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Zu seinem 450. Todestag 1993:

Beiträge zu Copernicus und seiner Verwandtschaft

von Hans-Dietrich Lemmel

Ursprünglich gedruckt in der Zeitschrift "Genealogie" Heft 1-2/1993.
Seither geringfügig ergänzt und mit zusätzlichen Abbildungen versehen.
Ausführliche Fassung mit Quellenangaben. Es gibt auch eine Kurzfassung ohne Quellenangaben.



1993 jähren sich zum 450. Mal der Tod von Nicolaus Copernicus und der Erstdruck seines Hauptwerkes in Nürnberg.

Aus einem neuen umfangreichen genealogischen Werk von Dorothea Weichbrodt über die Bürger Danzigs und aus einigen anderen Quellen ergeben sich Ergänzungen zu den Ahnen von Nicolaus Copernicus, die deutsche Kaufmannsfamilien im Raum Breslau - Krakau - Thorn - Danzig betreffen. Eine Bildtafel im Heilsberger Schloß, die angeblich Niklas Koppernigk, den Vater des Astronomen, nebst vier Familienwappen zeigt, wird besprochen. Einige teils amüsante Marginalien zur Copernicus-Verwandtschaft und zu seiner Nichte und Haushälterin Anna Schilling werden vorgetragen. Den Abschluß bildet eine kurze Darstellung der politischen Verhältnisse Altpreußens, die der heutigen Generation kaum noch bekannt sind. Da der Autor mehrfach von einer Schwester der Mutter von Copernicus abstammt, wurde bewußt eine Darstellung aus einer persönlichen Sicht gewählt.

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Nicolaus Copernicus, * Thorn 19.2.1473, † Frauenburg 24.5.1543. Vor 450 Jahren wurde sein Hauptwerk "De Revolutionibus Orbium Coelestium", das die Erde von der gedachten Mitte des Weltalls in eine Umlaufbahn um die Sonne versetzte, in Nürnberg gedruckt; das erste Exemplar erreichte Frauenburg am Todestage seines Autors.

Der Titel ist nicht leicht zu übersetzen. Er lautet nicht: "Von den Umläufen der Himmelskörper", wie man ihn oft übersetzt findet [1]; denn die Wörter für Körper oder Lauf oder Rotation wurden nicht benutzt. Wörtlich heißt es: "Von den Umwälzungen der himmlischen Kreise". Dabei kann das Wort Orbis=Kreis alles bezeichnen, was am Himmel rund ist: die Scheiben der Sonne und des Vollmonds, die Bahnen der Planeten und die der Fixsterne um den Polarstern, Himmelsäquator oder Tierkreis. Im Gegensatz zum "orbis terrae", dem Erdkreis, bezeichnen die "orbes coelestes" aber auch die "himmlischen Bereiche", also das ganze Himmelsgewölbe, das Weltall. In dem Titel klingen also nicht nur die Drehbewegungen der Planeten an, sondern auch die "Umwälzungen" in der Lehre über das Weltall. Es sieht so aus, als ob diese Mehrdeutigkeit des Titels durchaus beabsichtigt war - freilich nicht unbedingt von Copernicus selbst sondern vom Nürnberger Herausgeber Johannes Petreius [2]. Dieser dürfte den vermutlich von Copernicus gewählten kürzeren Titel "De Revolutionibus" eigenmächtig erweitert haben.

[1] Zum Beipiel Brockhaus Enzyklopädie Bd.10, 1970, S.479.

[2] Nicolaus Copernicus, De Revolutionibus Orbium Coelestium Libri VI, Nürnberg, Johannes Petreius, 1543. Englische Neuausgabe unter dem Titel "On the Revolutions", übersetzt und kommentiert von Edward Rosen im Auftrag der Polnischen Akademie der Wissenschaften, Warszawa-Kraków, Pañstwowe Wydawnictwo Naukowe 1978. (Nicholas Copernicus, Complete Works, II.) - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.39, 1978, S.165.

 
Das Werk wurde Papst Paul dem III. gewidmet. Zur dieser Zeit war die Kirche den Naturwissenschaften gegenüber aufgeschlossen. Wegen der geplanten päpstlichen Kalenderreform erhielt Copernicus aus Rom sogar Zuspruch zur Fortführung und Publikation seines Werkes [3]. Aber im Jahre 1600 wurde Giordano Bruno wegen seiner Lehre über das unendliche Weltall von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ebenso hätte es 1633 Galilei ergehen können, der mit seinem neuen Fernrohr die heliozentrische Lehre überprüfen konnte und in seinem "Dialogo über das ptolemäische und das copernicanische Weltsystem" für Copernicus Stellung nahm. Er mußte widerrufen, um sein Leben zu retten. 359 Jahre dauerte es, bis die katholische Kirche 1992 ihren Irrtum eingestand und Galilei (nicht aber Bruno!) rehabilitierte.

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Mein persönliches Verhältnis zu Copernicus begann damit, daß ich in meiner Jugend in Thorn oftmals am Copernicusdenkmal vorbeikam oder es mit der in ihren Gleisen quietschenden Straßenbahn umkurvte; und auch damit, daß ich in einer Straße wohnte, die nach dem Thorner Bürgermeister Albrecht Russe benannt war, einem der Urgroßväter von Copernicus. Damals wußte ich noch nicht, daß Albrecht Russe mein Vorfahr war. Ich wußte auch nicht, daß wir in einer Gegend wohnten, in der vormals meine Vorfahren Watzenrode Besitz gehabt hatten ("vier Morgen Wiese in der Mocker"), und daß es im Thorner Stadtarchiv den Brief meines Namensvetters Hans Lemmel von 1439 gab, in dem Lucas Watzenrode, der Großvater des Astronomen, angesprochen wird. Das erfuhr ich erst Jahre später, als ich mich mit der Familienforschung beschäftigte.

[3] Tadeusz Pawluk, Wplyw srodowiska koscielnego na powstanie i ukazanie sie dziela De Revolutionibus Mikolaja Kopernika. (Der Einfluß des kirchlichen Milieus auf die Entstehung und Veröffentlichung des Werkes De Revolutionibus von Nicolaus Copernicus.) In: Studia Warmiñskie 11, 1974/1975, S.53-92. - Marian Borzyszkowski, Kosciól wobec De revolutionibus Mikolaja Kopernika. (Die Kirche und das Werk De Revolutionibus von Nicolaus Copernicus.) Ebenda, S.527-535. - Besprechung zu beiden von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.38, 1976, S.169.

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Die westpreußischen Bürger- und Ratsfamilien waren schon vor einigen Jahrzehnten durch den kürzlich verstorbenen Danziger Genealogen Helmut Strehlau [4] gut erschlossen, so daß jeder, der einen Danziger Ratsherrn unter seinen Vorfahren hatte, seine Ahnentafel umfangreich ausbauen konnte. Nun legte die Danzigerin Frau Dorothea Weichbrodt geb. v.Tiedemann 1986-1994 ein umfangreiches Werk über die "Patrizier, Bürger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig" vor [5], in dem ein noch wesentlich umfangreicheres Material erschlossen wird.

Das fünfbändige Werk besteht aus grafisch angeordneten Stammtafeln in A4-Format, in denen auf engstem Raum erstaunlich viele Einzelheiten eingetragen sind. Es sind über 1700 Familien dargestellt, von der ersten Beurkundung in Danzig bis ins 18., manchmal auch ins 19. Jahrhundert. Die Stammtafeln sind teils in gut lesbarer Handschrift, teils in Schreibmaschinenschrift wiedergegeben, teils in Originalformat, teils von größeren Formaten auf A4-Format verkleinert, so daß in Einzelfällen eine Lupe zu Hilfe genommen werden muß, was keinesfalls als Kritik zu werten ist.

Das Material stammt größtenteils aus den Danziger Kirchenbüchern, die um 1575 einsetzen. Trotz der Zerstörung Danzigs blieben sie erhalten und lagern in einem Danziger Archiv. Sie standen der Autorin auf Mikrofilmen der Genealogischen Gesellschaft von Utah zur Verfügung. Für die Zeit vor 1575 wurden alte Danziger Genealogien und andere Quellen aus dem Danziger Stadtarchiv herangezogen, auf die in zahlreichen Fußnoten verwiesen wird.

Soweit ich die Daten von Strehlau und von Frau Weichbrodt vergleichen konnte, ließ sich feststellen, daß die Daten übereinstimmen und daß beide sehr sorgfältig arbeiteten. Einige kleine Unstimmigkeiten dürften bereits aus den alten Chroniken stammen, die nicht ganz ohne Widersprüche sind.

Frau Weichbrodt erarbeitete umfangreiches bisher nicht erschlossenes Material. Durch die Veröffentlichung in Buchform stellt sie den Familienforschern alles gratis zur Verfügung. Die Bände können in den einschlägigen Bibliotheken oder durch Fernleihe eingesehen werden. Insbesondere stehen die Bände in der Bücherei des deutschen Ostens in Herne, beim Verein "Herold" und im Geheimen Staatsarchiv in Berlin, in den Universitäts-Bibliotheken in Kiel und Göttingen, sowie beim Verein für Familienforschung in Ost-und Westpreußen.

[4] Helmut Strehlau, Westpreußische Familienforschung Bielefeld. Nunmehr fortgeführt durch Klaus-Dieter Kreplin, Studienstelle Ostdeutsche Genealogie der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund; Mittlg Dieter God 1991. - Vergl. Altpreußische Geschlechterkunde Bd.21, 1991, S.636 und Ostdeutsche Familienkunde Bd.12, 1991, S.308. - Eine Würdigung der genealogischen Verdienste von Helmut Strehlau brachte Walter Kapahnke in: Ostdeutsche Familienkunde Bd.13 Heft 2, 1992, S.70.

[5] Dorothea Weichbrodt geb. v.Tiedemann: Patrizier, Bürger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig in Stamm- und Namentafeln vom 14.-18. Jahrhundert. Danziger Verlagsgesellschaft Paul Rosenberg, Klausdorf bei Kiel, Bände 1-5, 1986-1994, jeder Band etwa 500 Seiten, gebunden. Mit etwa 100,- DM pro Band äußerst preisgünstig. - Besprechung der ersten beiden Bände von Joachim Zdrenka in: Altpreußische Geschlechterkunde Bd.18, 1988, S.437.

