zurück zum Index der ostpr. Lemmel

zum Text über die Lötzener Lemmel
zum Text über die Bartensteiner Lemmel

Die Herkunft der ostpreußischen Familien Steinbach und Lemmel

von Hans-Dietrich Lemmel, A-1170 Wien

Gedruckt in "Altpreußische Geschlechterkunde" Neue Folge 19.Jg., 1971, Seiten 323-332. - Seither etwas ergänzt. - Mit herzlichem Dank an die Forscher [1-9], deren teils bereits vor 50 Jahren zusammen getragenes Material verwendet wurde.

zur Stammtafel der ostpreußischen Lemmel

1. Einleitung


Herkunft und Schicksal zweier im 17. und 18. Jahrhundert nach Ostpreußen eingewanderten Familien, nämlich der durch Heirat verbundenen Steinbach und Lemmel, wurden bereits 1926 von Erich Lemmel untersucht [10]. Seine Ergebnisse können nun durch neuere Forschungen bestätigt und ergänzt werden.

Der Stammvater der Johannisburger Ratsfamilie Steinbach ist der Nadlermeister Michael Steinbach, der seit 1690 in Johannisburg lebte [10]. Der Stammvater der Familie Lemmel, die sich von Lötzen und Johannisburg über Ostpreußen ausbreitete [11,12], ist der Tischlermeister Friedrich Lemmel, der 1795 in Lötzen starb. Nachdem es jetzt gelungen ist, die Taufeinträge und Vorfahren beider Stammväter aufzufinden, können beide in weit verzweigte sächsische Geschlechter eingeordnet werden. Es treten dabei interessante Parallelen hervor, obwohl die Zeitpunkte der Einwanderung nach Ostpreußen zwei Generationen auseinander liegen. Beide Stammväter wanderten als Handwerksburschen nach Masuren ein; beide kamen aus Sachsen und entstammten Familien, die als Kaufleute, Handwerker und Ratsherren im Erzgebirge verbreitet waren; beide setzten die berufliche Tradition ihrer Familie in Ostpreußen fort.

[1]    Erich Lemmel, 62 Wiesbaden-Kohlheck, Simeonhaus, Pavillon 44
[2]    Gerhard Lemmel, 214 Bremervörde, Hermann Löns -Str. 17
[3]    Heinz Lemmel, 314 Lüneburg, Heinrich Heine -Str. 2
[4]    Herbert E. Lemmel, 638 Bad Homburg, Auf dem Gleichen 3
[5]    Ernst Költzsch, X9533 Wilkau-Haßlau, Hermannstr. 14
[6]    Wolf Konietzko, 22 Elmshorn, Godewindweg 6
[7]    Willy Roch, 415 Krefeld, Schönwasserstr. 12/12a
[8]    Kurt Wensch, X8020 Dresden, Gostritzer Str. 12
[9]    Rolf Windisch, X92 Freiberg, J.R.Becher-Weg 50
[10]    Erich Lemmel: Böhmen-Sachsen-Masuren, in: Heimatglocken aus alter und neuer Zeit, Heimatkundliche Monatsbeilage des Biallaer Anzeigers Nr.3, Sonntag 8.Aug.1926, Seiten 9-10. 
[11]    Heinz Lemmel: Familie Lemmel aus Lötzen, Privatdruck 1937.
[12]    Stammfolge Lemmel aus Johannisburg, Deutsches Geschlechterbuch 1910.


2. Steinbach

Michael Steinbach wurde 1696 Bürger in Johannisburg; der Bürgerbuchseintrag [13] gibt an, dass er aus Annaberg in Sachsen kam. Dort ist seine Taufe am 19.8.1663 im Kirchenbuch [14] verzeichnet. Paten waren: Christoph Conrad aus dem Nachbarort Geyer, der Tuchmacher Christoph Bachmann und die Frau Maria des Bergmeisters Valtin Kirschner. Der Vater, Heinrich Steinbach (auch Steinpach), war ebenso wie sein Sohn ein Nadler. Er ließ in Annaberg bereits am 5.9.1661 einen Sohn Christoph taufen. Er stammte  jedoch nicht aus Annaberg; sein Heiratseintrag wurde im 30 km weiter westlich gelegenen Schneeberg aufgefunden [15]. Dort heirateten am 5.10.1660 "Heinrich Steinbach, ein Nadler und Meister von Geyer, Wilhelmus eines Schmiedes und Richters Sohn" und Regina, Tochter von Michel Gebhardt (auch Gebert), "Büttger" und Bürger in Schneeberg.

