seifrid Lemlin 1337-1352
           4.2  Fritz Lemlein und der Wolfstein 1379-1383
             Tafel 5: Fritz Lemlein und die Wolfsteiner
           4.3  Lupburg und Reichertshofen 1400-1477
             Tafel 6: Stammtafel der Lemel zu Reichertshofen
           4.4  Steffan und Paul Lemmel 1420-1450
           4.5  Steffan und Hans Lemmel 1464-1490
           4.6  Jakob Lembl 1499-1515
           4.7  Die Abbacher Lämbl ab 1546
           4.8  Die Lemmel und die Sulzbürger
             Tafel 7: Besitz-Transaktionen zwischen Lemmel, v.Stein und v.Wolfstein

    5. Einige Übeltäter
           5.1  Albrecht Lemmel zu Störnstein 1435
           5.2  Heinz Lämmell/Lemlein 1446-1452
            Tafel 8: Die Verwandtschaft des Heinz Lemlein in Kötzting und Hohenwart
           5.3  Markus Lemlein 1460
 
    6. Gnadenberg
           6.1  Der Altar der Barbara Lemlin 1478
           6.2  Katerina Lemlin 1516-1533
             Tafel 9: Die Verwandtschaft der Stifterin Katerina Lemlin geb. Imhof
           6.3  Georg Jakob Lembl 1737-1753
   
    7. Die Lembl im Oberpfälzer Wald
           7.1  Lembl in Pfreimd und Tännesberg 1620-1670
             Tafel 10: Die Stammreihe der Lembl in Pfreimd und Tännesberg
           7.2  Martin Lembler aus Wien in Eslarn 1605-1610
           7.3  Hans und Elias Lembler in Eslarn 1630-1640
           7.4  Andreas Lembler in Waldthurn 1667-1700
             Tafel 11: Die Lemmel/Lämbler in Eslarn und Waldthurn
           7.5  Die Lemmel in Lobkowitzschen und kaiserlichen Diensten um 1700

    8. Die Lemmel in Sulzbach und Amberg 
           8.1  Mertein Leml 1404
           8.2  Die pfalzgräflichen Hofkellner 1500-1620
           8.3  Die Lemler in Sulzbach 1520-1600
             Tafel 12: Stammtafel der Lemel/Lemler in Sulzbach
           8.4  Der Komponist Laurentius Lemlyn 1513-1545
           8.5  Wolf Carl Lemlin 1575
           8.6  Der Junker Lemblein in Filchendorf 1590
   
    9. Rennertshofen
           9.1  Wilhelm und Christof Lemblin 1506-1584
             Tafel 13: Die Lemblin zu Rennertshofen, Auszug aus der Stammtafel
           9.2  Wolf Heinrich und Ludwig Andreas Lemlin 1560-1635
           9.3  Ernst Friedrich und Franz Ignaz Lemble 1640-1706
           9.4  Reichertshofen 1608-1616
           9.5  Horkheim, Weinsberg, Möckmühl

    10. Schluss
 
 

Landkarte der wichtigsten Lemmel-Orte zwischen Nürnberg und Regensburg


zu den Fußnoten mit Quellen und Anmerkungen


 1. Einleitung

Karl Ried [1] berichtete in seiner Chronik "Neumarkt in der Oberpfalz" von vier Lemmel-Frauen, die in Neumarkt Stiftungen hinterließen: 1436/1438 Kunigunde Lämlin/Lemlein: ein Benefizium in der Pfarrkirche; 1451 Barbara Lämel: eine Seelbadstiftung; 1490 eine Lämlin/Lemlin, deren Vorname nicht angegeben ist: ein Ewiggeld und ein Ewiglicht; und 1760/1761 Margarete Maria Lemblin: ein Benefizium mit dem stattlichen Kapital von 7000 Gulden. Über diese Neumarkter Familie, die das Kapital zu diesen Stiftungen hervorbrachte, war bisher nicht viel bekannt.
    Ich möchte hier einen Überblick über die Familie Lemmel geben, die durch etliche Jahrhunderte in der Oberpfalz in interessanten Positionen wirkte. Tatsächlich handelt es sich um mehrere Familienzweige mit einem gemeinsamen Stammvater, der vor 1300 als Bürger und Kaufmann in Nürnberg lebte. Über die älteren Lemlein/Lemmel in Nürnberg und Bamberg, über die es ausführliche Arbeiten gibt, werde ich in Kapitel 2 eine kurze Zusammenfassung geben. Das Material über die Oberpfälzer Lemmel in den folgenden Kapiteln, das aus Archivforschungen stammt, wurde bisher nicht veröffentlicht.
    Die umfassende Darstellung der Oberpfälzer Lemmel zu erarbeiten, wurde mir nur möglich durch die Geduld meiner Frau und durch die bereitwillige Unterstützung von Archiven und Forschern, wobei ich besonders meinen Vater Gerhard Lemmel, Bremervörde, und meine Kusine Inge Höfler-Lemmel, Neumarkt, nennen möchte, die mir durch etliche Jahrzehnte Literatur-Regesten, Urkunden-Kopien, Schreibmaschinen-Transskriptionen und Fotografien von Siegeln besorgten. Allen sei herzlich gedankt.
    Der ursprünglich mittelhochdeutsche Name der Familie war "Lembelin", latinisiert "Agnellus". Ab dem 14. Jahrhundert findet man die neuhochdeutschen Varianten "Lemlein" und "Lemmel", aber auch etliche Abweichungen wie "Lämel", "Lömel", "Lomel", "Lumel", "Lemell", "Lämbl", "Lempel", "Lemble", "Lemlin" und andere. Bei Frauen wird dem Namen meistens die feminine Endung -in oder -inne angehängt, aber die Endung -lin kann auch der Verkleinerungsform -lein entsprechen und einen Mann bezeichnen.
    Demgegenüber sind die oberpfälzer Namen wie "Lamp", "Lemp", "Lampel", "Lempel", die wohl nicht von dem Tiernamen Lamm sondern von dem alten Vornamen Lampert herzuleiten sind, zumeist  n i c h t  der Familie Lembelin-Lemmel zugehörig, und in früheren Darstellungen hat es Verwechslungen gegeben. Auch niederbayrische "Lamb", latinisiert "Agnus", teils mit Lamm-Wappen, zeigen keinen Zusammenhang mit den Nürnberger Lembelin/Lemlein.  
    Da für ein und die selbe Person oft mehrere Namensvarianten vorkommen, ist es müßig zu fragen, welches die "richtige" Schreibweise ist. Im Text werde ich bevorzugt jeweils die Namen so schreiben, wie sie in den Urkunden vorkommen.


2. Nürnberg und Bamberg

Die Geschichte der Nürnberger und Bamberger Lemlein wurde von Herbert Lemmel 1965 ausführlich dargestellt [2]. Dazu konnte ich 1984 Ergänzungen und Korrekturen berichten [3]. So kann ich mich hier auf einen kurzen Abriss der Nürnberger und Bamberger Familienzweige beschränken, um danach auf die oberpfälzer Zweige ausführlich einzugehen.
     Die Nürnberger Lemlein waren eine bürgerliche Kaufmannsfamilie. Herbert Lemmels frühere Behauptung, sie seien ein Zweig der fränkischen Ritter Lampert von Gerolzhofen, stellte sich als unhaltbar heraus.

 
1305 im Nürnberger Bürgerbuch: H.Stromair und Chunr.Lembelin bürgen für Fricz von Golnhoven.

    Die erste Nürnberger Lemlein-Urkunde datiert von 1305, als Chunrad Lembelin zusammen mit H.Stromair für den Neubürger Fritz von Golnhoven bürgte [4]. Da die Lemlein in Nürnberg als eine der alten Familien angesehen wurden, dürfen ein ab 1151 in Köln genannter Cunradus Lembelin "aus Nürnberg" und sein Sohn Hermann zu der selben Familie gerechnet werden. Sie waren Kaufleute im Verbund mit den großen Nürnberger Handelshäusern der Holzschuher und Stromer: Unter den 30 bekannten Nürnberger Lemlein-Urkunden des 14. Jahrhunderts sind fünf, die Beziehungen zur Familie Holzschuher zeigen, und weitere fünf mit Beziehungen zur Familie Stromer.
  
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│1151 Cunradus Lembelin aus Nürnberg in Köln                                            │
│                  .                                                                    │
│                  .                                                                    │
│                  .                                                                    │
Chunrad Lembelin in Nürnberg, *?1250                                                   │
│1305 bürgt er für einen Neubürger                                                      │
│                  │                                                                    │
│               ┌──┴─────────────────────────────────────┐                              │
Hermann Lemlein/Lemmel, *?1280, Nürnberg                │                              │
│1335-1363 seine Witwe Irmel geb.Holzschuher   Conrad Lemblin, *?1285                   │
│Beziehungen zur Oberpfalz                     1331 Schöffe in Bamberg                  │
│               │                                        │                              │
│        ┌──────┴───────────┐                            │                              │
Fritz Lemlein          Seifrid           ┌──────────────┴──────────┐                   │
│*?1305, in Nürnberg     Lemlin  Werner Lembel, *?1315              │                   │
│ab 1357 Genannter,      *?1310  ab 1351 in Prag           Conrad Lemlein, *?1325       │
│1379/1383 Wolfstein                      │                Schöffe in Bamberg           │
│        │                                │                         │                   │
Werner Lemlein, *?1350,†1414    Mathias Lemmel, *?1350             │                   │
│Genannter Nürnberg              1412-1426 Schatzmeister   Hans Lemlein,*?1360          │
│        │                       von König Sigmund         Schöffe in Bamberg           │
Conrad Lämblein, *?1375,†1415         in Ofen                   ∞1)││∞2)               │
│Genannter Nürnberg                       │                      ┌──┘└─────────┐        │
│1438 seine Witwe                Johannes Lemmel, *?1390  Mertein Lemel        │        │
│                                ungarischer Kammergraf,  *?1385 Bamberg  Hans Lemlein  │
│                                1438-1456 Hermannstadt   ab 1437 Chem-   *?1395 Bamberg│
│                                sein Neffe:                        nitz  ab 1440 Nürnbg│
│                                         │                               Ratsherr,     │
│                                Nikolaus Lemmel, *?1410                  Bürgermeister │
│                                Bürgermeister Kremnitz                 ┌──────┴────┐   │
│                                                                 Hans Lemlein    Ursula
│                                                                 1475 Kremnitz   ∞Imhof
└───────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 1: Auszug aus der Stammtafel der Nürnberger und Bamberger Lemlein

    Tafel 1 zeigt einen Auszug aus der Stammtafel der älteren Nürnberger und Bamberger Lemlein. Geburtsjahre, die aus den vorhandenen Urkunden ungefähr abgeschätzt wurden, sind darin in der Form "*?1250" angegeben.
    In Bamberg sind die Lemlein seit 1331 als Schöffen nachzuweisen. Laut einem Nekrolog-Eintrag stammte der erste Bamberger Lemlein aus Nürnberg. Im Jahre 1357 saß erstmals ein Nürnberger Lemlein, Fritz, als Genannter im Äußeren Rat, und der 1440 von
Bamberg nach Nürnberg zurückgekehrte Hans Lemlein wurde Ratsherr und mehrmals Bürgermeister. Sein Bruder Mertein Lemel lebte ab 1437 in Chemnitz, wo etliche seiner Nachkommen Bergunternehmer im Erzgebirge wurden. 
    In Bamberg waren die Lemlein mit den Familien der Hausgenossen des Bischofs verschwägert, den Münzmeistern und den Hallern, und im Verbund mit diesen Familien gelangte ein Lemmel-Zweig in die Dienste der Könige aus dem Hause Luxemburg [5]: Mathias Lemmel war in den Jahren 1412-1426 Schatzmeister von König Sigmund in Ofen, wo die Reichskleinodien unter seiner Obhut waren, bis sie 1424 nach Nürnberg kamen. Sein Sohn Johannes Lemmel war 1438-1456 ungarischer Kammergraf, Ritter und Graf zu Hermannstadt in Siebenbürgen. Ihre Siegel zeigen ein Lamm-Wappen [6]. Dabei ist auffallend, dass der Bamberger Bürger und Schöffe Hans Lemlein sich ein rittermäßiges Wappen mit Helm zulegte, mit einem zweiten Lamm als Helmzier, während der ungarische Kammergraf Johannes Lemmel, der wirklich ein Ritter war, sich mit dem einfachen bürgerlichen Lamm-Wappen begnügte.


Links: Siegel von Hans Lemlein, Schöffe in Bamberg, 1406.
Mitte: Siegel von Mathias Lemmel, Schatzmeister von König Sigmund,Avignon 1416.
Rechts: Fragment des Siegels von Johannes Lemmel, ungarischer Kammergraf in Hermannstadt, 1439.

    Auf letzteren folgte 1456 Nikolaus Lemmel als Bürgermeister von Kremnitz in den oberungarischen Karpaten [7]. Als dann der dortige Lemmel-Zweig ausstarb, ging Hans, der Sohn des Nürnberger Bürgermeisters Hans Lemlein, 1475 nach Kremnitz [8], vermutlich um die dortigen Montangeschäfte weiterzuführen. Hieraus wird ersichtlich, dass die Nürnberger und Bamberger Lemlein ihr Geld zumindest teilweise in Bergbau-Unternehmungen und Fernhandel verdienten, und zwar im geografischen Dreieck zwischen Nürnberg, dem sächsischen Erzgebirge und den oberungarischen Bergstädten in den Karpaten.
     In Nürnberg starben Sohn und Neffe des Bürgermeisters Hans Lemlein kinderlos: Caspar Lemlein 1510 und Michel Lemlein 1513. Ihr Vermögen kam nach zwei Imhof-Lemlein-Ehen an die Familie Imhof. Das schönste Zeugnis davon ist das gotische Sakramentshaus in der Nürnberger Lorenzkirche mit dem Lammwappen der Ursula Lemlein, der zweiten Frau von Hans Imhof [9]. Den 1493 geschlossenen Werkvertrag zwischen Hans Imhof und dem Bildhauer Adam Krafft [10] besiegelten als Zeugen Jorg Holzschuher und Michel Lemlein [11]; von letzterem und seiner Ehefrau Katerina geb. Imhof wird in Kapitel 6.2 die Rede sein.
          
             
Links: die Wappen Imhof und Lemlein in der Nürnberger Lorenzkirche am Sakramentshaus
von Adam Kraft, 1493/1496.
Rechts: Siegel von Michel Lemlein  zu Nurmberg, unter einer Bamberger Urkunde, 1497.

    Wenn die Nürnberger Genealogien berichten, dass die Lemlein ausgestorben seien, so trifft das nur für die in Nürnberg lebenden Zweige zu. Zahllose Nachkommen namens Lämmlein leben in Oberfranken [12], und zahllose Nachkommen namens Lemmel und Lämmel leben in Sachsen [13]. Nur gelegentlich wurde in einer der Nürnberger Genealogien vermerkt, so im Derrerbuch [14] von 1620, dass "dieser Lemmel Nachkommen seint auch in die Pfaltz gezogen doselbst sie noch zu diesen Tagen wonhafft und adelichen Stant führn". Von diesen "Lemmel Nachkommen" in der Pfalz soll in diesem Aufsatz die Rede sein.
    Schon früher wurde festgestellt, dass die Nürnberger Lemlein Beziehungen zur Neumarkter Gegend hatten, und dass die Oberpfälzer Lemmel wohl aus Nürnberg stammten [15], aber es gab noch Unklarheiten und Irrtümer, die durch neuere Forschungen geklärt werden konnten.
Von Bedeutung dürfte es sein, dass die Frau Alheid des Bamberger Schöffen Conrad Lemlein (des jüngeren) wahrscheinlich eine geborene Münzmeister war [16] und damit Enkelin des bedeutenden Mannes Konrad Esler, der in Bamberg und Nürnberg lebte und um 1295 Reichs-Schultheiß sowohl von Nürnberg als auch von Neumarkt war. In diesem Amtsbereich Bamberg-Nürnberg-Neumarkt liegen die Besitzungen der Lemmel-Familie.

3. Die Lemmel in Berngau und Neumarkt

3.1  Die Kammerhube 1270-1439

Die Frühgeschichte von Neumarkt wurde jüngst von Simon Federhofer in seinem Buch über die "Herrschaftsbildung im Raum Neumarkt" [17] dargestellt. Das Titelbild [18] seines Buches zeigt die Stadt Neumarkt zwischen der Siedlung Berngau ("Peringau") und dem Schloss Wolfstein, und dieser Dreiklang bestimmt auch die Frühgeschichte der Lemmel in der Oberpfalz.
 
Berngau, Neumarkt und der Wolfstein: die
Schauplätze der ersten oberpfälzer Lemmel

    Der "Neue Markt", der um 1135 erstmals urkundlich erwähnt wird, war von den Wolfsteinern auf ihrem eigenen Grund als Handelsplatz angelegt worden, und zu den Wolfsteinern hatten auch die Lemmel Beziehungen, wie wir sehen werden. 
    Fünf Kilometer südwestlich liegt das erstmals 1142 beurkundete Berngau, das im Jahre 1213 ein königlicher Amtssitz war, der dem Burggrafen von Nürnberg unterstellt war.
    1235 kam Neumarkt an den deutschen König, der einen Schultheiß über Neumarkt und das Amt Berngau einsetzte. 1246 wiederum wurde das Amt Berngau an die Wolfsteiner verliehen, wobei der königliche Burggraf Friedrich in Nürnberg bestimmte, dass die Einnahmen an den Wolfsteiner Gottfried von Sulzbürg kommen sollten.
     In diesem Spannungsfeld zwischen dem König und den Wolfsteinern finden wir die früheste Lemmel-Urkunde. Und zwar ist in dem um 1270 angelegten Salbüchlein für das Reichsamt Berngau unter den vielen angeführten Gütern und Abgaben verzeichnet: "Dimidia huba Agnelli ix sol.", also die Zinseinnahmen für eine halbe Hube des "Agnellus": latinisiert für "Lemlein". Es war der zweitgrößte Hof in Forst; der größte gehörte einem Chromarius, also einem Mann namens Kramer, der laut Federhofer zur Weigelsippe gehört haben dürfte [19].
    Nach dem Tod des letzten Staufers Konradin 1268 war dessen Besitz im Nordgau, darunter auch Neumarkt und das Amt Berngau, an die Wittelsbacher gekommen, die hier als Schultheißen Heinrich von Parsberg (urkundlich 1278 bis 1292) einsetzten. Daraufhin wurde in dem Salbüchlein der Güterbestand des Amtes Berngau aufgenommen. Es sind aber keine Jahreszahlen eingetragen, so dass der Eintrag des Agnellus um oder nach 1270, vielleicht auch erst um 1280 zu datieren wäre.
    Mit dem Schultheißen Heinrich von Parsberg gibt es erstmals enge Beziehungen zwischen den Familien der Parsberger und der Lemmel, die durch einige Jahrhunderte fortbestehen werden.
    Der Agnellus hatte also in Forst ein königliches Reichslehen, das nun zu einem herzoglich bayrischen Lehen geworden war. Der Wohnsitz des Agnellus ist nicht ersichtlich. Er mag in Nürnberg oder Neumarkt gelebt haben, und die Abgaben von dem Inhaber seines Hofes in Forst wurden an ihn abgeführt.
    In den folgenden Jahrzehnten war der Besitz des Amtes zwischen König und Herzog strittig, und um 1295/1300 waren die Nürnberger Reichsschultheißen Konrad Esler und Berthold Pfinzing zugleich Schultheißen von Neumarkt. Nachdem aber im Jahr 1314 der Bayernherzog Ludwig zum deutschen König gewählt wurde, betrachteten die Wittelsbacher dieses Lehen nicht mehr als Reichsgut sondern als ihr Hausgut.
    <Zu dieser Zeit hatte der "reiche Weigel" zu Nürnberg die Hofmark zu Berngau als Verwalter inne und bezog hieraus reiche Einnahmen. Ob König Ludwig die Hofmark erst 1314 an die Weigel verlieh, oder ob er diese schon als Reichsbeamte übernahm, ist ungewiss. Schwiegersohn des "reichen Weigel" war Albrecht von Wolfstein, der 1350 beurkundet ist [19a].> 
    Im Salbüchlein gibt es dann für Agnellus und Chromarius einen weiteren Eintrag, der um 1326 zu datieren ist. Zwischen beiden Einträgen liegen etwa 50 Jahre, so dass die beiden hier genannten "Agnelli" Vater und Sohn, wenn nicht sogar Großvater und Enkel sein müssen.
    Die beiden Salbuch-Einträge wurden schon von Herbert Lemmel [20] mitgeteilt, aber nicht in den richtigen Zusammenhang gestellt.
    Nach den beiden Agnellus-Urkunden um 1275 und um 1326 ist dann von 1370 bis 1439 in Berngau die "Kammerhube" in Lemmel-Besitz beurkundet. Daraus ergibt sich erstens, dass "Agnellus" tatsächlich die latinisierte Namensform der Lemmel ist; und zweitens wird aus der Besitzfolge in Berngau die Stammreihe des Berngauer Lemmel-Zweiges ersichtlich.
    Laut Federhofer hat die Kammerhube eine Sonderstellung. Darunter ist kein Hof zu verstehen sondern die Summe von Grundstücken, deren Erträgnisse der herzoglichen Kammer in Neumarkt zuflossen. Im Jahre 1329 teilte König Ludwig der Bayer im Hausvertrag von Pavia den Wittelsbacher Besitz, wobei Neumarkt und Berngau an die Pfalz kamen, jedoch ohne die Berngauer Kammerhube: sie blieb ein herzoglich-bayrisches Lehen.
    Diese Kammerhube taucht in einer Urkunde von 1370 wieder auf. In diesem Jahr verlieh Hans von Wildenstein "Chunrad dem Lömlein, purger zu dem Newmarcht, und Gerhawssen sein elichen hawsfrawen ein Viertail eins hofs zu Perngawe gelegen..." [21].
     1385, bei der Aufteilung des Hilpoltsteiner Erbes, muss Lömlein zusätzlich zu seinem Viertel-Hof die ganze Kammerhube bekommen haben [22], die dann 1410 an seine Söhne kam.
    1410 empfingen Chunrads Söhne "Ulrich und Heinrich die lömlein vom Neuenmarkt die Cammerhueb zue Perngaw undt das Muschach holtz zu Pilsach"; das Lehen "ist vom Vater anerstorben". Von Chunrads Söhnen starb zuerst Heinz, und 1422 empfing Ulrich seines Bruders Anteil zugunsten von dessen unmündigem Sohn Heinz. 1427 war auch Ulrich Lömlein
gestorben, und Ulrich Darwin, Pfleger zu Altdorf, empfing als "trewträger für sein enklein Haintzen Lömleins 1/2 Hoff zue Perngaw genannt die Cammerhueb, biß daz kint zu seinen tagen kombt undt ist von seinen Vater Heintz Lomel anerstorben" [23].
    Der junge Haintz Lömlein war 1427 also noch unmündig, und sein mütterlicher Großvater, der Altdorfer Pfleger Ulrich Darwin, war sein Vormund.
    1436 war Haintz noch immer unmündig: in diesem Jahr ist für den halben "Stammelhof" in Berngau Konrad Rall verzeichnet, als Lehensträger für "Konrad Lemlin". Nur: einen "Konrad Lemlin" gab es zu dieser Zeit nicht. Der Vorname Konrad steht hier unrichtig für Heinz: der Schreiber arbeitete wohl anhand einer älteren Lehensliste, in der noch der Großvater Konrad Lemlin eingetragen war.
    Der Stammelhof, der vormals den Hilpoltsteinern gehört hatte, hatte den selben Status wie die Kammerhube und unterlag nicht der Wittelsbacher Teilung von 1329. 1439 wurde "Haintz Lomel" endlich mündig und nun wurde er selbst für den halben Stammelhof eingetragen [24]. Das ist der letzte Lemmel-Eintrag für ein Berngauer Lehen. Wann und an wen Heinz Lemmel die Kammerhube und den Stammelhof veräußerte, dafür habe ich keine Urkunde gefunden.
    Die Lemmel hatten also ihren Besitz in Berngau von 1270 bis 1439. Die Reihe der Besitzer ergibt das Skelett für die Berngauer Lemmel-Stammtafel, die in Tafel 2 gezeigt ist. Während für die ersten Generationen außer den beiden Agnellus-Nennungen nichts bekannt ist, gibt es ab 1340 viele zusätzliche Urkunden, aus denen zu ersehen ist, dass die Lemmel in Neumarkt Schöffen waren und Einkünfte aus verschiedenen Gütern, einer Mühle und einer Schmiede hatten.