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Die älteren Generationen spiegeln Danzigs weitläufige Beziehungen der Hansezeit wieder: im Westen bis Holland und Westfalen, im Nordosten bis Dorpat und Reval, im Süden bis Breslau, Krakau und Warschau. Aber mit dem Ende der Hanse scheinen die Danziger Familien mehr und mehr in eine Isolierung vom übrigen Deutschland geraten zu sein, die sich auch in den Stammtafeln zeigt. Dadurch gibt es viele Verwandtenehen, und jede Danziger Ahnentafel wird einen beträchtlichen Ahnenschwund aufweisen. Auffallend ist, daß Frauen oft in sehr jungen Jahren heirateten und Kinder bekamen, während andererseits Männer noch in recht hohem Alter für Nachwuchs sorgten. Oft gibt es Kettenehen: Ein Witwer heiratet eine junge Frau, die dann als Witwe wieder heiratet... Dadurch entstehen starke Generations-Verschiebungen, so daß bei Ahnenschwund manche Vorfahren in drei oder vier verschiedenen Generationen auftauchen.

Meine Urgroßmutter ist Marie Schumann aus Danzig [6]. Nach dem Strehlau'schen Material hatte sie drei Ahnenlinien, die zu Copernicus' mütterlichen Großeltern Lucas und Käthe Watzenrode führen. Nach dem Weichbrodt'schen Material sind es nun sogar sechs Linien, wie in untenstehender Tafel gezeigt wird. Insgesamt ergeben sich 2270 Vorfahren, die bei einem Ahnenschwund von 66 Prozent jedoch nur aus 770 Personen bestehen. Dies zur Illustration des gewaltigen Umfanges des Lebenswerkes von Frau Weichbrodt, die die mühsame Entstehungsgeschichte und die vielfältigen Quellen dazu im Vorwort schildert.


[6] Hans-Dietrich Lemmel: Ahnenliste Marie Schumann oo Lemmel, * Danzig 1824, Genealogische Gesellschaft von Utah, Mikrofilm 1691490, 1990. Neufassung 1992, Manuskript und Computer-Datei. - Anmerkung zur Schumann-Genealogie: Der 1631 geborene Gabriel Schumann berichtet in seinem "Lebensbuch", daß er sein "Geschlecht von denen noch heydnischen Prussen herziehen" könne. Danach ist es durchaus glaubhaft, daß der Deutschordensritter Michael Schumann (um 1400, Stammvater der Danziger Schumann) ein Sohn oder Neffe des Ordens-Kolonisators Dietrich Skomand ist, der wiederum ein Nachkomme des 1285 gestorbenen Pruzzenfürsten Skomand war. Diese Meinung über die Abstammung der Familie Schumann stammt aus einem unveröffentlichten Manuskript von Erich Lemmel (* Königsberg/Pr. 1890) und dessen Briefwechsel mit Rudolph v.Schumann und Bernhard v.Schumann.


 
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Obgleich der Titel des Weichbrodtschen Werkes nur Danzig erwähnt, wurden auch viele Familien aus Thorn, Elbing und anderen westpreußischen Städten aufgenommen, so auch einige Familien der Copernicus-Verwandtschaft in Thorn, zu der ich einige Anmerkungen machen möchte.

Die für den Genealogen wesentlichsten Arbeiten dürften die von Erich Wentscher [7] zum Copernicus-Jahr 1943 (400. Todestag) und die von Walter Teßmer [8] zum Jubiläumsjahr 1973 (500. Geburtstag) sein. Eine empfehlenswerte neuere Biographie über Copernicus erschien 1984 von Georg Hermanowski [9], einem gebürtigen Allensteiner. Neuere Forschungen zu Copernicus werden regelmäßig in der Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands besprochen [10].

Hermanowski benutzt die Schreibweise "Kopernikus", die sich im Deutschen eingebürgert hat, die so auch im Duden vorgeschrieben ist, die aber in keinem Originaldokument vorkommt. Genealogen und Historiker sollten Namen in ihrer Originalschreibweise oder, wenn diese vielfältig variiert, in der häufigsten urkundlichen Schreibweise wiedergeben. Die latinisierte Form seines Namens, die der Astronom sogar in deutschsprachigen Briefen eigenhändig verwendet hat [11], lautet ausschließlich "Copernicus". Die ursprüngliche deutsche Form des Namens kommt in etlichen Varianten vor, unter denen verschiedene Autoren die Form "Koppernigk" bevorzugt verwenden.

Niklas Koppernigk, der spätere Astronom, war der Sohn eines gleichnamigen Vaters, der als Großkaufmann aus Krakau seit 1458 in Thorn lebte, wo er Gerichtsschöppe der Altstadt wurde. Die Mutter des Astronomen war Barbara Watzenrode, Tochter des reichen Thorner Kaufmannes Lucas Watzenrode und seiner schönen Frau Käthe ("sie war eine Krone aller Frauen in der Stadt Thorn") [12].

Die gesicherte Koppernigk-Reihe reicht bis zum Großvater des Astronomen, Johann Koppernigk, der etwa um 1390 geboren sein mag und der von 1422 bis 1441 als Großkaufmann in Krakau beurkundet ist [13]. Er war mit einer Tochter des Krakauer Bürgers Peter Bastgert [14] verheiratet, dessen Vater Johannes aus Oppau in der Rheinpfalz nach Krakau gekommen war. Als Johann Koppernigks Vater nahm Georg Bender [15] einen Niclos Koppirnik an, der 1386 in Krakau das Bürgerrecht erhielt und 1395 dort als Steinmetz lebte. Bender merkte an, daß es

[7] Erich Wentscher: Blutslinien um Nikolaus Koppernik. Archiv für Sippenforschung 1944, S.21-29 u. 51-58.

[8] Walter Teßmer: Nicolaus Copernicus. Altpr.Geschlechterkunde Bd.7 Heft 1, 1973, S.117-134.

[9] Georg Hermanowski: Kopernikus. Verlag Styria, Graz, Wien, Köln 1984. Mit Bibliographie S.236-238.

[10] Herrn Werner Thimm vom Historischen Verein für Ermland in Münster danke ich für zahlreiche Hinweise.

[11] Hans Koeppen, Die Schreibung des Namens Copernicus, in: Schlesien Bd.18, 1973, S.13-16. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.38, 1976, S.167.

[12] Franz Hipler, Das Porträt des Nicolaus Coppernick von Krakau. In: Spicilegium Copernicanum, Braunsberg/Leipzig 1872, S.301-303, Fußnote 2.

[13] Weichbrodt Bd.2 S.484.

[14] Wentscher S.22-24. >Der Großvater des Astronomen war Johann Koppernigk in Krakau."Seine Ehe mit einer Tochter des Krakauer Bürgers Peter Bastgert, dessen Vater Johannes aus Oppau (Rheinpfalz) zugewandert war und 1392 im Krakauer Schöffenbuch erscheint, ist zuerst vom Polen Polkowski vermutet und später von seinem Landsmann A.L. Birkenmajer bekräftigt worden." [Birkenmajer in Stromata Copernicana, Krakau 1924, S.248ff]. - Ob zu dieser Zeit der Name Bastgert in Oppau urkundlich belegt ist, habe ich nicht untersucht (HDL).<


[15] Georg Bender: Heimat und Volkstum der Familie Koppernigk. Breslau 1920, Band 27 der Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte.

 
schon vorher Namensträger Koppernigk in Krakau gab, und daß diese wohl alle aus dem Dorf Köppernig bei Neiße in Mittelschlesien (südlich von Breslau, westlich von Oppeln) stammten. Sie hätten den Namen ihres Heimatdorfes als Familiennamen angenommen, so daß Leute dieses Namens zwar aus demselben Ort kämen aber nicht alle der gleichen Familie zuzurechnen seien.

Dazu fand ich nun eine gegenteilige Meinung, die zwar genauso wenig wie Benders Ansicht erwiesen, aber durchaus plausibel ist [16]. Köppernig sei keiner der typisch schlesischen Ortsnamen, die in den deutschen Neusiedlungen des 13. Jahrhundert gern auf -walde, -rode oder -hau gebildet wurden. In diesem Falle sei nicht der Familienname vom Ortsnamen herzuleiten, sondern der Ortsname müsse auf einen Kolonisator ("Lokator") namens Köppernig zurückgehen, der das Dorf um 1260 als Rodungssiedlung gegründet habe.

Laut Hermanowski [17] war Köpperning bei Neiße ein Gut. Es wäre kein Einzelfall, daß ein Gut nach seinem Besitzer benannt wurde. Um diese Hypothese zu prüfen, wäre es nun interessant zu wissen, ob eine Familie mit Köppernig-ähnlichem Namen bereits im 13. Jahrhundert im deutschen Sprachraum existierte und mit dem mutmaßlichen Gutsbesitzer von Köpperning in Verbindung gebracht werden könnte.

Laut Wentscher freilich kann der Ortsname Köppernig auch von einem slawischen Wortstamm hergeleitet werden, der Fenchel oder Kümmel bedeutet [14]. Wentschers Hinweis auf den slawischen Wortstamm ist allerdings irreführend, denn Köpernik oder Köppernickel ist ein altes deutsches Wort für mehrere würzige Doldenblüter [18], zu denen auch Fenchel gehört.

Der Gutsname Köpperning, von dem der Familienname Koppernigk hergeleitet wird, kann also entweder von einem noch älteren Familiennamen oder aber von der Pflanze "Köppernickel" herrühren.

