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Die Danziger Ratsfamilie Schumann

von Hans-Dietrich Lemmel

Gedruckt im "Danziger Hauskalender 1999", Danziger Verlagsgesellschaft Paul Rosenberg, Eckernförde.
Seither unwesentlich ergänzt und mit zusätzlichen Abbildungen versehen.


Ein Großteil der 1000-jährigen Geschichte Danzigs wurde von einigen Dutzend Kaufmanns- und Ratsfamilien gestaltet, zu denen die Familie Schumann gehörte. In den vier Jahrhunderten, seit der erste Schumann 1556 als Kaufmann nach Danzig kam, gab es elf Danziger Ratsherren namens Schumann, und fünf von ihnen wurden Bürgermeister. Aus dieser Familie stammte meine Urgrossmutter Marie Schumann, die im Jahre 1824 in Danzig geboren wurde.



1. Das Schumann-Haus

Als ich im Milleniumsjahr 1997 in Danzig war und man uns das Schumann-Haus zeigte, Langgasse 45, konnte ich feststellen, dass das Andenken an die Danziger Ratsfamilien nun wieder gewürdigt wird. Freilich kam es noch vor, dass ein Touristenführer vor den Schumann-Porträts im Nationalmuseum feststellte: "Das sind Familien, die hier vorübergehend gelebt haben." Vorübergehend: das ist im Falle der Familie Schumann, die keineswegs zu den älteren der Danziger Ratsfamilien zählt, immerhin ein gutes Drittel der 1000-jährigen Danziger Geschichte.

Zu meiner Freude war im 1998er "Danziger Hauskalender" das Schumann-Haus als ein prachtvolles Beispiel Danziger Renaissance-Baukunst abgebildet (Seiten 91-95). Nur wusste der Autor nicht, dass es das Schumann-Haus war. Es steht im Zentrum der Rechten Stadt, dort wo die Langgasse in den Langen Markt mündet, gleich gegenüber dem Rathaus. Aus dem reichen Schmuck mit Götterstatuen zu schliessen, muss es einst eines der vornehmsten Häuser gewesen sein. Eine hoch aufragende Figur auf der Giebelspitze stellt den Göttervater Zeus dar, und eine Etage tiefer findet man in Giebelnischen und auf Erkern den halben Olymp: Artemis, Apollo, Athene, Bacchus und Hera. Sie blicken hinunter auf die Statue Neptuns, der auf seinem Brunnensockel vor Rathaus und Artushof die Danziger Seeherrschaft symbolisiert.

Wunderbarerweise blieb die Renaissance-Fassade zur Langgasse hin im Krieg nahezu unversehrt erhalten, obgleich dicht dahinter der größte Teil des Hauses durch einen Volltreffer zerstört wurde. Auf Fotos der Nachkriegszeit blickt die Zeus-Figur des Schumann-Giebels einsam über das Trümmerfeld. Inzwischen wurde das Haus liebevoll wieder hergestellt und beherbergt ein Tourismusbüro. Ein Kunstführer über das Schumann-Haus ist in Vorbereitung. Der ursprünglich bestehende Beischlag vor dem Haus wurde schon um 1900 dem wachsenden Verkehr auf der Langgasse geopfert und auch jetzt nicht wieder aufgebaut.


  
Das um 1560 erbaute Schumann-Haus in Danzig, in einer Ansicht wohl aus dem 18. Jahrhundert.
Die kleine Terrasse vor dem Eingang, "Beischlag" genannt, wurde um 1900 dem Straßenverkehr geopfert.
  [Original 70x93 mm in meinem Besitz.- HDL]
Das Rathaus der Rechten Stadt Danzig, in dem die Schumänner als Ratsherren und Bürgermeister wirkten.
Rechts der Artushof, links das Schumann-Haus.
Zwischen Schumann-Haus und Rathaus mündet die Langgasse in den Langen Markt.

 
 
Um 1930 war das Schumann-Haus (links) ein gewöhnliches Geschäftshaus.
 