  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│          "Agnellus", *?1220                                            │
│          nach 1270: 1/2 Hube Lehen bei Berngau                         │
│          in Berngau auch "Chromarius"                                  │
│                :                                                       │
│                :                                                       │
│          (nicht genannt), *?1250                                       │
│                :                                                       │
│                :                                                       │
│          "Agnellus", *?1280                                            │
│          1326: 1/2 Hube Lehen bei Berngau                              │
│                │                                                       │
│                ├──────────────────────────────────────┐                │
│     Chunrad Lömel, *?1310, † vor 1343         Wolfel der Lamp          │
│     Seine Witwe Kunel Lemblinne               1349 Stiftung in Neumarkt│
│        1343 in Heng, 1358 in Neumarkt,        Zeugen: Konrad der Kromer
│        sie oo2) Heinrich Loter,                      und Heinrich Loter
│            oo3) Ulr.Amman, 1358 in Wendelstein                         │
│                │                                                       │
│                │                                                       │
│     Conrad Lömel/Lomel/Lämbel                                          │
│     *? 1340, † zwischen 1407/1410                                      │
│     1370-1407 Bürger in Neumarkt, 1386-1402 Schöffe                    │
│     1370 1/4 Hof bei Berngau, 1385 Kammerhube                          │
│     1389 Kauf der Göglmühle bei Bernfurt,                              │
│     1400 Hof zu Sigenhoven,                                            │
│     1400/1401 kauft er von Erhard Loterpeck                            │
│        all sein Gut zu Loterpach mit Zubehör.                          │
│     oo mit Gerhaus/Gertrud.                                            │
│                │                                                       │
│         ┌──────┴──────────────────────────────────────┐                │
Ulrich Lomel/Lömel                                     │                │
│*? 1385, † 1424/1425                          Heinrich Lömlein/Lömel    │
│1403 Ulricus Lemel Univ. Wien.                *? 1385/1390, † vor 1422  │
│1410-1424 Bürger in Neumarkt, 1422 Schöffe    1410 Kammerhube Berngau   │
│1410 Kammerhube Berngau, 1422 auch Anteil     oo mit Tochter von Ulrich
│  des verstorbenen Bruders Heinz übernommen.   Darwin,Pfleger zu Altdorf│
│1410 Hof bei Pilsach, 1423 verkauft.          1422 sein hinterlassener  │
│1416/23 kauft Gut,Mühle,Schmiede Wiesenacker.  unmündiger Sohn Haintz   │
│1418 Kauf von Gülten zu Loterpach.                     │                │
│oo mit Kunigunde Wydmann, 1425 Witwe                   │                │
│Sie kauft 1425 Gülten zu Loterpach,                    │                │
│1436/1439 Stiftungen.                                  │                │
│         │                                  Heinrich Lämell/Lomel,*?1415│
│         │                                    1422, 1427 unmündig       │
Barbara Lemlin, *?1420, †1483                 1439 Kammerhube Berngau,  │
│1439-1451 Stiftungen in Neumarkt,           oo mit Margarete Lehenmaier,│
│1455-1468 Bürgerin in Nürnberg,               1444, 1456 zu Neumarkt,   │
│1478 Stiftung eines Altars in Gnadenberg,     1446 Verkauf der Göglmühle│
│1478-1483 Nonne im Kloster Mariastein.      Dann nach Altdorf zur Fami- │
│                                                 lie des Schwiegervaters│
│                                                       │                │
│                                        Marckart/Marx Lomell/Lömell     │
│                                        *?1440, 1478 Ratsherr in Altdorf│
│                                        Stammvater der Altdorfer Lämmel
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Tafel 2: Stammtafel der "Berngauer" Lömel in Neumarkt


3.2  Vater und Sohn Conrad Lömel in Neumarkt 1343-1407

Ein vor 1343 gestorbener Chunrad Lemblin/Lömel hatte eine Frau Kunigunde/Kunel Lemblinne, die 1343 als Witwe in Heng für ein Lehen der Nürnberger Deutschordenskommende genannt ist [25]. Sie heiratete in zweiter Ehe den Konrad Loter und in dritter Ehe, vor 1358, den Ulreich Amman. In diesem Jahr vermachte sie ein Gut zu Mantlach als Seelgerät für ihre "vordern säligen wirtt", also für ihre beiden vorigen Ehemänner [26].
    Im Pestjahr 1349 stiftete "Wolfel der Lamp" in Neumarkt ein Ewiglicht für das Siechenhaus beim Spital [27]. Unter den Zeugen waren Heinrich Loter, also der zweite Mann von Chunrad Lemblins Witwe, und Konrad der Kromer [27a] aus der Familie des "Chromarius", der schon 1270/80 und 1325 zusammen mit "Agnellus" in Berngau genannt war. Wegen dieser auffallenden Zusammenhänge darf man wohl diesen "Lamp" als nahen Verwandten, wohl Bruder des Chunrad Lemblin ansehen, obgleich sonst "Lamp" nicht als Nebenform von Lemblin/Lömel vorkommt.
     Der jüngere Conrad Lömel/Lomel, der um 1340 kurz vor dem Tod seines Vaters geboren wurde, wuchs bei seinen Stiefvätern Heinrich Loter und Ulreich Amman auf. Von 1386 bis 1402 amtierte er als einer der Neumarkter Schöffen [28], wobei er im Jahre 1402 der erste, also der Älteste in der Reihe der Schöffen war. Dabei wurde sein Name am selben Tag einmal Conrad Lömel, dann Chunrad Lomel geschrieben. Er war auch Urteiler in Urkunden der Neumarkter Schultheißen Dietrich von Parsberg 1380 und Altman Kemnater 1397 [29].
    Zusätzlich zu seinem oben erwähnten Besitz in Berngau sind etliche Erwerbungen beurkundet. 1389 erwarb er von einem Nürnberger Bürger eine Mühle bei Bernfurt, die Göglmühle oder Gritzmühle, die erst 1446 von seinem Enkel Heinrich Lemell wieder verkauft wurde [30].
    Im Jahre 1400 wird erwähnt, dass Conradt Lämbel als Ältester seines Geschlechts aus seinem Hof zu Sigenhofen einen Jahrtag in der St.Johannis-Pfarrkirche in Neumarkt errichten soll [31].
    Schließlich verkaufte am 30.12.1400 Erhard Loterpeck, zu Rotenfels gesessen, dem "ersamen man Conrad dem Lömel purger zu dem Newemarckt und seiner ehelichen Hausfrau Gertrud" und allen ihren Erben "allen unseren Gut gelegen zu Loterpach mit allen Zugehorungen zu Dorf, Feld, Stock, Stein, Holtz, Wasser, Wald...". Bürgen des Erhard Loterpeck waren seine Vettern Hans der Struppger zu Perg und Hans der Loterpeck zu Rotenfels [32]. In der Urkunde, die von der Stadt Neumarkt gesiegelt ist, ist der Kaufpreis leider nicht angegeben.
    1407 wird noch ein "Gütel" zu Loterpach erwähnt, das "halb ist Conrad des Lomleins purger zum Newenmarckt" [33].
    Bemerkenswert ist hier einerseits, dass die Adelsfamilie der Loterpecken ihren Stammsitz an einen Neumarkter Bürger verkaufte, und andererseits dass Conrad Lömel hierzu das nötige Geld hatte. Zu dieser Zeit war der Stand des Stadtbürgers attraktiver als der Adelsstand. Die Loterpecken, die zuvor Gefolgsleute der Wolfsteiner waren, findet man alsbald unter den Neumarkter Stadtbürgern.
    Woher hatte der Lömel sein Geld? Sein Besitz an Gütern dürfte größer gewesen sein, als die wenigen erhaltenen Urkunden erweisen. Aber ob seine Einnahmen nur aus den Abgaben der Bauern stammten oder ob er ein Handelsherr war, der seine Handelsgewinne in Gutsbesitz anlegte, bleibt eine offene Frage. Gelegentlich wird deutlich, dass er ein Finanzmann war, so als er 1401 für den Nürnberger Bürger Hanns Weibeler bürgte, als dieser Schulden bekennen musste [34]. Auch der Erwerb von Loterpach könnte eine Geldanlage gewesen sein, die den Loterpecken aus einer finanziellen Klemme half.
     Es fällt auf, dass Lömels Stiefvater Heinrich Loter war, und bei den Lotern und den Loterpecken soll es sich um die selbe Familie handeln, so dass Conrad Lömel womöglich einen erblichen Anspruch an Loterpach hatte. Aber ich kenne keinen Beleg, dass ein und die selbe Person wechselnd Loter oder Loterpeck genannt wurde. Ich möchte daher eine nahe Verwandtschaft zwischen dem Stiefvater Heinrich Loter und dem Verkäufer Erhard Loterpeck ausschließen. Auch die Spekulation, dass Conrad Lömels Ehefrau, deren Vorname Gertrud/Gerhaus mehrfach beurkundet ist, eine Loterpeck sein könnte, ist auszuschließen, denn eine solche Beziehung wäre sicherlich in der Kaufurkunde erwähnt worden. Die Beziehungen zwischen den Familien Lemmel und Loterpeck bestanden schon längere Zeit, wie wir noch sehen werden.
    Conrad Lömel, zuletzt 1407 beurkundet, starb in hohem Alter vor 1410, als seine beiden Söhne "Ulrich und Heinrich die Lömlein" von Herzog Johann mit der Berngauer Kammerhube belehnt wurden.


3.3  Ulrich und Heinrich Lömlein in Neumarkt 1403-1456

Im Oktober 1403 wurde Ulricus Lemel unter der "Nacio Renencium" an der Wiener Universität immatrikuliert [35]; er dürfte also um 1385 geboren sein.
    Zusätzlich zu der Kammerhube erhielt Ulrich Lomel 1410 von Pfalzgraf Johann am Rhein in einer in Neumarkt ausgestellten Urkunde den "Keyfenhoff" bei Pilsach (Keilhof östlich von Neumarkt, abgegangener Flurname), der auch 1415 in seinem Besitz beurkundet ist [36]. 1418 kaufte er Gülten aus einem weiteren Gut zu Loterbach, ebenso seine Witwe Kunigunde 1425 [37]. 1422 empfing er das "Muschach"-Holz zu Pilsach, das er 1424 wieder verkaufte. 1423 verkaufte er auch den 1410 erworbenen Keilhof [38].
    1416 kaufte Ulrich Lemel ein freies Gut im Dorf "Wesenacker" im Amt Pfaffenhofen. Wiesenacker, zehn Kilometer östlich von Neumarkt, hatte seinen eigenen Adel. Es war im Besitz der Ehrenfelser von Helfenberg, die einige Teile davon an "Hanns den Pauer von Allersburg" verkauften, der nun seinen Besitz an Ulrich Lemel und Hanns Scharnagl, Bürger zu Neumarkt, verkaufte und zum Beweis seiner Freiheit den Brief selbst siegelte [39]. 1423 ergänzte Ulrich das Gut in Wiesenacker durch den Kauf von Hanns Scharnagls Besitzanteil an der Mühle und Schmiede in Wiesenacker [40].
    In Nachfolge seines Vaters war Ulrich 1422/1423 Schöffe in Neumarkt [41]; 1420 war er Bürge bei einem Verkauf [40].
    Um die Jahreswende 1424/1425 starb Ulrich Lömlein, kaum 40 Jahre alt, ohne einen Sohn zu hinterlassen. Seine Witwe Kunigunde und seine Tochter Barbara sind die bei Ried genannten Stifterinnen von 1436 und 1451, die ich eingangs erwähnte.
    Ulrichs Bruder Heinz starb schon vor 1422 im Alter von 30 bis 35 Jahren. Über ihn ist außer der oben erwähnten Belehnung mit der Berngauer Kammerhube keine weitere Urkunde erhalten. Bei der Belehnung seines unmündigen gleichnamigen Sohnes wird ersichtlich, dass Ulrich Darwin, 1427 Pfleger zu Altdorf, sein Schwiegervater war, der nun als Vormund für den unmündigen Enkel Heinz eintrat.
    Der jüngere Heinz Lömlein/Lämell, der in den Kammerhuben-Urkunden 1427 noch unmündig und 1439 mündig war, lebte zunächst noch in Neumarkt, wo er von 1442 bis 1456 in Gerichtsbriefen über verschiedene Güterstreitigkeiten beurkundet ist [43]. 1446 aber verkaufte er zusammen mit seiner Ehefrau Margarete die vom Großvater Conrad erworbene Mühle an seine Schwiegermutter Kunigunde Tobauer, Ehefrau des Neumarkter Bürgers Conradt Lehenmaier [44]. Das ist die letzte Urkunde über ihn.


3.4  Die Lemmel in Altdorf ab 1478

1478 ist Marckart/Marx Lemel/Lomell/Lömell in Altdorf als Ratsherr beurkundet, als er den Verkauf eines Ackers besiegelte [45]. Wie es üblich war, siegelte er mit dem Stadtsiegel und leider nicht mit seinem persönlichen Siegel. 1494 zahlte er an die Altdorfer Pfarre Abgaben für Besitz in Altdorf und Penzenhofen westlich von Altdorf.
    Ein Jorg Lemel, der gleichzeitig an die Pfarre für einen Besitz in Unterweletschleiten zinst, dürfte sein Sohn sein [46]. 1541 zinst Jacob Lemel/Lemblein an die Altdorfer Pfarre [47], wobei es sich um einen Enkel handeln muss.
    Ein anderer Enkel mag Paulus Lemble/Lemlin sein, der 1539 und 1544 in Hausheim (zwischen Altdorf und Neumarkt) beurkundet ist [48].
    Ob ein Hans Lempl 1504 auf Gut Wünricht bei Altdorf [49] zur Lemel-Familie gehört, kann mangels weiterer Nachrichten kaum entschieden werden. Die Namensform Lempl wäre für die Neumarkter Lemmel möglich aber ungewöhnlich.
    Der Ratsherr Marckart Lemel von 1478 erscheint also als Stammvater der Altdorfer Lemel. Er muss ein Sohn des letzten Neumarkter Heinz Lömlein sein, der in Neumarkt zuletzt 1456 genannt war und dessen Schwiegervater der Altdorfer Pfleger Ulrich Darwin war. Marckart dürfte nach dem Tod seines Vaters von Neumarkt nach Altdorf gegangen sein, wo er ein Erbe des Großvaters Darwin antrat, wodurch ihm auch in Altdorf die Würde eines Ratsherrn zukam.
     Aus den nun einsetzenden Kirchenbüchern erschließt sich eine Stammfolge Lemblein/Lemmel/Lämmel in den Bauerndörfern der Altdorfer Umgebung und nördlich bis Lauf und Hersbruck, bis in die Gegenwart [50].
    Bemerkenswert ist hier der soziale Wandel. Während im 14. Jahrhundert in Nürnberg die Kaufleute Lemlein und Stromer Geschäftspartner waren, ist nun der Bauer Hans Lemblein in Grünsberg ein v.Stromerscher Untertan, dessen Zinsabgaben im Stromerschen Salbuch von 1560 festgelegt sind [51].

  
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Heinz Lömlein                                  │
│  *?1385         Ulrich Darwin                 │
│in Neumarkt        *?1390                      │
│und Berngau      Pfleger in Altdorf            │
│     │                │                        │
Heinz Lömlein oo Tochter Darwin                │
│  *?1418      │                                │
│in Neumarkt   │                                │
│und Berngau   │                                │
│              │                                │
│   Marckart/Marx Lömell/Lemel                  │
│           *?1440                              │
│   1478 Ratsherr Altdorf                       │
│   1494 Besitz in Altdorf und Penzenhofen      │
│              :                                │
│          Jorg Lemel                           │
│           *?1470                              │
│   1494 Besitz in Unterweletschleiten          │
│   1497 Schoppershof bei Ziegelstein           │
│              ├  ─  ─  ─  ─  ─  ─  ─ ┐         │
│              :                      :         │
│   Jacob Lemel/Lemblein    Paulus Lemble/Lemlin
│           *?1500                 *?1500       │
│   1541 Altdorf, 1560 tot      um 1540 Hausheim│
│              │                                │
│    Hans Lemblein, *?1530                      │
│   Bauer in Grunsberg und Westhaid             │
│      ┌───────┴───────────────┐                │
Marcus Lämmel                 │                │
│*1569                    Steffan Lämel         │
│Bauer in Westhaid           *1575              │
│      │                       │                │
│      │                  Linhard Lämmel        │
Paulus Lämel                *1610              │
│getauft 1617 Altdorf          │                │
│                       Hanns Lämmel/Lemmel     │
│                            *1642              │
│                       Bauer in Weihersberg    │
│                       viele Nachkommen im Raum│
│                     Altdorf - Lauf - Hersbruck│
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Tafel 3: Auszug aus der Stammtafel der Altdorfer Lämmel

     Auch eine erneute Verbindung zu den Nürnberger Imhofs ist dokumentiert: Als Marcus Lämmel, der Sohn des Grünsberger Hans Lemblein, der später Bauer in Westhaid wurde, im Jahre 1617 in Altdorf seinen Sohn Paulus taufen ließ, war der Taufpate der Altdorfer Studiosus Paul Imhof, Sohn des Nürnberger "patritius Johannes im Hoff" [52], Nachkomme von Hans Imhoff und Ursula Lemlein in Nürnberg.
    Ein Urenkel des Grünsberger Hans Lemblein ist der 1642 in Altdorf getaufte Hanns Lämmel/Lemmel, Bauer in Weihersberg, von dem die heutigen Lämmel dieser Gegend abstammen [50], siehe Tafel 3.
    Über Marcus Lämmels Tochter Anna, die "viel Jahr zu Nürnberg in vornehmen Diensten sich aufgehalten", gibt es einen Hochzeitsbericht. Sie heiratete am 17. Mai 1648 den Wendelsteiner Pfarrer Johan Lacher. Als die Hochzeit durch den Pfarrer der Nürnberger Lorenzkirche in Wendelstein mit 115 Gästen abgehalten wurde, kam "das Geschrei, dass General Königsmarck mit seinen Söldnervölkern im Anzug sei", so dass die ganze Gesellschaft die Flucht ergriff [53].
    Schließlich gab es wieder einen Ratsherrn Lämmel in Altdorf: ein Michael Lämmel heiratete hier 1757 als Bürger, Bäcker und Bierbrauer, wurde "Rats-Vierer" in Nachfolge seines Schwiegervaters Friedrich Stielein, und starb 1817 im hohen Alter von 84 Jahren [54].
    Erstaunlicherweise gehörte er nicht zu der Altdorfer eingesessenen Lemmel-Familie; er war vielmehr ein Nachkomme der Chemnitzer Lemmel. Sein Vater Johann Georg Lämmel war Chirurg in Lichtenau/Sachsen; der Großvater war Paul Lämmel, Chirurg aus Reichenbach/Vogtland in Dessau, Nachkomme des Mertein Lemel, der 1437 von Bamberg nach Chemnitz kam (siehe Tafel 1).
    Auch eine Regensburger Lämmel-Familie, der der jetzige Kreisheimatpfleger von Regenstauf entstammt, gehört zum Chemnitzer Lemmel-Stamm.


3.5  Die Stiftungen in Neumarkt 1436-1478

Während der jüngere Heinz Lömel nach dem Verkauf seines Besitzes aus Neumarkt verschwand, hinterließ sein Onkel Ulrich bei seinem frühen Tod 1424/1425 ein beträchtliches Vermögen, das seine Witwe Kunigunde und seine Tochter Barbara verwalteten und schließlich stifteten. Beide zusammen unterhielten in Neumarkt die "neue Badstube".
    Aus einer Jahrtagstiftung von 1439 geht hervor, dass Kunigunde eine geborene Wydmann war. Ihre Eltern waren Heinrich Wydmann und Margerete, und die (etwa 1325 geborenen) Eltern des Vaters hießen ebenso.
    1436 stiftete Kunigunde Lämlin eine neue Hieronymus-Messe [55]; dazu gehörten die Erträge eines Gütleins in Günching (10 km östlich von Neumarkt), das noch 1526 von einem Hans Pauer zur Hieronymus-Messe gültbar war. (Zu Hans Pauer: Wir sahen schon, dass 1416
ein älterer Hans Pauer ein Gut an Ulrich Lemel verkauft hatte.) Am 18.8.1438 stiftete Kunigund Lemlin das zwölfte von 16 Benefizien in der Neumarkter Pfarrkirche, und zwar das Benefizium Hieronymus und Barbara [56]. Die Stiftung beinhaltete in Summe 46 fl Einkommen, darunter "Zins vom Rathaus Neumarkt" und Zins von 1 Hube zu Günching, 1 Mühle zu Wiesenacker, der Schmiede daselbst, 1 Hof zu Siegenhofen, 1 Gut in Niederbuchfeld.
    Am 15.3.1439 erfolgte eine Jahrtagstiftung an das Heilig-Geist-Spital: "die ersame Frau Kunigund, Ulrich Lömleins sel. Wittib, und Jungfrau Barbara, ihre Tochter, "haben einen Zins aus einem Acker bei der steinernen Brücke und aus einer Wiese "an der Helmspurg" dem Spital zu einem Jahrtag gegeben, zum Gedächtnis der Vorfahren Wydmann sowie von Ulrich und Conrad Lömel [57].
    1444 war Kunigunde gestorben [58], und für die jetzt etwa 25 Jahre alte Jungfrau Barbara Lomel, Bürgerin zu Neumarkt, wurden Zinsen, Renten und Rechte, die sie und ihre Mutter Kungundt in Loterbach hatten, in verschiedenen Urkunden verzeichnet. Ein weiterer Brief enthielt die von Mutter und Tochter zur Messe gestifteten Güter. Auch an das Kloster Gnadenberg wurden Zinsen aus einem Gütl gestiftet.
    Am 1.3.1451 erfolgte die "Seelbadstiftung", über die verschiedentlich ausführlich berichtet wurde [59]. Ulrich Sigersdorffer zu Staufferspuch und seine Frau Dorothea verkauften der ehrsamen Jungfrau Barbara Lamlyn/Lemlin, Bürgerin zu Neumarkt, 13 Schilling Zinsgeld aus einer Wiese unterhalb des Dorfes Hermannsperg. Die Käuferin stiftete diesen Zins zum "Seelbad" für arme Leute. An jedem von zehn Seelbadtagen im Jahr, jeweils an einem Dienstag, sollte den Armen um 33 Schilling Bier gereicht werden. Die Seelbäder waren zu Neumarkt "in der neuen padstuben" zu geben, die der Barbara Lämlin und ihrer verstorbenen Mutter Kunigund gehört hatte und die nunmehr Hans Pader von Altdorf besaß. In dem Stiftungsbrief folgten umständliche Instruktionen, wie die Seelbadtage von der Kanzel zu verkünden sind, wie Knecht und Magd des Baders zu entlohnen sind, welche Strafe der Bader zu zahlen hat, wenn er die Abhaltung eines Bades unterließ, und anderes. Unter den Zeugen der Stiftungsurkunde waren Ritter Martein vom Wildenstein, derzeit Schultheiß von Neumarkt, der Altarist Hainreich Molitor/Müller, der schon die Pfründe der früheren Stiftung innehatte, der Schöffe Ulrich Castell, und andere.
    Dann aber zog Barbara Lemlin nach Nürnberg, wo sie 1455, nunmehr etwa 35 Jahre alt, Bürgerin wurde [60]. Hier lebte sie die nächsten 15 Jahre von ihrem Vermögen, im Kreise der prominenten Nürnberger Bürgerfamilien. So war sie 1468 Vormund von Anna, der Tochter des verstorbenen Hans Graser, und beurkundete zusammen mit Thomas Reich, Jakob Krauß, Gottlieb und Paulus Volkamer einen Verkauf an Niclaus Gross [61].
     Sie blieb unverheiratet und ging schließlich in das Kloster Mariastein bei Eichstätt, wo sie 1478 beurkundet ist [62]: Barbara Lemlin von Mariastein, unterstützt vom Suffragan Leonhard von Eichstätt und vom Klosterkaplan Magister Johann Eberhard, stiftete in der Klosterkirche von Gnadenberg einen großen Altar, der bis zur Zerstörung der Kirche zwischen den beiden Portalen stand.
    1483 starb Barbara Lemel in Mariastein [63], im Alter von etwa 63 Jahren.


