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Die Familie Lemmel und August der Starke
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von Hans-Dietrich Lemmel

Referat (1) am Dresdener Familientag 1994.
Ursprünglich gedruckt in "lemlein filii" Heft 5, 1999, Seiten 24-40. Seither geringfügig ergänzt.
Gekürzte Fassung gedruckt in: Familienforschung in Mitteldeutschland Jg.1998 Heft 1 Seiten 193-204.

(Dies ist die ursprüngliche Fassung dieses Aufsatzes von 1999. Seither fand ich wichtige zusätzliche Dokumente zum General-Kriegszahlmeister Lämmel, so dass ich für diesen 2016 einen separaten Aufsatz verfasste. - HDL)

Gliederung
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 1. Einleitung
 2. Die Herkunft des Kriegsrats Lämmel
        zum Familienblatt des Kriegsrates Lämmel
 3. Die Türken vor Wien
 4. Musterungen
 5. Johann Lämmels Besitz
 6. Kriegszahlmeister unter August dem Starken
 7. Ein Lämmel und ein Lemel
 8. Der Feldzug nach Riga
 9. Die Folgen der Niederlage für die Familie Lemmel
10. Finanzen
11. Johann Lämmels Erbe
12. Waffenhandel
13. Die Lemmel in Glauchau
14. Das Königstreffen auf der Elbe und die Folgen
15. Dank
  1. Einleitung

Als die ersten Lemmel kurz nach 1400 in Sachsen auftauchten, war Dresden noch eine relativ unbedeutende Stadt. Die grosse Zeit Dresdens begann erst vor 300 Jahren, als Kurfürst Friedrich August der Erste 1697 zum König von Polen gewählt wurde. Als polnischer König hieß er August der Zweite. Genannt aber wurde er August der Starke. Durch seine Wahl zum König von Polen wurde das bisher unbedeutende Dresden plötzlich zur Hauptstadt eines Weltreiches, das vom Baltikum bis ans Schwarze Meer reichte.

Rings herum aber gab es drei Mächte, die dieses neue Reich Sachsen-Polen als Konkurrenten fürchteten: Im Süden das Habsburger-Reich, das mit Böhmen bis dicht vor die Tore Dresdens reichte. Es war gerade zur Grossmacht aufgestiegen, nachdem die Türken 1683 mit polnischer Hilfe besiegt worden waren und anschließend durch den siegreichen Feldherrn Prinz Eugen auf den Balkan zurückgedrängt wurden. Im Norden gab es das noch kleine aber aufstrebende Hohenzollern-Reich, in dem Kurfürst Friedrich der Dritte von Brandenburg regierte. Und im Osten lag das unter Zar Peter dem Großen mächtig aufstrebende Russische Reich.

Etliche Jahrzehnte später wurde Polen denn auch von diesen drei mächtigen Nachbarn unter sich aufgeteilt. Aber unter August dem Starken erlebte Sachsen-Polen eine kulturelle Blütezeit, die sich in Dresden durch prächtige Bauwerke im Stil des Sandstein-Barocks bemerkbar machte. Fern im Westen regierte in Frankreich Ludwig der Vierzehnte, dessen Prachtentfaltung für alle Monarchen dieser Zeit das große Vorbild war.

Unter denen, die nicht unwesentlich zum Erfolg Augusts des Starken beitrugen, war sein General-Kriegszahlmeister Johann Lämmel.

Im Jahre 1994 feiern August der Starke und Johann Lämmel zwei Jubiläen: Es ist das 300. Regierungs-Jubiläum von August dem Starken, der 1694 Kurfürst wurde; und es ist der 350. Geburtstag seines Kriegszahlmeisters Johann Lämmel. Welch ein würdiger Anlass für einen Familientag!

Vor 300 Jahren also war der 50-jährige Johann Lämmel einer der wichtigsten Berater des gerade erst 24-jährigen jungen Kurfürsten.

1  Dieser Aufsatz wurde in leicht gekürzter Fassung gedruckt in der Zeitschrift "Familienforschung in Mitteldeutschland", 39. Jahrgang 1997/1998, Seiten 193-204.
 

2. Die Herkunft des Kriegsrats Lämmel

Johann(es) Lemmel/Lämmel (2), der spätere sächsisch-polnische General-Kriegszahlmeister und Geheime Kriegsrat, wurde am 19. April 1644 in Neukirchen bei Chemnitz getauft (3). Sein Vater Hans Lemmel war einer von den 60 Lemmel-Vettern, die alle Nachkommen von Mertein Lemlein/Lemel waren, der aus Bamberg kam und 1437 Bürger von Chemnitz wurde (4,5). Die Familie stammt aus Nürnberg (6).

Der Vater Hans Lemmel war von Beruf ein "Mälzer", also Malzproduzent und Malzhändler. In seinem Haus mit Garten auf dem Lande südwestlich von Chemnitz hatte er Pferd und Wagen und einen Lagerraum für Gerste, die zum Keimen gebracht, vergoren und geröstet werden musste, bis das so entstandene Malz an die Chemnitzer Bierbrauer geliefert werden konnte. Er lebte in der schwierigen Zeit des 30-jährigen Krieges, in dem Chemnitz und die umliegenden Dörfer von 1632 bis 1644 wechselnd von den kaiserlichen, den schwedischen und den sächsischen Truppen eingenommen und mehrfach niedergebrannt wurden. Wer den Krieg überlebte, starb womöglich an der Pest. Auch die Anzahl der erzgebirgischen Lemmel, die sich bisher von Generation zu Generation stark vermehrt hatten, schrumpfte in dieser Zeit.

1637 kaufte Hans Lemmel aus Höckericht südwestlich von Chemnitz von seiner verwitweten Schwiegermutter eine "Brandstatt" in Stelzendorf (7). Der Schwiegervater mag umgekommen sein, als sein Anwesen von plündernden Soldaten niedergebrannt wurde. Der Richter, der diesen Kauf beurkundete, war auch ein Lemmel: Andreas Lemmel, Hofmeister auf dem Gut in Höckericht. Hans Lemmels Frau starb wenige Jahre später nach der Geburt von zwei Töchtern. Als Witwer heiratete er Anna Neubert aus Neustadt westlich von Chemnitz und lebte seitdem in Neustadt. Der älteste Sohn ist der spätere Kriegsrat, der 1644 als Johannes Lemmel in Neukirchen getauft wurde. Die weiteren Kinder wurden dann in der Chemnitzer Niklaskirche getauft, die am südlichen Stadtrand außerhalb der Stadtmauer lag. Neustadt, wo der Mälzer Hans Lemmel wohnte, hatte noch keine eigene Kirche, und die Kirchen von Neukirchen und St.Niklas waren etwa gleich weit entfernt.
 