In Geyer gehörten die Steinbach, wie auch später in Johannisburg, zu den ratsfähigen Handwerkerfamilien. Gleichzeitig mit dem Richter Wilhelm Steinbach lebte dort Herr Friedrich Steinbach (Wilhelms Bruder?), der 1638 seinen Sohn Jacob "bei Christoph Hoffmann aufdingen ließ, das Schusterhandwerk zu erlernen" [16]. 1651 war Gregor Steinbach (Wilhelms Sohn?) Richter in Geyer [17]. Die Herkunft der Steinbach in Geyer ist noch nicht erwiesen. Im benachbarten Annaberg war die Familie bereits um 1530 ansässig, wovon noch die Rede sein wird.

Die genannten Städte Schneeberg, Geyer und Annaberg waren Mittelpunkte des Bergbaus, der im 16.Jhd. im Erzgebirge bis nach Böhmen hinein in Blüte stand, jedoch bald infolge Versiegens der Erzvorkommen in eine Krise geriet. Die ehemals reichen Bergunternehmerfamilien, zu denen die Steinbach gehört haben dürften, waren dadurch gezwungen, ihren Lebensunterhalt im Handwerk zu verdienen; sie blieben jedoch - wie in diesem Falle als Richter - in den Bergstädten in einem angesehenen Stande (vergl. [18]). Wenn viele Söhne auswanderten, so mögen materielle Gründe ebenso eine Rolle gespielt haben wie die Wanderjahre der Handwerksburschen, aber auch Handelsbeziehungen.

Michael Steinbach ist ab 1690, also mit 27 Jahren, in Johannisburg als Nadler nachgewiesen [10, 13, 19]. Er dürfte hier in eine angesehene Familie eingeheiratet haben: 1700 war Eva Steinbach Pate bei Friedericia, einer Tochter des Simon Hoffmann-Baginski aus der bekannten Johannisburger Ratsfamilie [20]. Da um diese Zeit kein anderer Steinbach hier bekannt ist, muss Eva Steinbach die Frau des Nadlers Michael Steinbach sein, zumal Michael, dessen Großvater ja Richter war, aus ebenbürtigem Stande stammt. So müssen denn auch Johann Heinrich und Gottfried Steinbach, die in der nächsten Generation als Ratsherren in Johannisburg genannt sind, als Söhne des Nadlers Michael angesehen werden.

Gottfried Steinbach heiratete um 1725 eine Tochter des Johannisburger Bürgermeisters Christoph Hoffmann, dessen Frau wiederum eine Hoffmann-Baginski war [21, 1, 22]. In der Johannisburger Kirchenhalle gegen Norden befand sich bis 1738 das Steinbach'sche Begräbnisgewölbe [20].

Einzelheiten der Stammfolge Steinbach sind im Anhang angegeben.

Der Nadler Michael war nicht der einzige Steinbach, der nach Ostpreußen kam. Schon 1565 war Johannes Steinbach in Königsberg Notar und Bibliothekar des Markgrafen Albrecht von Preußen, nachdem er 1549 in Wittenberg und 1552 in Leipzig studierte [23]. In den Matrikeln beider Universitäten [24] ist Johann Steinbach als Annaemontanus bezeichnet. Er stammte also ebenfalls aus Annaberg und dürfte der gleichen Familie angehören wie die Steinbach in Johannisburg.
 
Die Steinbach in Annaberg waren Kaufleute und wohl auch Bergunternehmer, deren Handelsbeziehungen bis nach Böhmen reichten. 1626 floh der Handelsherr Martin Steinbach von Kaden in Böhmen des Glaubens wegen nach Annaberg [25]. Er kaufte in Annaberg einen Schwibbogen als Familiengruft, und mehrere Kinder sind in den Kirchenbüchern genannt [26]. Sein Bruder ist möglicherweise Johann Heinrich Steinbach, der 1652 als Exulant in Annaberg starb; er war 1598 als Böhme in Altdorf immatrikuliert [10].

Wie viele Bergunternehmer-Familien des Erzgebirges (vergl. [18, 27]) brachten auch die Steinbach viele Akademiker hervor. So sind in den ältesten Matrikeln der sächsischen Universitäten [24] zahlreiche Steinbach angeführt, die im 16.Jhd. vorwiegend aus sächsischen, im 15.Jhd. aus fränkischen Städten stammen.

Eine weitere Steinbach-Einwanderung fand sich in Tapiau. Dort starb am 1.1.1679 der Schmied und Kirchenvater Georg Steinbach. Er wurde 1594 in Grigitz in Meißen geboren [28], wo die Familie ebenfalls Ratsherren stellte: In Meißen starb 1632 der Ratsherr Abraham Steinbach [29]. - Catharina, die Frau des Georg in Tapiau, starb am 30.9.1677 im Alter von 46 Jahren. Ihre Kinder sind Elisabeth, getauft 10.8.1662, und Wilhelm, getauft 27.1.1665 in Tapiau [28].