3.6 Nürnberg und Neumarkt

In den Urkunden der Nürnberger Lemlein, die 1335 einsetzen, bestehen bereits enge Beziehungen zu Neumarkt. Wie weit sie zurückreichen, lässt sich mangels erhaltener Urkunden nicht feststellen. Gefördert wurden die Beziehungen sicher dadurch, dass Konrad Esler 1295 und Berthold Pfinzing 1300 zugleich Schultheißen von Nürnberg und Neumarkt waren [64].
    Wir sahen schon, dass 1343 und 1356 die Loterpecken in den Urkunden der Nürnberger Frau Irmel Lemlin vorkamen. Wenn dann im Jahr 1400 Erhard Loterpeck seinen Stammsitz an Conrad Lömel verkaufte, muss man Conrad als Enkel der Irmel ansehen, was in Tafel 4 die Alternative A ergäbe.
    Man kann freilich auch nicht ausschließen, dass die Verwandtschaft etwas weitläufiger ist. Dann wäre Irmel Conrads Großtante, wie in Tafel 4 in der Alternative B gezeigt wird.

  
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│"Agnellus", *?1220                       │"Agnellus", *?1220                            │
│nach 1270 Berngau                        │nach 1270 Berngau                             │
│        │                                │        │                                     │
Chunrad Lembelin, *?1250                 │Chunrad Lembelin, *?1250                      │
│1305 Nürnberg                            │1305 Nürnberg                                 │
│        │                                │        ├─────────────────────────┐           │
Hermann Lemlein, *?1280 = "Agnellus"1326 │Hermann Lemlein, *?1280   "Agnellus", *?1280  │
│Nürnberg, † vor 1335                     │Nürnberg, † vor 1335      1326 Berngau        │
│Wwe Irmel zus. mit Loterpeck             │Wwe Irmel mit Loterpeck           │           │
│  ┌─────┴─┬─────────────┐                │  ┌─────┴───┐                     │           │
Fritz   Seitz   Chunrad Lömel, *?1310    │Fritz     Seitz          Chunrad Lömel, *?1310│
│                1343 seine Witwe Kunel   │                        1343 seine Witwe Kunel
│                        │                │                                  │           │
│                Conrad Lömel, *?1340     │                          Conrad Lömel, *?1340│
│                in Neumarkt,             │                          in Neumarkt,        │
│                kauft 1400 Loterpach     │                          kauft 1400 Loterpach│
│                von den Loterpecken      │                          von den Loterpecken
├─────────────┐                           ├─────────────┐                                │
│Alternative A│                           │Alternative B│                                │
└─────────────┴───────────────────────────┴─────────────┴────────────────────────────────┘
  Tafel 4: Die Verwandtschaft der Lemmel in Nürnberg und Neumarkt
 


4. Die Lemel mit dem Wolfswappen

4.1  Irmel und Seifried Lemlin 1337-1352

Die Nürnberger Genealogien geben für die Lemlein/Lemmel stets ein Lamm-Wappen an [65]. So überrascht es, dass das älteste erhaltene Lemmel-Siegel nicht ein Lamm sondern einen Wolf zeigt, den dann einer der Lemmel-Zweige bis 1515 als Wappentier beibehält.
 
Siegel von Seifrid Lemlin, Nürnberg 1341.
Warum siegelte er mit einem Wolf?

    1341 siegelte in Nürnberg Seifrid Lemlin mit einem Wolfswappen für seine Mutter, die Irmel Lemblinne, als diese ihr Gut zu Schweinau (bei Nürnberg) verlieh [66]. Dieses Gut hatte 1318 Paul und Heinrich Weigel gehört [67].
    Diese Irmel Lemblinne war die verwitwete Schwiegertochter von Chunrad Lembelin, der 1305 als Bürger in Nürnberg gelebt hatte und der der Stammvater der Nürnberger und Bamberger Lemlein/Lemmel wurde [68], siehe Tafel 1.
    Aus dem Besitz dieser Irmel Lemblinne wird ersichtlich, dass die Nürnberger Lembelin/Lemlein engen Kontakt mit Neumarkt hatten und mit dem dortigen Lemmel-Zweig eng verwandt sind.
     Joseph Plaß nennt unter den Oberpfälzer Adelsgeschlechtern die Lemblein, die 1337-1352 in Solar bei Hilpoltstein saßen [69]. Das ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich kann man die Lemblein zu dieser Zeit nicht zum Adel rechnen, und sie besaßen auch nicht das Schloss [70] in Solar, sondern sie erwarben lediglich einen von etwa 20 Höfen in Solar. Diesen Hof kaufte 1337 die Nürnbergerin Frau Irmel die Lemlinne von Heinrych von Stein als rechtes Eigen. Zeugen waren die Nürnberger Schöffen Heinrich Geusmid, Albrecht Snugenhofer und Fritz Holzschuher [71].
    Dafür, dass die Lemblein laut Plass noch 1352 in Solar saßen, habe ich keine Originalurkunde gefunden. In diesem Jahr ist ein Hof in Solar im Besitz der Familie Groß, aber es muss nicht der Lemlinsche Hof sein. Mit der Nürnberger Familie Groß gab es auch andere Kontakte. In Heng, wo die Witwe Lemblin 1343 beurkundet ist, hatte 1359 auch Heinrich Groß einen Hof. Er war mit Els Smugenhofer verheiratet [72], während ein Albrecht Snugenhofer 1343 und 1352 Zeuge in Verkaufsurkunden der Nürnbergerin Irmel Lemlein war.
    Im Jahre 1343, verkauften Frau Irmel die Lemlinn und Seitz ihr Sohn ihr Gut zu Trawenfelt (=Traunfeld nördlich von Neumarkt) an Hermann Maurer. Die Zeugen waren die Herren Albrecht Snugenhofer, Fritz Holzschuher, sowie Herr Cunrad Loterpekken [73]. Und 1352 stiftete Irmelgard Lemblein eine Pfründe für den Andreasaltar in der Nürnberger Lorenzkirche, darunter ein Gut zu Bischofsperch (Bischberg oberhalb Gnadenberg), dessen eine Hälfte dem Heinrich Loterpegk gehört hatte [74]. Hier erscheint erstmals eine enge Beziehung zu den Loterpecken, die, wie wir sahen, ein halbes Jahrhundert später ihren Stammsitz zu Loterbach an Conrad den Lömel in Neumarkt verkauften. 
    Die Nürnberger Lemlein verfügten also über enge Beziehungen zu namhaften oberpfälzer Familien, den von Stein, den Loterpecken, und auch zu den Wolfsteinern, wie wir noch sehen werden. Aber die Frage, woher das Wolfs-Wappen des Seifrid Lemlin stammte, bleibt offen. Stammte es aus der Familie seiner Frau? Welche Familien dieser Zeit hatten einen Wolf im Wappen? Die Wolfsteiner selbst führten keinen Wolf im Wappen; für sie ist das Wappen mit zwei Löwen bereits in einem Siegel von 1249 nachgewiesen [75].
    Eine weitläufige Verwandtschaft Lemlein-Wolfstein bestand über die Weigel. Irmel Lemlein, Tochter des etwa 1250 geborenen und 1339 gestorbenen Friedrich Holzschuher [76], hatte mehrere Geschwister mit Ehepartnern aus der Familie Weigel. Andererseits war der um 1300 geborene und um 1362 gestorbene Albrecht v.Wolfstein mit Agnes Weigel verheiratet [77]. Irmels Mutter wiederum war Jutta Stromer, deren Schwester mit Hermann v.Stein verheiratet war [78], wohl einem Bruder des Heinrich v.Stein, der seinen Hof in Solar an Irmel verkaufte.
    Leider ist über die Frauen dieser Zeit stets wenig bekannt. So hatte zum Beispiel Irmel Lemlin im Jahre 1331 drei unverheiratete Töchter, Ellein, Irmel und Ges [79], und es wäre sehr aufschlussreich zu wissen, mit wem sie verheiratet wurden. Aber darüber geben die erhaltenen Urkunden keine Auskunft.
   <Die Beziehung zur v.Stein-Sippe dauert an. Ein jüngerer Hermann v.Stein hatte einen Schwiegersohn, Konrad Pfinzing, für den 1378 Fritz, der Sohn von Irmel Lemlin, als Zeuge bei einem Kauf auftrat [79a].>


4.2  Fritz Lemlein und der Wolfstein 1379-1383

Ein Bruder des Seifried war Fritz Lemlein, Kaufmann in Nürnberg und Genannter des Größeren Rates [80]. Dieser war von 1379 bis 1383 im Pfandbesitz der Veste Wolfstein und des Marktes Allersberg. Fritz hatte dem Götz v.Wolfstein 100 Mark Silbers geliehen, die dieser nicht zurückzahlen konnte, so dass Fritz Lemlein mit seinem Klagführer Cunrat Zingel klagen musste.
    Darauf setzte am 18.1.1379 "Heinrich, Herzog in Schlesien und Herr zu Brieg, Hofrichter des römischen Königs Wenszlawes, richtend zu Nürnberg", den Fritz Lemlin und seine Ehefrau Katharin von Nürenberg in die "Nutzgewere des Herrn Götzen vom Wolfstein Gut", und zwar seinen Anteil an Allersberg und an der Veste Wolfstein, bis zur Heimzahlung von 100 Mark Silbers. Es siegelten die Bischöfe von Bamberg und Eichstätt, die Herzöge in Beyern und Pfalzgrafen bey Reyn, Friedrich Burggraf von Nürnberg, Herr Hiltbold vom Steyn, Herr Steffan vom Wolfstein und andere [81].
    Schon 1354 waren die Wolfsteiner verurteilt worden, die Schulden, die an der Veste Wolfstein lasteten, zu bezahlen. 1364 hatten die Wolfstein-Brüder, Söhne des Leopold von Wolfstein, sich geeinigt, dass der Wolfstein an Götz kam, während der Markt Allersberg weitgehend seinem Bruder Albrecht (dem jüngeren) zugesprochen wurde [82]. In der Verpfändungs-Urkunde von 1379 ist Albrecht, der zu dieser Zeit noch lebte, seltsamerweise nicht als Zeuge erwähnt. Der als Zeuge genannte Steffan vom Wolfstein ist der Vetter von Götz und Albrecht.
    Götz von Wolfstein starb nach der Verpfändung seines Besitzes am 27.3.1382, ohne dass er seine Schulden regeln konnte. Nun klagte Fritz Lemleins "Anleiter vor Gericht" Albrecht Zenner gegen Götzens Sohn Leupold, und jetzt ging es schon um wesentlich mehr Geld. 

  
┌──────────────────────────────────────────────────────────┐
│            Götz v.Wolfstein                              │
│            *?1250, †1303                                 │
│              ┌─────┴─────────────────────────┐           │
│      Leopold v.Wolfstein                     │           │
│        *?1290, †1343                 Albrecht v.Wolfstein│     
│        zu Wolfstein                  *?1300, †n.1362     │
│         ┌────┴─────────────┐         oo1) Agnes Weigel   │
│  Götz v.Wolfstein          │         zu Obersulzbürg     │
│  *?1320, †1382        Albrecht d.J.          │           │
│  zu Wolfstein,        v.Wolfstein            │           │
│1379 verpfändet er     *?1325, †1391          │           │
│Wolfstein und Allers-                 Stefan v.Wolfstein  │
│berg an Fritz Lemlein                 *?1335, †1402       │
│um 100 Mark Silber                    kauft 1383 Wolfstein│
│         │                            und Allersberg von  │
│  Leupold v.Wolfstein                 Fritz Lemlein um    │
│  *?1350, zu Wolfstein                1000 Mark Goldes    │        
│1383 verpfändet er Wolfstein und                          │
│Allersberg an Fritz Lemleinum                            │
│1000 Mark Goldes                                          │
└──────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 5: Fritz Lemlein und die Wolfsteiner

    Am 18.9.1383 setzte Conrad von Segkendorff, Landrichter zu Nürnberg, Fritz Lemlein in den Anteil des Leupold von Wolfstein an dem Markte Allersberg und der Veste Wolfstein, bis zur Heimzahlung von 1000 Mark Goldes [83]. Darauf ließ sich Fritz Lemlein vom Landrichter bestätigen, dass er nun "dieselben Gut geben möcht wem er wolt", und verkaufte nun "dieselben Gut umb die tausend Marck Goldes" [84] an Götz v.Wolfsteins Vetter, Herrn Steffan von Wolfstein aus der Linie Pyrbaum-Sulzbürg, Sohn von Albrecht (dem älteren) von Wolfstein und Agnes Weigel.
    Neben der Beziehung zu den Wolfsteinern interessiert hier, dass die Nürnberger Lemlein ziemlich viel Geld hatten, vermutlich aus Fernhandel und Bergbau-Anteilen. Bald nach dieser Transaktion starb Fritz Lemlein. Sein Reichtum scheint ihn nicht überdauert zu haben, denn sein Sohn Werner, der ihm in Nürnberg im Amt eines Genannten folgte, trat dann in den erhaltenen Urkunden nicht mehr weiter in Erscheinung.


4.3  Lupburg und Reichertshofen 1400-1477

"Der alte Hans von Parsberg" erwarb gegen Ende des 14. Jahrhunderts die nahe gelegene Burg Lupburg [85], die eine herzoglich bayrische Feste war. Zunächst wurde er hier als Pfleger (= Verwalter) eingesetzt, was im Jahre 1388 beurkundet ist. Er muss ein beträchtliches Vermögen besessen haben, denn 1395 verschrieb ihm Herzog Johann in Bayern diese Feste gegen 5000 neue ungarische Goldgulden, und zwar die Grafschaft, die Feste und den Markt Lupburg.
    Bald darauf starb Hans von Parsberg im Jahre 1398 und hinterließ die Witwe mit zwölf Kindern, die fast alle noch unmündig waren.
    Im Jahre 1400 aber gab es einen "Lemmel" (Vorname leider nicht angegeben), laut Plaß in adeligem Stande, mit Wohnsitz in "Luppurg, Gericht Parsberg" [86]. Wie kam dieser Lemmel nach Lupburg? Er könnte die älteste Tochter des Hans von Parsberg geheiratet haben. Aber dafür gibt es keinen Beleg, und die Ehemänner der Parsberg-Töchter sind zumeist bekannt. Die einzige andere Möglichkeit ist, dass die Witwe Parsberg den Lemmel als Pfleger einsetzte oder ihn sogar ehelichte.
    Aus welcher Originalurkunde Plaß die Kenntnis von dem Lemmel in Lupburg hatte, konnte ich nicht erkunden. Aber dass es diesen Lemmel gab, kann belegt werden, denn im Jahre 1408 ist "Stephanus Lemel de Barsberg" als Student an der Universität Heidelberg immatrikuliert [87]. Der Vater des Studenten Stephan Lemel muss also um diese Zeit in Parsberg gelebt haben; die Lupburg liegt gleich nebenan.
    Aus dem Jahre 1440 aber ist ein Siegelabdruck von Stephan Lämbel erhalten, der im Wappen einen Wolf zeigt [88]. Stephans Bruder ist Paul Lemel, der 1448 "zu Lupurg gesessen" ist und dessen Siegel ebenfalls ein Wolfswappen zeigt [89]. Die beiden Brüder mit dem Wolfswappen muss man als Enkel des Nürnbergers Seifried Lemlin mit dem Wolfswappen von 1341 ansehen [90].
    Dabei mag man die Geburtsjahre wie folgt abschätzen: Seifrid geboren um 1310, der "Lemmel" von Lupburg um 1350/60, Stephan und Paul um 1390/1395. (Es könnte freilich auch eine weitere Generation dazwischen liegen: Seifrid *?1310, dessen unbekannter Sohn *?1335/40, der Lemmel von Lupburg *?1365, Stephan/Paul *?1390/95.)
    Im Jahre 1442 erfolgte nun die oft zitierte Belehnung dieses Familienzweiges mit Reichertshofen und Lengenfeld [91]. Ist es ein Zufall, dass Reichertshofen gleich neben Berngau liegt, wo der "Agnellus" eineinhalb Jahrhunderte zuvor seine Hube hatte?
    Stephan der Lemell wurde von Johann Pfalzgraf bei Rein und Hertzog in Beiern belehnt. Er verlieh ihm die Vogtei und die Beschirmung der Kirche und ihres Gutes zu Reikershofen, das Kirchtagrecht daselbst mit Kramrecht, Kaufrecht, Zapfrecht und Platzrecht, sowie alle Dorfrechte wie Schenkstätte, Sudstätte, Badestube, Flurrecht, Pachtrecht, Herrschaftrecht, "auch alle pot und ayniggum des dorfs" (= Gebot und Einigung), "und ain hoffstat auff dem kerchhoff". Er bestätigte ihm die Hofmark der seinen zu Reikershofen, ausgenommen was den Hals berührt; das Gut soll bei ihm und seinen Erben sein "als das von alter her komen ist und das alles ist sein Erbe gewest". Er gab ihm zu Lehen: die Burghut bei Schloss Lengfelde, die vorher der "Kotnawer" (= Kuttenauer) innehatte; ein Drittel des Zehntens zu Reikershofen; die "Morrenaw" bei Puchperg; die Lehen, die Burkhart Reikershofer gelassen hat.
     Die Urkunde ist 1442 in Regensburg ausgestellt. Ihre Abschrift ist in einer anderen Urkunde enthalten [92], in der 1444 die Belehnung des Stefan Lemell mit der Vogtei Reichertshofen durch den Probst zu Sankt Mang/Margareten in der Vorstadt zu Regensburg bestätigt wird.
    Die Urkunde wird auch bei Rädle [93] zitiert, dort aber mit dem Zusatz, dass Stephan Lemel und seine Erben die niedere Gerichtsbarkeit über alle Dorfbewohner erhielten, "auch diejenigen, die auf den fünf Höfen sitzen, die dem Kloster Seligenporten gehören".
    Hier ist nun aufschlussreich, dass Reichertshofen bereits Stephans "Erbe" ist, "das von alter her komen ist". Tatsächlich wurde er bereits in Urkunden von 1434 Steffan "Lemell zu Reykershoffen" und 1440 "Lämbel von Reukershoven" benannt. Es ist also klar, dass Stefans Vater, der "Lemmel", der 1400 zu Lupburg saß, auch schon Reichertshofen innehatte - es fragt sich, seit wann? Eine Belehnungsurkunde ist nicht erhalten.
    Zuvor, 1355, hatte Hilpolt der Jüngere von Stein Reichertshofen als Lehen [94]. Wir sahen bereits, dass 1337 Heinrich von Stein einen Hof in Solar an Irmel Lemlinne verkauft hatte. Es scheint somit, dass zwischen den Familien Lemlein und v.Stein enge Beziehungen bestanden, so dass aus dem Stein'schen Besitz nicht nur der Hof zu Solar sondern auch Reichertshofen an die Lemlein kam, womöglich schon geraume Zeit vor 1400.
    Reichertshofen blieb dann das ganze Jahrhundert in Lemel-Besitz: zuerst im Besitz der Söhne Stefan und Paul, dann im Besitz der Enkel Stefan und Hans. Im Jahre 1500 kam die Hofmark Reichertshofen an die Garheimer.
    Die Belehnung mit der "Burghut bei Schloss Lengfelde", die ebenfalls 1442 erfolgte, war nur vorübergehend. Lengenfeld war nicht "von alter her komen" sondern hatte vorher dem Kuttenauer gehört. Werner der Kuttenauer war schon 1399 zu Lengenfeld gesessen [95], und inzwischen saßen hier schon mehrere andere. Auch Stephan Lemel hatte Lengenfeld nur für einige Jahre. Bald kam es an Mathes Scharfenberger und nach dessen Tod 1453 an dessen Sohn Christoph. Der Grund für diesen häufigen Besitzwechsel ist nicht ersichtlich.
    Die Stammtafel der Lemel zu Reichertshofen mit dem Wolfswappen zeige ich in Tafel 6.
  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│                    Chunrad Lembelin, *?1250                            │
│        1305 Bürge in Nürnberg (siehe Tafel 1)                          │
│                               │                                        │
│                               │                                        │
│                 Hermann Lemlein/Lemmel, *?1280                         │
│        1335-1363 seine Witwe Irmel geb. Holzschuher                    │
│        1337 kauft sie von Heinr.v.Stein einen Hof in Solar             │
│        1343 Gutsverkauf Traunfeld, Zeuge: Cunrad Loterpeck             │
│        1353 zus.mit Heinr.Loterpeck Gut zu Bischofsberg bei Gnadenberg │
│        ┌──────────────────────┤                                        │
Fritz Lemlein, *?1305   Seifried Lemlin, *?1310        1355 Hilpolt d.J.
│Genannter Nürnberg      1341: Wolfswappen                    v.Stein    │
│1379/1383 Wolfstein            │                      auf Reichertshofen│
│(siehe Tafel 1)         (Vorname?) Lemmel                               │
│                        *?1360, † vor 1442                              │
│                        um 1400 Lupburg bei Parsberg,                   │
│                        hatte schon Reichertshofen, womit               │
│                        1442 Stefan belehnt wird                        │
│                 ┌─────────────┴───────────────────────┐                │
Stefan Lemel, *?1390, † nach 1444                      │                │
│1408 "aus Parsberg" Univ.Heidelberg      Paul Lemel, *?1395, † nach 1449│
│1421 Trautmannshofen, Kewebtal           1439 Trautmannshofen verkauft  │
│1430 Urteiler bei Wilh.v.Wolfstein       1448 zu Lupburg, Wolfswappen   │
│1434 "zu Reichertshofen"                 1449 Hofgerichtsbeisitzer neben│
│1440 Wolfswappen, Diener d.Stadt                     Hans d.J.v.Parsberg
│       Regensburg                        kauft Hof in Willenhofen, der  │
│1442 Belehnung durch Herzog Johann             1465 an Erhart v.Parsberg
│   mit Reichertshofen u.Lengenfeld                         verkauft wird│
│                                                       │                │
│                ┌──────────────────────────────────────┴─┐              │
│   Stefan Lemel, *?1425, † nach 1483                     │              │
│   zu Reichertshofen                      Hans Lemlein, *?1430, † n.1481│
│   1464 Pfleger zu Wolfstein              von Reichertshofen            │
│   1472 Pfleger zu Parsberg, bürgt für    1468/1469 Lehensverwalter von │
│     einen Verkauf des Hans v.Parsberg                 Pfalzgraf Otto II
│   Seine Witwe:                           1477 Richter zu Parsberg      │
│   1490/1491 Stiftung in Neumarkt         1481 Richter zu Seligenporten │
│                                                         │              │
│  ┌────────────────────────────────┐      Jakob Lemel, *?1465           │
│  │Hinweis: Zwischen Seifrid Lemlin│      1499 Pfleger zu Flügelsberg   │
│  │und dem Lemmel, der 1400 zu Lup-│      1501 Pfleger zu Lupburg       │
│  │burg sitzt, ist vielleicht noch │             bei Jorg d.Ä.v.Parsberg
│  │eine Generation einzuschieben.  │      1502-1515 zu Schierling, Land-│
│  └────────────────────────────────┘        richter Kelheim, Wolfswappen│
│                                                         │              │
│                                       die Lämbl in Abbach bis Gegenwart│
└────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 6: Stammtafel der Lemel zu Reichertshofen


4.4  Steffan und Paul Lemmel 1420-1450

Nach seiner Rückkehr von der Heidelberger Universität begegnen wir Steffan Lemmel, als er 1421/1422 ein Gut zu Trabershofen (= Trautmannshofen nordöstlich von Neumarkt) von Lenhart Dürner kaufte sowie eine Gült auf den freieigenen Hof zu Kewebtal. 1434 hatte Steffans Bruder Paul eine Schuld von 180 fl, wofür Steffan mit seiner Hausfrau Elspet ihren Hof und ihr Gut zu Trabershofen als Bürgschaft stellten. 1439 musste Paul dieses Gut verkaufen, wobei Steffan als Bürge auftrat [96].
    Steffan war in dieser Zeit in verschiedenen juristischen Positionen genannt. 1430 wurde "Stephan Lemmel" in Regensburg unter den Fürlegern eines Gerichtsurteils genannt. Im selben Jahr wurde "Stefan Lempel" in einer in Dietfurt ausgestellten Urkunde des Ritters Wilhelm
von Wolfstein, Landrichter der Grafschaft Hirschberg, unter den Urteilern genannt [97]. (Wilhelm v.Wolfstein war einer der Söhne des Stefan v.Wolfstein, an den 1383 Fritz Lemlein die verpfändete Burg Wolfstein verkauft hatte [98].)
    An einer Urkunde von 1440 hängt sein Siegel mit einem Wolfswappen. Sein Name lautet im Siegel "Steffan Lemppel", im Text aber "Stephan Lämbel von Reukershoven" [99].  

