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Die Lämmel/Lammel in Reichenberg/Nordböhmen

H.D. Lemmel, 22.12.1999, seither ergänzt (2016). Nicht gedruckt.

In Nordböhmen, in der engeren und weiteren Umgebung von Reichenberg, war bis 1945 der Familienname Lammel häufig. Daneben gab es auch (in Wernsdorf) die Familie Lämmel. Beide Namen kommen bereits im 16. Jahrhundert hier vor; sie gehören zu den ältesten Namen dieser Gegend.

Nach Anton Fr. Ressel sind die Familien namens Lammel und Lämmel desselben Ursprungs. Ressel schreibt über die Schulzenfamilie Lammel in Grenzendorf, dass der Name "früher stets Lemmel geschrieben" wurde. Während in einigen Fällen Fragen der Identität unsicher sind, kommen um 1600 tatsächlich die Namensformen Lemmel, Lembel, Lämmel, Lammel wechselnd für die selben Personen vor.

Der ostfränkisch-sächsische-böhmische Name Lemmel (in Bamberg ursprünglich Lemlein) ist die Dialektform für ein kleines Lamm. In einigen Fällen lässt sich nachweisen, dass einem Lemlein/Lemmel, der in eine andere Landschaft mit anderem Dialekt abwandert, sein Name in die örtliche Dialektform für ein kleines Lamm abgewandelt wird. So entspricht es auch dem nordböhmischen Dialekt, wenn hier ein eingewanderter Lemmel alsbald Lammel genannt wird.

Der nordböhmische Dialekt, etwa östlich der Elbe, ist dem schlesischen ähnlich und hat als kleines Lamm: Lamml oder Lammel. (Entsprechend heisst ein kleines Kalb: Kalbl.)

Zur Stammtafel der Reichenberger Lämmel/Lammel



Die frühesten Lemmel in Reichenberg

Der Name Lemmel kommt zwischen 1550 und 1587 einmal in Hanichen und einmal in Ruppersdorf vor.
[E. Gierach: Zur Frage nach der Urheimat der ersten Ansiedler des Reichenberger Gaues. In: Jahrbuch des Deutschen Gebirgsvereins für das Jeschken- und Isergebirges, Jg.19, 1909, S.128. – Ausgewertet wurde ein Band im Archiv Reichenberg, der 1909 die Bandnummer 90 trug, mit der Aufschrift "Gemeinderechnungen 1556-1587, Inwohnerverzeichnis 1550".]

1560 sind Jörge Lemmell in Hanichen und Matz Lemmell in Reinowitz beurkundet.
[Erich Gierach: Das älteste Urbar der Herrschaft Reichenberg, in: Mtlgn d.Vereins f.Heimatkde des Jeschken-Isergaues, Reichenberg 1907ff, Bd.18 1924 S.101-114, S.106,109. - Zitiert bei Ernst Schwarz: Sudetendeutsche Familiennamen des 15.u.16.Jh, in: Handbuch der sudetendt. Kulturgeschichte Bd.6 München 1973, S.184]

In zwei Orten bei Reichenberg, auf tschechischer Seite gegenüber von Zittau, kommen unter den ältesten Familien auch Lämmel vor, und zwar:
in Oberhanischen: älteste Familiennamen: Kaulfersch, Lämmel, Menzel, Pilz, Schönfelder, Tischer, Ulrich. – Das wüste Bauerngut des Reichenberger Malers Christian Kaulfersch wurde 1683 mit zur Anlegung des Ortes Neu-Paulsdorf 1691 herangezogen.
in Reinowitz: erster Erbrichter: Michael Pfeifer; älteste Familiennamen: Altmann, Effenberger, Gärtner, Hoffmann, Horn, Klement, Kratzig, Lämmel, Neumann.

[Georg Rosenberger: Reichenberger Tuchmacher und ihre Familien. Archiv für Sippenforschung..., Mai 1944, Heft 5, Seite 85ff.]

Das Graupner Bergbuch von 1530 enthält keinen Lemmel.