Nicht eingeordnet werden kann der Mühlenmeister Andreas Steinbach, der mit Dorothea Elisabeth Hergdin (oder ähnlich; schwer lesbar) verheiratet war; ihr Sohn Johann Caspar wurde am 8.7.1730 in Königsberg-Löbenicht geboren [30], wo er am 11.11.1730 "am Unglück" starb [31].

Womöglich handelt es sich bei allen Steinbach um das gleiche Geschlecht, wenngleich die Verwandtschaft sehr weitläufig sein kann, da die Steinbach in ihrer sächsischen Heimat bereits im 16.Jhd. zahlreich waren.

[13]    Bürgerbuch der Stadt Johannisburg 1696-1776 Seiten 4, 22, 63, im Staatsarchiv Königsberg/Pr. laut [1] und [2], vergl. [10].
[14]    Pfarramt Annaberg im Erzgebirge, Taufen, laut [7].
[15]    Pfarramt Schneeberg im Erzgebirge, Trauungen, laut [7].
[16]    Gerichtsbuch Geyer Nr.2 1520-1672, fol.61, laut [7]. Dass der Schustermeister Christoph Hoffmann in Geyer den selben Namen trägt, wie der spätere Johannisburger Bürgermeister und Schwiegervater des Gottfried Steinbach, scheint ein Zufall zu sein; über etwaige Beziehungen des Johannisburger Familie Hoffmann zum Erzgebirge ist nichts bekannt.
[17]    Wie [16], fol. 49b.
[18]    Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jhds, in: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, 1965, Seiten 13-220.
[19]    Gollub, Heimatglocken Nr.11, 1928, Seite 117, laut [6].
[20]    G.C. Pisanski: Collectanea zu einer Beschreibung der Stadt Johannisburg, im Staatsarchiv Königsberg/Pr, laut [1].
[21]    Taufregister Johannisburg, laut [1].
[22]    Richard Riemann: Ostmärkisches Blut, Königsberg 1936.
[23]    Laut [7]. Siehe auch [20] laut [6]. Ferner: Kommunikaty mazursko-warminskie Heft 74, 1961, Seite 508, laut [6].
[24]    Steinbach in den älteren Matrikeln der Universitäten Leip
zig, Jena, Wittenberg vor 1600, laut [5].
[25]    Bernhard Wolf: Einwanderung böhmischer Protestanten in das obere Erzgebirge..., in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte von Annaberg und Umgebung, 3.Heft, Seiten 36 und 48, laut [7].
[26]    Adam Daniel Richter: ...Chronica der...freyen Bergstadt St.Annaberg, Annaberg 1746, Teil 1, Seite 258, und Teil 2, Seite 166, laut [7].
[27]    Herbert E. Lemmel: Geschichte der erzgebirgisch-vogtländischen Lemmel im 15.-16.Jhd, in: Deutsches Familienarchiv Band 43, 1970.
[28]    Kartei Friedwald Moeller: Kirchenbücher Tapiau, laut [1].
[29]    Ahnenliste AL 9016 der Ahnenstammkartei Leipzig.
[30]    Taufregister Köbigsberg-Löbenicht, laut [2].
[31]    Kartei Friedwald Moeller: Wöchentliche Königsberger Frage- und Anzeigen-Nachrichten Nr.31, laut [1].


3. Lemmel

Für die Herkunft des Stammvaters der ostpreußischen Lemmel konnte in Ostpreußen kein Hinweis gefunden werden. Er ist lediglich im Kirchenbuch Lötzen [32] erwähnt: am 1.3.1795 starb "Friedrich Lemmel aus Lötzen 57 Jahre alt". Auch von seiner Ehefrau liegt nur ein Sterbeeintrag vor, der keine Angaben über die Herkunft der Familie enthält: am 27.6.1819 starb "die verwitwete Tischlerfrau Eleonore Lemmel geb. Waschul aus Lötzen, 70 Jahre alt", wobei als Hinterbliebene fünf Kinder angegeben sind, davon vier namentlich: Eleonore, Friedrich, August, Carl. Das fünfte Kind, Gottlieb, war bereits am 17.8.1815 als Tischler in Johannisburg durch ein Unglück gestorben ("den hals abgeschnitten") [33,11], so dass er in dem Lötzener Eintrag von 1819 nicht mehr genannt wurde. Friedrich und August wurden Tischler in Lötzen [11], während der Verbleib des Carl unbekannt ist. Der älteste Sohn Friedrich erhielt 1792 zu Beginn seiner Lehrzeit vom Magistrat in Lötzen einen Geburtsbrief [35] ausgestellt, in dem jedoch über seine Herkunft nichts angegeben ist. August, der zweite Sohn, wurde nach seinem Gesellenbrief [34] in Gansenstein bei Kruglanken geboren, und zwar nach seinem Sterbeeintrag [11] um 1779.