Franz Lemmel, der jüngere Bruder des Kriegsrats, wurde ebenfalls Mälzer. Er übernahm den väterlichen Besitz in Neustadt, wo er auch im Ehrenamt eines Schöffen beurkundet ist.

Wie kam nun Johannes Lemmel aus dem Dorf Neustadt, Sohn eines Malzhändlers, zu dem Amt des General-Kriegszahlmeisters?

Die erste Meldung findet sich in der Richter'schen Chronik von Chemnitz von 1767 (8). Demnach war Johann Lemmel im Jahre 1668, also im Alter von 24 Jahren, ein Handelsbedienter in Leipzig. Er wird als ein Wohltäter der Chemnitzer Nicolaikirche erwähnt, der dieser Kirche "ein grün taffetnes Altartuch verehret" hatte. Diese Stiftung mutet nach heutigen Maßstäben bescheiden an, war aber doch so beachtenswert, dass 100 Jahre später in der Chemnitzer Chronik davon berichtet wurde. Solche Stiftungen erfolgten normalerweise von wohlhabenden Leuten, wenn sie ihr Testament machten. Wenn Johann Lemmel im Alter von 24 Jahren dieses Altartuch stiftete, so zeigt dies, dass er in jungem Alter schon recht erfolgreich gewesen sein muss. Wie dieser Erfolg zustande kam, und bei welcher Leipziger Handelsfirma er als Handelsbedienter tätig war, ist noch nicht bekannt.

Höflinge des Kurfürsten, die unter der Leipziger Kaufmannschaft nach tüchtigen Leuten Ausschau hielten, müssen auf Johann Lemmel gestoßen sein und ihn an den Dresdener Hof geholt haben. Kurz nach 1670 lebte er wohl schon in Dresden, wo er die 4 Jahre ältere Emilie Thomae aus Meißen heiratete und drei Töchter bekam. Bereits 1681, also im Alter von 37 Jahren, wird er als "Herr General Kriegs-Zahlmeister in Dresden" erwähnt (9), unter Kurfürst Johann Georg dem Dritten.

2  Die Schreibweise wechselt. Neben der vorwiegenden Schreibweise Johann Lämmel werde ich auch die in den jeweiligen Urkunden vorkommenden Varianten benutzen. - Um 1700 wechselte in den meisten sächsischen Lemmel-Stämmen die Schreibweise des Namens von Lemmel zu Lämmel, so dass heute in Sachsen die Lemmel in der Originalschreibweise mit -e- nur noch in der Minderheit sind.

3  Die Kirchenbuch-Auszüge, die ich in dieser Arbeit nicht alle einzeln zitieren werde, erfolgten durch Rolf Windisch, Freiberg, und Herbert E. Lemmel, Bad Homburg/Fürth.

4  Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15.Jahrhunderts. In: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, Bamberg 1965, S.13-220. - Herbert E. Lemmel: Geschichte der erzgebirgisch-vogtländischen Lemmel im 15.-16. Jahrhundert. In: Deutsches Familienarchiv Bd.43, Degener Neustadt/Aisch 1970, S.235-348. - Herbert E. Lemmel: Die Nachkommen des Paul Lemmel aus Chemnitz (und seiner Brüder), Privatdruck, 2 Bände, Bad Homburg 1967/1968.

5  Hans-Dietrich Lemmel, Regesten und Stammfolgen aller Lemmel und Lämmel, in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie, Leipzig, und Mikrofilme Nr. 1628279 bis 1628282 (1990) der Genealogischen Gesellschaft von Utah. - Enthält Ergänzungen und Korrekturen zu den Veröffentlichungen von Herbert E. Lemmel, Anm.4. - Besonders: Lemmel-Stamm Chemnitz, Lemmel-Stamm Neustadt, u.a.

6  Hans-Dietrich Lemmel, Nürnberger Lemlein im 14.Jahrhundert. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte Bd.120, 1984, S.329-370.

7  Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Gerichtsbuch-Auszüge durch Kurt Wensch, Dresden. Genaue Quellenangaben siehe Anm.5.

8  Adam Daniel Richter: ...Chronica der...Stadt Chemnitz..., Zittau/Leipzig 1767, S.212. - Die Seiten 212/213 dieses Buches befinden sich auch im Umschlag des Kirchenbuches von Chemnitz-Nikolai (laut Mtlg R.Windisch). - Vgl. Herbert E. Lemmel, "Herkunft" (wie Anm.4) S.207.

9  Johann Paul Oettel: Alte und neue Historie der...freyen Berg-Stadt Eybenstock im Meißnischen Ober-Erz Gebürge. Schneeberg 1748, S.61. - Laut Mtlg Gerhard Lemmel, Bremervörde.

 

3. Die Türken vor Wien

Das Jahr 1683 war eines der Schicksalsjahre Europas. Die Türken belagerten Wien, die Hauptstadt des Deutschen Reiches, und Kaiser Leopold von Habsburg vermochte es nicht, Wien zu befreien. Die Rettung brachte der Polenkönig Jan Sobieski mit seinem Heer.

Das polnische Reich hatte damals im Süden eine über tausend Kilometer lange Grenze mit dem osmanischen Reich, das die ganze Balkanhalbinsel und große Gebiete der heutigen Länder Slowakei, Ungarn, Rumänien und Ukraine besaß. So war es für Polen wesentlich, die Türken nicht zu mächtig werden zu lassen und sich mit dem Kaiser gegen die Türken zu verbünden.

Es war aber nicht nur Polen sondern auch Kursachsen, das seine ganze Armee nach Wien schickte, so dass es gelang, in der Schlacht am Kahlenberge die Türken zu besiegen und Wien zu befreien. Johann Lämmel ist dabeigewesen: dies geht aus einer Nachricht (9) hervor, dass während dieses Kriegszuges der "Herr General Kriegs-Zahlmeister Lämmel" veranlasste, Gottfried Jentzsch aus Oschatz zum Feldprediger zu berufen.   

Die meisten Türken wurden niedergemetzelt, so wie zuvor die Bevölkerung der Wiener Umgebung von den Türken niedergemetzelt worden war. Aber einige kamen in Gefangenschaft, und so wurde am 9.10.1687 in der Leipziger Nikolaikirche ein 19-jähriger Türke namens Ismael auf den christlichen Vornamen Johann Friedrich getauft (10). Sein Taufpate war Herr Johann Lemmel, Churfürstlich Sächsischer General-Kriegszahlmeister.