1997 zur Danziger 1000-Jahr-Feier war das Schumann-Haus schön renoviert. Drinnen befindet sich ein Tourismus-Büro.
Links Inge Höfler-Lemmel und Hans-Dietrich Lemmel vor dem Haus ihrer Vorfahren.
 
Detail-Ansichten des Schumann-Hauses. [Danziger Hauskalender 1998]

Im Danziger Hauskalender 2010 [Seite 104, Foto Herder-Institut] erschien eine weitere Abbildung des Schumann-Hauses. Sie gehört zu einer Reihe von Zeichnungen Danziger Bürgerhäuser, die der junge Architekt Otto Rollenhagen 1910-1914 anfertigte. Auffallend ist, dass man hier am Giebel vier Obeliske sieht, wohingegen die beiden äußeren Obeliske sowohl heute als auch auf früheren Abbildungen fehlen.
 
A = Artuhof
M = Marienkirche
R = Rathaus
S mit Pfeil = Schumann-Haus

Das letzte Bild zeigt die Lage des Schumann-Hauses gegenüber dem Rathaus. Zwiscchen Rathaus und Schumann-Haus mündet die Langgasse in den Langen Markt.
[Zeichnung nach Karl Gruber, Berlin 1929, aus Stanislaw Bogdanowicz: Marienkirche in Danzig. Laumann-Reiseführer 2.Aufl. 1995]

2. Familie Schumann kommt nach Danzig

Um 1560 wurde das Schumann-Haus erbaut. Kurz zuvor, 1556, war der Kaufmann Gabriel Schumann als erster der Familie nach Danzig gekommen. Ihm folgte 1586 sein Neffe, wiederum ein Gabriel Schumann, der bereits in den Rat gewählt wurde. Beide kamen aus Konitz, wo ihre Vorfahren Ratsherren und Bürgermeister gewesen waren, das Landgut Jeziorken besassen und mit pommerschen und neumärkischen Adelsfamilien verschwägert waren.

Der Erbauer und erste Bewohner des Schumannhauses ist unbekannt. Die Familie Schumann erwarb es erst später. Möglicherweise erbte es der zweite Gabriel Schumann von seinem Schwiegervater zweiter Ehe, dem Ratsherrn Michael Rogge, der mit den Ratsfamilien Brandes und Giese verwandt war und den erstrangigen Bauplatz gegenüber dem Rathaus besessen haben mag.

Dieser zweite Gabriel Schumann (* 1559, +1631) wurde zu einem bedeutenden Danziger Ratsherrn und Politiker, als während seiner Amtszeit der 30-jährige Krieg ausbrach. Um die deutschen Protestanten gegen den katholischen Kaiser Ferdinand den Zweiten unterstützen zu können, eroberte der Schwedenkönig Gustav Adolf 1621 alle Ostseehäfen, also auch Danzig, das beträchtliche Hafenzölle an Schweden abliefern musste. Dadurch waren die vom Polenkönig garantierten Danziger Handelsfreiheiten aufgehoben, und das protestantische Danzig war gezwungen, sich gegen die Schweden zu verteidigen und somit auf der katholischen Seite in den Krieg einzutreten. Dabei war Gabriel Schumann einer der maßgeblichen Danziger Diplomaten. So kam es, dass der Protestant Gabriel Schumann vom katholischen Kaiser Ferdinand, dem Anführer der Gegenreformation, für sich und alle Schumann-Nachkommen einen Adelsbrief erhielt, den ich mir 1997 in der Danziger Stadtbibliothek zeigen lassen konnte: ein prächtiges Quadratmeter-grosses Dokument. Darin ist von einer "Bestätigung" des Adels die Rede. Tatsächlich war bereits Michael Schumann, der Stammvater der Familie, im Jahre 1400 zum Ritter geschlagen worden. In hanseatischer Tradition wurde der Adel in den Danziger Ratsfamilien nicht gezeigt. Erst nachdem Danzig preußisch geworden war, begannen einige Zweige der Familie, sich "von Schumann" zu nennen.
 