Der Stammvater Friedrich Lemmel kam also vor 1792 nach Lötzen, nachdem er noch 1779 in Gansenstein lebte. Nicht weit davon liegt Neufreudenthal, wo um 1780/1785 der Cöllmer Jacob Waschulewsky ansässig war [36]. Er könnte ein Verwandter von Friedrichs Frau Eleonore Waschul sein. Die Heirat dürfte, da August als viertes (1819 lebendes) Kind 1779 geboren wurde, etwa um 1770 stattgefunden haben. Vor diesem Datum muss Friedrich also in diese Gegend eingewandert sein; sonst kommt der Name Lemmel dort nicht vor.

Nach diesen dürftigen Auskünften der ostpreußischen Urkunden blieb nichts anderes übrig, als systematisch in Deutschland nach einem Friedrich Lemmel zu suchen, der irgendwo um 1738, womöglich als Tischlerssohn, geboren wurde. Da der Name Lemmel/Lämmel ganz besonders häufig im Erzgebirge vorkommt, lag es nahe, dort zu suchen, wo auch die Johannisburger Steinbach herkamen: Annaberg, Schneeberg, Geyer. Tatsächlich gab es in diesen Orten zahlreiche Lemmel, die dort wie die Steinbach Bergunternehmer und Ratsherren, später Handwerker waren. Nur gab es darunter keine Tischler und keinen um 1738 geborenen Friedrich [37].

Der fand sich auch nicht in den umfangreichen Forschungen von Herbert E. Lemmel [4] über die Chemnitzer und erzgebirgischen Lemmel [18,38]. Der einzige Hinweis auf eine Tischlerfamilie Lemmel fand sich in Torgau an der Elbe [39]. Dort und in vielen Orten der Umgebung ergaben die Kirchenbuchforschungen [40], dass hier seit dem 16.Jahrhundert Lemmel ansässig waren, die bis zur Gegenwart durch zehn Generationen fast ausschließlich Tischler waren [41]. Darunter fand sich im Jahre 1964 endlich ein Christian Friedrich Lemmel, der am 3.2.1739 in Belgern an der Elbe als Sohn des Tischlermeisters Johann Gottlieb Lemmel geboren wurde. Ohne dass ein direkter urkundlicher Nachweis vorläge, erweisen doch mehrere Indizien, dass dieser Christian Friedrich aus Belgern mit Friedrich Lemmel in Lötzen identisch sein muss:

1. Der älteste Enkel des Lötzener Friedrich heißt ebenfalls Christian Friedrich. Obgleich Christian Friedrich im 18.Jhd. ein häufiger Vorname war, mag dies ein Hinweis darauf sein, dass der Lötzener Stammvater tatsächlich Christian Friedrich geheißen hat, wobei bei seinem Tod nur sein Rufname Friedrich eingetragen wurde.

2. Vater und Bruder des Christian Friedrich in Belgern heißen Gottlieb. Ebenso heißen ein Sohn und ein Enkel des Lötzener Friedrich.

3. Das Geburtsdatum in Belgern (Februar 1739) stimmt mit dem Sterbealter in Lötzen (März 1795, 57 Jahre alt) hinreichend überein, wenn man berücksichtigt, dass Angaben über das Sterbealter oft unzuverlässig sind, da der Verwandte, der den Todesfall meldet, oft das genaue Alter selbst nicht weiß.

4. In Torgau-Belgern, wo in zehn Generationen 32 Tischler nachgewiesen sind, und in Lötzen-Johannisburg, wo mindestens drei Söhne und sieben Enkel Tischler wurden, handelt es sich um ausgeprägte Tischlerfamilien, die hier wie dort Älterleute und Obermeister der Tischlerinnung stellten. Dagegen kommt bei den etwa 5000 bisher erforschten Lemmeln [42] der Tischlerberuf fast nicht vor.

 5. In Belgern und Umgebung ist trotz vorhandener Kirchenbücher außer seiner Geburt nichts über Christian Friedrich auszumachen. Er muss also abgewandert sein. Der Grund für die Abwanderung ist in der schlechten wirtschaftlichen Lage seines Vaters zu sehen, dessen Haus 1743 wegen Steuerschulden versteigert wurde [43].