10  Türkentaufen in Leipzig, in: Fam'geschichtliche Blätter Jg.36, Leipzig 1938, S.333. – Ebenfalls zutiert (jedoch ohne Nennung des Taufpaten) in: Hermann Metzke, Türken in Mitteldeutschland im 16.-18.Jh., Familie und Geschichte, Band 2 1996, S.256ff.


 
4. Musterungen

Bei der sächsischen Armee diente zu dieser Zeit der Kürassier Martin Lämmel aus Strehlen in Niederschlesien (11). Er dürfte die Türkenschlacht am Wiener Kahlenberg mitgemacht haben. Er ist der mutmaßliche Stammvater der niederschlesischen Lämmel in Petrikau und Pudigau (12).

Nach dem Wiener Türkenkrieg wurden neue Soldaten angemustert, darunter 1684 in der "Sächsischen Leibgarde zu Fuß: David Lemmel, Gemeiner, 21 Jahre alt, Vaterland Belgern, Profession Tischler", aus dem Torgauer Lemmel-Stamm (13). Aber obgleich die sächsischen Truppen weiter in Ungarn gegen die Türken kämpften, brauchte der Kurfürst seine Armee gerade nicht selbst. Es war für ihn und seinen Kriegszahlmeister ein einträgliches Geschäft, drei Regimenter, die aus den besten Fußtruppen zusammengestellt wurden, an die wohlhabende Republik Venedig zu vermieten, die gerade in Griechenland gegen die Türken kämpfte. So war David Lemmel zwar der erste Lemmel, der nach Griechenland reisen durfte, aber schon bald wurden die drei sächsischen Regimenter zu zwei Dritteln vernichtet (14), und von David Lemmel aus Belgern hat man nichts mehr gehört.
     
Als weitere Soldaten angemustert wurden, war darunter 1685 Salomon Lämmel aus Annaberg (15) im Rang eines Capitain des Armes, und 1687 der Tambour Samuel Lämmel aus Belgern, ein Bruder des in Griechenland umgekommenen David Lemmel. Samuel Lämmel diente als Anführer der Spielleute im sächsischen Leibregiment zu Fuß. Er dürfte mit seiner Militärkapelle bei vielen Festen und Aufmärschen am Dresdener Hof gespielt haben. Auf ihn werde ich noch zu sprechen kommen.

Und 1688 kam Christian Lemmel aus Drebach (16) zu den Churfürstlichen Dragonern, bei denen er über 16 Jahre lang blieb.

Im Wiener Kriegsarchiv fand sich eine Aufstellung von 1690 (17), in der Johann Lämmel als einer von zwölf Generälen der sächsischen Armee aufgeführt wird. Die Generäle sind etwa zur Hälfte adeligen Standes und zur Hälfte bürgerlich; damit hat die sächsische Armee dieser Zeit einen erstaunlich hohen bürgerlichen Anteil in der Führungsschicht. Unter den adeligen war Generalmajor v.Minkwitz, dessen Sohn Johann Georg später Johann Lemmels Tochter Johanna Margarete heiratete.

Im v.Minkwitz'schen Dragoner-Regiment diente auch der Dragoner Georg Lemmel "von Wolkenstein, Vaterland Drebach" (16). Der war schon 1683 nach Wien gegen die Türken gezogen und nun, im Jahr 1690 ging es gegen Frankreich. König Ludwig der XIV. war in die Rheinpfalz eingefallen und hatte das Heidelberger Schloss und viele andere Orte zerstört, so dass es zu einer Allianz gegen Frankreich kam, an der 15 Regimenter der sächsischen Armee teilnahmen, nebst Zahlmeister Johann Lämmel, Capitain Salomon Lämmel aus Annaberg, Tambour Samuel Lämmel aus Belgern und den Dragonern Christian und Georg Lemmel aus Drebach.

11  Für diese und die im weiteren Text genannten Musterungen: Sächs.HStA Dresden, Kriegsarchiv, Musterlisten. Auszüge durch Kurt Wensch. Genaue Quellenangaben siehe Anm.5.

12  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lämmel-Stamm Strehlen. Die genealogische Einordnung dieses Lämmel-Stammes ist noch offen.

13  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel/Lämmel-Stamm Torgau.

14  Schuster und Francke, Gesch.d.sächs. Armee, Leipzig 1885, Teil I S.110; laut Kurt Wensch, Mtlg 1984.    

15  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Jahnsdorf.

16  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Jahnsbach.  


 5. Johann Lämmels Besitz

Seit 1681 erwarb Johann Lämmel in der Umgebung von Dresden nicht nur ein einziges Rittergut sondern gleich drei, und zwar Klein-Carsdorf, Deusewitz (= Theisewitz) und Possendorf (18). In Klein-Carsdorf ließ Johann Lämmel an einem Kachelofen eine eiserne Platte mit seinem Familienwappen anbringen (19). Die Platte wurde im Hammerwerk Bahra bei Pirna von dem Schneeberger Bildhauer Johann Heinrich Böhme angefertigt, der 1675 am Dresdener Hof arbeitete (20).
   

Lämmels Wappen zeigt ein Lamm in der unteren Hälfte des Schildes unter einem belaubten Zweig in der oberen Hälfte. Der Zweig kommt sonst in keinem Lemmel-Wappen vor. Dagegen ist das Lamm-Wappen seit 1406 in der Familie verbürgt, als Hans Lemlein in Bamberg (Vorfahr von Johann Lämmel) mit seinen Brüdern, den "lemlein filii", eine Erbteilung besiegelte. Für die Chemnitzer Lemmel ist ein Lamm-Wappen sonst nur für den Schneeberger Zweig überliefert, und zwar für den Magister Petrus Lemmel in Schneeberg 1614 und für den nach Wien abgewanderten Kaufmann Hans Lämmel/Lämbl 1592 (21,22).

Am 10.7.1688 feierte Johann Lämmel auf seinem Gut Theisewitz die Hochzeit seiner Tochter Johanna Rahel mit dem kurfürstlich-sächsischen Oberst Otto Heinrich von Egidy (23). Aber schon 14 Tage später musste er den Tod seiner Frau erleben (24). Sie wurde auf dem Lämmelschen Gut Possendorf beerdigt.

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17  Kriegsarchiv Wien, unter: Krieg gegen Frankreich 1690 in Niederlanden und Deutschland, 13/II 13, Band 20: Aufstellung des Bestandes der sächsischen Armee, Generalität. "General Kriegszahlmeister Lemmel" als 12ter von 12 Generälen.