             
Siegel von Steffan Lämbel/Lemel/Lemppel zu Reichertshofen, Regensburg 1440.
Siegel von Paul Lemlein von Reichertshofen, zu Lupburg 1436 und 1448.

    In dieser Urkunde bekennt er, dass ihn der Rat der Stadt Regensburg "zu Schutzn und Dienner aufgenommen und bestellet" hat, und zwar auf ein Jahr. Entsprechend agierte er in mehreren Urkunden von 1441 als Fürliger, Diener oder Söldner der Stadt Regensburg [100], und 1443 wird er noch einmal als Söldner zu Regensburg unter den Schiedsrichtern in einem Schiedsgerichtsurteil genannt [101]. Dabei erscheint sein Name in allen nur denkbaren Schreibweisen als Leml, Lemel, Lemmell, Lömel, Lömmel, Lämbel, Lemlein.
    Kurz danach starb er kinderlos.
    Von seinem Bruder Paul Lamle/Lemlein ist 1436 ebenfalls ein Siegelabdruck mit Wolfswappen erhalten. Er siegelte zusammen mit Hanns Kottenauer, dem "Pfleger
zu Holnstain" [102]. 1442 aber wird er selbst als "Paulus Lämbel zum Holnstain" bezeichnet [103]. (Zu Hanns Kottenauer sei erinnert, dass Werner Kotenauer 1399 die Burghut bei dem Schloss Lengenfeld innehatte, die 1442 an Steffan Lemmel kam.)
    Nach dem Tod des Vaters, als Steffan 1442 Reichertshofen übernahm, erscheint der Bruder Paul nun 1448 "zu Lupurg gesessen" [104], wo zuvor der Vater saß, vermutlich als Pfleger. Er verkaufte laut dieser Urkunde, zusammen mit seiner Hausfrau Agnes, einen Besitz bei Sinbach im Reichental. 1449 ist Paul Lembl neben Hans dem Jüngeren von Parsberg unter den Hofgerichtsbeisitzern in einem Regensburger Gerichtsurteil genannt [105]. Bald darauf starb er und hinterließ die Söhne Steffan und Hans.


4.5  Steffan und Hans Lemmel 1464-1490

Ab 1464 traten Steffan und Hans Lemmel auf. Steffan wurde gelegentlich "zu Reikershofen" genannt, saß also auf Reichertshofen, hatte aber wechselnde Pflegeämter inne. Hans wird nur in einer Urkunde "von Reichershofen" genannt; er lebte in wechselnden Funktionen an verschiedenen Orten.
    Schon vor Jahren, etwa um 1450, hatten Pauls Lembl und dessen Sohn Steffan zu Reckershofen einen Hof in Willenhofen an der Straße nach Hembaur erworben und bald danach wieder veräußert. Das wird in einer Verkaufsurkunde von 1465 erwähnt [106], als Seitz Tollinger, Schneider und Bürger zu Neumarkt, diesen Hof an Erhart von Parsberg zu Parsberg verkauften.
    80 Jahre nachdem Fritz Lemmel den Wolfstein in Pfandbesitz hatte, tauchte nun 1464 Steffan Lemmel als Pfleger "zu Wolfstein" oder "auf dem hinteren Wolfstein" auf, als er verschiedene Verkäufe besiegelte [107]. Nun ist aber 1464 für den Wolfstein eine kritische Jahreszahl [108]. Hans von Wolfstein hatte sich in Wien vergeblich um die Reichslehenschaft bemüht und trug nun 1460 seinen Wolfstein dem Böhmenkönig Georg Podiebrad als Lehen an, das er sogleich als Mannlehen wieder in Empfang nahm. Verhängnisvollerweise zahlte er aber die vier Gulden Lehenszins nicht, so dass der König 1462 die Herrschaft Wolfstein an den Ritter Apel Vitztum vergab, der sie wiederum am 15.7.1465 an Pfalzgraf Otto den II. verkaufte. Ob Steffan Lemmel hier schon vor 1460 Pfleger unter Hans von Wolfstein war, ist nicht ersichtlich. Jedenfalls war er hier 1464 Pfleger unter dem böhmischen Ritter Apel Vitztum.
    1472 war der "edle und veste Stephan Lempel" Pfleger zu Parsberg, als er zusammen mit dem Lupburger Pfleger Heinrich Liebenecker für einen Verkauf des Hans von Parsberg bürgte [109]. 1475 werden beide genannt, und zwar als Heinrich Liebenfelther, der Zeit Pfleger zu Luppurg, und Steffan Lambl, der Zeit Pfleger zu Parsperg [110]. Auch 1476 ist "Steffan Löml
zu Reygerczhofen" als Pfleger zu Parsberg beurkundet; ebenso 1480, als er zusammen mit Wolfgang von Parsberg einen Gutsverkauf bezeugte [111]. (Wolf von Parsberg war 1493 Schultheiß zu Nürnberg; sein Vater Haug war Pfleger von Neuburg/Donau, wo wenig später die Lemblin von Rennertshofen auftauchen [112].)
    Derweil war Steffans Bruder Hans Lemlein 1468/1469 in Diensten von Pfalzgraf Otto dem II., der im Schloss zu Neumarkt residierte, wie aus Lehensbüchern hervorgeht. Es handelte sich um Lehen, die östlich von Regensburg lagen, die vermutlich der Regensburger Bischof an den Pfalzgrafen verpfändet hatte: Donaustauf, Kiefenholz, Pondorf, Demling und andere. "Die hernach geschriebenen Lehen habe ich Hanns Lemlein, an der Zeit meines gnäd. Herrn Herzogs Otten zu seiner Gnaden Anwald seiner Lehen, dem erbaren Ulrich Kastner zu Camb bevolen zu erfarn und die in die Cantzley meines gnäd. Herrn zu wissen thun..." – Hieraus ist ersichtlich, dass Hans Lemlein oberster Lehensverwalter bei Pfalzgraf Otto war [113].
    1476 gab es in Bamberg eine Güterteilung zwischen Hans Lorbeer und Mitgliedern der Ritterfamilie Lamprecht. Dabei waren "in Rechten Curatores": der Ritter Apel von Lichtenstein, Landrichter des Stiftes Bamberg; Dr. in geistlichen Rechten Franz Lemlein; Johann Frauenschuh, Dr. in medicis; Hans Lemlein von Reichershofen als Versorger [114]. Der Zufall will es, dass hier zwei Lemlein aus verschiedenen Familienzweigen zusammen in einer Urkunde auftreten. Franz Lemlein gehört zum Bamberger Familienzweig. Herbert Lemmel [115] hatte die hier genannten Franz und Hans Lemlein als nahe Verwandte angesehen und war so zu einer unrichtigen genealogischen Einordnung der Reichertshofener Lemmel gelangt.
    1477 war Hans Lemel Richter zu Parsberg. Er ist unter vielen Urteilssprechern des Landgerichtes Hirschberg genannt, als Kaiser Friedrich in Wien die Vertagung eines Prozesses der Stadt Nürnberg gegen das Landgericht Hirschberg verfügte [116]. 
    1481 schließlich war Hanns Lemlein Richter zu Seligenporten. Die Stadt Nürnberg schrieb an ihn in einer Streitsache [117].
    Um 1485 waren sowohl Steffan als auch Hans Lemmel verstorben. Eine Urkunde über ihr Erbe und den Verbleib ihrer Güter habe ich nicht gefunden. Reichertshofen war um 1500 im Besitz der Garheimer und wurde 1504, als die Nürnberger Neumarkt belagerten, zerstört.
    Steffan starb wohl kinderlos. Seine Witwe war die eingangs erwähnte Lämlin/Lemlin, ohne Angabe des Vornamens, die 1490 zwei Gulden Ewiggeld an die Neumarkter Johanneskirche und 1490/1491 ein ewiges Licht in die Gruft der (heute nicht mehr bestehenden) Georgskirche in Neumarkt stiftete [118].


 4.6  Jakob Lembl 1499-1515

Der letzte aus der Lemmel-Sippe mit dem Wolfswappen war Jakob Lembl, dessen Siegel ihn als Angehörigen dieses Familienzweiges ausweist. Als sein Vater, der urkundlich nicht belegt ist, kommt nur Hans Lemmel von Reichertshofen in Frage. Jakob war wohl sein einziger Sohn; Geschwister konnte ich nicht feststellen.
    1499 siegelte Jacob Lammel als Pfleger zu Flügelsberg [119]. Diese an der Altmühl zwischen Dietfurt und Riedenburg gelegene Burg gehörte den Parsbergern, war aber kurz zuvor, 1492, von Herzog Albrecht zerstört worden. 1501 siegelten Jorg von Parsberg der Ältere zu Lupburg und Jacob Lemel, Pfleger daselbst. 1503 war Jacob Lemll Beisitzer in einem in Dietfurt ausgestellten Gerichtsbrief [120].
    
Siegel von Jakob Lemel/Lämmel,Landrichter zu Kelheim, 1415

    Schließlich war von 1502 bis 1515 Jakob Lembl zu Schierling Landrichter und Beamter in Kelheim, wo etliche von ihm gesiegelte Urkunden erhalten sind [121]. Eine 1515 in Regensburg ausgestellte Urkunde über die letztwillige Verfügung einer Regensburger Bürgerin ist gesiegelt mit dem Siegel "des Jacoben Lämlen zu Schierling, derzeit Landrichter zu Kelheim" [122], wobei unklar bleibt, warum er es ist, der diese Urkunde siegelte. 
    Während die Siegel von Jakobs Vorfahren den Wolf stets in einem einfachen Schild zeigten, hat Jakob nun sein Wappen "verbessert": Über dem Schild ist jetzt ein Helm, und der Wolf erscheint im Schild und auf dem Helm. Dieser Wappenänderung liegt offenbar kein äußerer Anlass, etwa eine Standesverbesserung zugrunde, sondern es war im neuen Stil der Renaissance modern, sich ein prunkvolleres Wappen zuzulegen.
    Ebenso gingen etwa gleichzeitig auch die Nürnberger Vettern Caspar und Michel Lemlein (siehe weiter hinten) von ihren ursprünglichen einfachen Lamm-Wappenschilden über zu reich geschmückten Lammwappen mit Helm und Decken und einem zweiten Lamm als Helmzier [123], allein aus Repräsentationsgründen.
    Bei der Kleinheit von Jakobs Siegel war das Tier darin nicht leicht als Wolf zu erkennen. So meldete Ignaz Ströllers Historisches Lexikon [124]: Jakob Lömmel zu Schierling, Richter zu Kelheim 1502-1513, "hat ein stehendes Lamm auf dem Helm und im Schild". Bei einem Siegelträger namens Lömmel hat Ströller offenbar das kleine Tier im Siegel sogleich als Lamm gedeutet, ohne genau hinzuschauen. Durch dieses Versehen wurde dann Jakob Lembl irrtümlich einem anderen Familienzweig zugeordnet.


4.7  Die Abbacher Lämbl ab 1546

Nach 1515 ist über Jakob Lembl nichts bekannt. Über den Verbleib seines Besitzes war in den Archiven in München und Kelheim nichts zu ermitteln [125]. Jedoch hatte er Nachkommen, die in den nun einsetzenden Reformationswirren den Stand ihrer Vorfahren nicht halten konnten und nun ein bürgerliches Leben führten.
    Zu Jakobs Amtsbereich gehörte Abbach, zwischen Schierling und Kelheim gelegen, wo beurkundet ist, dass Herzog Otto hier 1488 Quadersteine brechen ließ [126]. Hier in Abbach lebte 1551 ein Ulrich Lämbl, der Jakobs Sohn sein muss. Von ihm sind drei mutmaßliche Söhne bekannt [127]: Egid Lämbl, 1581 Schneider in Abbach; ein jüngerer Ulrich Lämbl, 1585 Schuhmacher in Abbach; und Johann Lömel. Letzterer wurde 1546 in Abbach geboren, wurde ab 1570 Pfarrer in Ascholtshausen, dann in Pfakofen, Steinbach und Riekofen; laut einem Visitationsbericht 1589/1590 in Pfakofen [128] wurde er als römisch katholisch befunden, jedoch hatte er einen Sohn und drei Töchter, über deren Verbleib aber nichts bekannt ist.
    Drei Generationen später gab es in Abbach und Nachbarorten bereits zehn Lämbl-Vettern [129]. Die weiteren Nachkommen namens Lämbl, Lämmel, Lambl, Lammel lebten dann als Bauern, Donaufischer, Winzer und Handwerker in Niederbayern und Regensburg bis zur Gegenwart. Einer von ihnen, Alois Lamel, besaß im Kirchspiel Matting die Ziegelei in Irading an der Donau, wo man heute noch auf der Landkarte den "Ziegelbuckel" verzeichnet findet, nebst Wiesen, Wald, Leimgrube, Vieh, Fischerei, Schifferei und einem Wöhrd zwischen Altarm und Hauptstrom der Donau. Im Jahre 1812 verkaufte er alles für 7000 Gulden an den Freiherrn von Vrints-Berberich, General-Direktor sämtlicher fürstlich Thurn und Taxisscher Lehen [130].

 

4.8  Die Lemmel und die Sulzbürger

Zum Abschluss dieses Kapitels über die Lemmel von Reichertshofen kehren wir noch einmal an den Ausgangspunkt zurück. Um 1300 hatte der "Agnellus"-Lemlein ein Lehen in Berngau, und hier hatte auch Konrad von Sulzbürg einen Edelsitz. Diese Nachbarschaft bestimmte die weitere Geschichte. Der Berngauer Sitz des Sulzbürgers gelangte über zwei Töchter an die Herren v.Stein [131]. Von diesen aber kamen verschiedene Besitzungen an die Lemmel: zunächst 1337 der Hof zu Solar und schließlich zwischen 1355 und 1400 Reichertshofen, wodurch dieser Lemmel-Zweig standesmäßig aufstieg. In Tafel 7 sind diese Vorgänge in ihren verwandtschaftlichen Zusammenhängen dargestellt.
    Ein Zweig der Sulzbürger waren die Wolfsteiner, so dass die Verpfändung der Veste Wolfstein an Fritz Lemlein 1379-1383 in dem selben Kontext zu sehen ist. Da die Ehefrauen zumeist unbekannt sind, kann man in Tafel 7 nur teilweise angeben, wie die Familien unter einander verschwägert waren. Eine gewisse Rolle spielte hier die alte Neumarkter Familie der Weigel, die an verschiedenen Stellen dieser Tafel auftaucht.

  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│                                              ┌─────────Vettern──────┐              │
│                                      Konrad v.Sulzbürg              │              │
│    Conrad Stromer *?1230               *?1225 †1266                 │              │
│         Nürnberg                     Besitz in Berngau              │              │
│            │                                 │                      │              │
│      ┌─────┴─────────┐                   ┌───┴────┐             Gottfried          │
│    Jutta           Alheid            Adelheid  Petrissa        v.Wolfstein         │
│    ooFriedrich     ooHermann         ooHeinr.  ooHilpolt       *?1250 †1303        │
│      Holzschuher     v.Stein           v.Stein   v.Stein            │              │
│      *?1250 †1339    *?1255          verkauft     │                 │              │
│         │                            1337 Hof     │                 │              │
│    ┌────┴────┐                       in Solar  Hilpolt              │              │
│2 Töchter  Irmel oo Hermann Lemlein   an Irmel  v.Stein        ┌─────┴──────┐       │
│oo Weigel  *?1285       =? Agnellus     Lemlin     │      Leopold v.W.      │       │
│           1337 Solar   1326 Berngau               │      *?1290 †1343  Albrecht v.W
│                ┌─────┴────────┐                   │           │      *?1300 †n.1362│
│        Fritz Lemlein   Seifrid Lemlein         Hilpolt        │        oo Weigel   │
│           *?1310       1341 ein Gut aus        v.Stein   Gottfried         │       │
│           Nürnberg      Weigel-Besitz          *?1315    v.Wolfstein     Stefan    │
│           1379-1383           │               1355 Rei-  *?1320 †1382  v.Wolfstein
│           Wolfstein           │             chertshofen  1379 verpfän- *?1335 †1402│
│                        Lemmel zu Lupburg                 det er den      übernimmt │
│                          um 1400 Rei-                    Wolfstein an    1383 den  │
│                              chertshofen                 Fritz Lemlein   Wolfstein │
└────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 7: Besitz-Transaktionen zwischen den Familien Lemmel, v.Stein und v.Wolfstein
 

5. Einige Übeltäter

5.1  Albrecht Lemmel zu Störnstein 1435

Ein Rätsel der Familiengeschichte bleibt Albrecht Lemmel. Er sollte vom Halsgericht in Neustadt an den Galgen gebracht werden, aber dazu kam es nicht, da er (vor März 1435) in der Gefangenschaft bei Hans von Parsberg starb. Seine Witwe und sein Schwiegervater mussten in einem "Urfehdebrief" schwören, dass sie für den Tod keine Rache nehmen würden.
    Am 12.3.1435 bekannten Wentzel Redwitzer, gesessen zu Eschenbach, und seine Tochter Margarethe, zu dem Störnstein gesessen, Hausfrau des Albrecht Lemmel, dass sie keine Rache dafür verlangen, dass Albrecht Lemmel in der Gefangenschaft bei Ritter Hans von Parsberg "tot und vergangen" ist. Das Halsgericht in Neustadt hatte für ihn einen neuen Galgen machen lassen, "nachdem als er das wol verdient hett und als das einer solchen fehden mannes recht ist". Der Tote wurde seinem Schwiegervater zur Bestattung im Erdreich wiedergegeben. - Hanns von Parsberg wurde in dieser Sache von seinem Bruder Christoph vertreten. Erwähnt sind ferner: Hans Kleinherr, Pfleger zum Störnstein; Peter Geyer, Richter in Neustadt; Kuntz Kotzel, Bürgermeister in Neustadt. Es siegelte der ehrbare und feste "Jorg Trautenberger, unser lieber Herr" [132].
    Albrecht Lemmel war also mit Margarethe Redwitzer verheiratet, Tochter des Wenzel Redwitzer zu Eschenbach. Da dieser Schwiegervater noch lebte, dürfte Albrecht ein jüngerer Mann gewesen sein, geboren etwa um oder kurz vor 1400. Die Witwe sitzt "zu Störnstein": Albrecht muss also Pfleger zu Störnstein gewesen sein. Im Urfehdebrief ist schon sein Nachfolger genannt: Hans Kleinherr, Pfleger zum Störnstein. Die Urfehde wird nur von Witwe und Schwiegervater geleistet; daher hat Albrecht sicher keinen Sohn und wohl auch keine Brüder, denn diese hätten im Urfehdebrief mit eingeschlossen sein müssen.
    Seinem Stande nach könnte Albrecht am ehesten ein Vetter der Brüder Steffan und Paul Lemmel mit dem Wolfswappen sein, aber es fehlt jeder Ansatz, wer sein Vater gewesen sein könnte.
    Albrechts todeswürdiges Vergehen, über das die Urkunde nichts berichtet, ist vielleicht im Zusammenhang mit den Gebietswechseln zwischen Böhmen und Bayern zu vermuten. Nachdem Böhmen im 14. Jahrhundert bis vor die Tore Nürnbergs ausgedehnt worden war, gingen die meisten errungenen Gebiete nach dem Tod (1378) Kaiser Karls des IV. wieder verloren. Störnstein und Neustadt gehörten zu den wenigen Schlössern, in denen Böhmen sich noch 1435 behauptete. Hans von Parsberg, zuvor Pfleger von Waldeck, hatte die Herrschaften Neustadt und Störnstein durch Heirat erworben. In den Hussitenkriegen der Zeit 1430/1435 waren Neustadt und Störnstein, in Bayern gelegen, zu Böhmen gehörend, in besonders gefährdeter Lage; so Brenner-Schäffer [132]. Aber was genau Albrecht Lemmel verschuldet hatte, bleibt unklar. Sein Tod in der Gefangenschaft bei Hans von Parsberg ist umso verwunderlicher, als die Lemmel und die Parsberger in vielen Urkunden in guter Eintracht erscheinen.


 5.2  Heinz Lämmell/Lemlein 1446-1452

Ein anderer Übeltäter war Haintz Lämmlen, <der im Mai 1446 von der Reichsstadt Weißenburg als  einer von "drey raisigen Gesellen", also wohl als ein bewaffneter Söldner, gefangen genommen wurde [133a]. Kurz darauf wurde er in ein bayrisches Gefängnis nach Cham überstellt>. Am 17.10.1446 musste er in einem Urfehdebrief [133b] bekennen, dass er in des durchlauchtigsten Fürsten und Herren Christopher König zu Dänemark etc, seines gnädigsten Herrn, Gefängnis zu Cham gekommen sei und die Strafe wohl verdient habe. Auf Fürsprache des Ritters Albrecht von Murach, seiner königlichen Gnaden Vitztumb in Baiern, sei er freigelassen worden. Haintz Lämmell und seine zwei Gebrüder Hanns und Peter schwörten Wohlverhalten gegenüber dem König, Herrn Albrecht von Murach, dem Pfleger Pflug zu Cham und der Stadt Cham.
    Damit nicht genug. Am 22.7.1447 mussten Heintz, Hannß und Peter die Lemmell Gebrüder vor Johann Markgraf zu Brandenburg und Burggraf zu Nürnberg Urfehde schwören, weil Heintz und Hannß (nicht Peter) an einem "armann" des Fürsten eine Untat begangen hatten [134].
    Im Jahre 1452 ist aus den Nürnberger Briefbüchern [135] ein längerer Schriftwechsel zwischen Nürnberg und Weißenburg ersichtlich, wo es darum geht, "Heinz Lemlein zu Hohenwart" zu einem Rechtstag nach Nürnberg vorzuladen. Heinz Lemlein lehnte ab, weil ihm kein freies Geleit für die Pfalz zugesichert worden war, während Nürnberg erwiderte, dass freies Geleit nur für Nürnberg und Bundesgenossen, nicht aber für die Pfalz zugesichert werden könnte. In dieser Streitsache mit Weißenburg hatte "Heinz Lemlein zu Kötzting" offenbar Nürnberg um Vermittlung gebeten [136]. Aber worum es ging, ist weder aus den Briefbüchern noch aus den beiden Urfehdebriefen ersichtlich.
    Dadurch, dass anläßlich der Urfehde auch Heinz Lemleins Brüder angegeben sind, kann er im Bamberger Familienzweig sicher eingeordnet werden. Der Vater der drei Brüder ist Peter Lemlein, Weinhändler in Bamberg, ein Onkel des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein, siehe Tafel 8.

  
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│            Conrad Lemlein, *?1325                            │
│            Schöffe in Bamberg                                │
│            (siehe Tafel 1)                                   │
│     ┌─────────────┴───┬───────────────┬──────────────┐       │
Hans Lemlein      Peter Lemlein  Heinz Lemlein   Mertein Leml
│*?1355/60, †1428  *?1365         *?1365/70       *?1370       │
│Schöffe Bamberg   Weinhändler    Schöffe Bambg.  1404 Sulzbach│
│     │            in Bamberg,                    (s. Tafel 12)│
│     │            verschuldet                                 │
│     │                 ├─────────────┬───────────────┐        │
Hans Lemlein      Hans Lemlein  Peter Lemlein  Heinz Lemlein  │
│*?1395, †1473     *?1395        *?1400         *?1405         │
│ab 1440 Nürnberg, Weinhändler   1447 Bamberg   1439 Bamberg,  │
│Ratsherr,         in Bamberg                   1441 Kötzting, │
│Bürgermeister                                  1452 Hohenwart,│
│                                                 Urfehdebriefe│
│                                                     :        │
│                                                     ?        │
│                                               Marcus Lemlein
└──────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 8: Die Verwandtschaft des Heinz Lemlein in Kötzting und Hohenwart

     Von den Söhnen des Bamberger Schöffen Conrad Lemlein, die als "lemlein filii" im Jahre 1400 das väterliche Erbe antraten, war Peter nicht erfolgreich und musste nach etlichen Verpfändungen und Klagen sein Erbteil an seine Brüder abtreten [137].
    Während Heinz Lemleins Brüder in Bamberg blieben, ist es unklar, warum Heinz nach Kötzting ging und dort in die genannten Streitigkeiten verwickelt wurde.


5.3  Markus Lemlein 1460

Hier ist eine amüsante Geschichte einzufügen, zu der ich etwas ausholen muss.