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Der mütterliche Großvater des Astronomen ist Lucas Watzenrode (auch Wetzelrode), der als Schöppenmeister und "einer der reichsten Männer in Thorn und im Kulmerland" [15] 1462 in Thorn starb. Sein Vater Friedrich W. starb 1416 in Thorn an der Pest. Dessen Vater Albrecht W. ist mit seinen beiden älteren Brüdern Friedrich und Johann 1369-1392 in Thorn mit Hausbesitz beurkundet. Sie müssen etwa um 1340 geboren sein. Hier endet die gesicherte Reihe.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß die Thorner Watzenrode, für welche Leibrenten der Stadt Breslau beurkundet sind [14],[19], aus Schlesien stammen.

[16] Heiko Urtel: Coppernick und seine Ahnen. Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Nr.172 vom 27.7.1991.

[17] Hermanowski S.9.

[18] Brockhaus, wie Anm. [1].

[19] Janusz Tandecki, Dzialalnosc finansowa mieszczañstwa toruñskiego ... (Die Finanztätigkeit des Thorner Bürgertums in Breslau ... im 14. und 15. Jh.) in: Prace z dziejów pañstwa i zakonu krzyzackiego, Universitas Nicolai Copernici, Toruñ 1984, S.83-106, mit deutscher Zusammenfassung. - Breslauer Renten 1406 für Elizabeth von Loe und Fredrich Waczenrade, 1410 für Albrecht Watczinrode.

Etliche Familienforscher haben versucht, die Thorner Brüder Watzenrode als Söhne des Paul Watzenrode auf Peterwitz in Schlesien einzuordnen, aber vergeblich [20]. Die schlesischen Watzenrode waren im 13. und 14. Jahrhundert ein Ratsgeschlecht in Münsterberg (unweit Köppernig) und in Breslau. Ihr Familienname wird auf das Dorf Wazygenrode/Weizenrodau bei Schweidnitz (südwestlich von Breslau, nordwestlich von Münsterberg) zurückgeführt.

Hier läßt sich nun aus den Angaben von Frau Weichbrodt und Helmut Strehlau ein neuer Ansatz herleiten.

Der Thorner Ratsherr Johann v.Lohe, * ca 1335,
1400, war mit einer Watzenrode verheiratet, was freilich bei Weichbrodt [21], weil nicht urkundlich belegt, mit Fragezeichen versehen ist. Laut Strehlau war Johann v.Lohe Herr auf dem Gut Wetzelrode/Watzenrode bei Thorn. Aus diesem Besitz zu folgern, war er mit einer Tochter Watzenrode verheiratet, welche dieses Gut von ihrem Vater geerbt hatte.

Eine Verwandtschaft dieser Tochter Watzenrode mit den drei Thorner Brüdern ist nicht urkundlich nachweisbar. Nachdem dieser Familienname damals in Thorn noch selten ist, muß man mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen (so auch die verdiente Genealogin Friedl Haertel [22]), daß alle vier Geschwister waren, und zwar Kinder des Besitzers des Gutes Watzenrode, der wohl kurz nach 1300 geboren sein mag.

Nun sind in den Weichbrodtschen Stammtafeln etliche Beispiele dafür zu finden, daß ein zugezogener reicher Kaufmann und Stadtbürger seinem außerhalb der Stadt gelegenen Gutsbesitz seinen Familiennamen übertrug [23]. So dürfte auch der Vater der Geschwister Watzenrode, über den in Thorn keine Urkunden erhalten sind, seinem vor der Stadt gelegenen Gut seinen Familiennamen übertragen haben.

Wenn man der Hypothese folgt, daß die Thorner Watzenrode von den schlesischen Watzenrode abstammen, dann ist jedenfalls die Abwanderung nach Thorn um etliches früher anzusetzen als bisher vermutet. Die Breslauer und Thorner Watzenrode leben in ähnlichem Stande: In Breslau lebte Konrad Watzenrode, * ca 1270,
1347, als Kaufmann und Ratsherr; wie die Thorner Watzenrode hatte auch er Gutsbesitz außerhalb der Stadt [24].

[20] Friedl Haertel, Suchanzeige in den Familienkundlichen Nachrichten Bd.5, 1980, S.114. Laut Mitteilung von Frau Haertel erhielt sie auf diese Suchanzeige keine Zuschrift.

[21] Weichbrodt, Bd.3 S.240. - Hier sei auf einen Schreibfehler hingewiesen. Wie mir die Autorin bestätigte, wurden über der Zeile der Enkel des Paares Johann v.Lohe ~ ?Watzenrode versehentlich die Querlinien weggelassen, die die Verbindung zu den jeweiligen Eltern darstellen.

[22] Friedl Haertel: Die Vorfahren der Kinder Haertel-Rodler, eine nordost-südostdeutsche Ahnenschaft, Deutsches Familienarchiv Bd.101/102, 1988.

[23] Beispiele hierfür laut Weichbrodt: Die aus Holland gekommene Familie von der Linde lebte um 1300 auf dem Gut Linde bei Thorn und die aus der Hildesheimer Gegend gekommene Familie von Rautenberg lebte um 1300 auf Groß- und Klein-Rautenberg westlich von Braunsberg. In diesen und anderen Fällen ist der Familienname älter als der Gutsname, und das Gut wurde nach der Familie benannt.

[24] Ahnentafeln Breslauer Ratsgeschlechter, u.a. AL 8159 der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig.
 Die Verwandtschaft der Thorner und Breslauer Watzenrode wird auch dadurch plausibel, daß Johann v.Lohe (+ Thorn 1381), dessen Sohn die Erbtochter Watzenrode geheiratet hatte, laut Weichbrodt [21] ein Kaufmann war, der mit Rauchwerk und Kupfer handelte. Kupfer aber kam aus den böhmischen und ungarischen Erzgebirgen über Breslau oder Krakau [25], und in diesem Kupferhandel waren auch die Koppernigk und die Watzenrode tätig. Die Thorner v.Lohe dürften ihre Handelspartner gewesen sein, woraus die Heiraten zwischen diesen Familien folgten.

[25] Die Beziehungen von Oberungarn über Krakau nach Thorn werden durch einen Brief im Thorner Stadtarchiv illustriert: Hannes Lemmel, Ritter und Graf zu Hermannstadt (Siebenbürgen), schreibt 1439 an "den ersamen vorsichtigen weysen herren Burgermeister und Rathmanne der stat Thorn in prewssen" und erbittet von Lucas Watzelrode eine Zeugenaussage. [Gerhard Lemmel und Hans-Dietrich Lemmel: Altpreußen und der Südosten, Zufallsfunde. In: Altpr. Geschl'kde Bd.14, 1983, S.170. - Stadtarchiv Thorn (Archiwum miasta Torunia) dok. 922. - G. Gündisch: Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen, Bd.5, Bukarest 1975, S.27 Regest 2339.] - Hans Lemmel in Hermannstadt hatte einen Bruder Sigismund Lemmel, der aus Breslau stammte und von 1418 bis 1436 als Magister und Altarist in Krakau urkundlich nachweisbar ist. [Gustav Bauch: Schlesien und die Universität Krakau im 15. u. 16.Jh.. In: Zeitschrift des Vereins f. Gesch. Schlesiens Bd.41, Breslau 1907, S.99ff, hier S.110 Nr.23. - H.D. Lemmel: Regesten und Stammfolge der Familie Lemmel aus Prag 1350-1475. Manuskript im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 1992, und Genealogischen Gesellschaft von Utah, Mikrofilm 1691490, 1990.]

 
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Man kann sogar den Vornamen des nicht beurkundeten Herrn auf Gut Watzenrode angeben, jedenfalls mit einiger Wahrscheinlichkeit.

Ferdinand Stibi verdanken wir die Neuveröffentlichung einer Schrift von M. Gottfried Centner aus dem Jahr 1763 über "Geehrte und gelehrte Thorner aus ihrer Vaterstadt nebst gelegentlich angebrachten Stammtafeln und Nachrichten von alten Thornischen Familien" [26]. Darin ist über die Familie Watzenrode angegeben, daß sie von einem "Tidemannus Watzelrod, nobilis Prutenus" abstamme. Centner kann diesen Tidemann, für den nicht einmal Jahreszahlen bekannt sind, genealogisch nicht einordnen. Er stellt aber fest, daß er "unter die von Adel gehöret, die zwar in Thorn gewohnet, aber weder das Bürgerrecht gewonnen noch zu Ehren-Ämtern gebrauchet worden".

Diese Beschreibung mag nun recht gut auf den Besitzer des Gutes Watzenrode zutreffen. Ob er tatsächlich ein Adeliger war, kann man bezweifeln; aber wohlhabende Kaufleute dieser Zeit pflegten, wenn sie es sich leisten konnten, den Lebensstil des Adels zu imitieren, so daß der mutmaßliche Großkaufmann Tidemann Watzenrode nach dem Erwerb seines Gutsbesitzes dem späteren Chronisten als ein Nobilis Prutenus erscheinen konnte. Centners Angabe, daß er in Thorn nicht zu Ehrenämtern herangezogen wurde, erklärt, warum er in den Thorner Urkunden nicht vorkommt.

Wentscher gibt nun an, daß "Waczinrode fratres" bereits in einem um 1310 zu datierenden Thorner Akziseregister erwähnt sind [27]. Zwischen dieser Urkunde um 1310 und den ab 1369 in Thorn beurkundeten Brüdern Friedrich, Johann und Albrecht klafft bei Wentscher eine zeitliche Lücke von einer Generation, die durch den wohl kurz nach 1300 geborenen (Tidemann?) Watzenrode, den Herrn auf Gut Watzenrode, geschlossen wird. Dessen Vater mag einer der "Waczinrode fratres" sein, die generationsmäßig neben dem etwa 1270 geborenen Breslauer Konrad Watzenrode stehen. Der Thorner und der Breslauer Watzenrode-Zweig sind also etwa gleich alt. Die "Waczinrode fratres" in Thorn können Brüder des Konrad in Breslau und somit Söhne des Nikolaus Watzenrode sein, der 1269-1304 als Bürger in Münsterberg in Schlesien beurkundet ist [24].

Die so dargestellten Zusammenhänge sind freilich urkundlich nicht gesichert. Aber die vorhandenen Urkunden und die anzunehmende Herkunft der Thorner Watzenrode aus Schlesien können genealogisch kaum anders erklärt werden. Die  Reihe Watzenrode in der Ahnentafel Copernicus könnte also um etliche Generationen verlängert werden.