 
Der hier schwarz-weiß wiedergegebene Adelsbrief, in Quadratmeter-Größe, befindet sich in der Danziger Stadtbibliothek.
Es ist eine im Jahre 1697 notariell beglaubigte Abschrift des Originalbriefes von 1633. Daneben das darin enthaltene Wappen.



Einen Mikrofilm des Originalbriefes habe ich aus Familienbesitz, wobei der Lagerort des Originals mir nicht bekannt ist.
Daneben das darin enthaltene Wappen.

 
Das Schumann-Wappen.
 

Zum Schumann'schen Adelsbrief von 1633

                        Asmus Schumann
                        *?1490 in Konitz,  1571 Konitz
                        Richter und Ratsherr in Konitz
                               ├────────────────────────────────────────────────┐
                        Christoph Schumann                                      │
                        * 1528 Konitz,  1602 Konitz                     Gabriel Schumann
                        Bürgermeister in Konitz                          *1530/31 Konitz, 1601 Danzig
  ┌─────────────────────┬──────┴──────┬─────┬────────┬───────────┐       seit 1556 Kaufmann in Danzig
Gabriel                 |             │     │        │           │              │
*1559 Konitz          Caspar          │     │        │           │              │
1631 Danzig          *?1570       Fabian  #5#       │           │              │
Ratsherr(1)       Pfarrer Konitz   *?1575 David      │           │              │
  |                                1621  *?1582  Michael       #4#             │
  ├──────┬─────┬───────┬────────┐  Danzig  1645  * 1584       Daniel      ┌────┴────────────────┐
David   #2#   #3#      │        │     |   Danzig   1631       * 1585    David        #8#        │
*1587  Hein-  Hans    #1#       │     │     |     Danzig        1657    * 1588     Salomon     #9#
in     rich  *1591   Gabriel    │     │     │     Kaufmann     Konitz    branden-   * 1594   Christoph
Danzig *1590 1641 *1595,1654 Georg  │     │        │           |       burgischer  1650    * 1595
  |    1655  Dan- Ratsherr,   *1599 Chri-  │        │           │       Rat        Danzig     1663
  │   Schöppe  zig oo Maria    ##### stof   │        │           │       #####                Danzig
  │    Danzig  |   Koseler,          *1606  │        │           │                               │
  │      |     │   ihre Bilder im    #####  │        │           │                               │
  │      │     │   Nationalmuseum           │        │           ├──────┬────────┬──────┐        │
  │      │     │           Danzig           │     ┌──┴────┐      │      │        │      │        │
David    │     └───────┐                    │    #6#     #7#   Michael  │        │      │        │
*1618    ├─────┐     Johann            Michael Salomon Michael *?1615 Christoph  │      │        │
##### Gabriel  │     *1622             * 1624  * 1623  *?1625   1657 *?1620   Daniel   │     ┌──┴───┐
      *1631    │     1663              1673   1695  Kauf-   Stadt- venezia- *?1630 Hans  Ludwig Con-
      †1700  Gerhard Danzig            Danzig  Ratsherr mann  schrei- nischer  1710 *?1635 *1636  stan-
     Bürger- Ludwig                            Danzig  Danzig  ber in General Danzig Danzig 1691  tin
     meister *1642                                             Konitz                      Schöffe *1637
      Danzig                                                                               Danzig  1705
                                                                                                Ratsherr
                                                                                                  Danzig