Obwohl jedes einzelne dieser Indizien nicht viel besagt, erscheint die Gesamtheit aller Indizien hinreichend für den Beweis der Identität des Tischlersohnes Christian Friedrich Lemmel in Belgern mit dem Tischlermeister Friedrich in Lötzen. Obendrein lieferte Erich Lemmel eine plausible Theorie über den Grund der Auswanderung nach Ostpreußen:

Im 7-jährigen Krieg wurden die Sachsen zweimal von den Preußen geschlagen, wobei die sächsischen Offiziere und Mannschaften in großer Zahl in die preußische Armee gesteckt wurden. 1756, als Christian Friedrich 17 Jahre alt war, ergaben sich 18ooo Sachsen dem König von Preußen [43a]. Und 1760, als Christian Friedrich 21 Jahre alt war, gab es die Schlacht bei Torgau, in der die Preußen siegten. Der Krieg hatte verheerende Auswirkungen: "Von den etwa 5000 Einwohnern, die Torgau um 1757 hatte, starben 619 durch Kriegsfolgen; Plünderungen, Brandschatzungen und eingehobene Contributionen trafen auch Wohlhabende; viele mussten sich tief verschulden oder gar bettelarm fortgehen" [43b]. Mit den Truppen, die anschließend zum Einsatz gegen die Russen nach Ostpreußen verlegt wurden, dürfte auch Christian Friedrich dorthin gekommen sein, der entweder aus wirtschaftlicher Not freiwillig oder aber unter Zwang zu den preußischen Soldaten rekrutiert worden war. 1762 wurde mit Russland Frieden geschlossen und 1763 war der Krieg zu Ende. Nun saß Friedrich Lemmel in Ostpreußen, ohne Geld um nach Hause zurückkehren zu können. Als Tischler aber war er eine begehrte Arbeitskraft für die Beseitigung der Kriegsschäden. Es ist dokumentiert, dass nun ein großer Teil der Söldner in Ostpreußen angesiedelt wurde. Christian Friedrich kam so als Tischler nach Gansenstein, wo er einige Zeit später auch heiratete und Stammvater von über 50 Lemmel-Familien in Masuren, Königsberg und anderen Teilen Deutschlands wurde [11, 12].

Die Vorfahren des Christian Friedrich Lemmel, die seit 1529 in Torgau beurkundet sind, sind im Anhang angegeben. Die Vettern der Torgauer Lemmel lebten in vielen Orten des Erzgebirges bis nach Böhmen hinein, teils als Bergbau-Unternehmer und Ratsherren [18], so wie auch die Familie Steinbach. Und wie die Steinbach wanderten auch die Lemmel im 15.Jhd. aus Franken nach Sachsen ein.

Aus der selben erzgebirgischen Familie stammt sicher auch Simon Lemmel, dessen Witwe Elisabeth 1598 in Dirschau starb; er hatte dort reichen Besitz, darunter vier Häuser, die seine Kinder Anna (oo mit Paul Kalau), Salome (oo mit Matthias Dalwin), Hilger (dessen wohl einziger Sohn Georg starb bereits vor 1610), Lucia (oo mit Jakob Teschendorff) und eine mit Thomas (bzw. Thewes) Dalwin verheiratete Tochter erbten [44]. Eines dieser Häuser wurde an Michael Kluge verkauft: 1606 heiratete in Stelzendorf bei Chemnitz ein Merten Lemmel eine Barbara Kluge [38]. Fünf Kilometer nordwestlich davon heiratete 1577 in Rabenstein ein Simon Lemmel die Barbara Aurich [45] und fünf Kilometer südlich in Jahnsdorf lebte gleichzeitig ein Illgen Lemmel [38]. Beide Vornamen, Simon und Illgen (= Hilger), die in Dirschau wieder auftauchen, sind bei den Lemmeln selten; und hier wie da bestehen Beziehungen zur Familie Kluge. Die Übereinstimmung geht noch weiter, denn Illgen in Jahnsdorf hat wie Hilger in Dirschau einen Sohn Georg.

Wenn es auch nicht möglich ist, den Vater des Dirschauer Simon Lemmel anzugeben, so lässt sich doch aus den genannten Hinweisen folgern, dass die Lemmel und Kluge in Dirschau aus der Chemnitzer Gegend kamen, zumal für die erzgebirgischen Lemmel des 16.Jahrhunderts Beziehungen bis an die Donau und bis nach Norwegen nachgewiesen sind [42, 18].