[26] Gottfried Centner: ... Stammtafeln und Nachrichten von alten Thornischen Familien. Thorn 1763. Neuveröffentlichung durch Ferdinand Stibi in: Altpr. Geschlechterkunde, NF 21.Jg, Heft 1-7, März 1973, S.135-196.

[27] Wentscher S.24.


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Über Käthe Watzenrode, Copernicus' Großmutter mütterlicherseits, waren die Experten nicht einig, weil Danziger und Thorner genealogische Quellen in diesem Punkt nicht übereinstimmen. Mit Sicherheit war sie in erster Ehe mit dem Thorner Fernkaufmann und Schöffen Henrich Peckau (
1435) verheiratet [28]. Er war mit zwei Brüdern aus Schweidnitz in Schlesien nach Thorn gekommen und stammte aus einer ursprünglich Dortmunder Familie.

Hier sei die Anmerkung eingefügt, daß die Familie Peckau zu den Vorfahren des nach Copernicus wohl zweitgrößten altpreußischen Naturforschers gehört: Daniel Gabriel Fahrenheit. Seine Urururgroßmutter war eine geborene Peckau [29]. Fahrenheit, * Danzig 24.5.1686, führte durch das von ihm erfundene Quecksilberthermometer erstmals eine genaue Temperaturmessung ein und vollbrachte so auf diesem Gebiet eine ähnlich wichtige Umwälzung wie Copernicus in der Astronomie.

Für Käthe, Witwe des Henrich Peckau, dann verheiratete Lucas Watzenrode, wird bei einigen Autoren [9],[15] kein Mädchenname angegeben. Andere Autoren [4],[30],[31] sehen sie als die Tochter des Thorner Ratsherrn Albrecht Russe an. Frau Weichbrodt [28] folgt Wentscher [32] und Teßmer [33] und gibt sie als eine geborene Katharina Rüdiger an. Laut Weichbrodt [34] war schon 1349 ein Jakob Rüdiger Bürgermeister von Thorn; aber ein Nicolaus Rüdiger wanderte noch 1396 aus Thüringen nach Thorn ein. Wie hier Copernicus' Großmutter Käthe einzuordnen ist, bleibt trotz des Weichbrodt'schen Rüdiger-Materials offen.

Eine Russe ist laut Wentscher [32] nicht die Frau sondern die Mutter von Lucas Watzenrode, und zwar Tochter des 1404/05 gestorbenen Thorner Ratmanns Albrecht Russe und wohl Enkelin des 1369-1384 beurkundeten Ratmanns Lucas Russe, nach dem Lucas Watzenrode seinen in der Familie sonst nicht vorkommenden Vornamen erhielt.


[28] Weichbrodt Bd.3 S.427.

[29] Weichbrodt. Die Ahnenreihe geht über die Familien Fahrenheit (Bd.1 S.164), Greverath (Bd.1 S.216), Scheweke (Bd.1 S.444), Peckau (Bd.3 S.427f) bis zu Jochen Peckau, * Danzig, 1536 Student in Wittenberg. Die weitere Peckau-Reihe enthält einige Unsicherheiten.

[30] Johannes Papritz, Die Nachfahrentafel des Lukas Watzenrode, in: Kopernikus-Forschungen, Bd.22 der Reihe Deutschland und der Osten, Leipzig 1943, S.132-142.

[31] Viktor Kauder: Nicolaus Copernicus. Ostpreußenblatt, Hamburg Jg.18 Folge 10, 11.3.1967, S.10ff.

[32] Wentscher S.25-28.

[33] Teßmer S.128.


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Nachstehend ist die Ahnenliste von Nicolaus Copernicus wiedergegeben. Sie stimmt mit der bei Teßmer [8] angegebenen überein, enthält jedoch die oben besprochenen Ergänzungen. Selbstverständlich kann man für eine Ahnenliste des ausgehenden Mittelalters nicht dieselbe Sicherheit erwarten wie für eine auf Kirchenbüchern fußende Ahnenliste späterer Jahrhunderte. Hierzu verweise ich auf die Diskussionen bei Teßmer.
 
Ahnenliste von Nicolaus Copernicus

 1. Niklas Koppernigk, * Thorn 19.2.1473, Frauenburg 24.5.1543, 1491 Univ. Krakau, dann Bologna. Domherr in Frauenburg, Arzt und Astronom. Zeitweilig in Heilsberg und Allenstein, Administrator des Ermlandes.

2. Generation (Eltern):
 2. Niklas Koppernigk, * Krakau (etwa 1420/25), Thorn nach 18.7.1483. 1447 Großkaufmann in Krakau, seit 1458 in Thorn, 1465-1483 Gerichtsschöppe der Altstadt. Handel (u.a. mit Kupfer) und Geldgeschäfte zwischen Krakau und Danzig.
     oo Thorn vor 1463
 3. Barbara Watzenrode, * Thorn (etwa 1442).

3. Generation (Großeltern):
 4. Johannes Koppernigk, * (etwa 1390). 1422-38 urkundlich als Großkaufmann und Bankherr in Krakau mit Geschäftsbeziehungen besonders nach Schlesien.
 5. ... Bastgert, * (etwa 1395).

 6. Lucas Watzenrode, * Thorn (etwa 1410), Thorn 1462. Kaufmann und Gutsbesitzer, einer der reichsten Männer in Thorn und im Kulmerland. Kulmischer Landschöppe, dann Schöppenmeister in Thorn.
    oo 1439
 7. Katharina Rüdiger verwitwete Peckau, * Thorn (etwa 1410/15), Thorn 1476. "Sie war eine Krone aller Frauen in der Stadt Thorn".

4. Generation (Urgroßeltern):
 8. Niclos Koppirnik, * (etwa 1360) (aus Köppernig?), 1395 Steinmetz in Krakau, wo er 1386 das Bürgerrecht erhielt.

10. Peter Bastgert, * (etwa 1360), aus Oppau/Rheinpfalz, Kaufmann und Bürger in Krakau.

12. Friedrich Watzenrode, * Thorn (etwa 1375), Thorn 1416 an der Pest. In Thorn urkundlich ab 1392, 1412-14 Schöffe, 1415 Ratmann.
13. ... Russe, * Thorn (etwa 1380).

14. ... Rüdiger, * (etwa 1380), vielleicht Nachkomme von Jakob Rüdiger, der 1349 Bürgermeister in Thorn war.

5. Generation:
20. Johannes Bastgert, * (etwa 1325), aus Oppau/Rheinpfalz, seit 1392 im Krakauer Schöffenbuch erwähnt.

24. Albrecht Watzenrode, * (etwa 1345), 1369, 1392 in Thorn erwähnt.

26. Albrecht Russe, * (etwa 1345), 1404/05. Ratsherr in Thorn, Hauptmann der Hanse von Stockholm.

6. Generation:
48. (Tidemann) Wetzelrode, * (etwa 1305), in Thorner Urkunden nicht erwähnt, Herr auf Gut Wetzelrode, das später im Besitz seines Schwiegersohnes Johann von Lohe ist.

52. Lukas Russe, * (etwa 1315). Schöffe, Ratmann und Richter der Thorner Altstadt, urkundlich 1369-1384.

7.-9. Generation:
96. Einer der "Waczinrode fratres", (* etwa 1270), die um 1310 in einem Thorner Akzise-Register erwähnt sind.

192. wahrscheinlich Nikolaus Watzenrode, (* etwa 1240), erwähnt 1269-1304, auf Nethwitz, Bürger in Münsterberg,

384. Goblo Watzenrode, (* etwa 1210), + vor 1269, erwähnt 1266, Bürger in Münsterberg. Die Familie stammt aus Wazygenrode bei Schweidnitz.

 

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Copernicus benutzte ein Siegel, das Apoll mit einer Lyra zeigt [35],[36]. Das wird als eine Allegorie dafür gedeutet, daß Copernicus sowohl im Christentum als auch im antiken Humanismus wurzelte: Apoll, der mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt wird, ist nicht nur ein Symbol für das heliozentrische System, sondern galt schon in der Urkirche als ein Christus-Symbol [37]. Daß noch um 1800 in Copernicus' Wohnung in Allenstein sein farbiges Wappen an einer Fensterscheibe zu sehen gewesen sein soll [37a], kann nicht mehr verifiziert werden.
 
Andreas Koppernigk, der ältere Bruder des Astronomen, der ebenfalls Domherr in Frauenburg war, benutzte ein Wappen mit einem Sparren, der von drei Rosen in der Anordnung 2:1 umgeben ist (Abb.1) [30],[31]. Es ist in den Danziger Genealogien naturgemäß ohne

Angabe der Farben überliefert, da seine Kenntnis von einem Siegelabdruck herrührt. Man nimmt an, daß er dieses Wappen von seinem Onkel, dem Thorner Bürgermeister Tiedemann v.Allen (
vor 1502), übernommen hatte, der Christina Watzenrode, Vater Koppernigks Schwägerin, zur Frau hatte. Die v.Allen, die unter den Thorner Kaufleuten die bedeutendsten Kupferhändler waren [38], führten ebenfalls einen Sparren im Wappen, aber ohne Rosen. Davon abgesehen kommt ein Wappen mit Sparren und drei Rosen relativ häufig vor [39]. Ich möchte aber darauf hinweisen, daß das Wappen des Andreas Koppernigk als redendes Wappen gedeutet werden kann: Im Mittelniederdeutschen gibt es das Wort "Köper", das Dachsparren oder Querbalken bedeutet [40]. Dieser Wortdeutung folgend mag

[34] Weichbrodt Bd.1 S.406.

[35] Brief vom 21.6.1541 von Copernicus an Herzog Albrecht, Staatsarchiv Königsberg, Herzogl. Briefarchiv C 1 a; laut Teßmer S.123.

[36] Leopold Prowe, Nicolaus Coppernicus, 2 Bände 1883-1884. Neudruck bei Otto Zeller, Osnabrück 1967. S.47.