18  |1681, 1684, 1687, 1691, 1695 Grundstückskäufe des General-Kriegszahlmeisters Johann Lämmel. Sächs.HStA Dresden, Gerichtsbücher 14 u. 15 für Dippoldiswalde; laut K.Wensch Mtlg 1986, der ähnliche Einträge in den Gerichtsbüchern vor Nr.14 und nach Nr.15 vermutete, diese aber nicht einsehen konnte. - Vergl. Herbert E. Lemmel, "Herkunft" (wie Anm.4) S.207. - Fehlerhinweis: Laut Herbert Lemmel war in Johann Lämmels Besitz auch das Gut Obernitzschka, und so hatte ich es in der gedruckten Fassung dieses Aufsatzes ungeprüft übernommen. Obernitzschka war schon seit Jahrhunderten im Besitz der Familie v.Minkwitz, aus der Johann Lämmels Schwiegersohn stammte.|

19  Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum, Inventar-Nr. 26 837. - Fotografie durch Reinhard Lämmel, Dresden.

20  Walter Henschel, Kursächsischer Eisenguß, Dresden 1955, S.163ff u. Kat.Nr.78. - Laut Mtlg Willy Roch.

21  Hans-Dietrich Lemmel, Die Wappen und Siegel der Nürnberger Familie Lemlein/Lemmel. In: Ingeborg Höfler-Lemmel, "lemlein filii" Heft 4, Berichte zu den Familientagen der Lemmel/Lämmel in Hildesheim 1984 und in Nürnberg/Rummelsberg 1989, S.38-48; Privatdruck Familienverband Lemmel/Lämmel 1991, D-92318 Neumarkt, Parkstr. 6.

22  Hans-Dietrich Lemmel und Gerhard Lemmel: Hans Lemmel in Wien - Handelsmann, Ratsherr, Protestant; in: Wiener Geschichtsblätter 35.Jg. (1980) S.69-81.

23  Gen. Handbuch des Adels, Adelige Häuser B Bd.9 1970. - Deutsche Zentralstelle für Genealogie, Ahnenlisten AL7948 u. AL8295. - Heinrich August Verlohren, Stammregister und Chronik der Kur- und Königl. Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des 20.Jh., Leipzig 1910, s.S.195: v.Egidy.

24  Katalog der fürstlich Stolberg-Stolbergschen Leichenpredigten-Sammlung Bd.4 Teil 2, Leipzig 1935, S.493 Nr.3088. - |Totenbuch-Eintrag Possendorf,
Mtlg Ingeborg und Manfred Schicht, 2008.|   


Auf diesem Gut ließ Johann Lämmel im Jahre 1691 eine Windmühle errichten. 1992 erwarb diese Windmühle der Müllermeister Herbert Scholz, der sie liebevoll restaurieren ließ (25).        
 
Johann Lämmel ließ auf seinem Gut Possendorf 1691 eine Windmühle errichten. Um 1930 riss ihr ein Sturm die Flügel weg. 1993 ist die Mühle im Besitz von Herbert Scholz, der sie komplett restaurieren ließ.

In seinem Wohlstand gedachte Johann Lämmel auch wieder seiner Heimat. Die Chemnitzer Nikolaikirche bekam 1692 einen neuen Turm, und zu der alten Glocke kamen zwei neue Glocken dazu, die 300 Taler kosteten, und von denen die eine zwei, die andere vier Zentner wog. Es war ein Dreier-Geläut in den Tönen Es, G und B. Auf der kleinsten, der B-Glocke, stand: "Andreas Herold in Dresden goss mich, 1692, Johann Laemmel C.S. General Kriegs Zahlmeister" (26). Nach fast 200 Jahren, 1884, wurden die Glocken heruntergeholt, weil die alte Chemnitzer Nikolaikirche abgebrochen wurde. Vier Jahre später, 1888, war die neue Nikolaikirche fertiggestellt, und die drei Glocken, mitsamt der Laemmel-Glocke, wurden wieder im Turm angebracht. Aber im Ersten Weltkrieg, 1917, musste die Gemeinde das Bronze-Geläut opfern und einschmelzen lassen (27). 30 Jahre später, 1946, wurde die bombengeschädigte Nikolaikirche ganz abgerissen.

Die Laemmel-Glocke läutete den Chemnitzern und den dortigen Lemmeln und Lämmeln 225 Jahre lang, von 1692 bis 1917.

25  Zeitungsartikel Morgenpost vom 24.9.1993. - Kopie durch Reinhard und Liane Lämmel, Dresden. - Zeitungsartikel von 2006 durch Ingeborg und Manfred Schicht 2007.

26  Adam Daniel Richter, wie Anm.8, S.213.

27  Pfarramt Chemnitz St.Nikolai/Thomas, Mtlg 1994.


 6. Kriegszahlmeister unter August dem Starken

Kurfürst Johann Georg der Dritte starb 1691. Sein gleichnamiger Sohn starb nach nur kurzer Regierungszeit, und dessen Bruder Friedrich August wurde 1694 Kurfürst, erst 24-jährig. Später nannte man ihn August den Starken, nicht nur weil er mächtig regierte, sondern weil er ein stattlicher Zwei-Zentner-Mann war, ein Muskelprotz von der Statur eines gemästeten Erzengels Gabriel (so heißt es in einer Biografie), der seine Kräfte gerne öffentlich demonstrierte, indem er mit bloßen Händen Hufeisen zerbrach und darüber Urkunden ausstellen ließ. Als Zweitgeborener hatte er nicht damit gerechnet, Kurfürst zu werden, und war als Abenteurer, Kunstfreund, Lebemann, Weiberheld und Trunkenbold durch Europa gereist (28). Jetzt musste er ran. Der 50-jährige Johann Lämmel blieb auch unter dem neuen, jungen Kurfürsten in seinem Amt.

Sogleich wurden wieder Soldaten angeworben, darunter im Dezember 1694 im Leib-Kürassier-Regiment "Felix Lämmel, 24 Jahre alt, von Glauchau aus Sachsen, freiwillig angeworben, übel beritten" (29). Von ihm wird noch die Rede sein.

Alsdann zog der junge Kurfürst 1695/96 nach Ungarn gegen die Türken. Und schon im Jahr darauf, 1697, wurde er zum König von Polen gewählt. Dazu hatte er den polnischen Adeligen Bestechungsgelder gezahlt, wovon beträchtliche Summen durch die Hände seines Kriegszahlmeisters gingen. Man kann sogar annehmen, dass die Erlangung der Königskrone zu einem wesentlichen Anteil Johann Lämmel und seinen Finanzierungen zu verdanken ist.