[32]    Totenschein, ausgestellt 1935 in Lötzen, laut [2].
[33]    Sterberegister Johannisburg-Stadt, laut [2].
[34]    Tischlerinnungsakten Lötzen, jetzt im Staatlichen Archivlager Göttingen, laut [2].
[35]    Magistratsakten Lötzen, jetzt im Staatlichen Archivlager Göttingen, laut [2].

[36]    Prästationstabellen Popiollen, im Staatlichen Archivlager Göttingen, laut [2].
[37]    Kirchenbuchauszüge und andere Urkunden aus vielen Orten des Erzgebirges durch [9].
[38]    Herbert E. Lemmel: Die Nachkommen des Paul Lemmel aus Chemnitz, 2 Bände, Privatdruck Bad Homburg 1968.
[39]    Martin Granzin, Osterode am Harz, Jacobitorstr. 8; Brief und in: Familie und Volk Nr.6/1958 und Nr.1/1959.
[40]    Kirchenbuchauszüge aus Torgau und vielen anderen Orten der Umgebung, durch [8].
[41]    Hans-Dietrich Lemmel: Die Tischlerfamilie Lemmel aus Torgau an der Elbe, Febr. 1966, als A8108a in der Ahnenstammkartei Leipzig.
[42]    Hans-Dietrich Lemmel: Lemlein filii - Eine Übersicht über die Familien namens Lemmel und Lämmel, Vortrag am Familientag Lemmel/Lämmel 1969 in Wiesbaden, in: "lemlein filii" Heft 1, Stuttgart 1970, und in: "Genealogie"
Jg.20, 1971, S.515ff. (Teilweise überholt!)
[43]    Landeshauptarchiv Magdeburg, Gerichtshandelsbuch Nr.9, Amt Belgern II, laut [8].
[43a]    Ein Zeitungs-Ausschnitt (unbekannter Herkunft)
[43b]    Johann Christian August Bürger: Vorgänge in und um Torgau während des siebenjährigen Krieges, namentlich die Schlacht bei Süptitz am 3.11.1763. Torgau 1860, Seiten 41f, 112f.
[44]    E. Kloss: Das Grundbuch der Stadt Dirschau, in: Band 14 der Quellen und Darstellungen zur Geschichte Westpreußens, Westpreußischer Geschichtsverein Danzig 1929, Seiten 4, 20, 22, 48, 91.
[45]    Wie [18], Seite 205.


Anhang 1: Stammfolge Steinbach

1.     Michael Steinbach, aus Annaberg in Sachsen gebürtig, schwört 1696 den Bürgereid in Johannisburg und erhält 1697 das Bürgerrecht als ein Plätzner [13]. Er ist schon vorher 1690 als Mietsmann [10] und 1692 als Nädler [19] erwähnt. 1711 zahlt er eine Mark Pachtgeld für einen auf der Stadtfreiheit gelegenen Platz am Wall [10]. Seine Frau Eva Steinbach ist 1700 als Patin erwähnt [20]. Söhne: 2/a und 2/b.

2/a.    Johann Heinrich Steinbach leistet 1711 den Bürgereid [10] und 1714 Seiner Königlichen Majestät Friderico Wilhelmo den Erb-Eydt [46]. 1730 ist er als Billetierer und Rahtsverwandter genannt, als ihm zwei Gehülfen zugeordnet werden [46]. 1730 ist Consularis Johann Heinrich Steinbach Pate bei Lovisa Tugendreich, Tochter des Creys-Steuer-Einnehmers Gottfried Hensing und seiner Frau Lovisa Charlotta Mazuchin; 1733 ist er Pate bei seinem Neffen Christoph Steinbach [21]. 1734 stirbt er als Ratsherr in Johannisburg [47]. Er war verheiratet mit Catharina Lovisa Prass [20]. Seine Kinder waren Catharina Eleonore, * 22.7.1727 in Johannisburg [21] und Johann Jacob, * 1722 in Johannisburg, Gelehrter, seit 1748 Kommissionssekretär und adliger Gerichtsschreiber in Neidenburg [20], wo er noch 1770 als adliger Gerichtsschreiber und Commisions-Secretair auf dem Schloss wohnt [48].

