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Reiner Lämmel, *
1948, Milchbauer im Erzgebirge
Hofnachfolge: Bauer sucht Erben
Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Internet 17.5.2010

Reiner Lämmel ist Milchbauer. Befragt zu den niedrigen
Milchpreisen zuckt er nur mit den Schultern und redet von normalen
Durststrecken. Die hält er aus. Lämmel hat andere Sorgen: Der
62-Jährige sucht einen Nachfolger und findet keinen. Das geht 40
Prozent aller deutschen Bauern so.
Reiner Lämmel sucht einen Nachfolger für seinen Hof. Text
Reiner Lämmel sucht einen Nachfolger für seinen Hof. Foto:
news.de
Jeden Morgen steht 62-jährige Lämmel halb fünf im Stall.
Text Jeden Morgen steht 62-jährige Lämmel halb fünf im
Stall. Foto: news.de
Der Milchtank steht im Weg. Bauer Lämmel lehnt daneben und reibt
sich seine Hüfte. «Ich renn auch manchmal Leute um»,
knarzt er gemütlich. Den Tank, den hat er nicht gesehen. Sein
Blickfeld wird seit 40 Jahren immer kleiner, in ein paar Jahren ist der
62-Jährige blind. Wer sich dann um seine 20 Kühe
kümmert, weiß er noch nicht.
Reiner Lämmel sucht seit zwei Jahren jemanden, der seinen Hof
übernimmt. Eigene Kinder hat er nicht, und sein Neffe hat
aufgehört, Bauer werden zu wollen, als er 15 war. Interessenten
gebe es genug, sagt Lämmel. «Aber die meisten, die haben
irgend so einen hohen Universitätsabschluss in Landwirtschaft,
können aber keine Kuh melken.» Lämmel braucht jemanden,
der zupackt und etwas aufbauen will, sagt er. Einen eigenen Milchladen
vielleicht, oder sogar eine Käserei.
Das ist auch nötig. Denn von den 5000 Litern Milch, die
Lämmel im Jahr pro Kuh an die Molkerei Müller verkauft, kann
er gerade einmal zwei Drittel seiner Kosten decken. Mit
Eigenvermarktung bliebe mehr Geld beim Bauern hängen. 40 Cent pro
Liter Milch müssten es schon sein, damit der Hof sich rechnet.
Doch für die Investitionen in eine eigene Milchverarbeitung ist
Lämmel zu alt, und deshalb hält er bei einem Milchpreis von
26 Cent halt so durch. Eine Durststrecke nennt er das, die nur ein
Bauer überstehen kann, der ja sowieso nirgendwo anders hin kann -
der an seinen Hof gebunden ist.
Naturschiefer auf dem Dach, Holz im Kachelofen
Lämmels Familie gehört das alte Bauernhaus seit 1918, der
Landwirt und seine 82-jährige Mutter wollen hier wohnen bleiben,
auch wenn neue Hausherren in die leeren Räume im zweiten Stock
einziehen. Jeden Morgen um kurz vor vier sitzt Lämmel an seinem
Platz auf der Holzbank, seine Mutter kocht das Kaffeewasser im
Emaillekrug über der vom Kachelofen erhitzten Herdplatte.
«Der Ofen braucht nur Holz», sagt Lämmel, der das
Natürliche mag, den Ofen deshalb erst kürzlich erneuert hat
und den Dachdecker draußen Schindeln aus Naturschiefer
anhämmern lässt.
Bevor Lämmel in den Stall geht, schiebt er sich ein Basecap in den
Nacken und streift seine blaue Arbeitsjacke über. «Das hier
war früher die Wirtschaftsküche» sagt er. «Da
konnte man einfach mit den dreckigen Stiefeln rein- und
rausmarschieren.» Jetzt schlurft Lämmel in seinen Pantoffeln
über den Boden und hat regelmäßig die
Denkmalschutzbehörde in dem 350 Jahre alten Gebäude.
«Da kann man noch nicht mal eine Decke abhängen, in diesem
Haus», schimpft der Dachdecker. Lämmel stört das nicht
«Das ist eines der schönsten Bauernhäuser in der
Gegend», sagt er.
Im dunklen Stall kauen 20 Kühe wieder, gekettet an das 40 Jahre
alte Gemäuer. «Das ist wie im Mittelalter hier», winkt
ein Bauer aus dem Dorf ab, der zu Hause selber Kühe hat und
Lämmel bei der Arbeit auf der Weide aushilft. Lämmel wiegelt
ab: Kein Stall, auch kein moderner, sei ein guter Ort für
Kühe. «Die gehören auf die Wiese.» Doch noch weht
der Erzgebirgswind zu kalt über die 25 Hektar Weidefläche,
die Lämmel außerhalb des Dorfes gehören. Aber
eigentlich will er sie noch im Mai rausfahren lassen, immer zu
fünft in dem hölzernen Viehanhänger.
«Das wird hier eh alles abgerissen»
Wenn Lämmel das Licht anknipsen will im Stall, sucht sein
Handrücken an der Wand nach dem Schalter. Eigentlich reicht der
Tag, der von draußen durch die offene Holztür fällt,
aus, um den Schalter zu finden. «Wenn das mit den Augen nicht
wäre», sagt Lämmel, «könnte ich es noch gut
bis 70 schaffen.» Auf die Frage, wie lange es so noch gehen wird,
wiegt Lämmel nur leicht seinen runden Kopf und sagt nichts.
Wie Lämmel finden mehr als 40 Prozent aller Bauern in Deutschland
keinen Nachfolger. Die Grünen wollen deshalb die Hofabgabeklausel
abschaffen, nach der Landwirte mit 65 erst Rente bekommen, wenn sie
ihren Hof abgegeben haben. Dass Lämmel in drei Jahren keine Rente
aus der Landwirtschaft bekommen könnte, stört den Bauern
nicht – das schafft er schon irgendwie.
Ihn regt der Grund auf, warum sein Hof ohne Nachfolger bleiben
könnte. «Landwirtschaft ist in Deutschland nur notwendiges
Übel», sagt er. «Der Bauernstand zählt nichts und
deswegen gibt es auch keinen echten Nachwuchs mehr.» Ein Freund
von ihm, erzählt Lämmel, habe ein Praktikum in Neuseeland
gemacht. «Der war in der Disco und die Mädchen hätten
ihn gleich dort weggeheiratet.» Ein Bauer, das bedeute ein Dach
über dem Kopf, Arbeit und Brot. Die Neuseeländer wissen das
und Lämmel natürlich auch. Nur die meisten Deutschen
begreifen es offenbar nicht.
Wer Lämmel so reden hört über seinen Beruf, glaubt
sofort, dass er in den nächsten drei Jahren einen Nachfolger
finden wird. Doch nur die wenigen steilen Stufen hinter der warmen
Bauernküche hinunter ist der Idealismus zu Ende. «Was soll
denn werden, mit diesem alten Hof, hier mitten am Markt?», fragt
der Bauer aus dem Dorf und grinst über Lämmels Idee mit der
Käserei. Der Dachdecker, der gerade die neue Dachrinne aus Holz
angebracht hat, hat eine Antwort. «Abgerissen wird das hier
bestimmt, wenn die beiden nicht mehr können.»
iwi/news.de
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