Zu seiner Krönung in Krakau im September 1697 erschien August in einem so prunkvollen Krönungsornat, dass er mit seinem massigen Leib unter dem Gewicht von Gewändern, Prunkrüstung und Schmuckstücken zusammenbrach und geraume Zeit bewusstlos am Boden lag, während die Militärkapelle unter dem Tambour Samuel Lemmel kräftig aufspielte, um über die peinliche Situation hinwegzuhelfen.

Johann Lämmel war nun nicht nur kurfürstlich sächsischer sondern auch königlich polnischer Kriegsrat und General-Kriegszahlmeister. Er ließ sich in einer prächtigen Rüstung porträtieren, und ein nach dem Porträt angefertigtes Schabkunstblatt (30) befindet sich im Dresdener Kupferstich-Kabinett; es hat die Inschrift "Johann Læmmell, Potentissimi Regis et Electoris Saxoniæ Consiliarius Belli intimus"; zu deutsch etwa: "Des allermächtigsten Königs und Sachsens Kurfürsten Geheimer Kriegsrat". - Das Porträt wurde von Pieter Schenk angefertigt, der etwa in der selben Zeit auch die Gräfin Cosel, die wichtigste Mätresse von August dem Starken, porträtierte.

 

28  z.B. Peter Seewald, Der Megastar des Barocks, in: Süddeutsche Zeitung Magazin Nr.47 vom     26.11.1993.

29  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Marienberg.

30  Kupferstichkabinett Dresden, A 1157,2 (neu A 139871); Singer 17011/50734 (neu 54975). - Schabblatt 270x190 mm von Pieter Schenk (1660-1718/1719), nach Samuel Bottschild. - Fotografie durch Paul Lämmel, Dresden.


 
Landkarte um 1700
Das Reich Augusts des Starken umfasste das Königreich Polen und das Kurfürstentum Sachsen. Die drei Punkte in Sachsen (Ch = Chemnitz, L = Leipzig, D = Dresden) sind die Heimatorte von Johann Lämmel, dem General-Kriegszahlmeister unter August dem Starken. Mit der sächsischen Armee zog er unter anderem nach Wien gegen die Türken, nach Frankreich, und bis nach Riga gegen die Schweden.
Wien war die Hauptstadt des Deutschen Reiches, in dem die Kurfürstentümer Sachsen und Brandenburg relativ unabhängig waren. Andere deutsche Staaten sind nicht eingezeichnet.
Polen, das größer war als das ganze Deutsche Reich, umfasste Litauen, Weißrussland und die Ukraine.
Die ganze Balkanhalbinsel inklusive Ungarn und Slowakei war türkisch.
Schweden, welches das nördliche Baltikum und Vorpommern besaß, war seit dem 30-jährigen Krieg die stärkste Militärmacht. Preußen, mit Brandenburg, Pommern und Ostpreußen, wurde 1701 zum Königreich.

 

7. Ein Lämmel und ein Lemel

Die bisher unbedeutende Residenz Dresden war nun (neben Warschau) zur Hauptstadt eines Weltreiches geworden, das vom Baltikum bis ans Schwarze Meer reichte.

Dabei hatte Sachsen nicht einmal eine Landverbindung mit Polen. August der Starke musste entweder durch brandenburgisches Gebiet, oder durch das habsburgische Niederschlesien, oder aber durch das kleine Fürstentum Sagan, in dem der Fürst von Lobkowitz regierte. Das ist nun besonders interessant, denn der Lobkowitzsche Verwalter in Sagan war Michael Deodat Lemel (31) aus einem oberpfälzer Lemmel-Zweig, der ebenfalls von den Chemnitzer Lemmeln abstammt (32). Er besaß bei Sagan das Gut Seedorf, und seine Nachkommen wurden als "Ritter Lemmel von Seedorf" später geadelt (33).

Tatsächlich führte durch Sagan eine alte Ost-West-Heerstraße (34), und es ist durchaus wahrscheinlich, dass nicht nur sächsische Truppen durch Sagan nach Polen zogen sondern auch der General Lämmel, der aus diesem Anlass mit dem Lobkowitzschen Verwalter Lemel verhandelt haben muss. Einen urkundlichen Beleg hierfür habe ich leider bisher nicht gefunden.


31  Dominus Michael Deodat Lemel, gewester Verwalter unter dem Fürstl. v.Lobkowitz zu Sagan, 1737 im Heiratseintrag seines Sohnes. Neumarkt/Oberpfalz, Johanniskirche, Kirchenbuch Bd.6 Trauungen S.99.

32  Die Herkunft der "Ritter Lemmel von Seedorf" war lange unklar. Für die früher vermutete Abstammung von den "Lemblin von Rennertshofen" bei Neuburg/Donau konnte ich keinen Beleg finden. Dagegen fand ich Hinweise dafür, dass der Vater des Lobkowitzschen Verwalters Michael Deodat Lemel der Lobkowitzsche Schulmeister und Ratsherr Andreas Lemmel in Waldthurn/Oberpfalz sein dürfte, der wiederum ein Nachkomme des 1531 in Schneeberg/Sachsen geborenen Wiener Ratsherrn Hans Lemmel sein dürfte. - Siehe H.D. Lemmel, Die Nürnberger Lemmel in der Oberpfalz.

33  Wiener genealogisches Taschenbuch Bd.1, Wien 1926. - H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Seedorf.

34  Auf der alten Heerstraße von Sachsen nach Polen zogen noch 1812 Napoleons Truppen auf dem Marsch nach Moskau durch Sagan. - Vergl. Hermann Steinbock: Johann Vertraugott Metzke (seit 1795 Hofrat im Fürstentum Sagan), in: Ostdeutsche Familienkunde Bd.15 (1999) S.178.