    Nach dem Markgrafenkrieg von 1450 wurden einige Nürnberger Ratsherren, darunter Hans Lemel, als Helden besungen [138]:

               Jeronimus Kreß, her Sebold Pfinzing,
                   das sein die vier genanten genennt,
               Hans Lemel, Peter Mendel der jung,
                   der Ludwig Pfinzing was auch mit,
               die machten wieder ein ordenung,
                   Jobst Tetzel war das oberst glid;
               die ordinierten uns wider zu haufen,
                   das wir hin heimhin zu gen mit ru.
               Der Reuß von Plauen und der von Kaufen
                   die huten treulich hinten zu....
  
    "Der von Kaufen", der hier genannt ist, ist der Ritter Kunz von Kaufungen [139], der unter dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Sanftmütigen gekämpft und sich mit einigen Hilfstruppen in den Dienst der Nürnberger begeben hatte, um ihnen gegen Markgraf Albrecht beizustehen. Bald darauf kam es aber zwischen Kurfürst Friedrich und dem Ritter Kaufungen zum Zerwürfnis, das darin gipfelte, dass Kunz von Kaufungen mit einigen Spießgesellen im Juli 1455 aus dem Schloss Altenburg die beiden Kurfürsten-Söhne Ernst und Albrecht entführte. Auf der Flucht nach Böhmen wurde Kaufungen in Grünhain im Erzgebirge gefangen und eine Woche später auf dem Freiberger Marktplatz enthauptet, wo sein in Stein gehauenes Porträt seither einen Giebel des Rathauses ziert.
 
Kunz von Kaufungen am Rathausgiebel in Freiburg

    Nach der Festnahme des Ritters Kunz hatte die Grünhainer Stadtwehrmannschaft noch vier Helfer des Kaufungers aufgegriffen [139], die offenbar noch einige Jahre im Grünhainer Gefängnis blieben, bis der dortige "Malefizschreiber" im Jahre 1460 berichten konnte, dass der "Markus Lemlein mit dem Stricke vom Leben zum Tode gebracht" sei [140].
     Dieses ist die einzige bekannte Urkunde über Markus Lemlein, und ob er wirklich zu den Kumpanen des Kaufungers gehört hatte, kann allenfalls vermutet werden. Sein Name kommt in keiner anderen Prinzenraub-Urkunde vor. Jedoch muss man annehmen, dass er zur Familie gehört. Er mag zuerst ein Söldner der Nürnberger gewesen sein, bevor er sich dem Kunz von Kaufungen anschloss. In die Lemmel-Genealogie ist er freilich nicht sicher einzuordnen; am glaubhaftesten scheint mir, dass er ein Sohn des Heinz Lemlein von Kötzting sein könnte, dessen Untaten ich im vorigen Kapitel schilderte.
    Ob ein Lemlein oder Lemblein (Vorname nicht angegeben), der etwa zur gleichen Zeit in einem Nürnberger Malefizbuch genannt ist [141], mit Markus Lemlein identisch ist, lässt sich mangels weiterer Einzelheiten kaum feststellen.

 
6. Gnadenberg
 
Familientag 2003. Besichtigung der Ruine von Gnadenberg mit Vortrag von Frau Dr. Sandra Frauenknecht (oben rechts)


6.1 Der Altar der Barbara Lemlin 1478

Eine ausführliche Geschichte des Klosters Gnadenberg wurde jüngst von Sandra Frauenknecht vorgelegt [142], und einiges daraus ist für die Lemmel-Geschichte relevant.
    Zur Zeit, als Ulrich Lömel Schöffe in Neumarkt war, gründete Pfalzgraf Johann von Neumarkt das Birgittenkloster Gnadenberg, wozu er 1420 die päpstliche Erlaubnis erhielt. Zunächst sollte es auf dem Fuchsberg in unmittelbarer Nähe der Burg Wolfstein erbaut werden, wurde dann aber auf dem Eichelberg bei Altdorf errichtet, in günstigerer Nähe zu Nürnberg, von wo man finanzielle Zuwendungen der reichen Kaufleute erwartete
und auch erhielt.
    Wir sahen schon, dass 1444 Kunigunde Lämlin, Witwe des Neumarkter Schöffen Ulrich Lömel, Zinsen aus einem Gütl an das Kloster Gnadenberg gestiftet hatte, und dass ihre unverheiratete Tochter Barbara, die in wohlhabendem Stande in Nürnberg lebte, 1478 einen Altar in Gnadenberg gestiftet hatte. Es war der Marienaltar an der Ostwand zwischen den beiden Eingangsportalen, der der Hauptaltar auf der Nonnenseite der Kirche war.
 
.                                         
Klosterkirche Gnadenberg, links der Grundriss der Hallenkirche, rechts der Aufriss der Ostwand..
A = Marienaltar, der 1478 von Barbara Lemlin gestiftet wurde und bis zu seiner Zerstörung 1592 zwischen den beiden Eingangsportalen stand.

    Gegenüber an der Westwand war der Hauptaltar des Männerkonventes 1460 von Martin Wildenstein gestiftet worden, der zusammen mit Hans von Parsberg oberpfälzer Statthalter von König Christoph gewesen war und sich nun, 1460, in das Nürnberger Katharinenkloster zurückgezogen hatte. Sein Grabstein von 1466 ist noch heute in der Gnadenberger Kirchenruine zu sehen.
 
    Leider überdauerte der Marienaltar der Barbara Lemlin nur wenig mehr als ein Jahrhundert. Als das Land rings umher evangelisch wurde, blieb Gnadenberg katholisch, freilich unter solchen Bedrängnissen, dass der Klosterbetrieb um 1560 allmählich unterging. 1592 zogen die Calvinisten in Gnadenberg ein und vernichteten in einem Bildersturm alle Kunstschätze und damit wohl auch den Lemlin-Altar. 1632 wurde das Kloster im Krieg vollends verwüstet.


6.2 Katerina Lemlin 1516-1533

Im Jahre 1516 trat die reiche Nürnberger Bürgerswitwe Katerina Lemlin geborene Imhof in den Birgittenorden ein, ging jedoch in das Gnadenberger Tochterkloster Maria Maihingen im Nördlinger Ries, wo sie am 28.4.1533 starb. Tore Nyberg berichtete über sie in seiner Geschichte der Birgittenklöster Bayerns [143].
    Laut Nyberg kam im Jahre 1522 der Weihbischof Johann Lemmel/Lemlin aus Augsburg nach Maihingen, um hier eine neue Äbtissin zu weihen. Dies ist freilich ein Irrtum, denn der Augsburger Weihbischof war kein Lemmel, sondern er hieß Johann Laymann und war ein Bauernsohn aus Bobingen [144]. Offenbar hatte Nyberg ihn als Verwandten von Katerina Lemlin angesehen und seinen Namen entsprechend angepasst. Es gibt zwar zum Namen Lemmel die verschiedensten Varianten, aber der Name Laymann in Bobingen gehört gewiss nicht dazu.
    Katerina war die kinderlose Erbin von beträchtlichem Kapital aus den Handelshäusern der Nürnberger Lemlein und Imhof. Bei ihrer Heirat am 21.8.1484 brachte Michel Lemlein ein Heiratsgut von 1000 fl in die Ehe, während Katharina Imhof 800 fl einbrachte [145]. Beides wurde gewinnbringend in die Gesellschaft von Hans Imhof eingelegt. Hans Imhof, gestorben 1499 und "Hans IV." in der Imhof-Genealogie [146], war der Onkel von Katerina Imhof und der Schwiegersohn des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein, der 1473 gestorben war.
    Die Nürnberger Verwandtschaft der Katerina Lemlein ist in Tafel 9 dargestellt.
    Die Familien Lemlein und Imhof waren durch zwei Heiraten verbunden. Katerinas Schwiegervater, der ältere Michel Lemlein, hatte erst im hohen Alter von über 60 Jahren geheiratet: um die entstehenden Generationsverschiebungen zu verdeutlichen, sind die Personen in Tafel 9 so eingetragen, dass die Höhe in der Tafel etwa dem Geburtsjahr entspricht. - Die Schreibweise "Katerina" ist übrigens die von ihr selbst verwendete.

  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│                            Hans Lemlein, *?1360, †1428                             │
│                            Schöffe in Bamberg                                      │
│                        ∞1)?1380/1385    ∞2)?1390/1395                              │
│                           ... Tockler      Kath.Klieber                            │
│      ┌──────────────────────────┘             └─────────────────────────┐          │
Michel Lemlein                                                           │          │
│*?1385/90, †1456                                                  Hans Lemlein      │
│1427 in Chemnitz,                       Conrad Imhof              *?1395, †1473     │
│ab 1442 Nürnberg,                       *?1390, †1449       1429 Bamberg, Ratsherr, │
│∞1451 mit                               Nürnberg,           ab 1440 Nürnberg,       │
Katharina Hegner                        Stiftungen           Ratsherr,Bürgermeister │
│      │                                       │                 ∞ mit Kath. Haller  │       
│      │                                 ┌─────┴────┐                     │          │
│      │                                 │      Hans Imhof                │          │
│      │                          Paulus Imhof  *1419, †1499           ┌──┴─────┐    │
│      │            Ursula  ∞1462 *1426, †1478  Handelsherr  ∞2)1460 Ursula   Caspar
│      │          Holzschuher     Nürnberg      Nürnberg,            Lemlein, Lemlein
│      │      sie ∞2)1481 └────┬─────────┘      1493 Stifter des     *?1435,  *?1435,│
│      │      Nicl.Tetzel      │                Sakramentshauses     †1494    †1510, │
│      │                       │                in St.Lorenz           │    Nürnberg,│
Michel Lemlein                │                    └───┬──────────────┘      Imhof- │
│*1452, †1513                  │                   Hans Imhof              Teilhaber,│
│bis 1476 Nürnberg, ∞1484 Katerina Imhof           *1461, †1522             kinderlos│
│1476-1484 Bamberg,       *1466, †1533             Bankier von                       │
│ab 1484 Nürnberg,        ab 1516 Kloster          Willibald Pirkheimer              │
│1493 Zeuge des           Maihingen,               und Albrecht Dürer                │
│Auftrags für das         Stifterin                     │                            │
│Sakramentshaus,                                   Kath.Imhof  ∞1512 Christoph Fürer,│                                 │
│ kinderlos                                        *1494, †1533      †1537 Gnadenberg│
└────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
 Tafel 9: Die Verwandtschaft der Stifterin Katerina Lemlin geb. Imhof

    Über den Ursprung von Michel Lemleins Vermögen gibt es keine direkten Nachrichten. Da aber seine Mutter Katharina eine Tochter von Ulman Hegner dem Älteren war, dem bedeutenden oberpfälzer Eisenhändler, dürfte auch Michel Lemlein in diesem Bereich tätig gewesen sein. Als er 1513 im Alter von 60 Jahren starb, führte die nun 47-jährige Witwe Katerina die Geschäfte fort. Sie muss eine beachtliche Frau gewesen sein, die das ererbte Vermögen noch erheblich vermehrte.
    Ihr Vater Paulus Imhof war Teilhaber der Handelsgesellschaft der Imhof-Brüder gewesen [146]. Seine Witwe Ursula geborene Holzschuher, wieder verheiratet mit Niclas Tetzel, starb am 18.4.1504 und vererbte ihrer Tochter Katerina Lemlin ein gutes Vermögen, darunter unter anderem eine "Drahtmühle zu Ockersmul" [147] – ein Beispiel für die kommerziellen Aktivitäten der Katerina.
    Nach drei Jahren als Witwe trat sie 1516, 50-jährig, in den Birgitten-Orden ein und verwaltete als Nonne ihr Vermögen, von dem ein beträchtlicher Teil in den Orden eingebracht und zum Bau eines Flügels des Maihinger Klostergebäudes verwendet wurde [148]. 
< Im Jahre 1517 erhielt sie dazu 3ooo Gulden ausbezahlt, die sie bei den Nürnberger Ratsherren Gebrüdern Peter, Conradt und Hans Im Hof und ihren Mitgesellschaftern in ihrem Handel zu Gewinn und Verlust angelegt hatte [148a]. >
    Von Katerina sind 62 Briefe erhalten, die einen Einblick in das materielle, kulturelle und theologische Leben des spätmittelalterlichen Birgittinnenklosters gewähren. Sie werden von Corine Schleif und Volker Schier aus dem Zentrum für mittelalterliche und Renaissance-Studien der Staatsuniversität von Arizona in ausführlichen Publikationen wissenschaftlich dargestellt [149]. Darin wird auch das "Imhof-Holzschuher" Epitaf abgehandelt, das in der Nürnberger Sebaldkirche hängt. Es ist die Votivtafel nach dem Tod von Katerinas Mutter Ursula geb. Holzschuher: sie selbst ist mit ihrem Holzschuher-Wappen auf der rechten Bildseite dargestellt, links stehen ihre beiden Ehemänner Paulus Imhof und Niklas Tetzel mit ihren Wappen, und dazwischen sieht man Katerina Lemlin als mittelste in der Reihe der fünf Imhof-Töchter in ihrer Nonnentracht abgebildet, mit dem Imhof-Wappen und dem Lemmelschen Lamm-Wappen im Schilde [150].
  
Die Imhof-Holzschuher-Tafel in der Nürnberger Sebaldkirche.
Rechts die 1504 gestorbene Ursula geb. Holzschuher;
links ihre beiden Ehemänner Paulus Imhof und Niclas Tetzel;
 dazwischen die fünf Töchter Imhof. -
Katerina Lemlin im Ordenskleid (rechts vergrößert) ist die mittlere der fünf Töchter.


    Ebenfalls mit einer Katharina Imhof verheiratet war der Nürnberger Ratsherr Christoph Fürer, der 1537 in Gnadenberg beigesetzt wurde. Seine Tante Barbara Fürer war von 1489 bis zu ihrem Tod 1509 Äbtissin von Gnadenberg gewesen. Aus dem Briefwechsel der Maihinger Schwester Katerina Lemlin mit ihrem Oheim Hans Imhof und ihrem Verwandten Christoph Führer sind verschiedene Geldangelegenheiten der Katerina ersichtlich [151]. So überwies Katerina 500 fl an ihre leibliche Schwester Magdalena Imhof, Priorin des Klosters Pillenreuth, und dieses Geld wurde von Hans Imhof beim Nürnberger Rat nutzbringend angelegt [152].
    Dieser "Oheim" Hans Imhof war ihr sechs Jahre älterer Vetter, gestorben 1522 und "Hans V." im Imhof-Stammbaum, Handelsherr und Bankier des Humanisten Willibald Pirkheimer und von Albrecht Dürer.
     Im Verlauf der Reformation und des Bauernkriegs 1525 musste Katerina Lemlin aus Maihingen nach Öttingen flüchten, wo sie sich mit ihren Schwestern der Armen und Kranken annahm. Aus dieser Zeit ist ein Brief von Christoph Fürer an die Klosterfrau Lemlin erhalten, in dem es "wider das unchristlich Closterleben auch wider den Mißbrauch zum Papstthum und wider den Lutherischen Mißglauben" geht [153]. Er prangerte also die Missstände in beiden Konfessionen an.
    Nach Katerinas Tod berichtete die Maihinger Priorin: "Schwester Katharina Lemlin von Nürnberg kam nach dem Tode ihres Mannes zu uns, brachte mit ihr Hab und Gut, bauet von Grund auf das Zwerchhaus, gab daran 1000 Gulden nach Notdurft zu bauen, legt ihr Gut dem armen Konvent treulich an in Ewigkeit aufzuheben." Es folgte eine langatmige Schilderung ihrer letzten Lebensjahre und ihrer tödlichen Krankheit. Sie starb am 28.4.1533 im Alter von 67 Jahren und war 17 Jahre im Orden gewesen [154].

 
Die Klosteranlage Maihingen: der Franziskaner-Bau des 17. Jahrhunderts. -
Vom Birgittinnen-Bau, für den Katerina Lemlin ein "Querhaus" finanzierte,  ist nichts mehr zu sehen.

    Das hier erwähnte "Zwerchhaus", dessen Bau von Katerina Lemlin finanziert wurde, ist ein "Querhaus" mit Gewölben, aber es ist nicht eindeutig, welcher Flügel der Klosteranlage damit gemeint ist. Vieles wurde 1525 im Bauernkrieg wieder zerstört, und Katerina half "mit den geringen ihr gebliebenen Mitteln mit an der Aufrichtung ihres alten Klosters". So gering waren die ihr gebliebenen Mittel freilich nicht; nur konnte sie über ihr Vermögen, das bei der Stadt Nürnberg und bei der Imhof-Gesellschaft fest angelegt war, nicht ohne weiteres verfügen.
    Von der birgittinischen Klosteranlage blieb nichts übrig, nachdem die Franziskaner das Kloster Maihingen übernahmen und in barockem Stil neu errichteten [155].
 

 
6.3  Georg Jakob Lembl 1737-1753

    Katerina Lemlin gehörte zum Bamberger Zweig der Nürnberger Lemmel. Ebenfalls aus dem Bamberger Zweig, aber mit einem gewaltigen Umweg über Chemnitz, Erzgebirge, Wien, Oberpfälzer Wald stammte Georg Jakob Lembl, der 1737 Klosterrichter in Gnadenberg wurde: Am 23.2.1737 ist Lemble in die Pflicht genommen worden für Klosterverwaltung und Kastenamt in Neumarkt [156]. Das Gnadenberger Kloster existierte nicht mehr, aber für die Verwaltung seines vormaligen Gutsbesitzes war ein Amt mit einem Richter geschaffen worden.
    Geboren um 1690/1691 war Georg Jakob Lembl zunächst von 1723 bis 1736 in Baumburg und Altenmarkt tätig, und zwar als des Klosters Hofschreiber [157], der als Zeuge in mehreren Urkunden genannt ist. In Baumburg ließ der Propst Patriz Stötter, der 1707-1737 regierte, das Kloster ausbauen und die Kapelle in der Prälatur auf das Prachtvollste herrichten [158]. Hierbei dürfte Lembl mitgewirkt haben.
    Er muss recht wohlhabend gewesen sein, denn er hatte zusammen mit seiner Hausfrau Maria Margarethe, einer geborenen Bredauer, der kurfürstlichen Haupt- und Regierungsstadt Burghausen einen Betrag von 200 Gulden geliehen, wovon zusätzlich 150 Gulden Zinsen anfielen. Das wurde ihm 1728 vom Bürgermeister Paul Harttinger bestätigt [159]. Doch noch 1761 mussten die Witwe und der Amtsnachfolger die Rückzahlung anmahnen [160].
    Von 1737 bis zu seinem Tod am 10.5.1753 war Lembl dann in Neumarkt und Gnadenberg tätig. In seinem Sterbeeintrag wird er bezeichnet als "ornatissimus et spectatissimus dominus Georgius Jacobus Lembl, judex in Gnadenberg et granarius in Neofori (= Neumarkt) aetatis 62 ann" [161]. Der Titel "granarius" steht für "Kastner" (nicht "Gutsverwalter"). Der Richter Lembl war zugleich Kastner der vom Kloster Seligenporten 1671 abgetrennten und dem Kloster Gnadenberg zugeschlagenen Güter; als solcher saß er in Neumarkt. Der Klosterrichter war ein weltlicher Beamter, der den Grundbesitz des Klosters Gnadenberg zu verwalten hatte und stellvertretend für den Grundherrn die niedere Gerichtsbarkeit im Gebiet des "Klosterrichteramtes" ausübte [162].
    Aus seiner Amtszeit sind einige Urkunden erhalten, so zwei Briefe, die 1741 und 1743 in Gnadenberg datiert sind [163]. Teils sind sie von Georg Jakob Lembl gesiegelt [164]. 1744 zeigt sein (erstes) Siegel ein Osterlamm (schreitendes Lamm mit Fähnchen, Kopf im Profil) in rundem Schild unter einer Krone, ohne Helm. Sein (zweites) Siegel, das noch 1755 von der Witwe benutzt wurde, zeigt ein Osterlamm (stehendes Lamm mit Kreuzfähnchen, Kopf mit Heiligenschein zum Betrachter gewendet) in barockem Schild unter einem Helm mit Stern und Flügelpaar als Helmzier.

 
Siegel von Georg Jakob Lembl, Neumarkt. Links sein erstes Siegel von 1744,
 in der Mitte sein zweites Siegel, das noch seine Witwe 1755 benutzte. –
Rechts das Siegel von Johann Heinrich Pascha, Baumburg 1688.

    Erstaunlicherweise wurde die Zeichnung des zweiten Wappens bereits 1688 in Baumburg (Bistum Salzburg) vom Konsistorialdirektor Johann Heinrich Pascha benutzt [165], der 1658 bis 1664 Professor und Rektor der Universität Ingolstadt gewesen war [166]. Eine zunächst wegen der Wappen-Gleichheit vermutete nahe Verwandtschaft Lembl-Pascha muss freilich ausgeschlossen werden. Paschas Vater Erasmus, der 1568 in Salzwedel geboren wurde, war in Meersburg Kanzler des Bischofs von Konstanz. Sowohl für Pascha als auch für Lembl war ein Osterlamm als "redendes" Wappen naheliegend. Als Lembl dann sein helmloses Wappen mit Helm und Helmzier "verbessern" wollte, muss ihm das Pascha-Wappen als recht geeignet vorgekommen sein. Es ist aber kein Hinweis bekannt, dass ihm etwa der Pfalzgraf das verbesserte Wappen verliehen oder genehmigt hätte.
    Von Georg Jacob Lembl sind verschiedene Briefe erhalten, die er an seine "gnädige Herrschaft" Frau Angelica Maximiliana de Pelkoven, Superiorin des Franziskaner-Salesianer-Ordens in München richtete [167]. Im ersten Brief vom Januar 1737, noch in Baumburg geschrieben, ging es um seine Anstellung in Neumarkt. In weiteren Briefen, die in Gnadenberg in den Jahren 1741 bis 1743 datiert sind, geht es um finanzielle Angelegenheiten, die im einzelnen schwer verständlich sind.

 
Eigenhändige Unterschrift: Gnadenberg, den 30. April 1741,
Georg Jacob Lembl, Verwalter.
 
     1744 wurde er vom Pfalzgrafen in seiner Eigenschaft als Richter und bevollmächtigter Lehenträger des Klosters Gnadenberg mit einem Gütlein und dem Drittel des Zehents zu Berg belehnt, sowie mit Dorf und Hof zu Reichenholz nebst Zugehörungen [168].
    Begraben wurde Lembl 1753 in der Kirche von Hagenhausen, zwei Kilometer von Gnadenberg entfernt. Nach Auskunft des Pfarrers von 1976 fand sich hier keine Spur des Grabes mehr. Tatsächlich aber entdeckte Inge Höfler-Lemmel den Grabstein in der Hagenhausener Kirche, eingebaut als Türschwelle zur Sakristei. Im Jahre 2004 veranlasste sie, den Stein zu heben und an der inneren Kirchenwand anzubringen, wo man ihn nun mit dem Lembl'schen Wappen besichtigen kann. Die nicht unbeträchtlichen Kosten wurden teils von Frau Höfler, teils vom Familienverband Lemmel/Lämmel getragen.
                         
In der Kirche von Hagenhausen war Georg Jacob Lembls Grabstein als Türschwelle zur Sakristei eingebaut, siehe linkes Bild, wo man rechts das Osterlamm seines Wappens erkennt. Der Stein wurde gehoben und im Altarraum an der Wand angebracht: rechtes Bild.


    Zur Erinnerung an Georg Jakob Lembl stiftete die Witwe ein wertvolles Abendmahlsgerät, bestehend aus einem großen Kelch und einem Tablett mit zwei Meßkännchen, das im Pfarramt von Gnadenberg aufbewahrt wird. Unter dem Fuß des Kelches findet man das Lembl-Wappen eingraviert, mit der Umschrift "Georg Iacob Lembl gewesten Closter Richter in Gnadenberg" [169].


  Das zur Erinnerung an Georg Jacob Lembl gestifteteAbendmahlsgerät;
Fotografien und Skizzen des Kelches und der Gravur unter dem Kelchfuß mit dem Lembl-Wappen.

    Lembls Witwe war Maria Margareta geborene Bredauer. Ihr um 1713 geborener Vetter Christoph Bredauer wurde Lembls Nachfolger als Klosterrichter zu Gnadenberg und Kastner zu Neumarkt. In einem Brief von 1761 kümmerte sich Maria Margareta um eine persönliche Amtskaution von 800 Gulden, die ihr Vetter beibringen sollte [170]. – Johann Christoph Bredauer starb am 8.10.1765;
am 23.11.1766 starb Maria Margareta Lemblin. Beider Grabplatten findet man an der nördlichen Innenwand der Neumarkter Johanniskirche [171].
              
Der Grabstein von Maria Margaretha Lemblin geb.Predauer in der
Johanniskirche Neumarkt, 1766.
Daneben der  Grabstein von Johann Christoph Predauer, Lembls Nachfolger als Klosterrichter.