Im Jahre 1633 stellte Kaiser Ferdinand der II. der Familie Schumann einen Adelsbrief aus. Dabei sind 9 Schumänner
namentlich genannt: "Gabriel, Heinrich unnd Hanß, wie auch Daniel, Davidt Gebrüdere, dan Salomon und Michael,
mehr Salomon und Christoff, alle die Schumannen Gebrüder und Vettern". - In der oben gezeigten Schumann-Stammtafel
sind diese 9 Schumänner mit den Ziffern #1# bis #9# markiert.  Es zeigt sich, dass der Adelsbrief alle Schumann-Linien
berücksichtigt, ausgenommen die 4 Linien, die mit ##### gekennzeichnet sind. Man kann annehmen, dass diese Linien
ohne männliche Nachkommen bereits vor 1633 ausgestorben waren. Es kann aber auch sein, dass diese Linien in andere
Länder abgewandert waren, so wie der brandenburgische Rat David Schumann, und dass sie deswegen im Adelsbrief
nicht berücksichtigt wurden. - Die Nobelitierung in die Wege geleitet hatte bereits der 1631 gestorbene Gabriel, der als
erster der Familie Schumann in Danzig Ratsherr geworden war.

 
Der Adelsbrief, der in Danzig erst nach dem 1631 erfolgten Tod des Geehrten eintraf, wurde von seinem Sohn entgegengenommen, der wiederum Gabriel hieß. Gabriel-3 Schumann war mit einer Künstlerin verheiratet, Maria geborene Köseler, von der einige Bilder im Danziger Nationalmuseum zu sehen sind.

 
Bilder von Maria Schumann geb. Köseler im Danziger Nationalmuseum.
[Fotos H.D.Lemmel 1997]



Gabriel-3 Schumann, * 1595, 1654.  [Stadtbibliothek und Nationalmuseum Danzig]
(In einer früheren Fassung war dieses Bild irrtümlich mit "Gabriel-2" beschriftet gewesen.)

Gabriel-3 wurde Ratsherr und Stadtkämmerer. Er starb 1654 kinderlos. Ihm und seinem Vater wurde ein prächtiges Epitaf gewidmet, das heute wieder, schön restauriert, in der Marienkirche zu besichtigen ist. Aus seinem beträchtlichen Vermögen stiftete er den "Schumannschen Fideikommiss", der bis 1945 als "v.Groddeck-Schumann'sche Familienstiftung" fortbestand. Zuletzt wurde die Stiftung, die noch in Inflation und Wirtschaftskrise manchem jungen Familienangehörigen eine Ausbildung ermöglichte, in Zoppot von der Schumann-Nachfahrin Edith Sohn verwaltet, die 1945 umkam.
 

 
Epitaf in der Danziger Marienkirche am südwestlichen Vierungspfeiler für Gabriel-3 Schumann (*1595, 1654) und seinen Sohn Gabriel-4 Schumann (*1631, 1700).
[Foto H.D.Lemmel 1997]

  
Gabriel-4 Schumann, * 1631,  1700. Bürgermeister von Danzig.
(Stich von Leonhard Heckenauer nach einem Gemälde des
Danziger Malers Enoch Seemann d.Ä.)
[Stadtbibliothek und Nationalmuseum Danzig]

3. Bürgermeister Schumann

Gabriel-4 Schumann, geboren 1631, war der erste Bürgermeister der Familie. Er verfasste ein "Lebensbuch" über seine Studien an den Universitäten von Königsberg, Straßburg, Basel und über seine Reisen bis nach England, Frankreich und Italien. Er berichtete, wie er den noch jungen König Ludwig den XIV. sah und die Trauerfeierlichkeiten für den 1655 gestorbenen Papst Innozenz den X. erlebte.

Sein Neffe, Gabriel-5 Schumann, geboren 1665, verfasste als Bürgermeister ein umfangreiches Buch, eine Sammlung der Danzig betreffenden königlichen Dekrete, die, zusammengenommen, die Danziger Stadtverfassung ausmachten. Hier seine Unterschrift auf dem Titelblatt dieses Werkes.
 