Die Verwandtschaft des sächsischen Generals Lämmel mit dem
Lobkowitzschen Verwalter Lemel in Sagan(Niederschlesien) 
           Merten Lemmel, * ?1415 in Bamberg, Kaufmann in Chemnitz
         ┌─────────────────┴────────────────┐
Hans Lemmel                                 │
* ?1445 in Chemnitz                 Paul Lemmel
Kaufmann in Chemnitz                * ?1450
         │                          Chemnitz,Neukirchen,Adorf
Hans Lemmel                                 │
* ?1475/1480                        Valten Lemmel
Bergmann und Schöffe, Schneeberg    * ?1480
         │                          Bauerngut in Neukirchen
Hans Lemmel                            und Markersdorf    
* ?1505 in Chemnitz                         │
Bergmann in Schneeberg              Franz Lemmel
         │                          * ?1510            
Hans Lemmel/Lämbl                   Bauerngut in Stelzendorf       
* 1531 in Schneeberg                        │
Kaufmann und Ratsherr in Wien       Franz Lemmel
         │                          * ?1540/1545
Martin Lämbl/Lemblein               in und um Chemnitz 
* um 1563 in Wien                           │
in Wien, dann Oberpfalz             Hans Lemmel
         │                          * ?1575         
Hans Lämbl/Lemler                   in Niederhermersdorf 
* um 1590 in Wien                           │
Bäcker in Eslarn/Oberpfalz                  │
         │                          Hans Lemmel
Andre Lembl/Lembler                 * ?1610
* ?1620                             Mälzer in Neustadt bei
in Eslarn/Oberpfalz                    Chemnitz        
         │                                  │
Andreas Lembl                       Johann Lämmel
* ?1645 in Eslarn                   * 1644 in Neustadt
Lehrer und Ratsherr in Waldthurn    sächs.-poln.General-Kriegs-
(Waldthurn=Lobkowitzscher Besitz)      zahlmeister
         │
Michael Deodat Lemel
* ?1668 in Waldthurn
Lobkowitzscher Verwalter in Sagan


 8. Der Feldzug nach Riga

Um die polnische Königswürde zu untermauern, wurden 1697 wieder Soldaten angemustert, darunter Michael Lemmel, 23 Jahre alt, Vaterland "Neukirchen bei Annaberg" (35), als Gemeiner im "Chursächsischen Kürassier-Regiment zu Ross".

Wild wie sein bisheriges Leben war auch die Regierung Augusts des Starken in Polen. 1698 empfing er in einem Schloss bei Lemberg, das nun zu seinem Reich gehörte, den Zaren, Peter den Großen. Beide verständigten sich über einen Kampf gegen Schweden, das die stärkste Macht im Norden war und fast das gesamte Ostsee-Umland beherrschte.

August der Starke zog mit seiner Armee quer durch Polen nach Litauen, das ebenfalls zu seinem Reich gehörte. Von hier aus versuchte er im Februar 1700, den Schweden die Stadt und Festung Riga abzunehmen, wobei er aber von dem 20-jährigen Schwedenkönig Karl dem XII. vernichtend geschlagen wurde.

Der Schwedenkönig trieb August den Starken und die Reste seiner Armee vor sich her, von Riga bis nach Krakau, wo die Schweden im Juli 1702 die Sachsen noch einmal vernichtend schlugen. Die Niederlage war so katastrofal, dass August gezwungen war, auf sein Königreich Polen zu verzichten. Das gerade erst erworbene große Reich war nach wenigen Jahren bereits wieder zerronnen.

35  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Adorf.


9. Die Folgen der Niederlage für die Familie Lemmel

Auf dem Marsch durch Polen nach Riga passierte unterwegs ein Missgeschick. An einem entlegenen Ort stellte sich heraus, dass ein Mann fehlte, und im diesbezüglichen Militärakt (36) von 1699 heißt es: "Der Kürassier Felix Lämmel von Glauchau hat sich am 3.Dezember mit voller Montur im großen Morast verlohren." Man nahm also an, er sei im Moor versunken. Was wirklich mit ihm geschah, erzähle ich später.
      
Nach der verlorenen Schlacht bei Riga befand sich unter den gefangen genommenen sächsischen Soldaten der Kavallerist Johann Georg Lemmel, der nun zu den Schweden überlief und in das Livländische Kavallerie-Regiment des Generals von Tiesenhausen als "Volontär" eintrat, wo er es später zum Kornett, Leutnant und Rittmeister brachte (37). Leider scheint er in Schweden keine Nachkommen gehabt zu haben; eine heute in Schweden lebende Familie Lemmel ist anderer Herkunft (38). Dieser übergelaufene Georg Lemmel kam aus Neukirchen bei Chemnitz. 1684 heißt es im Neukirchener Gerichtsbuch: "Michael Lemmel ist mit Weib und Kindern davon gelaufen und hat sein Haus leichtfertig stehen lassen; es ist verfallen und wird wegen der darauf haftenden Zinsschulden vom Amtmann anderweitig vergeben". Georg, der Sohn des davongelaufenen Michael Lemmel, ging zur sächsischen Armee und lebte zeitweilig mit Frau und Töchtern in der Garnison Heersdorf bei Fraustadt in Polen. Nach der Schlacht bei Riga galt er als verstorben, und seine Frau kehrte mit ihren Töchtern nach Chemnitz zurück (39).

36  Wie Anm.11, Musterliste Nr.69.    

37  Riksarkivet Stockholm, Mtlg Bertil Johansson 1997. - "Karl XII:s Officerare", Norstedt förlag, Stockholm 1920, Bd.II S.391.

38  Der schwedische Generalmajor Carl Andersson nahm 1926 den Namen Lemmel an, wobei in dem diesbezüglichen Regierungsakt bestätigt wird, dass der Name nicht schon verwendet war. Wie er auf den Namen Lemmel gekommen ist, ist unbekannt. - Vem är det, 1965. Mitteilungen Archivdirektor Otto Brenner 1967; Bertil Johansson 1997; Fredrik Lemmel, Stockholm, 1998.

39  Kirchenbücher Chemnitz-Johannis, Trauung 1715 S.59 Nr.10, Begräbnisse 1721 S.727 Nr.37, 1740 S.13 Nr.57. Mitteilung R.Friedrich 1998.
 

Als August der Starke nach den verlorenen Schlachten in der Garnison von Posen seine Truppen sammelte, wurde Johann Lämmels Schwiegersohn, der Oberst Otto Heinrich von Egidy, am 30.11.1702 in Posen von dem Starosten Gembinski "mördlich überfallen und ums Leben gebracht". Angeblich hatte der Mordanschlag dem König gegolten, denn August und Egidy sollen einander in Gestalt und Gesicht geähnelt haben (40).

Der Kürassier Michael Lemmel aus Neukirchen hatte sich rechtzeitig abgesetzt. Er gelangte glücklich nach Hause, heiratete im November 1701 in Neukirchen und hatte viele Nachkommen, darunter den Familienforscher Herbert E. Lemmel.

Der Dragoner Christian Lemmel aus Drebach wurde 1704 in das neu formierte Leibdragoner-Regiment Augusts des Starken übernommen. Dabei ist in der Musterliste angegeben: "44 Jahre alt, Vaterland: Drebach, 1 Weib und 1 elfjähriger Sohn, hat 16 Jahre dem König in Polen gedient".