    Bredauer, der zuvor Hofmarksverwalter zu Pilsach gewesen war, hinterließ drei Kinder aus seiner 1754 geschlossenen Ehe mit Kunigunde Pöllinger, Tochter des Neumarkter Ratsherrn Matthias Pöllinger und seiner Frau Susanna Barbara [172].
    Am 20.4.1754 belehnte Kurfürst Maximilian den Christoph Bredauer als neuen Lehensträger des Klosters Gnadenberg mit einer langen Liste von Äckern und Wiesen, über die zuvor Georg Jakob Lembl verfügt hatte. Eine weitere Belehnung über Roggen, Hafer und andere Erträgnisse erfolgte durch die kurfürstliche Administration zu Neuburg [173].
    Nach Georg Jakobs Tod gab es von 1754 bis 1760 einen umfangreichen Schriftwechsel über sein Vermögen. Das Lemblische Testament, das beim Kloster Baumburg hinterlegt war, musste herbeigeschafft werden, um der Witwe und Georg Jakobs "hinterlassenen alten Schwester Elisabetha Lemblin" und anderen Freunden, die zu Tännesberg lebten, ihre Erbschaft ausfolgen zu lassen. Ferner ging es um ein "Lemblisches Capital ad 1800 fl", das beim Kloster Baumburg lag [174].

 
Eigenhändige Unterschrift:
Neumarkt in der oberen Pfalz den 8. Junij 1761, Maria Margaretha Lemblin.

    Am 20.10.1760 kaufte Frau Margaretha Lämblin, verwittibte Closter Gnadenbergische Richterin, mit Beistand des Neumarkter Ratsherrn Johann Mathias Pollinger vier Tagwerk Wald für 1200 Gulden Bargeld [175]. Als alles geregelt war, stiftete die Witwe am 28.11.1760 eine Messe sowie ein Benefiz für Verwandte der Familien Bredauer und Lembl. Dazu quittierte am 30.1.1761 die Stadt Neumarkt den Empfang von 7000 fl, und am 18.12.1761 bestätigte der Bischof von Eichstätt die Stiftung von 7000 fl an die Pfarrkirche Neumarkt [176]. Die Stiftung wurde als "Schulbenefizium" bekannt. Der Benefiziat hatte nicht nur die Seelenmessen für die Lembl-Bredauersche Verwandtschaft zu halten sondern auch "Stadt- und fremden Kindern Rudiment und Grammatik gratis zu lehren", wofür eine Wohnung und ein Schulzimmer gebaut wurden.
    Lembl-Verwandte, die für Besetzung oder Inspektion des Benefiziums sorgen würden, sind nicht aufgetaucht. So blieb das Präsentationsrecht bei der Familie Bredauer bis zu ihrem Aussterben 1884.
    In Neumarkt stand das Haus für das "Lemmel- und Bredauer'sche Beneficium", dessen Inhaber zugleich Lehrer der lateinischen Vorbereitungsschule war, an prominenter Stelle zwischen Kirche und Rathaus [177].



7. Die Lembl im Oberpfälzer Wald

7.1  Lembl in Pfreimd und Tännesberg 1620-1670

Georg Jakob Lembl und Maria Margarethe Bredauer hatten am 6.10.1722 in Baumburg geheiratet [178], bevor Lembl sein Amt als Hofschreiber im Baumburger Kloster antrat. Im Trau-Eintrag ist der Brautvater genannt: Johann Caspar Pretaur, Consul, also Ratsherr und zeitweise Bürgermeister, in Neumarkt. Im Jahre 1708 hatte er die Stadt Neumarkt am Amberger Hof vertreten, als der Kaiser, der die Oberpfalz besetzt hatte, diese dem Kurfürsten Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg verlieh [179].
    Georg Jakobs Vater ist laut Trau-Eintrag Johannes Georg Lembl, Senator, also Ratsherr, in Tännesberg in der Oberpfalz. Leider ist hier die Urkundenlage dürftig: bei einem Stadtbrand am 9.9.1726 wurden mit vielem anderen die Pfarrmatrikel vernichtet. Nur in einer "Familienbeschreibung" [180], die der Pfarrer nach dem Brand anlegte, ist Johann Georg Lemel als Tuchmacher mit seiner Frau und zwei erwachsenen, aber noch im Elternhaus lebenden Töchtern erwähnt. Offenbar ist sonst keine urkundliche Erwähnung dieses Ratsherrn erhalten [181].
  
  Noch um 1755 lebte in Tännesberg Georg Jakobs "alte Schwester Elisabeth", wie aus einem Briefwechsel nach seinem Tod ersichtlich ist. Und in Tännesberg-Treswitz lebte um 1670 ein Verwalter namens Gregori Lembler [182], den man als Großvater des Georg Jakob ansehen muss. Auch über ihn ist außer der einmaligen Erwähnung seines Namens nichts bekannt. - Das evangelisch gewesene Tännesberg war seit 1620 wieder katholisch und wittelsbachisch.
    Wieder zwei Generationen zurück ist in dieser Gegend im Jahre 1634 ein "N. Lembl" als gewesener landgräflicher Hofmeister zu Pfreimd beurkundet [183], dessen Tochter Anna Eleonore den Protestanten Hans Albrecht Singer heiratete, der von seinem 1607 gestorbenen Vetter Veit Hans von Brandt auf Stein die Burg Stein erbte [184]. Pfreimd gehörte zur Grafschaft Leuchtenberg und kam nach dem Aussterben der Leuchtenberger 1646 an die Wittelsbacher.
    In diese Gegend des Oberpfälzer Waldes war eine protestantische Familie Lemmel/Lämbl aus Wien geflüchtet, die schon vor 1600 am Beginn der Gegenreformation Wien verlassen musste [185]. Die Wiener Lemmel wiederum stammten aus Schneeberg im sächsischen Erzgebirge, und die Schneeberger Lemmel stammten aus Bamberg [186].
    Vorbehaltlich weiterer Forschungen ergibt sich damit die in Tafel 10 gezeigte Abstammung des Georg Jakob Lembl vom Bamberger Lemlein-Zweig.
    Aus diesem noch kaum erschlossenen Familienzweig gab es womöglich noch weitere Nachkommen:
    Im Jahre 1667 kam der Schlosser "Johann Geörg Lämppl aus Pfreimbt" nach Amberg, wurde hier Bürger [187] und bekam acht Kinder [188], von denen der Sohn Johann Michael 1697 die Universität Ingolstadt besuchte [189]. Womöglich ist dieser Lämppl aus Pfreimd ein Enkel des dortigen Hofmeisters Lembl.
    In Amberg lieferten selbiger Schlosser Hans Georg Lämpel sowie 1697 seine Witwe Maria und 1702 sein Sohn Samuel an das Salesianerinnenkloster verschiedene Eisenrahmen, Schlösser und Gitter, auch das "große eiserne Kreuz auf die Kirchen", wofür fünf Gulden gezahlt wurden [190].

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  │Hans Lemlein, *?1360, † 1428, Schöffe in Bamberg (siehe Tafel 1)     │
  │       │                                                             │
  │Mertein Lemlein/Lemel, *?1385 Bamberg, ab 1437 in Chemnitz           │
  │       │                                                             │
  │Martin Lemmel, *?1415 Bamberg, 1431 Univ.Wien, dann in Chemnitz      │
  │       │                                                             │
  │Hans Lemmel, *?1445, † vor 1526, in Chemnitz                         │
  │       │                                                             │
  │Hans Lemmel, *?1475 Chemnitz, + um 1540 Schneeberg, Schöffe u.Steiger│
  │       │                                                             │
  │Hans Lemmel, *?1505, † 1548, Bergunternehmer in Schneeberg           │
  │      ┌┴───────────────────────────┐                                 │
  │Hans Lemmel/Lämbl                  │                                 │
  │*1531, †1601                 Steffan Lemmel/Lambl                    │
  │Kaufmann und                 *?1545                                  │
  │Ratsherr in Wien             Kaufmann und Protestantenführer         │
  │oo mit Ursula Pirkhamer      in Wien, flieht 1584                    │
  │      │                            │                                 │
  │Martin Lämbl, *?1563 Wien,         │                                 │
  │1610 im Oberpfälzer Wald     Hans Lämbl, *?1575 in Wien, dann wo?    │
  │(siehe Tafel 11)             Wohl identisch mit                      │                             
  │                             ...Lembl (Vorname nicht angegeben)      │
  │                             Hofmeister in Pfreimd, seine            │
  │                                   │      Tochter heiratet 1634      │
  │                                   │      nach Stein/Trausnitz       │
  │                             unbekannt                               │
  │                             *?1600/1605                             │
  │                                   │                                 │
  │                             Gregori Lembler, *?1630                 │
  │                             Verwalter in                            │
  │                             Tännesberg-Treswitz                     │
  │                                   │                                 │
  │                             Johannes Georg Lembl      Joh.Caspar    │
  │                                *?1660                 Pretaur       │
  │                             Tuchmacher Tännesberg     *?1660        │
  │                             1722 Senator              Consul in     │
  │                     ┌─────────────┴┐                  Neumarkt      │
  │                 Elisabeth   Georg Jakob Lembl             │         │
  │                   Lembl     *1690, †1753                  │         │
  │               lebt 1753 in  1723-1736 Hof-    oo 1722 Maria Marg.   │
  │                 Tännesberg  schreiber Baumburg,       Bredauer      │
  │                             dann Klosterrichter       Stifterin     │
  │                             Gnadenberg, Neumarkt      †1766 Neumarkt│
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Tafel 10: Die Stammreihe der Lembl in Pfreimd und Tännesberg


7.2  Martin Lembler aus Wien in Eslarn 1605-1610

Wir sahen schon, dass der Neumarkter Klosterrichter Georg Jakob Lämbl Vorfahren hatte, die aus Wien kamen und Hofmeister im Oberpfälzer Wald wurden. Besser erforschen konnte ich hier die Nachkommen von Martin Lämbl, der um 1560/1565 in Wien als Sohn des Kaufmanns und Ratsherrn Hans Lemmel/Lämbl geboren wurde.
    Hans Lemmel, geboren 1531 in Schneeberg in Sachsen, kam 1557 als Kaufmann in das damals protestantische Wien, wo er Ursula Pirkheimer heiratete. Von beiden gibt es im Münzkabinett des Wiener Kunsthistorischen Museums eine Porträt-Medaille [191]. 

 
Hans Lemmel, geboren 1531 in Schneeberg in Sachsen, Kaufmann und Ratsherr in Wien.
Links sein Siegel, Mitte: seine Porträtmedaille 1583,
rechts seine Frau Ursula Lemlin geborene Pirkheimer.

    Auch sein Siegel [192] ist erhalten, wobei sein Name in der Urkunde Hanns Lämbl, im Siegel Hans Lämmel, auf der Medaille aber Hans Lemmel lautet.
    Ursula Lemlins Bruder war der Rektor der Wiener Universität, Christoph Pirkheimer. Man muss annehmen, dass dieser aus der Familie des Humanisten Willibald Pirkhamer stammte, aber er kommt in den bekannten Pirkhamer-Stammtafeln [193] nicht vor. Ich vermute, dass die Wiener Pirkheimer auf einen Leonhard Pirkheimer "aus Oting" zurückgehen, der im Sommersemester 1492 an der Wiener Universität immatrikuliert wurde. Aber in keinem der "Oting"-ähnlichen Orte in Bayern konnte ich einen Pirkheimer-Zweig entdecken, so dass die genealogische Einordnung der Wiener Pirkheimer weiterhin offen ist.
    Hans Lemmels Sohn Martin Lämbl heiratete in Wien die Witwe von Adam Schreyer, der kaiserlicher Pfleger der Katterburg war, die dort stand, wo heute das Schloss Schönbrunn steht. In zweiter oder dritter Ehe heiratete er dann 1605 im Wiener Stefansdom [194] Christina Riederer, Tochter des evangelischen Regensburger Bürgers Hans Riederer. Dieser stammte aus Augsburg, von wo er nach dem Tod seiner ersten Frau nach Regensburg gekommen war, wo er 1585 Anna, die Witwe von Andre Holtzapfl heiratete [195].
    Als die Lage der Evangelischen in Wien sich verschlechterte, gelangte Martin Lämbl durch die Ehe mit der Regensburgerin schließlich in das evangelische Amt Treswitz im Oberpfälzer Wald, wo er als Hammermeister Martin Lämbler 1610 in Oberwaltenrieth genannt ist [196]. Zuletzt wurde er 1634 in der Heiratsurkunde seines Sohnes Elias erwähnt als der "Ersame Martin Lemblein weyland zu Eßling in der mittlern Pfalz". Diese Ortsangabe blieb lange rätselhaft, bis Eßling schließlich als Eslarn identifiziert werden konnte.
 


7.3  Hans und Elias Lembler in Eslarn 1630-1640

Mit der Regensburgerin bekam Martin Lembler den Sohn Elias, der 1634 in Altdorf heiratete: Der Mußquetirer Elias Lembla, Junggeselle, des Ersamen Martin Lembleins selig weyland zu Eßling in der mittlern Pfalz hinterlassener Sohn, heiratete die Jungfer Barbara, des Ersamen Jacob Merckels selig weyland zu Newenmarck hinterlassene Tochter [197].
    Eslarn, ursprünglich im kurpfälzer Amt Tännesberg-Treswitz gelegen und protestantisch, kam 1628 an den Bayernherzog Maximilian. Daraufhin waren seit 1629 die Pfarreien dieser Gegend wieder mit katholischen Priestern besetzt, und so ging Elias wohl nach Altdorf, um sich evangelisch trauen zu lassen.
    1636 und 1646 ist Elias Lembler in Eßling mit 4 Kühen beurkundet [198]. 1640 war er als Soldat in Nürnberg, wo er den Sohn Hans Lämmlein in der Lorenzkirche taufen ließ [199]. Er starb vor 1667, als erwähnt wird, dass das Haus des Leinewebers Johann Leutl in Eslarn vormals dem Elias Lembler und seiner Frau Barbara gehört hatte [200].
    Elias hatte ältere Halbgeschwister. Sein Vater Martin Lembler hatte aus erster Ehe die schon in Wien geborenen Kinder Hans, Ludwig und Barbara [201]. Während der Verbleib von Ludwig und Barbara unbekannt ist, tauchte der Sohn Hans ebenfalls in Eslarn auf: 1630 ist Hans Lemler in einer Einwohnerliste mit etwas über hundert Namen im Markt Eslarn aufgeführt [202]. 1636 zahlte Hannß Lembl von Eßling Zoll für Salz [203].

 
Hannß Lembl von Eßling zahlt Salzsteuer, 1636.

    Er heiratete Kunigunde, Tochter von Ulrich Hannemann. Mit seiner Frau erwarb er in Eslarn 1637 das Haus des Bäckers Hans Pauridl und 1640 auch das benachbarte Haus seines Schwiegervaters [204]. Auf ihn folgte in Eslarn sein Sohn Andreas.


7.4  Andreas Lembler in Waldthurn 1667-1700

Andreas Lembler ist in Eslarn, wo durch die Folgen des 30-jährigen Krieges kaum Urkunden vorhanden sind, nur durch seine Witwe 1667 und 1673 dokumentiert [200], sowie durch zwei Söhne: den jüngeren Andreas und Georgius. Siehe die Stammfolge in Tafel 11.

  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│           Hans Lemmel, *?1505, Bergunternehmer in Schneeberg           │
│                              (siehe Tafel 10)                          │
│                                      │                                 │
│           Hans Lemmel/Lämbl, *1531 Schneeberg/Sachsen                  │
│           ab 1557 in Wien, Kaufmann, Ratsherr, Protestant              │
│           oo mit Ursula Pirkheimer(Schwester von                      │
│           Christoph Pirkheimer, Rektor der Wiener Universität)         │
│                                      │                                 │
│           Martin Lämbl/Lemblein/Lembler, *?1563 Wien, Protestant,      │
│           bis 1605 in Wien, 1610 Hammermeister in Oberwalthenried      │
│           bei Moosbach im Oberpfälzer Wald, zuletzt in Eslarn,         │
│           ∞1) 1588 mit Witwe von Adam Schreyer, kais.Pfleger Schönbrunn│
│           ∞2) 1605 in Wien mit Christina Riederer aus Regensburg       │
│                                   ∞1)││∞2)                             │
│       ┌────────────────┬─────────────┤└─────────────────────────┐      │
Hans Lämbl/Lemler   Ludwig Lämbl   Barbara                       │      │
│*?1590                *?1592                                     │      │
│1601 in Wien,       1601 in Wien,                 Elias Lämmlein/Lembler
│1630/1640 in Eslarn,  dann wo?                        *?1607, † vor 1667│
│protestantisch,                               1634 Musketier in Altdorf,│
│ab 1629 katholisch                             1636,1646 in Eslarn,     │
│       │                                        1640 Soldat in Nürnberg,│
Andreas Lembl/Lembler                                    protestantisch │       
│*?1620 Eslarn                                                    │      │
│1667,1673 seine Witwe Anna in Eslarn                       Hans Lämmlein
│       ├──────────────────────────────────────┐           *1640 Nürnberg│
Andreas Lembl/Lambl                           │               in Eslarn,│
│*?1645 Eslarn                          Georg Lemel              dann wo?│ 
│1667-1694 Schulmeister,                *1655 Eslarn, †1691              │
│Organist, Ratsherr in Waldthurn        1672 Univ.Dillingen              │
│(Lobkowitzscher Besitz)                Pfarrer Altenstadt,Griesbach     │
│       │                                                                │
│       ├──────────────────────────────┬──────────────────┐              │
Michael Deodat                        │                  │              │
Lemel, *?1668                   Joh.Georg Franz          │              │
│Lobkowitzscher                  Lemmel, *1670     Sebastian Lembl/Lemmel
│Verwalter in Sagan              Kanzleibeamter    *?1675 Waldthurn,     │
│       │                         in Wien          kaiserl.Leiblakai Wien│
Joh.Georg Franz                       │                                 │
Lemmel "von Seedorf"            Jos.Leopold Franz                       │
│*1698 Seedorf bei Sagan             *1704                               │
│Quartiermeister in              Pharmazeut                              │
│Neumarkt, München und           ∞1744 Ingolstadt                        │
│Ingolstadt, †1763                     └──────────┐                      │
│       ├────────────────┐                 Jos.Thomas Lemmel             │
Joh.Nep.Anton   Ulr.Stefan Alois Franz        *?1745,                   │
│     *1750            *1754               1766 Apothekergeselle in Wien │
│bayrischer      Steuerrevisor in Mähren                                 │
│  Mautbeamter           │                                               │
│                        │                                               │
│                Die "Lemmel von Seedorf"                                │
│                bis Gegenwart                                           │
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Tafel 11: Die Lemmel/Lämbler in Eslarn und Waldthurn

     Georgius Lemel/Lämel, 1653 oder 1655 in Eslarn geboren, besuchte 1672 die Universität Dillingen [205], erhielt 1678 die Priesterweihe und wirkte in Altenstadt/Waldnaab, Neustadt und Beidl, schließlich in Griesbach/Oberpfalz, wo er 1691 starb [206].
    In Waldthurn finden wir 1667 den Schulmeister Endres Lembl; er war der älteste Sohn der Witwe Anna Lembl in Eslarn und gab seine Zustimmung, als diese ihr Häusl verkaufte [200]. 1678 ist Andre Lembl wieder als Lehrer in Waldthurn beurkundet. Sein Vorgänger, der 1648 erwähnte Sebastian Bräutigam [207], dürfte Namensgeber für den Lembl-Sohn Sebastian gewesen sein, entweder als Taufpate oder aber als Andre Lembls Schwiegervater. 1694 schließlich erhielt der Schulmeister Andreas Lambl 15 fl als Besoldung für den Fahrenberger Kirchendienst, den er mit zu verrichten hatte [208]. Und zwar war er als Organist tätig, wie aus dem Heiratseintrag seiner Tochter Anna Barbara in Wien hervorgeht [209]. Aus diesem Eintrag ist auch ersichtlich, dass er "Ratsbürger zu Wallthurn" war, dass seine Frau Kunigunde hieß und dass er vor 1702 starb. Aber schon im Jahre 1700 war Bartl Bauriedl sein Nachfolger als Lehrer.


7.5 Die Lemmel in Lobkowitzschen und kaiserlichen Diensten um 1700

Als Andreas Lembl Schulmeister in Waldthurn wurde, war die Herrschaft Waldthurn kurz zuvor, 1666, an den Fürsten Wenzel Eusebius von Lobkowitz gekommen. Dieser bekleidete auch einflussreiche Posten am Wiener Hof des Kaisers Leopold [210]. So überrascht es nicht, nun die Söhne des Andreas Lembl sowohl in Lobkowitzschen Diensten als auch in kaiserlichen Diensten in Wien anzutreffen.
    Michael Deodat Lemel, geboren etwa 1665/1670, gestorben vor 1737, wurde Lobkowitzscher Verwalter im Fürstentum Sagan in Niederschlesien, wo in seiner Amtszeit das Kammerdorf Seedorf gegründet wurde [211]. Hierfür muss Lemel verantwortlich gewesen sein, da sich seine Nachkommen später "Lemmel von Seedorf" nannten. Er selbst ist nur bekannt aus dem Traueintrag [212] seines Sohnes Johann Georg Franz Lemmel, als dieser 1737 in Neumarkt/Opf heiratete, als Sohn von Dominus Michael Deodat Lemel, gewester Verwalter unter dem Fürsten von Lobkowitz zu Sagan. Die Braut war Anna Maria Margaretha, Tochter des Archigrammateus (= Gelehrter für alte Sprachen) Joannes Martinus Schöttl/Schedel.
    Der Grabstein des wohledel geborenen Herrn Johann Martin von Schedl, kurfürstlicher Gerichtsschreiber und Lehenverwalter zu Neumarkt, befindet sich in der Neumarkter Johanneskirche. Sein Schwiegervater war der kurfürstliche Rat und Oberaufschläger Joannes Andreas de Player.

Grabplatte von Johann Martin von Schedl in der Neumarkter Johanneskirche

     Johann Georg Franz Lemmel war zunächst Regiments-Quartiermeister in Neumarkt, nahm dann 1741 mit dem 5. bayrischen Infanterie-Regiment am österreichischen Erbfolgekrieg teil [213], war 1743/44 Proviant-Commissar der bayrischen Armee [214], dann 1746-1748 Kriegskommissar in München [215], schließlich ab 1752 Regiments-Quartiermeister in Ingolstadt, wo er um 1763/1764 starb [213]. Sowohl in den Militärakten als auch in den Kirchenbüchern lautete sein Name nun "Lemmel von Seedorf".
    Der ältere Sohn, Anton von Lemmel, wurde bayrischer Mautbeamter in Dachau und Passau [216]; seinem Enkel Johann, Postkondukteur in Augsburg, wurde vom Münchner Heroldenamt der Gebrauch des Adelsprädikats untersagt [217].
    Der jüngere Sohn, Ulrich Stephan Alois Franz, begab sich als k.u.k. Tranksteuer-Revisor in österreichische Dienste. Seinem Nachkommen, Alfons Lemmel, wurde 1885/1896 in Wien der Adel als Ritter Lemmel von Seedorf bestätigt [218]. Nachkommen leben heute in Österreich und Niedersachsen.
    Zurück zum Waldthurner Andreas Lembl. Ein weiterer Sohn war der 1670 geborene Johann Georg Franz Lemmel in Wien, kayserl. niederöst. Geheimer Hofkanzlei-Registratur-Verwandter [219]. Dessen Sohn Joseph heiratete 1744 als Pharmazeut in Ingolstadt Maria Franziska Sex aus "Rottenfels" (=Rothenfels bei Deining?) [220].
    Schließlich ist ein dritter Sohn des Waldthurner Andreas ein Sebastian Lembl/Lemmel, der 1699 in Wien heiratete, und zwar als "der röm. Kön. Majestät Laiblaquai, zu Walthurn in der O.Pfalz gebürtig". Er bekleidete unter anderem den verantwortungsvollen Posten eines "kayserlichen Stiefelwischers" [221].
    In diese Familie von Lobkowitzschen und kaiserlichen Beamten ist vermutlich auch Johann Lambl einzuordnen, der um 1780 "Burggraf" bei Graf Kolowrat in Hradischt bei Pilsen war. Ein Nachkomme lebt in der Oberpfalz [222].
    Ferner muss man zu dieser Familie "Georg Lemmel aus Böhmen" rechnen, der 1728 in Rahling bei Sarre-Union in Lothringen heiratete; seine zahlreichen Nachkommen leben noch heute in Frankreich [223].