[Wilhelm Weizsäcker: Das Graupner Bergbuch von 1530, Sudetendeutsche Geschichtsquellen Bd.5, Reichenberg und Komotau 1932]

1627 führen der Reichenberger Herrschaftshauptmann und der Friedländer Forstmeister Neurodungen in Luxdorf, Gränzendorf und Friedrichswald durch und verkaufen die Rodungsanteile je nach Größe der Fläche, nach der Güte der Krume, nach Befindung des Bodens und wo Holz ist oder nicht, "stainicht" oder eben. In Gränzendorf kaufen sich an:
                                                      Kaufsumme        Jährl.Tilgungsrate
    Mathes Lembel                             30 Schock        2 Schock
    Hieronymus Lembel                       12 Schock        1 Schock
    Hieronymus Lembel, Schulthes        51 Schock        3 Schock
    Hieronymus Lembel der Alte            10 Schock        1 Schock

[Anton Ernstberger: Aus den Tagen Wallensteins. -  Neurodungen in Luxdorf, Gränzendorf und Friedrichswald (Herrschaft Reichenberg). Schriften des Instituts für fränkische Landesforschung an der Universität Erlangen, Bd.1, Kallmünz 1959, S.357]

Aus den hier genannten Namen kann man die folgende Stammfolge vermuten (Geburtsjahre grob geschätzt):

        Hieronymus Lembel der Alte
        (* etwa ?1545), † nach 1627
                │
                │
        Hieronymus Lembel, Schulthes
        (* etwa ?1575)
            ┌─────┴───────────────┐
        Hieronymus Lembel        Mathes Lembel
        (* etwa 1605)            (* etwa 1605)


Die Namensform Lembel kommt auch andernorts als Nebenform von Lemmel vor. Tatsächlich ist der Schulthes Hieronymus Lembel aus anderen Quellen als Richter Hieronimus Lemmel belegt; sein Amtsnachfolger wird Mathes Lemmel, also der obige etwa 1605 geborene Mathes Lembel.

Nun gibt es eine weitere Namensvariante. Ressel berichtet, dass der (später in Reichenberg recht häufige) Name Lammel "früher stets Lemmel geschrieben" wurde. Wie in der ausführlichen Stammfolge zu sehen ist, gibt es etliche Nachweise, wonach die selbe Person wechselnd Lemmel und Lammel genannt wird. Das lässt sich dadurch erklären, dass die Diminutiv-Form für ein kleines Lamm in Sachsen Lemmel oder Lämmel lautet, im Reichenberger Dialekt aber Lammel.

Der Richter Mathes Lemmel, der in Urkunden Lemmel, Lembel und Lämmel genannt wird, ist auf einer Kirchenglocke als Matteus Lammel verewigt. Die weiteren Nachkommen dieser Sippe, die bis 1945 in und um Reichenberg lebten, heißen meist Lammel, teils aber wohl auch Lämmel.

Der um 1700 geborene Gottfried Lammel wird Scholtes in Proschwitz, wo er sich aber auch als ein Dorftyrann aufführte. Hierüber berichtete A.Jäger in einer Dorfchronik.


Über die Herkunft der Reichenberger Lemmel

Vermutlich sind alle Reichenberger Lammel genealogisch auf Hieronimus Lemmel zurückzuführen.

Der ältere Hieronimus Lemmel/Lammel/Lembel ist ab 1590 urkundlich belegt. Aus den Lebensdaten seiner mutmaßlichen Söhne abzuschätzen, müsste er etwa um 1540/1550 geboren sein. Die 1560 genannten Jörge Lemmell in Hanichen und Matz Lemmell in Reinowitz müssen eine Generation älter sein. Sie dürften Vater und Onkel des Hieronimus sein. Der mutmaßliche Vater von Jörge und Matz mag dann bereits etwa um 1480/1490 geboren sein.

... Lemmel, *?1485
unbekannter Stammvater der Reichenberger Lemmel/Lämmel/Lammel
   ┌──┐
Jörg Lemmell    Matz Lemmell
*?1515          *?1515
1560 in         1560 in
Hanichen        Reinowitz
                  :

      
   Hieronimus Lammel/Lemmel/Lembl
         *?1545,  nach 1627, Gärtner in Reinowitz,
         Schulze in Maffersdorf und Grenzendorf


Woher kann der erste Reichenberger Lemmel gekommen sein?

In der um 1480 geborenen Generation gibt es mehrere Vettern Lemmel in den Tuchmacherstädten Chemnitz und Zwickau, sowie Vettern Lemmel in den Bergstädten Annaberg, Auerbach/Vogtland, Goldkronach, Joachimstal, Platten, Marienberg, Schneeberg, Schwarzenberg. Von einem dieser Orte mag ein Lemmel nach Reichenberg abgewandert sein. Mehr kann man nicht sagen.

Da der bei den Lemmeln seltene Vorname Hieronimus zuvor nur in Zwickau vorkam, hatte ich früher eine Herkunft aus Zwickau vermutet. Aber das halte ich nun eher für unwahrscheinlich. (HDL)

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