Der Tambour Samuel Lemmel aus Belgern, der ebenfalls den Krieg überlebt hatte, bekam einen guten Posten: 1702 wurde er königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Amtsschreiber, Steuereinnehmer und Amtsverwalter in Mühlberg an der Elbe (41). Auf ihn werde ich noch einmal zu sprechen kommen. So wie der Tambour Samuel Lemmel waren die Belgerner Lämmel musikalisch: sie wurden mehrfach als "Kantorei-Verwandte" bezeichnet, und der Tischler und Senator Gottfried Lämmel stiftete in Mühlberg eine Orgel.

Johann Lämmel selbst und sein Schwiegersohn, der Hauptmann Hans George v.Minckwitz auf Obernitzschka und Amtshauptmann zu Grimma, scheinen an dem Kriegszug gut verdient zu haben. Im November 1700 kauft Johanna Margaretha geb. Lämmel anlässlich ihrer Heirat mit v.Minckwitz (42) drei Grundstücke in Hosterwitz, Loschwitz und Wachwitz bei Dresden, und das Rittergut Niederpoyritz.

Später gelang es dem Zaren Peter doch noch, den Schwedenkönig zu schlagen, und so wurde August der Starke bereits 1709 zum zweiten Mal zum König von Polen gekrönt. Aber das erlebte Johann Lämmel nicht mehr; er war im Jahre 1705 im Alter von 61 Jahren gestorben.


40  Christoph Arndt v.Egidy: Chronik der Familie v.Egidy-Kreynitz-Naunhof. Abschrift eines alten Manuskriptes, mitgeteilt von Arndt v.Egidy, Leverkusen, 1998.

41  Landeshauptarchiv Magdeburg, Rep.D Amt Mühlberg A I und A II, etliche Regesten von 1702 bis 1779 durch Kurt Wensch. -  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel/Lämmel-Stamm Torgau. 

42  Sächs. HStA Dresden, Gerichtshandelsbuch Mügeln Nr.149 Amt Mutzschen 1691-1713 Bl.153; Emil Wehnert: Historisches Häuserbuch für Dresden-Niederpoyritz, ebenso für Hosterwitz, ebenso für Dresden-Loschwitz, ebenso für Dresden-Wachwitz, Manuskripte 1958. - Laut Kurt Wensch, Mtlgn 1983-1994.


 10. Finanzen

Um 1700 gab es noch keine Finanzämter. Wenn ein Fürst Geld brauchte, lieh er es sich von jemandem und verpfändete ihm dafür bestimmte Einkünfte, die der Geldgeber dann selbst einziehen musste. Normalerweise konnte der Geldgeber mehr Geld eintreiben als er zuvor dem Fürsten geliehen hatte. So hatte der Geldgeber ein gutes Geschäft gemacht und der Fürst war der Sorge enthoben, selbst in seinem Land die Steuern einzutreiben.

So reiste im Jahre 1703 "der Geheime Kriegs-Rath Johannes Lämmel" mit Pferdegespann, Schatztruhe und Wachmannschaft von Dresden nach Leipzig. August der Starke hatte dem dortigen Oberpostmeister Johann Jakob Keeß (43) die Einkünfte der Post für 160ooo Taler verkauft und Lämmel sollte dieses Geld nun für den König in Empfang nehmen. 160 000 Taler, das war nach heutigem Geld ein vielfacher Millionen-Betrag.
 
In Leipzig residierte Egon Anton Fürst zu Fürstenberg als Statthalter Augusts des Starken. Offenbar unterließ es Lämmel, den Fürsten über seinen Geldtransport zu unterrichten; oder aber August der Starke hatte seine Leipziger Posteinkünfte nicht nur einmal sondern doppelt verpfändet. Lämmel war jedenfalls der schnellere. Als der Fürst ebenfalls vom Oberpostmeister Keeß 160ooo Taler einforderte, schrieb dieser zurück, dass sich "der Herr Geh. Kriegs-Rath Lämel" schon in Person eingefunden habe und das Geld entgegengenommen habe. Pech für den Fürsten. Kurz darauf verstarben sowohl Lämmel als auch Keeß, und der Fürst von Fürstenberg bedrängte sowohl die Keeßschen Erben als auch die Lämmelschen Erben wegen der 160ooo Taler: für alle eine äußerst unangenehme Situation. Dann aber konnten die Keeßschen Erben die Quittung von Johann Lämmel vorlegen, und nun waren die Lämmelschen Erben in Bedrängnis. Der Schriftwechsel erstreckte sich bis 1712; zum Schluss aber, sieben Jahre nach Johann Lämmels Tod, wurden "die Lemmelischen Erben allen Anspruchs entnommen"; das heißt, es wurde bestätigt, dass Johann Lämmel alles ordnungsgemäß abgewickelt hatte.


43  Kurt Krebs: Das Kursächs. Oberpostwesen z.Zt.d. Oberpostmeisters Kees. Geschichte der Familie Kees, Bd.2, Leipzig und Berlin 1914, S.429-520. Nach Urkunden im Schloßarchiv Zobigker. - Laut Gerhard Lemmel, Mtlg 1979.


 11. Johann Lämmels Erbe

Im Stadtarchiv Leipzig gibt es ein »Ratsleichenbuch« (44). Darin steht: "Ein Mann, 60 Jahre alt, Herr Johann Lämmel, kgl. Poln. und churf. Sächs. Hochbestellter und Geheimer Kriegsrat sowie Kriegszahlmeister von Dresden, allhier vom Neumarkt, abgeholt am 29.5.1705." 

Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Johann Lämmel ein zweites Mal geheiratet, Justina Sayfried. Die Witwe und die Schwiegersöhne erster Ehe führten nun einen umfangreichen Schriftwechsel, der in einem 400-seitigen Akt erhalten ist: »Protocollum gehalten nach des seel. Herren Geheimbden Kriegs-Rath Lämmels tödlichen Hinritt« (45).

Zunächst wird die Todesnachricht an eine Liste von 28 Adressaten verschickt, darunter der Bruder »Franz Lämmel bey Chemnitz«. Dann bitten die Erben Seine Majestät, die Prüfung der Rechnungssachen des Verstorbenen beschleunigen zu lassen, und zu verfügen, dass am 2.Juli in der Sophienkirche durch Oberhofprediger Carpzov eine Gedächtnispredigt gehalten werde. Die Beisetzung muss prachtvoll gewesen sein; die Bankiers Gottfried Otto und Friedrich Weiß gaben dazu ein Darlehen von 1000 Talern.
 