[37] Stanislaw Mossakowski, Symbolika pieczeci Mikolaja Kopernika (Die Symbolik des Siegels von Nicolaus Copernicus), in: Rocznik Historii Sztuki 10, 1974, S.222-230. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.38, 1976, S.167.

[37a] Jan Sniadecki, Kurze Lebensbeschreibung des Copernicus. Deutsche Übersetzung vom Domherrn Hoppe zu Frauenburg, in: Preussische Provonzial=Blätter Bd.8, Königsberg 1832, S.547-568.

[38] Bogislav von Archenholz, Bürger und Patrizier, ein Buch von Menschen und Städten des deutschen Ostens. Ullstein 1970, Lizenzausgabe R.Löwit, Wiesbaden, 1979, S.165.

[39] Ein Wappen mit einem Sparren und 3 Rosen kommt bei etlichen Familien vor: 1) ohne Farbenangabe, Roggosin/Rogesin/Rokusen, ein angesehens Geschlecht des südlichen Ostpreußens; von ihnen gehörte Zander v.R. 1440 zum Preußischen Bund. [Siebmacher 6.Bd. 4.Abt. Tafel 53] - 2) ohne Farbenangabe, Czernsehe, altes Rittergeschlecht Westpreußens; Klaucko d.J. v.C. 1440 in der Vogtei Wenzlau. [Siebmacher 7.Bd. 3.Abt. Tafel 5] - 3) Genau das gleiche Wappen (in den Farben rot-weiß) fand ich in den Feldern 2 und 3 des gevierten Wappens von Matthäus Püschel, der 1635 Bürgermeister von Schweidnitz ist [Siebmacher Bd. VI 8 II Tafel 60]. Dieser geographische Bezug ist bemerkenswert.

[40] Duden, das große Wörterbuch der deutschen Sprache, 1978 Bd.4 S.1552.

Andreas Koppernigk den Sparren in sein Wappen genommen haben. Damit soll nun keineswegs gesagt sein, daß der Orts- und Familienname Köppernigk etymologisch von dem Wort "Köper" herzuleiten sei. Für einen redenden Wappenentwurf reicht die klangliche Ähnlichkeit zwischen Familiennamen und Wappenmotiv.

Franz Hipler [41] und Leopold Prowe [36] behaupteten, daß die Familie Koppernigk nicht wappenberechtigt gewesen sei. Diese Ansicht ist überholt, denn angesehene Kaufleute dieser Zeit nahmen nach Belieben ein Wappen an, ohne es sich von irgend einer Seite verleihen zu lassen. Trotzdem kann es durchaus sein, daß die Koppernigks vor der Einwanderung in Thorn noch kein Wappen hatten. Zuvor und auch zusätzlich zu einem Wappen benutzten die damaligen Kaufleute Haus- und Handelsmarken. Das sind runenartig wirkende abstrakte Strichzeichnungen, von denen eine Sammlung auch bei Weichbrodt [42] abgebildet ist. Die Hausmarke des Kaufmanns Niklas Koppernigk ist bei Hipler und Prowe abgebildet, siehe Abb.2. Ein Siegelabdruck mit seinem Wappen ist von ihm leider nicht bekannt. Die Unkenntnis des Koppernigk-Wappens hatte, wie im folgenden Kapitel gezeigt, zu etlicher Verwirrung geführt.

[41] Franz Hipler, wie [12].

[42] Weichbrodt Bd.1 S.501: Grabsteine mit Hausmarken in St.Marien Danzig, laut Steinbuch.


        
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Das Bischofs-Schloss in Heilsberg [Postkarte Verlag Rautenberg]

Im bischöflichen Schloß Heilsberg findet man heute eine Bildtafel [43], die den Vater des Astronomen zeigt. Es ist ein Votivbild, das den knienden Koppernigk vor einer Fantasie-Landschaft zu Füßen einer Madonna zeigt, umgeben von vier Familienwappen in den Bildecken. Durch einen schweren Pelzmantel ist er als ein wohlhabender Mann erkennbar. Eine dreizeilige Inschrift am oberen Bildrand lautet: NICOLAUS COPERNICUS PATER NICO/LAI COPERNICI ASTROLOGIA UNIUS MIRACULE / NATI 1473 19 FEBRUARY.

Die vier Wappen dieser Bildtafel führten in der Vergangenheit zu Diskussionen für und gegen eine polnische Copernicus-Großmutter. Laut Wentscher [44] aber handelt es sich um eine "angebliche Kopie eines angeblichen Bildnisses des Vaters Koppernik, das aber zweifellos als reines Phantasieprodukt einer viel späteren Zeit anzusprechen ist".

Dennoch lohnt es sich, dieses Bild näher zu betrachten, zumal nahezu jeder Ostpreußentourist es zu sehen bekommt.

Eine Skizze der Bildtafel mit den vier Wappen zeige ich in Abb.3. Man sollte annehmen dürfen, daß das Wappen a zu Koppernigks Füßen sein eigenes ist (was aber nicht der Fall ist). Das Wappen d, das auf einem Silber-Rot geteilten Schild einen Vogelkopf auf zwei Menschenbeinen zeigt, ist von anderen Porträts als das des Bischofs Lucas Watzenrode bekannt. Das Wappentier blickt hier nicht, wie üblich, nach links (vom Betrachter aus) sondern nach rechts zur Bildmitte; es ist gedreht. Hieraus zu schließen muß auch das Wappen a gedreht sein. Es zeigt vorne auf Silber drei rote runde Scheiben (Rosen?), hinten auf Rot drei goldene etwas durchgebogene Schrägbalken, auf denen jeweils ein ausgestreckter Arm zu sehen ist. Es wird der Thorner Familie Rohde/Rothe zugeschrieben, für die jedoch eine Beziehung zu Copernicus fehlt.

Das Wappen b zeigt in Silber einen schwarzen Schrägbalken, "schrägrechts", der mit einem silbernen Kreuzstab belegt ist. Dieses Wappen war sonst unbekannt, und noch kein Autor hatte bisher eine Zuordnung angeben können. Auch eine Anfrage beim Herolds-Ausschuß der deutschen Wappenrolle brachte kein Ergebnis [45].

Das Wappen c zeigt auf einem rot-weiß gevierten Schild einen vorwärts gekehrten schwarzen Stierkopf, der von rechts unten (vom Betrachter aus gesehen) von einem Spieß durchbohrt wird. Ein Wappen mit einem Stierkopf, der von rechts oben von einem Schwert durchbohrt wird, führen etliche polnische Familien der Wappengruppe Pomian [46]. Alle diese Familien haben den gleichen Schild, unterscheiden sich aber in der Helmzier. Das Stierkopf-Wappen auf der Heilsberger Bildtafel ist nun aber deutlich anders: der Stierkopf ist nicht von oben sondern von unten durchbohrt, und nicht von einem Schwert sondern einem Spieß; und die Pomian-Wappen haben keinen gevierten sondern einen einfarbigen, meist goldenen Schild. Es gilt als das jüngere Wappen der Familie Rüdiger, die jedoch zur Zeit von Copernicus noch ihr altes, ganz anders aussehende Wappen führte [47].

Das Bild wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Thorn als Kopie nach einem sonst unbekannten Original gemalt. Auftraggeber dieser Kopie war der Krakauer Professor Johannes Broscius (Jan Brozek), der sie 1614 nach Krakau an den Geburtsort des Koppernigk-Vaters brachte [47a],[48] und sich selbst in einer Inschrift am unteren Bildrand verewigte: "IOANNES BROSCIUS CVRZELOVIENSIS DEPINGI CVRAVIT TORVNII ATQ. HIC REPOSVIT." Eine Reproduktion des Bildes wurde 1873 zum 400. Copernicus-Geburtstag in Gnesen gedruckt [49] und 1973 von Jerzy Drewnowski [50] neu veröffentlicht und besprochen.


[43] Mir liegt eine Fotografie von Konrad Höfler, Neumarkt/OPf vor.

[44] Wentscher S.26.
 

[45] Frdl. Mittlg von Herrn Arndt, Juli 1992, Herolds-Ausschuss der deutschen Wappenrolle, Berlin.

[46] Polnische Familien des Stammes Pomian haben im Wappen in Gold einen vorwärts gekehrten schwarzen Stierkopf, der "schräglinks" (das heißt von rechts oben, vom Beschauer gesehen) von einem Schwert durchbohrt ist. Bei Zernicki-Szeliga "Die polnischen Stammwappen" sind 130 Familien dieses Wappens aufgezählt. Einige lebten auch in Preußen, so z.B. die Pomian, von denen ein Zweig zu Mitte des 15.Jh. in Preußen saß [Siebmacher 6.Bd. 4.Abt. Nürnberg 1874 Tafel 46]; die Sokolowski im 15.Jh. in Westpreußen [Siebmacher, wie eben, Tafel 64]; die später nach Schlesien gekommenen Makowetzki [Siebmacher Bd. VI 8 II Tafel 50] und Niezychowski [Siebmacher Bd. VI 8 III Tafel 62]; und andere.

[47] Beschreibung des Thorner/Danziger Rüdiger-Wappens siehe Weichbrodt Bd.1 S.406: Der Schild ist silber-rot gespalten, vorn drei rote linke Schrägbalken, hinten ein gepanzerter Arm, dessen Hand ein S-förmiges Eisen hält. Wentscher erwähnt (S.26), daß das Wappen Rüdiger auf zwei Thorner Epitaphien überliefert ist und daß das gleiche Rüdiger-Wappen auch in Danzig vorkommt, aber er beschreibt das Wappen nicht.

[47a] Preussische Provinzial=Blätter Bd.8, Königsberg 1832, Anmerkung der Redaktion zu Jan Sniadecki [37a], S.567f.

[48] Prowe, wie [36], S.468 ff.

[49] I. Polkowski, in: Album wydane staraniem Towarzystwa Przyjaciól Nauk w Poznaniu w czterechsetletnia rocznice urodzin Mikolaja Kopernika, Gniezno 1873, Tafel III.