Gabriel-5 Schumann nannte sich "Gabriel Schumann Senior" zur Unterscheidung von seinem 2 Jahre jüngeren Vetter Gabriel-6 Schumann, der ebenfalls Bürgermeister wurde. Von letzterem hängt ein schönes Porträt "Der junge Schumann" im Danziger Nationalmuseum, daneben seine Mutter Konstantia Schumann geborene von Holten, Ehefrau von Gabriel-4 Schumann.
      [Ausstellungskatalog]

Dessen Enkel, der 1749 geborene Bürgermeister Ernst Schumann, war der letzte Stadtpräsident der Freien Stadt Danzig, als sie 1814 von Preußen annektiert wurde. Dessen Neffe Michael Gabriel Schumann lebt um 1810 in der Langgasse im Haus Nr.406. Das ist die alte Zählung der Häuser, und ich vermute, dass dies das Schumannhaus ist; aber dafür habe ich noch keine Bestätigung. Seine Söhne zogen von Danzig fort. Michael Gabriel selbst starb bei seinem Sohn, der Pfarrer in Klein Katz war. Er war also wohl der letzte Schumann im Schumannhaus, das alsbald zu einem Geschäftshaus wurde.
Das Schumann-Haus um 1930.

In der preußischen Zeit war Friedrich Schumann von 1847 bis 1862 Bürgermeister von Danzig. Zu dieser Zeit waren die meisten Familienangehörigen bereits in andere preußische Landesteile abgewandert. Zuletzt lebte in Danzig Annemarie v.Schumann, Tochter des Danziger Landgerichtspräsidenten Franz v.Schumann; sie starb 1944, kurz vor dem Untergang der Stadt. Ihre Schwester Margarete flüchtete nach Kalifornien, wo sie als Malerin lebte und 1967 in hohem Alter starb.

Alle Taufen, Heiraten und Begräbnisse der Familie fanden in der Marienkirche statt. Neben dem schon erwähnten Epitaf findet man dort im Fussboden die Grabplatte des Ratsherrn Johann Arnold Schumann (gestorben 1725) mit dem Schumann-Wappen, und an den Pfeilern hängen Wappentafeln einiger verschwägerter Familien Schumann, v.Bodeck, von der Linde, und andere.

Grabplatte Johann Arnold Schumann
[Foto H.D.Lemmel 1997]


4. Die Verwandtschaft

Schon Gabriel-1 Schumann verband sich in zwei Ehen und durch die Heiraten seiner elf Kinder mit den vornehmsten Danziger Familien. Sein Schwiegersohn war der Bürgermeister Israel Köhne-Jaski, der für seine Familie ein prächtiges Epitaf direkt am Hohen Tor der Marienkirche errichten liess, das leider 1945 großenteils zerstört wurde. Ein anderer Schwiegersohn war der Ratsherr Albrecht Rosenberg, aus dessen Familie der "Kalendermann" stammt, der Herausgeber des "Danziger Hauskalenders" nach 1945.

Im 17. und 18. Jahrhundert gab es in Danzig stets eine stattliche Anzahl von Brüdern und Vettern Schumann, die mit fast allen Danziger Kaufmanns- und Ratsfamilien verschwägert waren. (Eine umfassende Genealogie dieser Familien wurde von Dorothea Weichbrodt geb. v.Tiedemann 1988-1993 bei der Danziger Verlagsgesellschaft Paul Rosenberg in 5 Bänden herausgegeben.)

Einer der bekanntesten Verwandten ist der Physiker Gabriel Daniel Fahrenheit, 1686 in Danzig geboren, der mit der Erfindung des Quecksilber-Thermometers eine der Grundlagen für die modernen Naturwissenschaften schuf. Seine Mutter war Concordia Schumann.

Mehrfach bestand Verschwägerung mit der Familie Giese, die bereits seit 1430 in Danzig beurkundet ist. Tiedemann Giese, Bischof von Kulm und Vetter eines gleichnamigen Danziger Bürgermeisters, war ein enger Freund von Niklas Koppernigk, genannt Copernicus. Etliche der Schumann-Ehefrauen waren Nachkommen der Thorner Kaufmannsfamilie Watzenrode, aus der die Mutter des Astronomen stammte.