2/b.    Gottfried Steinbach wird 1723 als Bürger vereidigt. Er ist Nadlermeister, legt 1728 den Eid als Stadtältester ab und leistet als Ratsherr 1741 den Eid als Vorsteher der Armenkasse [13]. 1741 bürgt er für den Schmiedelehrburschen Martzincik [49]. Herr Rathsverwandter Gottfried Steinbach von Johannisburg ist den 16.Maji 1751 gestorben [33]. - Seine Heiratsurkunde ist nicht vorhanden, da das Trautregister in Johannisburg erst 1732 anfängt [50]. Jedoch geht aus dem Taufregister [21] hervor, dass seine Frau Anna Maria Hoffmann ist; sie stirbt am 15.4.1754 in Johannisburg [51] und ist noch 1754 Patin bei Anna Barbara, Tochter des Meisters Christian Grondski aus Johannisburg [21]. Iht Vater ist Christoph Hoffmann, königlicher Steuereinnehmer und 1717-1725 Bürgermeister in Johannisburg. Seine Stammreihe lässt sich auf Peter Hoffmann zurückführen, der aus Rodach-Rotha bei Coburg stammt und 1530 erster lutherischer Pfarrer in Pr.Holland wurde [51a]. - Die Mutter der Anna Maria Hoffmann ist Katharina Elisabeth de Baginski genannt Hoffmann, Stiefschwester von Simon II de Baginski gen. Hoffmann; ihre Vorfahren sind bei Riemann [22] und im Deutschen Geschlechterbuch [52] angegeben. - Die sieben Kinder von Gottfried Steinbach sind:

1) Anna Dorothea, * 17.12.1726 [1], oo mit dem Husar Johann Borkowski [51].
2) Johann Gottlieb, * 25.10.1731 Johannisburg. Paten sind: Rittmeister de Bonet, Quartiermeister Schüßler, Accise-Einnehmer Meeke, Christoph Grützmacher, Frl. Auguste Marfgarete von Bork, Frau Eleonora Hermann [21].
3) Christoph, * 12.9.1733 Johannisburg. Paten: Johann Heinrich Steinbach, Jgfr. Eleonore Powalkin [21].
4) Johann Heinrich, * 6.9.1734 Johannisburg. Paten sind: Prpviantmeister Vierhuff, Rektor Chucholovius, Schreiberey-Verw. Johann Friedrich Hellwich, Frau Richterin Maria Elisabeth Maletiin, Frau Accise-Einnehmer Penskin [21].
 5) Thomas Friedrich, * 26.1.1736 Johannisburg. Paten sind: Rittmeister Thomas Ferdinand von Taube, Bürgermeister Johann Lauff, Organist Andreas Hoffmann, Hgfr. Charlotte Hammin, Frau Pfarrer Sophia Skubowiin [21]. Er wird Mousquetier im Sydow'schen Regiment. 1767 laden ihn die Gottfried Stein-bach'schen Erben vor; er soll im Letzten Feldzug in Gefangenschaft in St.Petersburg gestorben sein [31].
6) Carl Ludwich, * 29.7.1742 Johannisburg [53]. - Siehe 3.
7) Johann George, * 12.5.1747 Johannisburg [21]. + 3.12.1747 ebd. [54].

3. Carl Ludwich Steinbach wird 1771 Bürger in Johannisburg als Stadtkind und Nädlergeselle [13]. Er stirbt am 28.1.1805 in Johannisburg als Bürger und Nadlermeister [33]. Er heiratet am 13.5.1773 im Königsberger Dom Anna Charlotte Siedel [55], * um 1746/1748, + 23.9.1827 in Johannisburg [33], Tochter des Feldchirurgen Johann Benjamin Siedel [56]. Die fünf Kinder sind:

1) Johann Friedrich, * 22.3.1774 Johannisburg. - 1812 ist Friedrich Steinbach in Johannisburg Pate bei einem Sohn des Gottlieb Lemmel.
2) Anna Maria, * 12.3.1776 Johannisburg.
3) Regina Elisabeth, * 21.11.1779 Johannisburg, + 25.9.1851 in Bartenstein, oo in Bartenstein mit Johann Michael Richter [57].
4) Johanna, * 4.12.1782 Johannisburg, + 30.6.1859 in Bartenstein [58], oo1) 5.6.1805 in Johannisburg mit dem Tischler Gottlieb Lemmel [59], oo2) 1816 mit dem Tischler Johann Valentin Casparini [60].
5) Gottfried, * 1785 Johannisburg, + 18.3.1859 Johannisburg als Polier, Nadlermeister und Veteran; oo mit Heinriette Riebensahm. Sechs Kinder, darunter L.Steinbach, der 1860/1861 in Sommorde eine Schuld von 800,- M an Carl Heinrich Lemmel in Bartenstein zahlt [1].