8. Die Lemmel in Sulzbach und Amberg

8.1  Mertein Leml 1404

Im Bereich von Amberg und Sulzbach saß eine Lemmel-Familie, deren Stammbaum nur bruchstückweise bekannt ist, weil hier zu wenig Urkunden erhalten sind.
    Am 29.11.1404 verzichteten Urban Söreich, Priester zu Sulzbach, und Mertein Leml, Bürger zu Sulzbach, gegenüber Chunrat dem Söreich, Bürger zu Sulzbach, wegen des Gütels zu Wolfertzfelt, das Ulreich dem Remeltzhofer vererbt ist, auf alle Ansprüche [224].
    Das ist die erste und für lange Zeit einzige bekannte Urkunde der Familie in Sulzbach. Das genannte Wolfertzfelt dürfte Wolfsfeld bei Kastl sein, 10 km südwestlich von Sulzbach, etwa halbwegs zwischen Sulzbach und Neumarkt. Sulzbach war 1353 an König Karl den IV. verpfändet gewesen, war aber 1373 wieder an die Wittelsbacher gekommen.
    Die Herkunft von Mertein Leml ist nicht beurkundet. Aber aus verschiedenen Indizien zu schließen muss er ein Sohn des Bamberger Schöffen Conrad Lemlein sein. Ebenfalls als Bürger zu Sulzbach lebte um 1400 ein Conrad Zingel [225], während in Bamberg die Familien Lemlein, Zingel, Klieber [226] verschwägert waren und im Bergbau von Goldkronach und in den Karpaten tätig waren [227]. 1447 verkaufte Thomas Zingel in Nürnberg sein Haus in der St.Egidienstraße an den späteren Nürnberger Ratsherrn Hanns Lemlein [228], den mutmaßlichen Neffen des Sulzbacher Mertein Leml. Man darf also annehmen, dass Mertein Leml als Montanunternehmer von Bamberg nach Sulzbach kam.
    Dann schweigen die Urkunden für ein Jahrhundert. Im Jahre 1520 brannte das Neumarkter Schloss, das Pfalzgraf Johann 1410 erbaut hatte, ab, so dass die Urkunden dieses Jahrhunderts vernichtet wurden.


8.2  Die pfalzgräflichen Hofkellner 1500-1620

Nach dem Landshuter Erbfolgekrieg wurde 1505 das Fürstentum Pfalz-Neuburg mit der Residenz Neuburg gegründet. (Pfleger von Neuburg war zuvor, 1463-1481, Haug von Parsberg gewesen [229]). Als Pfalzgraf Friedrich von Amberg nach Neuburg umzog, brachte er seinen Hofkellner mit: Wilhelm Lemblin genannt Schedl, und belehnte ihn 1506 mit der Hofmark Rennertshofen, die zuvor den Embsern gehört hatte [230].
    1507 gibt es einen Kaufbrief [231], in dem Wilhelm Lemblin den Lehenhof Rennertshofen und den Berghof Huisheim kaufte. Das wurde, unter anderen, von Georg von Embs und den Brüdern Wolf und  Hans von Embs besiegelt.
    Wilhelm soll einen Bruder namens Albrecht gehabt haben, "ist von den Schweizern bei Mailand erschlagen" [232]. Das muss 1525 gewesen sein, als Kaiser Karl der V. von den Franzosen Mailand, Genua und Burgund eroberte.
    Über Herkunft, Geburtsort und Eltern des Wilhelm Lemblin haben viele Autoren gerätselt. Nachforschungen in mehreren Archiven blieben vergeblich. Insbesondere war in einschlägigen bayern-landshut-pfälzischen und pfalz-neuburgischen Bestallungsbüchern kein Eintrag zu Wilhelm Lemblin zu finden [233].
    Im Erbfolgekrieg gab es einen Wolffgang Lemlin in einer Anzahl von Rittern aus dem Kraichgau, die 1503/1504 von Kurfürst Philipp als Heerführer angeworben wurden [234]. Schon Wolffgangs Vater Volmar Lemlin war von Kurfürst Philipp 1477 mit Burg und Dorf Eichtersheim (südlich von Heidelberg) belehnt worden [235]. Hier handelt es sich um eine Lemlin-Familie aus Heilbronn, auf die ich in Kapitel 9.5 noch zu sprechen komme. Aber der Neuburger Wilhelm Lemblin lässt sich bei den Heilbronner Lemlins nicht einordnen.
    Einen Hinweis zur Herkunft sollte der Zuname "genannt Schedel" bieten, etwa dass ein Lemblin den Besitz eines Schedel geerbt und daher diesen Zunamen angenommen haben könnte. Aber auch in dieser Richtung wurde man nicht fündig, außer dass der Name Schedel in der Neumarkter Gegend vorkam. Schon in Kapitel 6.2 stießen wir auf eine Heirat Lemmel-Schedel in Neumarkt, aber das war 1637 und löst nicht die Frage nach den Eltern von Wilhelm Lemblin genannt Schedel, der etwa um 1475/1480 geboren sein muss.
    Nachdem Namensträger Lemblin systematisch erforscht wurden, gibt es keine andere Lösung, als dass er zusammen mit Pfalzgraf Friedrich aus Amberg oder Sulzbach kam, wo einschlägige Urkunden, die Auskunft geben könnten, nicht erhalten sind.
    In Sekundärliteratur [236] wird Wilhelm Lemblin als "Hofkellner" des Pfalzgrafen Friedrich bezeichnet. Obgleich ich diesen Titel bisher in keiner Originalurkunde fand, dürfte er richtig sein, denn auch in Sulzbach ist 1620 ein Hans Lembler als "pfalzgräflicher Hauskellner und Hofbötticher" beurkundet [237].
    Demnach kann man annehmen, dass der gemeinsame Stammvater der beiden Hofkellner-Linien in Neuburg und Sulzbach ein hypothetischer Lemblin/Lembler war, der als Hofkellner am Pfalzgrafenhof in Amberg lebte und über den keine Urkunde erhalten ist. Er müsste etwa um 1440 geboren sein. Da es nicht möglich ist, ihn in eine der schon besprochenen Lemmel-Linien einzuordnen, vermute ich, dass er ein Enkel des Sulzbacher Bürgers Mertein Leml von 1404 ist.
    Wenn auch Amberger Urkunden, die über dortige Lemmel berichten könnten, nicht erhalten sind, so ist doch erwiesen, dass es hier Lemmel gab: Ein Michael Lemmel, der um 1561 in Amberg lebte, ist aus dem Heiratseintrag seines Sohnes Karges Lemmel in Schwabach bekannt [238]. Es ist also sicher, dass hier zu dieser Zeit eine Lemmel-Familie lebte, über die an Ort und Stelle keine Urkunde erhalten ist.
 

8.3  Die Lemler in Sulzbach 1520-1600

1572 hat ein Hans Lembler ein Haus in der Neustadt von Sulzbach [239].
    Im Stadtarchiv Sulzbach-Rosenberg fand man die frühesten Nennungen der Familie im Jahr 1580 [240], als Hans Lembler der Jung von seinem Haus einen Gulden zahlt und der alte Hanns Lembler als Mitbesitzer des Brunnens vor dem Neutor einen Zins zahlt. Tatsächlich zeigen die nun einsetzenden Kirchenbücher [241], dass die hier genannten Hans Lembler, alt und jung, nicht Vater und Sohn sind sondern zwei gleichnamige Brüder: der eine um 1519 geboren und 1609 unverheiratet gestorben, der andere um 1520 geboren und 1595 gestorben; seine Ehefrau Walburga starb 1586. Die kargen Angaben lassen keinen Beruf erkennen. Lediglich im Sterbeeintrag seiner 1616 gestorbenen Tochter Elisabeth Lemlerin, Pfründnerin im Spital, wird der Vater als Hans Lembler, gewesener Büttner, angegeben [242].
    Der Vater der beiden Brüder Hans Lembler, der etwa um 1485 geboren wurde und über den keine Urkunde berichtet, ist altersmäßig ein mutmaßlicher Bruder des Hofkellners Wilhelm Lemblin, der nach Neuburg ging. Der Sohn des jüngeren der beiden Hans Lembler ist der obengenannte "pfalzgräfliche Hauskellner und Hofbötticher" Hans Lembler; er ist noch 1624 in Sulzbach als Zeuge genannt [243]. Er hatte mit seiner Frau Anna geb. Winckler u.a. zwei Söhne, Johann, geboren 1578, und Jakob geboren 1580. Sein Bruder Michael bekam 1581 den Sohn Johann Lembler, der um 1620 in Wien heiratete [244]. – Die Stammtafel der Sulzbacher Lemler ist in Tafel 12 wiedergegeben.
    Die Familie war protestantisch und die 1578 und 1580 geborenen Brüder verließen Sulzbach. Während der Verbleib des Jakob noch unbekannt ist, ist der Lebenslauf des Johann aus seiner schon zitierten Leichenpredigt ersichtlich. Er besuchte das Gymnasium in Sulzbach, die Universität in Straßburg, und schließlich 1601 die Universität Jena, wo er als "Joh. Lämblerus, Solisbach. Palat" immatrikuliert wurde [245]. 1604 heiratete er in Dornburg die Tochter des Dornburger "Widdums-Amtsschössers" Wolf Zschetzsching, und folgte schließlich seinem Schwiegervater in diesem Amt.
    Der Sohn Johann Heinrich Lämler wurde fürstlich sächsischer Kanzlei-Verwandter und Gerichtsaktuar in Altenburg [246], und dessen Sohn Johann Immanuel Lämler verfasste 1669 ein Trauergedicht zur Leichenpredigt für Friedrich Wilhelm Herzog zu Sachsen [247]. Dies war der Herzog zu Sachsen-Altenburg aus dem Ernestinischen Zweig der Wettiner. Einige Jahre später ernannte Kurfürst Johann Georg der II., Albertinischer Wettiner in Dresden, Johann Lämmel aus Chemnitz zu seinem General-Kriegszahlmeister. Aber das ist eine andere Geschichte [248].

  
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│          Conrad Lemlein, *?1325, Schöffe in Bamberg                    │
│                  (siehe Tafel 1)                                       │
│                        │                                               │
│          Mertein Lemel, *?1370, 1404 in Sulzbach                       │
│                        :                                               │
│                unbekannt, *?1405                                       │
│                        :                                               │
│          ein Lemel/Lemlin/Lemler, *?1440                               │
│          wohl am Pfalzgrafenhof in Amberg/Sulzbach                     │
│                        │                                               │
│       ┌────────────────┴───┐                                           │
Wilhelm Lemblin         ein Lemler                                      │
│ genannt Schedel        *?1485                      Laurenz Lemlin      │
│*?1475/1480,            in Sulzbach                 *?1480/1490 Amberg? │
│seit 1506 zu                │              Michael  1513/1514 aus Eich- │
│Rennertshofen,     ┌────────┴────┐         Lemmel   stätt an der Univ.  │
│Neuburger      Hans Lemler   Hans Lemler   *?1500  Heidelberg,Komponist,│
│ Hofkellner,   *1519, †1609  *1520, †1595  in        Kapellmeister der  │
│(s. Tafel 13)  in Sulzbach   Büttner in    Amberg  Hofkapelle Heidelberg│
│                              Sulzbach        │      † nach 1549        │
│                                 │         Karges                       │
│                                 │         Lemmel                       │
│                                 │         *?1535                       │
│                ┌────────────────┴───┐     oo um 1561                   │
│          Hans Lembler      Michel Lemler  Schwabach    Wolf Carl Lemlin
│             *?1550            *?1550/55                 1575 in Hemau  │
│       Büttner in Sulzbach,   in Sulzbach                   gefangen    │
│     pfalzgräfl. Hauskellner         │                                  │
│         und Hofböttiger             │                                  │
│                │                    │                                  │
│                ├───────────┐        │                                  │
│          Hans Lembler    Jakob    Johann                               │
│         *1578 Sulzbach   *1580    *1581                                │
│Amtsschreiber in Dornburg          oo um 1620                           │
│                │                  in Wien                              │
│                │                                                       │
│    Johann Heinrich Lembler                                             │
│             *?1602                                                     │
│Aktuar in Altenburg/Sachsen                                             │
│                ├───────────┐                                           │
│         Hans Heinrich      │                                           │
│              *1639    Joh.Immanuel                                     │
│                          *1646                                         │
└────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 12: Stammtafel der Lemel/Lemler in Sulzbach


8.4  Der Komponist Laurentius Lemlyn 1513-1545

Aus Amberg stammte der Nürnberger Arzt Dr. Georg Forster, wahrscheinlich ein Sohn des Amberger Bürgermeisters Hanns Forster. Er war ein bedeutender Musiker, der in den Jahren 1539 bis 1556 eine wichtige Sammlung von Liedern seiner Zeit in fünf Teilen herausgab [249]. Seine Ausbildung erhielt er als kurfürstlicher Kantoreischüler in Heidelberg, wo sein Lehrer Laurentius Lämmlein (oder Lemlyn/Lemlin) war, Kapellmeister der Heidelberger Hofkapelle. Sein bekanntestes Lied ist: "Der Gutzgauch (= Kuckuck) auf dem Zaune saß...", wozu ein sechsstimmiger Satz überliefert ist [250]. Fünfzehn seiner Lieder sind in Forsters Nürnberger Liederbüchern enthalten und wurden um 1550 auch in Wittenberg und Augsburg nachgedruckt [251].

 
Lorenz Lemlyn/Lemblein: "Der Gutzgauch auf dem Zaune saß",
sechsstimmiger Satz, erste Hälfte 16. Jahrhundert.

    Als Kurfürst Friedrich der II. von der Pfalz, der 1482 in Amberg geboren wurde, 1535 heiratete (als 53-Jähriger mit der 15-jährigen dänischen Königstochter), wurde das Fest von der Hofkapelle unter Lorenz Lemlin musikalisch reich ausgestaltet [252]. Ein Chronist schrieb darüber begeistert: "Mich däucht ich wär schon im Himmel, als dieser Schall und süßer Gesang in meinen Ohren erklang."
    Über Lemlins Lebensdaten ist sehr wenig bekannt. Schon mehrere Autoren haben vergeblich nach Urkunden über ihn gesucht, so auch Karl Heinz Lämmel [253]. Meist wird angegeben, dass er vor 1549 starb, dem Jahr, in dem Georg Forster im Vorwort des dritten Teils seiner Liedersammlung Lemlin erwähnt. Lothar Hoffmann-Erbrecht [254] sagt aber, dass das ein Irrtum sei, der durch den unrichtigen Bezug des Wortes "selig" entstanden sei. "Selig" sei auf den 1544 gestorbenen Kurfürsten Ludwig den V. zu beziehen, unter dem Lemlin gewirkt hatte, aber nicht auf Lemlin, der 1549 noch gelebt haben müsste.
    Zu Laurenz Lemlin gibt es nur zwei sichere Daten aus Originalquellen:
    Am 7.4.1513 wurde "Laurentius Lemlyn de Eystat diocesis Eustatensis" an der Universität Heidelberg immatrikuliert [255].
 
Laurentius Lemlyn, Universitätsmatrikel Heidelberg 1513
.
     Am 13.11.1514 promovierte "Laurentius Lemlyn" in Heidelberg zum "baccalaureus in artibus" [256]. Ein "p", das neben elf Namen der fünzehn Prüfungskandidaten seines Jahrgangs steht, zeigt an, dass er als "pauper" (=Armer) keine Prüfungsgebühr zu bezahlen brauchte. Hinter seinem Namen wurde später in roter Tinte "Requiescat in pace" eingetragen, aber es gibt keinen Hinweis, aus welchem Jahr diese Todesnotiz stammen könnte.

Laurentius Lemlyn, Universitätsmatrikel Heidelberg 1514

    Wenn ich das Latein richtig deute, ist er einmal durchgefallen: "Laurentius Lemlin semel non respondit". Das nicht ganz befriedigende Prüfungsergebnis entsprach aber nicht seinen später festgestellten Qualitäten als Musiker, Komponist und Kapellmeister. Aus seiner Heidelberger Hofkapelle gingen neben Georg Forster weitere Liedmeister hervor, darunter die Oberpfälzer Caspar Othmayr und Jobst von Brandt [257].
    Lemlin kam also nicht nur aus der Diözese Eichstätt, wie manche Autoren annehmen, sondern explizit aus Eichstätt selbst, wie aus dem ersten der beiden Einträge hervorgeht. Falls er nun 1513 als junger Student "aus Eichstätt" eingeschrieben wurde, dann müsste sein Vater zu dieser Zeit in Eichstätt gelebt haben. Das ist aber nicht der Fall, denn zu dieser Zeit gab es in Eichstätt keine Familie dieses Namens. Nimmt man dagegen an, dass er bei der Immatrikulation in Heidelberg bereits älter war, - und dafür spricht, dass er bereits nach einem Jahr zum Baccalaureus promoviert wurde - dann muss "aus Eichstätt" seine bisherige Wirkungsstätte bezeichnen. Er könnte also in Eichstätt bereits seit einigen Jahren als Musiker oder Geistlicher tätig gewesen sein, bevor er nach Heidelberg ging. Vielleicht war er vor 1513 Lehrer oder Kantor an der Eichstätter Domschule, auch wenn es keine Urkunde gibt, die dies belegen würde. Dafür spricht, dass Forster ihn einen "frommen Preceptor" nannte. Lemlin müsste dann bereits um 1480/1490 geboren sein. Im Jahre 1549, als Forster ihn erwähnt, dürfte er also 60 bis 70 Jahre alt gewesen sein.
    Und so wie auch sein Schüler Georg Forster aus Amberg stammte, dürfte er aus der Amberg/Sulzbacher Lemlin-Familie stammen.


8.5  Wolf Carl Lemlin 1575

Am 17.8.1575 antwortete der Nürnberger Rat auf ein Schreiben des Sulzbacher Rates wegen des "zu Hembaur verhafften Wolff Carl Lemlin" [258]. Hier handelt es sich um das Einholen eines Rechtsgutachtens, das von Sulzbach (als Oberhof für Pfalz-Neuburger Rechtssachen) für Hemau eingeholt wurde [259]. Hemau, noch heute im Volksmund Hembaur genannt, liegt 20 Kilometer westlich von Regensburg und 12 km südöstlich von Parsberg. Aber Hemau ist nur der Ort von Lemlins Verhaftung; wo er gewöhnlich lebte, ist nicht ersichtlich.
    Dieser Lemlin, der genealogisch nicht eingeordnet werden kann, zeigt, dass durchaus noch Ergänzungen zu Oberpfälzer Lemmel-Stammfolgen zu erwarten sind.
   
Unter den oberpfälzer Adligen, die bei Plaß angeführt sind, wird im Jahr 1590 ein Lembl in Filchendorf, Gericht Eschenbach, genannt. Filchendorf gehört heute zu Neustadt am Kulm, das seinerzeit zum Fürstentum Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth gehörte. In den einschlägigen Archiven [260] konnte hier keine Familie mit Lemmel-ähnlichem Namen festgestellt werden. Schließlich fand man aber in einer Liste der evangelischen Kommunikanten [261] zu Ostern 1590 den Eintrag: Hannß Trott bejm Junker Lemblein. Als Besitzer von Schloss und Rittergut Filchendorf konnte freilich kein Lemblein ermittelt werden. Der Junker Lemblein kann hier nur vorübergehend gesessen sein, und seine Herkunft bleibt offen.



9. Rennertshofen

9.1  Wilhelm und Christof Lemblin 1506-1584

Zu den Lemblin zu Rennertshofen, von denen eine ausführliche Stammfolge bekannt ist [262], liegen zahlreiche Urkunden vor, von denen ich hier nur eine Auswahl präsentieren kann. Die Tafel 13 zeigt einen Auszug aus der Stammtafel.
    Wir sahen schon, dass Wilhelm Lemblin genannt Schedl seit 1506 im neu gegründeten Fürstentum Pfalz-Neuburg Hofkellner bei Herzog Friedrich war und mit Rennertshofen belehnt wurde. In der Landtafel von 1514 erschien er als Wilhelm Schedl zu Renharzhofen [263], während er sonst meist mit dem Doppelnamen Lemblin genannt Schedel vorkommt.
    Er heiratete Margarete von Wernau; das geht aus einer Verkaufsurkunde hervor, als er 1526 einen Hof zu Huisheim an seinen Schwager Hans von Wernau zu Wellwart verkaufte [264]. Bei einer daraufhin ausbrechenden Streitigkeit wurde nebenbei erwähnt, dass ein weiterer Schwager, Jorg von Wernau, wegen eines Totschlags landflüchtig wurde [265].
    Seltsamerweise hatten Wilhelm Lemlin zu Reinherzhofen und sein noch unmündiger Sohn Christoph von 1531 bis 1533 zwei Höfe zu Watzling, östlich von Erding, von Herzog Ludwig in Bayern zu Lehen, der in Landshut residierte. Die Höfe gehörten vorher und nachher den Stäringen zu Kalching. Als Lehensträger wurde hierbei Herzog Ludwigs Leibarzt Dr. Wolfgang Öffele genannt, der auch Vormund von Christoph Lemlin war [266].
    1542 ist Wilhelm gestorben und Pfalzgraf Ottheinrich genehmigte den durch seine Räte vermittelten Vergleich der Erben. Dies sind die Witwe, der Sohn Christoff und die Töchter Fronica (später verheiratet mit Veit v.Ellrichshausen), Ursula (später verheiratet mit Ulrich Heppler) und die wohl bald gestorbene Tochter Barbara [267].
 