5. Prussische Abstammung

Recht interessant ist, was über den Ursprung der Familie Schumann berichtet wird. Der gesicherte Stammvater ist Michael Schumann, ein Deutschordens-Ritter, der zur Zeit der Tannenberg-Schlacht von 1410 lebte. Er gehörte nicht zu den Rittern, die aus dem Deutschen Reich kamen, sondern er ist altpreußischer Herkunft und soll ein Nachkomme des Prussenfürsten Skomand sein. Diese Überlieferung wird durch das "Lebensbuch" von Gabriel-4 Schumann gestützt, worin er sein "Geschlecht von denen noch heydnischen Prussen" herleitet und bezeugt, "dass unter den vornehmsten Geschlechtern dies Landes die Schuhmänner gewesen".

Skomand war im Jahre 1264 ein mächtiger Fürst des Prussenstammes der Sudauer. Seine Stammburg lag in Skomentnen am Skomant-See östlich von Lyck. Der dort gefundene wertvolle Silberschatz stammt wahrscheinlich aus seiner Familie. Skomand mag ihn vergraben haben, als er im Jahrzehnte dauernden Kampf gegen den Deutschen Orden keinen sicheren Ort mehr hatte.

Skomand war der letzte Prussenfürst, der als Anführer der Sudauer ein halbes Jahrhundert gegen den Orden kämpfte. Als er im Jahre 1280 aufgab, wurde seine Stammburg in Skomentnen zerstört. Der Stamm der Sudauer wurde getauft und vom Orden angesiedelt, teils im späteren Masuren, teils im "Sudauerwinkel" im Samland. Auch Skomand liess sich schliesslich mit seinen Söhnen taufen. Er wurde ein Gefolgsmann des Ordens und lebte auf der Ordensburg Balga am Frischen Haff. "Hat sich nach seiner Bekehrung allerwegen bey dem Orden getreulich und redlich verhalten". Als Ortskundiger, "der aller Wege und Stege kundig war", war er für die Verwaltung des Landes unentbehrlich. 1284 wurde er mit Steinen (= Steegen) bei Kanditten im Kreis Pr.Eylau belehnt, wo um 1375 sein Nachkomme, Dietrich "Skomand von Steinen" als Kolonisator unter dem Hochmeister Winrich v.Kniprode beurkundet ist.

Um 1400 taucht Michael Schumann als ein Ordensritter auf. Angesichts der Tatsachen, dass Ordensritter zumeist adeliger Herkunft waren, und dass die im 17. Jahrhundert aufgeschriebene Überlieferung behauptet, dass Michael Schumann von den "heydnischen Prussen" abstammt, muss man ihn mit großer Wahrscheinlichkeit als einen Verwandten des Ordensmannes Dietrich Skomand und als einen Nachkommen des Prussenfürsten Skomand ansehen. Nach der Tannenberg-Schlacht trat Michael Schumann 1417 aus dem Orden aus, ging an den pommerschen Hof und wurde in der Gegend von Konitz belehnt. Von dort zog 1556 der erste Schumann nach Danzig.

Die Zeus-Statue auf dem Giebel der Schumann-Hauses wurde denn auch in der Familie scherzhaft als Skomand tituliert.


Unter den beachtlichsten Kunstwerken, die von den Prussen erhalten sind, gibt es einige Meter-große mittelalterliche Steinskulpturen, die menschliche Figuren darstellen, vielleicht Monumente oder Grabmäler für bedeutende Fürsten. Diese Figuren haben stets ein Horn in der Hand, in dem man ein Symbol der Fürstenwürde vermuten kann. Wenn nun das Schumann-Wappen Hörner zeigt: ist das ein deutliches Zeichen für ihre prussische Herkunft? Eindeutig ist das nicht, denn Hörner gibt es auch in Wappen von Familien, die keinesfalls prussischer Herkunft sind.
     