[50] Jerzy Drewnowski, Rzekomy portret epitafijny Mikolaja Kopernika, ojce astronoma. Proba interpretacji. (Das angebliche Epitaph-Porträt von Nikolaus Kopernik, dem Vater des Astronomen. Ein Interpretationsversuch.) In: Kwartalnik historii nauki i techniki, 18.Jg., 1973, S.511-526. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.37, 1974, S.206; und in: Preußenland Jg.12, 1974, S.1-15.


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Eine andere Reproduktion dieser Bildtafel, die als Lithographie vervielfältigt worden war, wurde 1955 von M. Gasiorowska [51] veröffentlicht. Hier sieht im Wappen b das Kreuz des Kreuzstabes wie ein Degengriff aus. Beide Bildversionen hatten noch eine weitere Inschrift, die jetzt auf der Heilsberger Bildtafel fehlt: "Des Heren Docter Nicolae Coppernick Thumher und Astronim. Zur Frauenburg / Seines seligen Vaters, Auch Nicolaus Coppernick genant, seine Gesstalt." Die Heilsberger Tafel dürfte eine Kopie der Krakauer sein, auf der man das deutschsprachige Schriftband aus durchsichtigen Gründen wegließ.

Seit langem wurde die Echtheit des Original-Porträts, das um 1600 in Thorn existiert haben müßte, angezweifelt, teils mit richtigen, teils mit zweifelhaften Argumenten.

Wie ist das Bild zu erklären? Da Niklas Koppernigk allein und nicht mit seiner Frau zusammen dargestellt ist, mag das Bild (jedenfalls das verschollene Original) nach seinem Tod von seiner Witwe Barbara geb. Watzenrode gestiftet worden sein, deren Wappen ja auch links oben zu sehen ist. Zu diesem Zeitpunkt war der Sohn aber noch nicht ein berühmter Astronom, so daß die Inschrift, die diesen erwähnt, auf einen wesentlich späteren Zeitpunkt deutet. Dabei ist es offen, ob das Bild alt ist und die Inschrift nachträglich dazugesetzt wurde, oder ob das ganze Bild jüngeren Datums ist, wobei es freilich die Kopie eines älteren Bildes sein könnte.

Wappenanordnungen auf derartigen Bildern sind keineswegs einheitlich [52]. Entsprechend einer häufigen Anordnung würden die Wappen die der vier Großeltern des Dargestellten sein. Aber diese Anordnung findet man hier eindeutig nicht, da das Familienwappen links oben mit Sicherheit das der Witwe des Dargestellten ist.

Eine andere Deutungsmöglichkeit ergäbe sich in dem Fall, daß die Ehe Watzenrode bereits Niklas Koppernigks zweite oder gar dritte Ehe war. Das, in der Tat, vermutete Wentscher [53]: Die Ehe Koppernigk-Watzenrode ist erstmals 1463 urkundlich nachweisbar und wurde wohl erst kurz vorher geschlossen. Niklas Koppernigk war aber schon 1447 in Krakau ein tätiger Mann, bevor er 1458 nach Thorn kam. Es ist also nicht nur möglich sondern durchaus wahrscheinlich, daß er bereits Witwer war, als er, etwa 40-jährig, nach Thorn kam und Barbara Watzenrode heiratete. Die Wappen b, c, d könnten also die seiner drei Frauen sein. Daraus folgt, daß der vor Jahrzehnten geführte Streit um diese Wappen müßig war. Denn da die Wappen keineswegs Ahnenwappen sein müssen, waren sie für eine Beweisführung zu den Copernicus-Vorfahren unerheblich.


[51] M. Gasiorowska: Toruñski portret mieszczañski 1500-1850, Toruñ 1955, S.38.

[52] vgl. u.a. Eugen Schöler: Fränkische Wappen erzählen Geschichte und Geschichten. Verlag Degener, Neustadt/Aisch 1992.

[53] Wentscher S.24.

 
Inzwischen wurde die Frage der vier Wappen geklärt. 1970 veröffentlichte Marian Gumowski ein Wappenwerk des Thorner Patriziats [54], das auf Thorner Quellen, insbesondere auf einem Wappen-Album von C.F. Steiner von 1733, fußt. Nach Jerzy Drewnowski [50] wurde das Bild um 1600 von angesehenen Thorner Bürgern gestiftet, die sich durch ihre Wappen auf der Bildtafel selbst ein Denkmal setzten. Es sind die Wappen der Familien Roth (Wappen a), v.Wege (b), Rüdiger (c), und zwar das erst nach 1552(!) nachweisbare jüngere Wappen der Rüdiger, und Watzenrode (d) [55]. Neben den Rüdiger und Watzenrode gehören auch die beiden anderen zu den ältesten Thorner Familien. Die Rothe stehen schon um 1400 in enger Beziehung mit den Watzenrode [56], und Tileman v.Wege war der Titelheld des um 1450 spielenden historischen Romans "Der Bürgermeister von Thorn" von Ernst Wichert [57].

Freilich gibt es auch hier kleine Unstimmigkeiten. So hat das Wappen v.Wege bei Gumowski einen Pfeil im Schrägband, auf der Heilsberger Bildtafel aber einen Kreuzstab. Das Rüdiger-Wappen, das auf der Bildtafel einen Spieß zeigt, hat bei Gumowski ein Schwert. Durch die Kleinheit der auf Siegeln überlieferten Wappen lassen sich solche Unterschiede erklären.

Ob das Porträt des Kopernikus-Vaters nun ein Fantasieprodukt ist, oder ob es die Kopie eines verschollenen Original-Porträts ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß die Bildtafel (ohne die Wappen und Inschriften) mehr oder weniger der Vorlage eines hypothetischen Originals entspricht, das die Koppernigk-Witwe ihrem Mann nach dessen 1483 erfolgtem Tod gewidmet haben mochte.

Als Vater Koppernigk starb, war der Sohn Niklas erst zehn Jahre alt. Dadurch kam er in die Obhut seines Onkels Lukas Watzenrode, der Geistlicher war und 1489 Fürstbischof von Ermland wurde. Er sorgte für die Ausbildung seines Neffen und ermöglichte ihm ein dreijähriges Studium (bis 1494) an der damals hochberühmten Universität von Krakau, wo gerade die Nachricht der Rückkehr des Christoph Columbus von seiner aufsehenerregenden Entdeckungsreise eintraf. 1495 wurde "Nicolaus de Thorn, nepos episcopi" [58] Domherr in Frauenburg, was er mit vielen Unterbrechungen bis zu seinem Tod 1543 blieb. Er wirkte nicht nur als Astronom sondern als Mathematiker, Übersetzer, Jurist, Arzt, Administrator, Finanzfachmann, Baumeister und Teilnehmer an preußischen Landtagen.


[54] Marian Gumowski, Herbarz patrycjatu Toruñskiego, Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu, Toruñ 1970. (Wappenbuch des Thorner Patriziats, Jahrbuch der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Thorn, Thorn 1970).

[55] Gumowski, Tafeln XXV (Roth), XXXII (v.Wege), XXVI (Rüdiger), XXXI (Watzenrode).

[56] Wentscher S.24. Verschiedene Familien des Namens Rothe/Rode vergl. Weichbrodt Bd.4 S.72-79.

[57] Ernst Wichert, Der Bürgermeister von Thorn. Historischer Roman. Verschiedene Ausgaben, z.B. Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin, undatiert (um 1936).

[58] Hermanowski S.231.


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Der Dom in Frauenburg. (Foto H.D.Lemmel 1959)

In Frauenburg gibt es eine lustige Episode, zu der einige genealogische Angaben bei Weichbrodt Erläuterungen bringen.
 

Von 1537 bis 1539 hatte der alternde Copernicus in Frauenburg eine Wirtschafterin namens Anna Schilling, und in der Domburg gab es eine Affäre, aufgrund derer Anna Schilling, und auch die Wirtschaftsdamen zweier anderer Domherren, Frauenburg verlassen mußten. Ob es eine Intrige war oder Prüderie, ist nicht ganz klar. Diese Geschichte wurde in neuerer Zeit auch in polnischer Literatur abgehandelt [59],[60].

Anna Schilling war eine Verwandte von Copernicus. Seine Kusine mütterlicherseits war Christina von Allen, die den aus Köln stammenden Thorner Ratsherrn Heinrich Krieger (Krüger) heiratete, der "einer der reichsten und mächtigsten Thorner Patrizier seiner Zeit" [61] war. Deren Tochter Anna Krieger heiratete den aus Holland stammenden Danziger Kaufmann Arend van der Schelling (Schilling), der 1437 starb. Als Witwe ging Anna Schilling zu Copernicus, ihrem Onkel zweiten Grades, nach Frauenburg.

Laut Strehlau war es nicht die Witwe Anna Schilling sondern ihre 20-jährige gleichnamige Tochter, die dem Copernicus den Haushalt führte und durch ihre Jugend im Domkapitel Anstoß erregt haben mochte. Denn von der Mutter Anna Schilling berichtet eine Chronik, daß sie 1536 im Kindbett starb, so daß nur die Tochter Anna als Copernicus' Haushälterin in Frage kam. Frau Weichbrodt [62] weist nun darauf hin, daß die Nachricht vom Tod im Kindbett nicht stimmen kann, da die Witwe Anna Schilling noch 1538 lebte und einen Erbvertrag mit ihrem Bruder Lucas [63] abschloß.

Auch andere Quellen sprechen davon, daß die "Anna Schillingsch" kein junges Mädchen war sondern "von ihrem Mann getrennt" mit mehreren Kindern im Haus des Copernicus lebte [60],[64]. Nach längerem Streit zwischen Copernicus und dem Bischof Johann Dantiscus [65], worüber einige Schriftstücke erhalten sind, mußte Copernicus nachgeben und seine Haushälterin entlassen. Sie mußte Anfang 1539 ihre Koffer packen und durfte erst nach Copernicus' Tod (1543) nach Frauenburg zurückkehren, um dort ihr Haus zu verkaufen, für das Bischof und Domkapitel ihr kein Wohnrecht geben wollten. Der Bischof freilich, der sich so um die Moral des Domkapitels sorgte, hatte selbst zwei uneheliche Kinder.