[46]    Wie [13] Seiten 91 und 93.
[47]    Aufzeichnung laut [1]. Die mir vorliegende Abschrift nennt den Ratsherrn Jakob Heinrich Steinbach, + 1734. Da dieser Name sonst nichtg vorkommt, dürfte ein Schreibfehler für Johann Heinrich vorliegen.
[48]    Address-Calender für das Königreich Preußen 1770, Sonderschrift Nr.6 des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Seite 11.
[49]    Gesellenbuch der Johannisburger Schmiede Seite 34, Staatliches Archivlager Göttingen, laut [6].
[50]    Auskunft Evangel. Pfarramt Johannisburg, 1935, laut [2].
[51]    Altpreußische Geschlechterkunde, alte Folge, 1927, Seite 8.
[51a]    Hans-Dietrich Lemmel: Zum 225. Geburtstag: E.T.A. Hoffmanns Vorfahren, in: "Genealogie" Band 25 Heft 5-6, 2001, Seiten 545-556.
[52]    Deutsches Geschlechterbuch Band 7, Seite 163.
[53]    Taufregister Johannisburg-Stadt, laut [2].
[54]    Sterberegister Johannisburg, laut [1].
[55]    Traubuch Königsberg-Dom 1773, Seite 23 Nr.21, laut [2].
[56]    Traubuch Königsberg-Dom 1798, laut [2]. - Ein Verwandter ist wohl der Stadtchirurg Johann Ludwig Siedel, dessen hinterlassene einzige Tochter Maria Charlotte am 6.6.1798 in Königsberg-Dom den Kaufmann Christian Wilhelm Schwartz aus Rastenburg heiratet.
[57]    Laut [2]: Johann Michael Richter, * 12.11.1766 Bartenstein, + 11.12.1815 Bartenstein. Tochter: Johanna Friederika, * 28.1.1812, + 8.1.1814 Bartenstein.
[58]    Totenschein Pfarramt Bartenstein, laut [2].
[59]    Trauschein Johannisburg, laut [2].
[60]    Grundbuch Johannisburg 1836, laut [2].


Anhang 2: Ahnenliste des Tischlermeisters Friedrich Lemmel [40, 41]

1.    Christian Friedrich Lemmel, * 3.2.1739 in Belgern an der Elbe, + 1.3.1795 in Lötzen [32]. Tischlermeister, Stammvater der ostpreußischen Lemmel.

2.    Johann Gottlieb Lemmel, getauft 13.11.1705 in Belgern, begraben 2.8.1755 in Belgern. Tischlermeister und Kantoreiverwandter. oo ..2.1730 in Belgern mit
3.    Maria Elisabeth Freund, * 1702, + 8.4.1771 in Belgern.

4.    Johann George Lemmel/Lämmel, * etwa 1660/1665, begraben 4.10.1725 in Belgern. Tischlermeister und Cantorey-Verwandter. oo 11.2.1690 in Belgern mit
5.    Maria Fritzsche, begraben 28.10.1739 in Belgern.

8.    Johannes Lemmel, getauft 29.8.1634 in Torgau, begraben 7.12.1711 in Belgern. Tischlermeister in Belgern. oo Aufgebot 2.p.Ep.1659 in Torgau mit
9.    Anna Maria Gastel, * 1634, begraben 25.2.1698 in Belgern.

10.    Abraham Fritzsche sen., + zwischen 1701-1704 in Belgern, Zimmermeister in Belgern, oo mit
11.    Justine ...

16. Jacob Lemmel, getauft 6.7.1592 in Torgau, begraben 23.4.1674 in Leipzig. Ältester Obermeister der Tischlerinnung in Torgau. oo 5.8.1619 in Torgau mit
17.    Elisabeth Ritzsche, begraben 28.4.1672 in Torgau.

32.    Melchior Lemmel (auch Lämmel, Lömmel), * etwa 1555, begraben 14.5.1601 in Torgau, Tischlermeister, Stammvater der Torgauer Tischlerfamilie Lemmel. oo mit
33.    Judith Fehrens.

64.    Baltzer Lemmel/Lömmel, * etwa 1525/1530, begraben 27.4.1598 in Torgau.

66.    Friedrich Fehrens, + vor 1599 in Torgau.

128.    Caspar Lemmel, * etwa 1500, 1551-1569 als Hausbesitzer in Torgau beurkundet.

256.    Michel Lemmel, * etwa 1465, 1535 Kürschner in Torgau, wohnt im Ratshäuslein, das verdienten älteren Bürgern als Altersheim zustand.

Die in der ursprünglichen Veröffentlichung von 1971 angegebenen Vorfahren ab Ahnen-Nummer 128, die ich ungeprüft von Herbert E. Lemmel übernommen hatte, sind unrichtig. Der etwa 1430 geborene Vater des Torgauer Michel Lemmel kann nicht angegeben werden. Ich vermute, dass es einer der Söhne, Michel oder Caspar, des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein ist. Dazu mehr an anderer Stelle.

Ende

zurück zum Index