6. Polens Aurea Porta

Seit der Trennung vom Deutschen Orden gehörte Danzig zur polnischen Krone, freilich nicht zum polnischen Staat. Der König von Polen war in Personalunion nicht nur Großfürst von Litauen sondern nun auch ein Schutzherr der preußischen Städte, zum wirtschaftlichen Vorteil von beiden Seiten. Danzig wurde zur "Aurea Porta", zur Goldenen Pforte Polens. Dies war der Titel der prächtigen Ausstellung zur 1000-Jahr-Feier. Danzig hatte sich aus der antiquierten Herrschaft des zerfallenden Deutschen Ordens gelöst und sich freiwillig dem polnischen König unterworfen, weil dieser den Danzigern ihre Privilegien verbriefte. Die königlichen Dekrete, die der Stadt weitgehende Freiheiten in Handel und Politik bestätigten und die Gabriel-5 Schumann in seinem Buch zusammenstellte, begründeten Danzigs Glanz und Reichtum. Andererseits profitierte Polen vom Unternehmertum der Danziger Kaufleute. Es war eine eigenartige politische Verknüpfung, die beiden Seiten zum Vorteil gereichte.

Formell war der polnische König in Danzig durch den "Burggrafen" vertreten; der König hatte das Recht, den Burggrafen zu ernennen, aber er musste ihn aus dem Kreis der Danziger Ratsherren auswählen. So wurden auch vier der elf Schumann-Ratsherren zu Burggrafen ernannt.

Die Danziger bereiteten den polnischen Königen glanzvolle Empfänge; aber sie wachten über ihre Freiheiten, die sie unter der polnischen Krone zu einem selbständigen Stadtstaat machten. Über Gabriel-4 Schumann wird berichtet, dass er "die Rechte der Stadtregierung mit viel Rechtskenntnis und Gewandtheit gegen König Johann den III. verteidigte", obgleich dieser ihn zu seinem Burggrafen ernannt hatte.

Als Danzig 1793 und schließlich 1814 preussisch wurde, war die Sonderstellung Danzigs weitgehend beendet. Das Schumann-Haus im Herzen der Stadt wurde aufgegeben, und viele der Schumann-Söhne fanden in anderen preussischen Städten neue Wirkungsstätten. Jedoch blieb ein Familienzweig in Danzig bis zum bitteren Ende.


Zu den Bildern:
Fotos des Autors; Familienarchiv Lemmel;
Biblioteka PAN (Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften, vormals Stadtbibliothek Danzig);
Teresa Grzybkowska: Muzea Gdańska, Arkady-Verlag Warschau 1996;
Danziger Hauskalender 1998.
 
 
Ende

Einige Ergänzungen:

 •  Hier sehen Sie Agatha Constantia Groddeck geborene Schumann, geboren 1743, die den späteren Danziger Bürgermeister Michael Groddeck heiratete. Leider starb sie schon kurz nach der Heirat im Alter von 18 Jahren. Der betrübte Witwer ließ ihr Konterfei in Kupfer stechen, wovon mir 1997 ein Abdruck in der Danziger Stadtbibliothek vorgelegt wurde. Ein anderer Abdruck wurde in goldenem Rahmen in der 1000-Jahre-Danzig-Ausstellung aufgehängt. Michael Groddeck heiratete ein zweites Mal, bekam 8 Kinder, darunter eine Tochter Renate Agathe, die den späteren Danziger Bürgermeister Ernst Schumann heiratete und so nicht nur unsere Ahnfrau wurde sondern auch First Lady im Freistaate Danzig. Ihr Vater, Michael Groddeck, wurde in den preußischen Adelsstand erhoben. Am östlichen Mottlau-Ufer in Danzig gibt es zwei große Speicher-Bauwerke names "der große Groddeck" und "der kleine Groddeck". Alle Danziger Ratsfamilien waren Kaufleute, die Schiffe und Speicher hatten und, hauptsächlich, polnisches Getreide nach Holland und Westdeutschland verkauften.  (HDL 1997)


  •  Im Jahre 2010 gab es in Danzig Blechdosen mit der Abbildung des Schumann-Hauses zu kaufen, die mit den Lebkuchen gefüllt waren, die vormals "Thorner Katharinchen" hießen und von der Firma Weese in Thorn erzeugt wurden.

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