[59] Marian Biskup: Sprawa Mikolaja Kopernika i Anny Schilling w swietle listów Feliksa Reicha do biskupa Jana Dantyszka z 1539 roku. (Das Verhältnis Nikolaus Kopernikus' zu Anna Schilling nach den Briefen Felix Reichs an Bischof Johann Dantiscus 1539.) Kommunikaty Mazursko-Warmiñskie Heft 117, 1972, S.371-380. - Laut Besprechungen von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.37, 1974, S.198; und von Wolf Konietzko in: Altpr. Familienkunde Bd.21, 1991, S.709.

[60] Jerzy Drewnowski, Nowe zródlo do niedoszlego procesu kanonicznego przeciwko Mikolajowi Kopernikowi. (Eine neue Quelle zu dem nicht zustande gekommenen Prozeß gegen Nicolaus Copernicus.) In: Kwartalnik historii nauki i techniki, 23.Jg., 1978, S.179-186. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.40, 1980, S.174f.

[61] Weichbrodt Bd.3 S.181.

[62] Weichbrodt Bd.1 S.441, Bd.3 S.181.

[63] Nebenbei sei erwähnt, daß dieser Lucas Krieger, späterer Thorner Bürgermeister, Teile des Gutes Vogelsang erwarb, das im 14. Jahrhundert bis 1416 im Besitz der Familie Watzenrode gewesen war. Weichbrodt Bd.3 S.181; Wentscher S.25, 27.

[64] Hermanowski S.168.

>[65] Bischof Dantiscus, eigentlich Johannes von Höfen genannt Flachsbinder, nannte sich nach seinem Geburtsort Danzig. [Hermanowski S.166]. Über seine Familie ließ sich weder in der Westpreußenkartei [Auskunft K.D. Kreplin 1992; die Kartei ist derzeit freilich nicht völlig erschlossen] noch bei Weichbrodt [Mittlg von 1992] etwas ermitteln.

Hierzu finden sich bei Weichbrodt [62] weitere Einzelheiten. Anna Schilling lebte in Frauenburg nicht "von ihrem Mann getrennt", wie die Frauenburger Quelle glauben macht, sondern als Witwe. Sie hatte 13 Kinder im Alter zwischen 2 und 22 Jahren, die vermutlich alle bei ihr lebten. Es sind also wohl nicht nur die Reize der Witwe, welcher moralisch anstößiger Lebenswandel [59] nachgesagt wurde, sondern auch die vielen kleinen Kinder, die für die Domherren unerträglich sein mochten.

Arend van der Schelling war ein wohlhabender Danziger Kaufmann, der ein eigenes Schiff auf Hollandfahrt hatte und der die Stadt Danzig auf Hansetagen vertrat. Er hatte vor der Stadt ein Gut mit Land, Häusern und Gärten, dem er den Namen Schellingsfelde gab. Kurz vor seinem Tode 1537 stiftete er dieses Gut dem Danziger Pockenhause zur Anstellung eines Priesters für die Kranken. Diese uneigennützige Stiftung überrascht angesichts der Tatsache, daß er die Witwe und 13 Kinder hinterließ, die zu versorgen waren. Die Stiftung wird nun erklärlich, wenn man weiß, daß Witwe und Kinder zu Copernicus nach Frauenburg zogen und dort versorgt waren, und daß die Witwe in Frauenburg sogar ein Haus erwarb. Daß die Versorgung seiner Familie in Frauenburg nicht gutging, hatte Arend van der Schelling auf seinem Totenbett nicht wissen können.

Für Anna Schilling ist in den Danziger Quellen (außer der Falschmeldung, daß sie im Kindbett starb) kein Todesdatum bekannt. Ich vermute, daß sie nach Königsberg zog, denn Copernicus erwähnt in einem an Bischof Dantiscus gerichteten Rechtfertigungsbrief, daß er "jene Person", nachdem er sie entlassen habe, nicht wiedergesehen habe, außer einmal "auf dem Markt in Königsberg" [66]. So könnte man auch ihre jüngsten drei Söhne, über die in den Danziger Quellen außer ihrem Geburtsdatum nichts bekannt ist, in Königsberg vermuten.

Enger Freund von Copernicus und sein Mit-Domherr in Frauenburg war Tiedemann Giese aus Danzig. Im Januar 1438 verläßt Tiedemann Giese Frauenburg, sehr zum Kummer von Copernicus [67],[68]. Nahezu gleichzeitig wird im Februar 1438 Barbara, die 17-jährige Tochter der Anna Schilling, mit einem anderen Tiedemann Giese verheiratet, einem 47-jährigen Witwer in Danzig [62]. Die beiden Tiedemann Giese waren Vettern; der eine wurde Bischof von Kulm, der andere Bürgermeister von Danzig.
 
[66] Hermanowski S.171.

[67] Heinz Gerlinger: Bischof Tiedemann Giese (1480-1550), Freund des Nikolaus Kopernikus, und sein Geschlecht. Zeitschrift Genealogie Bd.15 S.465-472, 1981.

[68] Teresa Borawska: Tiedemann Giese (1480-1550) w zyciu wewnetrznym Warmii i Prus Królewskich. (Tiedemann Giese im inneren Leben Ermlands und Königlich-Preußens). Olsztyn: Wydawnictwo Pojezierze, 1984. - Besprechung dazu von Rafal Wolski in: Altpr. Geschlechterkunde Bd.19, 1989, S.507.


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Vom Bischof Tiedemann Giese gibt es ein mehrfach im Druck wiedergegebenes Porträt [67],[69]. Ein weniger bekanntes ihm zugeschriebenes Porträt gab es im Königsberger Schloß als hölzernes Bildnisrelief [70], auf dem er in einer irrealen Palastruine und mit einem Totenschädel in der Hand so dargestellt ist, als ob er den Weltuntergang vorausahnen würde, der dann ja auch für seine Welt erfolgte. Wunderbarerweise hat dieses Holzrelief den Untergang Königsbergs überdauert: von nicht mehr festzustellender Seite wurde es in West-Berlin zum Kauf angeboten, so dass es heute im Berliner Grunewald-Schloss hängt.
 


Unweit davon, in Berlin-Dahlem, hängt das Porträt von Tiedemanns Bruder Georg Giese. Dieser war Kaufmann in Danzig und wirtschaftlicher Berater des Bischofs Tiedemann Giese [69],[71]. Während einer Kaufmannsfahrt hielt sich Georg Giese in London auf, wo er sich von Hans Holbein dem Jüngeren ein Porträt malen ließ [72]. Auf eine Reproduktion dieses berühmten Porträts stieß ich zu meiner Überraschung im Nationalmuseum von Kuwait. Und zwar sitzt auf dem Holbeinbild der Kaufmann an einem Tisch, der mit einem Orientteppich bedeckt ist, und dieser Teppich ist ein besonderer Typ türkischen Ursprungs, für den das Holbein-Bild die älteste Dokumentation darstellt. Unter Experten wird dieser Teppichtyp als "Holbein-Teppich" bezeichnet, und einen ganz ähnlichen Teppich gab es im Kuwaiter Museum - jedenfalls bis zu dessen Ausplünderung durch die irakische Armee 1990/91. In der Museums-Zeitschrift [73] wird Georg Gisze (so die Schreibweise bei Holbein) freilich als "italienischer" Kaufmann angesehen, ein Irrtum, auf den ich als Georg Gieses naher Verwandter den Direktor des Museums hinweisen konnte.

Jedenfalls ist es interessant, aus dem Holbein-Porträt zu sehen, daß ein Danziger Kaufmann um 1530 einen wertvollen Orient-Teppich im Hause hatte. Die Danziger Kaufleute fuhren teilweise über Holland und London hinaus bis ins Mittelmeer, worüber man auch in den Weichbrodt'schen Bänden vereinzelte Nachrichten findet.
- Der Teppich auf dem Bild ist nicht das einzige Symbol seines Wohlstands. Neben einer Deckeldose mit Münzen, einem Fingerring, seinem Petschaft (Siegel) sieht man links eine Dose: das ist eine Uhr. Erst kürzlich wurde diese allererste tragbare Uhr erfunden, die man am Gürtel oder an einer Halskette trug, für wohlhabende Leute ein einzigartiges Statussymbol.
 

Georg Gieses Frau war Christine Krieger [74], eine Nichte von Copernicus' Wirtschafterin Anna Schilling geb. Krieger.

 
[69] Artur Giese: Die Danziger Patrizierfamilie Giese. Danziger familiengeschichtliche Beiträge, Heft 2, Danzig 1934, S.111. Nachdruck Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Sonderschrift Nr.60, Hamburg 1988.

[70] Theodor Müller: Deutsche Plastik der Renaissance. Reihe Die blauen Bücher, Verlag Langewiesche, Königstein 1963, S.55. Foto von Helga Schmidt-Glaßner. - Das bedeutende Werk ist bei Kriegsende von Russen gestohlen und auf nicht ganz geklärte Weise nach Deutschland gebracht worden. Es wurde der Berliner Skulpturengalerie zum Kauf angeboten. Mtlg Prof.Dr.Helmut Börsch-Supan, Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Berlin, 1994.

[71] Helmut Strehlau, Das Patriziergeschlecht Giese in Danzig, seine ältesten Generationen und Vorfahren. In: Archiv für Sippenforschung Bd. 53, 1987, S.146-155. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.45, 1989, S.207.

[72] Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin, Hans Holbein d.J., Bildnis des Kaufmanns Georg Gisze, 1532. - In zahlreichen Kunstbänden und Kunstkalendern reproduziert. S.a. Giese [69] S.113.

 die älteste Dokumentation darstellt. Unter Experten wird dieser Teppichtyp als "Holbein-Teppich" bezeichnet, und einen ganz ähnlichen Teppich gab es im Kuwaiter Museum - jedenfalls bis zu dessen Ausplünderung durch die irakische Armee 1990/91. In der Museums-Zeitschrift [73] wird Georg Gisze (so die Schreibweise bei Holbein) freilich als "italienischer" Kaufmann angesehen, ein Irrtum, auf den ich als Georg Gieses naher Verwandter den Direktor des Museums hinweisen konnte.