  
┌────────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│           Conrad Lemlein, *?1325, Schöffe in Bamberg               │
│                  (siehe Tafel 1)                                   │
│                        │                                           │
│                        │                                           │
│           Mertein Lemel, *?1370, 1404 in Sulzbach                  │
│                        :                                           │
│                        ?                                           │
│                unbekannt, *?1405                                   │
│                        :                                           │
│                        ?                                           │
│           ein Lemel/Lemblin/Lemler, *?1440                         │
│           wohl am Pfalzgrafenhof in Sulzbach                       │
│                  (siehe Tafel 12)                                  │
│                        :                                           │
│          ┌─────────────┴──────────────┬─────────────────────┐      │
Wilhelm Lemblin gen. Schedel   Albrecht Lämble          ein Lemler  │
│*?1475/1480, †1533/1542        von den Schweizern         *?1485    │
│seit 1506 zu Rennershofen,     bei Mailand erschlagen   in Sulzbach │
│Richter, Hofkellner                                          │      │
│bei Hzg Friedrich zu Neuburg                                 │      │
│∞ Marg. v.Wernau                                             │      │
│          │                                             die Lemler  │
│          │                                             in Sulzbach │
Christoph Lemblin gen.Schedel                           (s.Tafel 12)│
│*1517, †1584                                                        │
│zu Rennertshofen, Richter,                                          │
│1546-1582 katholisch, auf der                                       │
│  Seite des Kaisers,                                                │
│dann wieder evangelisch                                             │
│1565 Silberbergbau Stahlberg/Pfalz                                  │
│ ∞1)v.Ster││∞3)v.Bernhausen                                         │
│          │└───────────────────────────────────────────────────┐    │
│          ├──────────────────────────┬─────────────┐           │    │
Wolf Heinrich Lemlin          Georg Phil.Andr.   Ursula        │    │
│*?1543, † nach 1613               *?1545         ∞ Rot         │    │
│1560 Univ.Ingolstadt                 │           v.Schrek-     │    │
│1574 am württemb. Hof,               │           kenstein    Hans   │
│1580 Stadtzöllner Ingolstadt,        │                     Christoph
│1584 zu Rennertshofen,            ┌──┴───────┐              *?1565  │
│Neuburger Rat und Landvogt,  Joh.Chr.Seb.  Daniel         1584 Univ.│
│∞ v.Tettenheim                                              Tübingen│
│          │                                                         │
│          ├────────────────────────────────────┐                    │
Ludwig Andreas Lemlin                     Philipp Wolf              │
│*1578, †1635, zu Rennertshofen,           *1581                     │
│1608-1616 Pfleger zu Reichertshofen,      1599 Univ.Tübingen,       │
│1617 württemb. Rat,                       Hauptmann,                │
│1620 protestant.Vertreter in Prag,        zu Horkheim               │
│1630 Obervogt von Möckmühl                                          │
│∞ v.Pappenheim                                                      │
│          │                                                         │
│          ├────────────────────────────────────┐                    │
Ernst Friedrich Lemle zu Rennertshofen    Anna Sabina               │
│*?1619, †1678, Neuburger Landvogt,        Äbtissin des luth. Stiftes│
│wird katholisch, 1676 Reichsfreiherr      Oberstenfeld/Wienental    │
│∞1) Maria Franziska v.Taxis                                         │
│          │                                                         │
│      ┌───┴─────────────────────┐                                   │
Johann Wilhelm    Franz Ignaz Lemble zu Rennertshofen               │
│*1647, † um 1680  *1655, †1706, Neuburger Kämmerer,                 │
│Page bei Fürst    Bamberger Oberamtmann zu Waischenfeld,            │
Lobkowitz         1676 Reichsfreiherr                               │
│                  ∞1)Schenk v.Castell, ∞2)v.Zink                    │
│                  kinderlos, "ultimus familiae"                     │
└────────────────────────────────────────────────────────────────────┘
Tafel 13: Die Lemblin zu Rennertshofen, Auszug aus der Stammtafel

    Christof Lemblin zu Rennertshofen, geboren um 1517, war von 1541 bis zu seinem Tod 1584 Herr zu Rennertshofen und Richter daselbst. In einigen Urkunden erscheint auch er mit dem Beinamen "genannt Schedel".
     Er geriet nun in die Wirren des schmalkaldischen Krieges. Herzog Ottheinrich hatte 1542 den katholischen Neuburger Pfarrer entlassen und das Luthertum eingeführt, aber schon 1546 wurde das protestantische Pfalz-Neuburg von Kaiser Karl dem V. erobert. Sofort schlug sich Christoph Lemblin auf die Seite des Kaisers, dessen Statthalter ihn am 9.2.1552 mit dem Sitz zu Renhertzhoven belehnte [268].
    Kurz darauf aber kam Pfalz-Neuburg wieder an den protestantischen Herzog Ottheinrich, bei dem Lemblin nun in Ungnade fiel und der ihn erst 1557 wieder als Richter in Rennertshofen einsetzte [269].
    1565 beteiligte Christoff Lemle sich unter Herzog Wilhelm von Pfalz-Zweibrücken am Silberbergbau am Stahlberg in der Rheinpfalz, als einer von 25 Mitgliedern einer Zeche [270]. Das scheint ihm aber wenig Gewinn gebracht zu haben, denn bei seinem Tod 1584 hinterließ er Schuldbriefe mit stattlichen Beträgen [271].
    Sein Epitaf mit den Wappen seiner drei Frauen befindet sich an der Westwand der Pfarrkirche Rennertshofen [272]. Er war verheiratet gewesen mit Dorothea Ster (gestorben 1557), Sophia von Kreit (kinderlos gestorben 1566) und Anna von Bernhausen, die 1590 noch lebte. Aus der ersten Ehe stammten die Söhne Wolf Heinrich und Georg Philipp Andreas sowie die Tochter Ursula, die den Rott von Schreckenstein heiratete. Aus der dritten Ehe kam der wesentlich jüngere Sohn Hans Christoph.
    Angeblich soll eine Tochter Dorothea Ursula Lämblin mit dem 1599(!) gestorbenen Hanns von Imhof verheiratet gewesen sein [273]. Das ist sicher eine Verwechslung mit der Nürnbergerin Ursula Lemlin, Ehefrau des 1499(!) gestorbenen Hans Imhof.
    Rennertshofen blieb beim ältesten Sohn Wolf Heinrich. Der Sohn Hans Christof war bis 1596 mit beträchtlichen Schulden genannt [274]. Am 8.11.1596 starb "Christina Lemblein geb. von Frauenburg, Ehewirtin des Hans Christoph Lemblein von Reinershofen" in Nürnberg "beim Wilden Mann vom Weinmarkt" [275].
    In zweiter Ehe soll Hans Christof 1609 in Neuburg den Sohn Philipp Jakob bekommen haben [273]. Dieser und zwei Vettern namens Johann Christof Sebastian und Daniel, Söhne von Georg Philipp Andreas Lämblin, verkauften ihre Anteile an Rennertshofen und dürften an unbekanntem Ort ein bürgerliches Leben geführt haben.
 

9.2  Wolf Heinrich und Ludwig Andreas Lemlin 1560-1635

Wolf Heinrich Lemlin [275] besuchte 1560 die Universität Ingolstadt, lebte 1574-1577 am württembergischen Hof, war 1580 Stadtzöllner in Ingolstadt [276], bis er nach dem Tod des Vaters Rennertshofen übernahm und von 1583 bis zu seinem Tod 1611 fürstlich pfalzgräflicher Rat und Landvogt zu Neuburg war. 1582 sollte er Herzog Ludwig von Württemberg mit zwei Pferden auf den Reichstag begleiten, musste diesem jedoch absagen, da er inzwischen dem Pfalzgraf Philip Ludwig in Neuburg verpflichtet sei [277].
    Das Wappen in seinem Siegel zeigt ein Osterlamm mit Kreuzstab und Fahne [278]. 

 
Siegel von Wolf Heinrich Lemlin zu Renerzhofen, 1592.
Links eine Fotografie des Wachsabdruckes, rechts eine danach gefertigte Zeichnung.

    Mit seiner Frau Appollonia Tettenheim/Dätenheim bekam er zwischen 1578 und 1594 vierzehn Kinder, die in Rennertshofen, teils auch in der Neuburger evangelischen Hofkapelle getauft wurden. Frau Appollonia Lemlin war 1603 mit ihrer ältesten Tochter Dorothea Hochzeitsgast zu Hemau bei Georg Altmann [279]. (Wir sahen schon in Kapitel 7.5, dass in Hemau 1575 Wolf Carl Lemlin verhaftet worden war; es müssen hier also verwandtschaftliche Beziehungen bestanden haben.)
    1596 war er der erste von sieben Unterzeichnern einer Vereinbarung der evangelischen Stände des bayerischen Kreises, der Pfalz-Neuburg, Wolfstein und die Stadt Regensburg umfasste [280].
     Im Jahre 1600 schickte Pfalzgraf Philipp Ludwig von Neuburg seinen Sohn Prinz Wolfgang Wilhelm nach München, um das Leben am dortigen Hof kennen zu lernen. Dabei war Wolf Heinrich Lemble einer von drei Begleitern zur "moralischen Beaufsichtigung" des Prinzen [281]. Er blieb ein enger Vertrauter des Prinzen und trat bei dessen prachtvoller Hochzeit 1613 in München als Herr Hofmeister Lemlein auf [282]. Kurz darauf starb er.
    Da der Prinz und Ludwig Andreas Lemblin beide 1578 geboren waren, wurden sie Freunde. Lemblin, der den Prinzen auf verschiedenen Reisen begleitete, kam so bis nach London [283].
    Ludwig Andreas Lemlin nahm im Juni 1603 als Cammer-Junker (diesmal in der Schreibweise Lämmel) unter den Pfältzisch-Neuburgischen Räten an der prunkvollen Beisetzung des Markgrafen Georg Friedrich zu Brandenburg-Ansbach in der Klosterkirche Heilsbronn teil [284]. Bald darauf heiratete er Sabina von Pappenheim, mit der er fünf Kinder bekam.
 
Zeichnung der Wappen Lämblin und Pappenheim auf dem
Grabstein der Äbtissin Anna Sabina Lämblin zu Oberstenfeld.

    Über die Pfalz-Neuburgischen Verwaltungs-Funktionen von Ludwig Andreas, seinem Vater Wolf Heinrich und seinem Sohn Ernst Friedrich gibt es eine kompakte Zusammenstellung in einer Münchener Dissertation [285].
    Inzwischen war Prinz Wolfgang Wilhelm Pfalzgraf geworden. In einem Edikt vom 25.12.1615 führte er die katholische Religion wieder ein. Zuvor hatte es 1615 ein öffentliches religiöses Streitgespräch gegeben, in dem der Pfalzgraf auf katholischer, Lemblin aber auf evangelischer Seite teilnahm [286].
     Lemblin kündigte nun dem Pfalzgrafen seine Dienste auf, blieb aber, als Herr zu Rennertshofen, im Neuburger Landtag. Aus katholischer Sicht hieß es nun, dass Herzog Wolfgang Wilhelm die "ärgsten Schreier und Widersacher" entlassen habe [287], nämlich seinen Landmarschall (das war Wolf Lorenz Wallrab) und seinen Pfleger zu Reichertshofen (das war Lemblin, vormals sein enger Vertrauter).
    Als ein aktiver Vertreter der protestantischen Seite trat er 1620 in Prag auf, als Herr Ludwig Andreas Lemblin von Reinhartshofen, Kriegsrat und Abgesandter der evangelischen Union [288]. Als Kriegsrat stand er nun aber in württembergischen Diensten, und so war er jetzt Diener zweier Herren: 1624 erhielt er von Johann Friedrich, Herzog zu Württemberg, nicht den erbetenen Urlaub zum Besuch des Neuburger Landtages und musste dazu einen Bevollmächtigten ernennen [289].
    Ludwig Andreas starb am 29.3.1635. In Worms befindet sich seine Grabplatte [290].
    Als Kommissär der Neuburger Landschaft war Ludwig Andreas so populär, dass 1955 im großen Festzug zur 450-Jahr-Feier der Gründung des Fürstentums Pfalz-Neuburg seine Figur in einem Festwagen mitgeführt wurde [291]. Auch gibt es in Rennertshofen noch heute eine Lämblingasse.
    Seine Tochter Anna Sabina Lämblin wurde 1651 zur Äbtissin des lutherischen Reichsstiftes Wienental/Oberstenfeld (südöstlich von Heilbronn) gewählt, wo sie nach den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges das Stift wieder aufbaute. Ihr dort erhaltener Grabstein zeigt die Wappen ihrer Eltern Lämble und v.Pappenheim [292].
    Hier in Oberstenfeld hatte es zuvor schon zwei Äbtissinnen gegeben, deren Grabplatten ein Lamm-Wappen aufweisen: Maria Elisabeth von Weitershausen, gestorben 1582; ihre Mutter war Anna, Tochter von Hans Lemlin von Horkheim. Und Magdalena von Thalheim, gestorben 1570; ihre Mutter war Katharina, Tochter von Volmar Lemlin d.J. von Thalheim. Beide Äbtissinnen-Mütter stammten aus der Heilbronner Lemlin-Familie, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.


9.3 Ernst Friedrich und Franz Ignaz Lemble 1640-1706

Der Sohn Ernst Friedrich war beim Tod des Vaters noch unmündig. 1640 empfingen seine Vormünder, 1657 er selbst die Lehen über den Sitz Rennertshofen. Unter dem Einfluss der Vormünder kehrte er zur katholischen Kirche zurück und heiratete 1648 in Neuburg Maria Francisca von Taxis, mit der er sieben Kinder bekam. 1656 heiratete er in zweiter Ehe Anna Sophia von Burtenbach.
    1651 stellte er als Fürstlich Pfalz Neuburgischer Rat, Kämmerer, Landvogt zu Neuburg und Pfleger zu Rennerzhoffen einem Studenten einen Geburtsbrief aus. Dabei lautet sein Name im Text Lemle, jedoch Lemble in der eigenhändigen Unterschrift [293].
     Die 1649 geborene Tochter Katharina Susanna heiratete den pfalzneuburger Kämmerer Franz Christoph von Diemantstein, Pfleger zu Regenstauf [294].
    Sein ältester Sohn, der 1647 geborene Johann Wilhelm, war 1664-1673 Page bei Fürst Ferdinand August von Lobkowicz, worüber es 1673/1677 einen Briefwechsel gab [295]. Fürst Ferdinand August war 1655 in Neustadt/Waldnaab geboren. Sein Vater, Wenzeslaus Eusebius Fürst von Lobkowitz, hatte 1653 in zweiter Ehe die Pfalzgrafentochter Augusta Sophia geheiratet [296]. So entstand der Kontakt, so dass Ernst Friedrich Lemble seinen Sohn als Pagen zu den Lobkowitzern schickte, bis dieser zurückkehrte um 1679 Rennertshofen zu übernehmen.

    
Ausschnitte aus einer von Ernst Friderich Lemble ausgestellten Urkunde, Neuburg 1651

    Erstaunlicherweise hatte dann aber Ferdinand August von Lobkowitz noch einen anderen Lemmel in seinen Diensten. In seinem Fürstentum Sagan gab es um 1698 den Verwalter Michael Deodat Lemel, den wir schon in Kapitel 6.2 kennen lernten. Man hat lange vermutet, dass dieser Saganer Lemel ein Nachkomme der Rennertshofener Lemble sei, was aber nicht belegt werden konnte. Inzwischen wurde klar, dass der Saganer Lemel aus dem Lemmel-Zweig in der Lobkowitzschen Besitzung Waldthurn stammte, und es ist ein Zufall, dass Angehörige der beiden Lemmel-Zweige in Rennertshofen und Waldthurn in Diensten des Lobkowitz-Fürsten Ferdinand August auftauchten.
    Am 20.3.1676 wurde Ernst Friedrich von Lemble von Kaiser Leopold in den Stand eines Reichsfreiherren erhoben [297], jedoch starb er bald darauf am 26.10.1678. Zuvor hatte er noch in dritter Ehe Maria Magdalena Freyin von Freyberg und Eysenberg geheiratet, die als Hochfürstliche Landvögtin zu Neuburg, Witwe des Freiherrn von Lemmle auf Rainertshoven, am 16.5.1695 in Ingolstadt starb.
    Ihr Begräbnis befand sich in der Ingolstädter Minoritenkirche (später Garnisonkirche) beim linken Seitenaltar, ergänzt an der Nordwand der Kirche durch einen Wappenstein: ein schreitendes Lamm mit Kreuzfahne [298]
     Sie galt als besondere Marienverehrerin und große Wohltäterin des Franziskanerklosters, die dem Kloster 300 fl als Almosen vermachte und ihren Schmuck zur Anfertigung einer Krone für die Muttergottesstatue in der Loretokapelle stiftete. Am 8.9.1695 wurde die Krönung des Marienbildes vorgenommen [299].
    Der Sohn Franz Ignaz, geboren 1655, übernahm Rennertshofen 1679, zunächst zusammen mit seinem älteren Bruder Johann Wilhelm, der vor 1686 kinderlos starb. Franz Ignaz heiratete 1684 Magdalena Schenck von Castell. Durch ihre Verwandtschaft mit dem Bischof von Bamberg wurde Franz Ignaz auch fürstbischöflicher Amtmann in Waischenfeld bei Heiligenstadt [300].
    Franz Ignaz muss ein ziemlicher Tyrann gewesen sein, wie aus folgender Geschichte hervorgeht [301]. Sein Vorfahr Wilhelm Lämblin hatte 1518 bestätigt bekommen, aus dem Wald des nahe gelegenen Dorfes Rohrbach "gleich einem jeden Bauern" Brennholz so viel es "zu seiner Haushaltung notdürftig ist" zu beziehen, jedoch nur unter Aufsicht und nach Anweisung der von der Gemeinde bestellten "Vierer". Nun aber, im Jahre 1687, musste sich die Gemeinde bei der Regierung beschweren, dass der Freiherr von Lämle drei Branntweinöfen eingerichtet habe und deswegen viel mehr Brennholz brauche als vorher, dass er auch ein Mühlwerk zum Bewässern der Wiesen einrichte und dazu 200 Eichen sich im Rohrbacher Wald geholt, dass er das Holz nehme, wo er wolle... In der hochnäsigen Antwort des Freiherrn hieß es, unter anderem, dass es im Entscheid von 1518 nicht drinstehe, in welchem Zimmer er das Holz verbrennen dürfe, und er lasse sich das Holz nicht von den "Vierern" anweisen... Andauernde Prozesse produzierten einen gewaltigen Aktenstoß.
    Nach der kinderlosen ersten Ehe heiratete Franz Ignaz 1698 in zweiter Ehe Concordia Veronika von Zinckh (deren Vater Ferdinand Franz v.Zink ihn zuvor 1680 auf Leben und Tod zum Duell gefordert hatte [302]). Der einzige Sohn aus dieser Ehe starb im Alter von zwei Wochen. Darauf stiftete er 1699 der Pfarrkirche von Trugenhofen eine Glocke [303] mit der Aufschrift: Sr Hochwohlgeborn Herr Franz Ignaz Freyherr v.Lämble, churfürstl. pfalzneuburg. Kämmerer und Hauptpfleger in Rennertshofen.
    Er starb am 15.11.1706, "Ultimus Familiae" [304]. Rennertshofen blieb genau 200 Jahre von 1506 bis 1706 im Besitz der Familie. Durch die zweite Heirat der Witwe kam es an Johann Franz Christof von Leoprechting.


 9.4  Reichertshofen 1608-1616

Nahe bei Neuburg und Rennertshofen gibt es ein Reichertshofen, und ab 1608 war "Ludwig Andreas Lemblein von Rennertshouven" auch Pfleger zu "Reichartzhouven" [305]. Es gab also nach den "Lemel von Reichertshofen" bei Neumarkt im 15. Jahrhundert nun im 17. Jahrhundert die "Lemblein von Reichertshofen" bei Neuburg. So ist es kein Wunder, dass gelegentlich die beiden Reichertshofen verwechselt und beide Familien als eine angesehen wurden [306]. Hinzu kommt eine teuflische orthografische Besonderheit: Rennertshofen, ursprünglich Reinhardshofen, kommt in vielen Urkunden als "Renhertzhofen" vor. In der alten Schrift reicht ein einziger falsch gesetzter i-Punkt, um hieraus "Reichertzhofen" zu machen! Siehe Abbildung.

 
Ein i-Punkt verwandelt "Renhertzhofen" in "Reichertzhofen":
Anlass für etliche Verwechslungen in der Literatur.

    Tatsächlich wurde schon bei Christof und Wolf Heinrich Lemblin in Urkunden ab 1564 irrtümlich Reichertzhofen gelesen, was nicht auffiel, da es hier wirklich ein Reichertshofen gab. Nach meiner Kenntnis ist jedoch die erste Urkunde, in der ein Rennertshofer Lemblin auch Pfleger zu Reichertshofen ist, aus dem Jahr 1608, und er behielt dieses Amt bis 1616 [307]. Wie wir schon sahen, nahm er in diesem Jahr seinen Abschied aus den Diensten des Pfalzgrafen. Alle Nennungen der Rennertshofener Lemblin "zu Reichertshofen" außerhalb der Zeitspanne 1608-1616 sind Lesefehler. In Sekundärquellen [308] wurde noch der 1678 gestorbene Ernst Friedrich Lemle zu Rennertshofen irrtümlich als Pfleger zu Reichertshofen tituliert.


9.5 Horkheim, Weinsberg, Möckmühl

In den Jahren 1630-1632 war Ludwig Andreas Lämmlin/Lemblein zu Reinertzhofen auch württembergischer Oberamtmann zu Weinsberg, Neuenstatt und Meckmühl [309]. "Dieser ist Anno 34 mit andern Amptleuten wegen Kriegsgefahr entwichen", bemerkte man in einer Möckmühler Chronik [310]. Tatsächlich aber war Lämmlin in die Schlacht von Nördlingen gezogen [311], wo die Evangelischen von einem kaiserlichen Heer vernichtend geschlagen wurden.
     Ein knappes Jahrhundert zuvor (1536-1556) war ein anderer Lemblin Amtmann von Weinsberg und Möckmühl gewesen: Volmar Lemlin von Talheim und Horkheim [312]. Dieser gehört zu einer ganz anderen Familie [313], deren urkundlicher Stammvater Cunradus Lemmelinus ist, der im Jahre 1220 als erster von fünf wohlhabenden Bürgern in Heilbronn genannt wird, die ihrem Stadtherrn, dem Würzburger Bischof, eine beträchtliche Summe Geldes geliehen hatten [314]. (Ob die Vorfahren dieses Lemmelinus womöglich eines Stammes sind mit den um 1150 dokumentierten Nürnberger Lembelin, lässt sich natürlich nicht mehr feststellen.)
    Der letzte dieser Heilbronner Familie war Georg Valentin Lemlin, der 1621/1622 die Burg und Lehensgüter zu Horkheim verkaufte [315]. Dieser war mit Barbara Thumb von Neuburg verheiratet, und die Verkaufsurkunde wurde von Lemlins Schwägern Johann Friedrich Thumb von Neuburg und Johann Sixt besiegelt. Diese Neuburger Verwandtschaft brachte den Kontakt zu den Rennertshofener Lemblin, so dass Philipp Wolf Lemblin von Rennertshofen schließlich Horkheim erwarb [316]. Philipp Wolf, 1607/1608 als Hauptmann über mehrere Fähnlein beurkundet [317], war einer der jüngeren Brüder von Ludwig Andreas Lemblin zu Rennertshofen.
    So kam es, dass in der alten Begräbniskapelle des Horkheimer Kirchhofes das Wappen der Rennertshofener Lemblin zu sehen war [318], und dass dieses im Siebmacherschen Wappenbuch [319] irrtümlich für das Wappen der Heilbronner Lemlin gehalten wurde. Während im Rennertshofener Wappen das Lamm stets eine Kreuzfahne trägt, enthält das Wappen der Heilbronner Lemlin von Talheim und Horkheim stets ein einfaches Lamm, wie zwei schöne Abbildungen in einem schwäbischen Stammbuch zeigen [320].
    Der Ulmer Diplomat Hans Schad berichtete in seinem Memorial- und Reisebuch [321], dass er am 16.3.1626 in Geislingen mit Ludwig Andreas Lemblin (von Rennertshofen), fürstl. württemb. Gehaymer Rat, Geheimverhandlungen geführt habe und am 2.5.1626 mit dem Geislinger Vogt Georg Valentin Lemlin (von Talheim und Horkheim). Georg Valentin Lemlin, der letzte aus dem Heilbronner Stamm, hat sicher die Rennertshofener Lemblin gekannt, und sie werden angesichts der Ähnlichkeit von Namen und Wappen über ihre mögliche Verwandtschaft spekuliert haben. Aber falls es wirklich einen gemeinsamen Stammvater gegeben hatte, der im 12. Jahrhundert gelebt haben müsste, so kann davon um 1600 nichts mehr bekannt gewesen sein.
 
      
Aus einem schwäbischen Stammbuch:
Links das Wappen von Wolf Heinrich Lemble aus dem Rennertshofener Stamm,
rechts das Wappen von Georg Valentin Lemlin aus dem Heilbronner Stamm.


10.  Schluss


Die Lemmel, in verschiedenen Schreibweisen wie Lemlin, Lemler, Lömel, Lämbl, sind bereits vor 1300 in der Oberpfalz mit dem latinisierten Namen Agnellus nachweisbar. Der Ursprung war eine mittelalterliche Kaufmannsfamilie in Nürnberg, die, im Verein mit anderen fränkischen Familien, die Gunst der geografischen und politischen Situation Nürnbergs nutzte und mit Montan-Unternehmungen in die Oberpfalz, ins sächsische Erzgebirge und in die Karpaten vordrang, wo wir einige Vertreter in der Finanzverwaltung der Luxemburger Könige in Prag und Ofen antreffen.
    Die oberpfälzer Familienzweige stellten teils Schöffen der Stadt Neumarkt, teils aber standen sie in Diensten der Wittelsbacher Pfalzgrafen und der Parsberger, wobei sie die Adelssitze Reichertshofen bei Neumarkt und Rennertshofen bei Neuburg erwarben.
    Nach 1500 brachten Kriege und Reformation einschneidende Änderungen, so dass nun die verschiedenen Zweige der Familie das gesamte Spektrum der menschlichen Existenz zeigen, vom Bauern bis zum Freiherrn und vom Geehrten bis zum Gehenkten.
    In einigen Familienzweigen, in denen die Ungunst der Quellenlage die Erstellung eines lückenlosen Stammbaumes nicht erlaubte, bleibt zu hoffen, dass sich Ergänzungen noch ergeben werden.
    Wie wir sahen, sind einige interessante Familienzweige im Mannesstamm ausgestorben, so dass die hinterbliebenen Witwen und Töchter zu Stiftungen in Neumarkt, Gnadenberg und Maihingen veranlasst wurden, während andere Zweige, in denen kein Geld für Stiftungen vorhanden war, in bürgerlichem und bäuerlichem Stand weiterlebten. So finden wir heute in der Altdorfer Gegend Nachkommen der Neumarkter Lemmel, während heutige Lämbl und Lammel in Niederbayern Nachkommen der Lemel von Reichertshofen sind. Zu diesen alteingesessenen Zweigen gesellten sich schließlich in der Oberpfalz noch einige Lemmel-Zweige, deren Vorfahren bereits im 15. Jahrhundert von Franken nach Sachsen gezogen waren.
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zu den Fußnoten mit Quellen und Anmerkungen