Jedenfalls ist es interessant, aus dem Holbein-Porträt zu sehen, daß ein Danziger Kaufmann um 1530 einen wertvollen Orient-Teppich im Hause hatte. Die Danziger Kaufleute fuhren teilweise über Holland und London hinaus bis ins Mittelmeer, worüber man auch in den Weichbrodt'schen Bänden vereinzelte Nachrichten findet. Georg Gieses Frau wiederum war Christine Krieger [74], eine Nichte von Copernicus' Wirtschafterin Anna Schilling geb. Krieger.

[73] Kuwait National Museum Newsletter 22, 1989, S.20.

[74] Weichbrodt Bd.3 S.181.


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Leider stößt man weiterhin auf unrichtige, teils politisch motivierte Äußerungen zur Nationalität von Nicolaus Copernicus. Daß er angesichts Herkunft und Muttersprache ein Deutscher war, darüber sollte keine Diskussion mehr nötig sein. Als Copernicus geboren wurde, war Thorn als eine deutsche Stadt bereits 240 Jahre alt, älter als heute die USA. Aber Copernicus lebte außerhalb der deutschen Reichsgrenzen.

Er war ein Untertan des polnischen Königs. Ihn aber deswegen als einen Polen anzusehen, ist genauso absurd, als würde man die polnischen Dichter Mickiewicz und Sienkiewicz als Russen bezeichnen, nur weil sie als Folge der polnischen Teilung und des Wiener Kongresses Untertanen des Zaren waren, der in Personalunion König von Polen war.

Selbst die Encyclopædia Britannica und ihr französisches Gegenstück, die Encyclopædia Universalis, bezeichnen Copernicus falsch als einen "polnischen" Astronomen [75]. Wie unseriös hier die Encyclopædia Britannica ist, erweist die Tatsache, daß in dem vierspaltigen Artikel unter dem Stichwort "Copernicus" das Land Preußen überhaupt nicht vorkommt; auf den preußischen Landtag, für den Copernicus eine Münzreform plante, wird als "certain Polish provinces" Bezug genommen. Das ist nichts anderes als eine völlig unverständliche Geschichtsverfälschung, zumal die hier ersichtliche Münzhoheit des preußischen Landtags dessen Souveränität erweist.

Hermanowski [76] stellte ihm für die verschiedenen Zeitabschnitte seines Lebens hypothetische "Reisepässe" aus. Danach war er ein Preuße. Copernicus selbst hat Preußen als sein Vaterland angegeben. (Vergl. Helmut Freiwald [77]). Auch für die frühen polnischen Copernicus-Forscher Jan Brozek 1618 und Simon Starowolski 1625/1627 lagen Geburtsort und Wirkungsstätten des Copernicus selbstverständlich in Preußen, nicht in Polen [78].

Freilich war das damalige Preußen, das wir heute mit "Altpreußen" bezeichnen, ein anderes als das des 19. Jahrhunderts mit der Hauptstadt Berlin; ebenso ist das heutige Polen ein anderes als das um 1500 mit der Hauptstadt Krakau.

Über den Status des Landes Preußen gab es stets kontroverse Meinungen. In der Goldenen Bulle Kaiser Friedrichs des II. von 1226 wurde dem Deutschen Orden der Besitz des Kulmerlandes bestätigt und die Ermächtigung erteilt, das Land der heidnischen Prußen zu erobern. Dadurch wurde das Preußenland aber nicht juristisch dem Reich einverleibt, denn die Bulle erließ der Kaiser in seiner Eigenschaft als Beschützer der Kirche, und nur in dieser Eigenschaft konnte er außerhalb der Reichsgrenzen nach kanonischem Recht aktiv werden [79].

Der Hochmeister war kein Reichsfürst. Andererseits war mit dem Erlaß der Bulle sicher auch eine politische Absicht des Kaisers verbunden. Gerichtsbarkeit, Bodenregal und anderes im Ordensland glichen den Verhältnissen im Reich, so daß zwischen Preußen und dem Reich eine politische Beziehung besonderer Art bestand, zumal der Deutsche Orden mitsamt seiner Siedlungspolitik eine nationale deutsche Angelegenheit war [80].

Nach den Kriegen zwischen Polen und dem Deutschen Orden wurde im zweiten Thorner Frieden von 1466 wieder auf die Goldene Bulle Bezug genommen, aber die politischen Kräfte waren nun anders. Zu Copernicus' Zeiten war Preußen ein eigenständiges, recht komplexes Staatsgebilde, in dessen verschiedenen Teilen der polnische König verschiedene Funktionen und Rechte hatte, über deren Ausmaß es oft Uneinigkeit gab.

Copernicus' Geburtsstadt Thorn lag im westlichen Teil, der sich unter der Führung des preußischen Städtebundes und in Gegnerschaft gegen den Deutschen Orden unter den Schutz des Königs von Polen begeben hatte, der hier nun, bei relativ großer Unabhängigkeit der Städte, als eine Art Herzog ("dominus et heres") herrschte. Er hatte diesen Titel in Personalunion mit anderen Titeln, die auch Litauen und zeitweise selbst Böhmen und Ungarn umfaßten.

Im östlichen Teil mit der Hauptstadt Königsberg regierte weiter der Deutsche Orden, dessen Hochmeister 1466 dem polnischen König den Treueid leisten mußte. 1525 bei der Gründung des weltlichen Herzogtums blieb das Land unter der Lehnshoheit Polens.

Der westliche Teil hieß das "königliche Preußen", der östliche das "herzogliche Preußen". Dazwischen lag das Fürstbistum Ermland, in dem Copernicus den größten Teil seines Lebens verbrachte. Ermland stellte einen selbständigen Staat dar, dessen militärischer Schutz bis 1466 dem Orden, dann dem polnischen König oblag. Der Fürstbischof, der vom Frauenburger Domkapitel gewählt wurde, ein gebürtiger Preuße sein mußte [81] und oft aus einer Danziger Ratsfamilie stammte, hatte die Funktion eines Staatsoberhauptes. Copernicus hätte also einen fiktiven ermländischen Reisepaß haben müssen. Den hätte er sich zeitweilig selbst ausstellen können, als er, während der Bischofsstuhl von 1523 bis 1525 nicht besetzt war, General-Administrator des Ermlandes war [82].

In dieser Zeit, gegen Ende der Ordensherrschaft, mußte er gegen den kriegerischen Einfall des Ordensheeres den polnischen König als Schutzherrn Ermlands zu Hilfe rufen, der das vom Ordensheer verwüstete Fürstbistum unter seinem neuen Bischof Mauritius Ferber, einem Bruder des Danziger Bürgermeisters Eberhard Ferber [83], als eigenständigen Staat bestätigte. Polen als Schutzmacht hatte hier die Ordnung wieder hergestellt, so daß Copernicus nun nach Frauenburg zurückkehren konnte. Er ließ die vom Ordensheer zerstörte Domburg wieder aufbauen und konnte sich nach den "revolutionibus orbis terrae" nun wieder den "revolutionibus orbium coelestium" widmen.


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Der Erstdruck seines Hauptwerkes "De Revolutionibus" soll Copernicus in Frauenburg am Tage seines Todes am 24.5.1543 erreicht haben. Es wurde in Nürnberg gedruckt, und zwar bei Johannes Petreius, der bisher schon bedeutende humanistische und wissenschaftliche Druckschriften herausgebracht hatte.
> Titelblatt [84]<

Im Oktober 2003 hatte ich anlässlich eines Lemmel-Familientages in Nürnberg eine Stadtführung durch den verdienstvollen Altstadt-Experten Erich Mulzer. Oben von der Burg blickten wir auf eine Stadtgasse hinunter, in der zwischen lauter neu gebauten Häusern ein einziges unversehrt gebliebenes Fachwerkhaus den Bombenkrieg überlebt hatte. Erich Mulzer hatte erst kürzlich herausgefunden, dass dies das Haus des Buchdruckers Johannes Petreius war. [84]
[Foto H.D. Lemmel 2003]


[75] The New Encyclopædia Britannica, 15th ed. 1988, Bd.3 S.610 und Bd.16 S.760. Copernicus, Nicolaus: "Polish astronomer". - Encyclopædia Universalis, Paris 1985, Bd.5 S.483: "L'astronome polonais Nicolas Copernic".

[76] Hermanowski S.11.

[77] Helmut Freiwald, Hat sich europäische Vergangenheit nach der Gegenwart zu richten, oder zu welcher Nation gehört Nicolaus Copernicus? In: Geprägte Form. Festschrift für Robert Rie, State University College at Fredonia, New York. Wien 1975, S.15-24. - Besprechung dazu von Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.38, 1976, S.166.

[78] Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.41, 1981, S.180. Besprechung zu Erna Hilfstein, Starowolski's Biographies of Copernicus, in: Studia Copernicana Bd.21, Ossolineum 1980.

[79] Erich Weise, Interpretation der Goldenen Bulle von Rimini (März 1226) nach dem kanonischen Recht, in: Acht Jahrhunderte Deutscher Orden in Einzeldarstellungen, Band 1 der Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Bad Godesberg 1967, S.15-47.
 
[80] Ingrid Matison, Zum politischen Aspekt der Goldenen Bulle von Rimini, gleiche Publikation wie [79], S.49-55.

[81] Brief von Herzog Albrecht 1548 an den König. Werner Thimm in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands Bd.44, 1988, S.163.

[82] Hermanowski S.122.

[83] Weichbrodt Bd.1 S.168.

>[84] Erich Mulzer, Das Haus Ölberg 9, ein neun entdecktes Nürnberger Geschichtsdenkmal, in: Nürnberger Altstadtberichte Nr.5, Nürnberg 1980, S.51-84.


Ende

Hierzu schrieben die "Thorner Nachrichten" (Heimat-Journal der Patenstadt Lüneburg für die Thorner aus Stadt und Land) 2003, Seiten 19-20
 
   

     

     
 
 


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