Unter dem Personal, das größtenteils entlassen wird, finden sich: Gotthelf Metzler aus Freiberg, Lakai; Johann Christian Trepte aus Pillnitz, Gärtner und Lakai; Christoph Tröger aus dem Amt Frauenstein, Kutscher; Johann Volkmar Stockmann aus Suhl, Kellner und Kellermeister; Andreas Neumann, Jäger; Meister Michael Andree, »Hoffeueressenkehrer«; Christoph Seydel aus der Herrschaft Tetschen in Böhmen, Mälzer und Brauer auf der Schenke zu Possendorf; sein Nachfolger wird Hans George Bör von Lockwitz.

In der Frau Kriegsrätin Diensten befinden sich noch: eine Köchin, aus Torgau gebürtig; das »Mädgen«, von Bitterfeld; ein Kutscher aus dem Voigtland; ein Lakai von Leipzig.

Die Witwe musste sich um ausstehende Geldbeträge kümmern: Aufforderungen zur Rückzahlung von Verbindlichkeiten gehen an Offiziere und andere Adressaten in vielen sächsischen Orten, aber auch nach Prag, Frankfurt/Main, Lüttich, Amsterdam, Hannover, Bremen, Hamburg, Danzig, Moskau. Noch 1715 heißt es beim Verkauf des Rittergutes Sachsgrün, dass vom Kaufgeld die »Frau Geheimte Kriegsräthin Lämmelin« mit 2285 Gulden und 15 Groschen zu befriedigen sei (46).

Die Witwe Justina Lämmel lebte noch lange; sie wurde am 13.9.1723 in Dresden beerdigt (47). Aus ihrer Ehe gab es keine Kinder, und so kam der Besitz an die drei Töchter der Ehe Lämmel-Thomae, also an die Familien der Schwiegersöhne v.Minkwitz, Nerger und v.Egidy. Über die Erbteilung gibt es umfangreiche Gerichtsakten.
 

Zu einem Gerichtstermin 1727 (48) sind die Erben namentlich aufgeführt: Hauptmann Samuel Heinrich v.Egidy; Hans Carl Eberhard v.Minckwitz auf Niederpoyritz; Christian Ehrenreich Nerger, Corporal bei der Kgl. Leibgarde zu Pferde; Johann Joachim Nerger, Kgl. Reitender Trabant; Friedrich Ernst Nerger; Carl Ehrenreich Nerger; Johanna Charlotte v.Hartitzsch geb. v.Minckwitz; Anna Catharina (Hellerin?) geb. Nergerin; Rahel Christiana Nerger; Maria Sophia Nerger. Die Erben hatten das Erbschenkgut Possendorf mit dem Vorwerk Wilschdorf an Oberhofjägermeister Carl Gottlob v.Leubnitz auf Olbernhau verkauft; die darauf haftenden Hypotheken sollten von den Erben gelöscht werden, was aber nicht geschehen war. Der Streit wurde von den Advokaten bis 1732 hingezogen.

Für die Familie Lemmel sprang bei der Erbschaft nichts heraus. Johanns Bruder, der Mälzer Franz Lemmel in Chemnitz, hatte 1698 das sogenannte Kellerhaus in Schlosschemnitz gekauft, wo er gegen Abgaben an die Chemnitzer Braugewerkschaft die Erlaubnis erhielt, fremdes Weißbier auszuschenken. Er besaß zuletzt in Chemnitz "das königlich sächsische Gut unter dem Schlosse", das er womöglich durch Vermittlung seines ranghohen Bruders bekommen hatte. Aber dieser Besitz blieb nicht in der Familie; die beiden Söhne von Franz lebten in einfachem Stande als Bäcker in Chemnitz und als Bauer im nahegelegenen Stelzendorf.

44  Stadtarchiv Leipzig, Ratsleichenbücher; laut Mtlg Rolf Windisch.

45  Sächs. HStA Dresden, Appellationsgericht Nr.13316. Laut Kurt Wensch.

46  Sächs. HStA Dresden, Lehnhof, RG Sachsgrün, Confirm. u. Cons. 1576-1720, Bl.325. Laut Kurt Wensch.

47  Leichenpredigt gedruckt bei Teubner, Leipzig, 1750; laut Katalog der LP-Sammlungen der Peter-Paul-Kirchenbibliothek und anderer Bibliotheken in Liegnitz, 1938.

48  Sächs. HStA Dresden, Appellationsgericht Nr.3652. Laut Kurt Wensch.

 

12. Waffenhandel

1702 war Johann Lämmel bei einem Sohn des Dresdener Büchsenschäftlers Gottfried Escher Taufpate gewesen (49), wodurch ein enger Kontakt mit einem Waffenfabrikanten dokumentiert wird.

|"Im Jahre 1703 erteilte der Kurfürst an den Geheimen Oberkriegsrat Lämmel den Befehl, zur Errichtung einer Gewehrfabrik in Olbernhau auswärtige Kräfte heranzuziehen. Lämmel berichtet, dass er sich gegen 50 Personen, Büchsenmacher und Rohrschmiede, aus fremden Territoriis verschaffet, welche sich insgesambt auf seine Persvasion in gedachtem Olbernhau niedergelassen. Mit diesen fremden Territoriis ist wahrscheinlich Suhl und seine Umgegend gemeint." (49a)|

Recht aufschlussreich sind einige Schriftstücke aus dem zuvor genannten "Protocollum". Darin zeigt es sich, dass Johann Lämmel einen europaweiten Waffenhandel betrieben hatte. Der Akt enthält Abschriften von Briefen der Erben

-  an Baudewyn Andrews in Moskau wegen Lieferung von 100 Pistolen aus Amsterdam, 700 Pistolen von Suhl, sowie weiterem Kriegsmaterial, alles für den Zaren;

-  an John Emmerson in Hamburg wegen des Waffengeschäftes mit Moses, das Lämmel bevorschusst hatte;

-  an M. de Bertii in Amsterdam wegen der an Baudewyn jun. gelieferten Flinten;

-  an M. de Bertii mit der Bitte um Vermittlung, weil Baudewyn und andere Moskauer Schuldner nicht gezahlt hätten;

-  eine Aufstellung von nach Moskau gelieferten Waffen, darunter eine Pallasch-Klinge mit des Zaren Wappen.

Hier handelt es sich nur um solche Waffengeschäfte, die zum Zeitpunkt des Todes 1705 offen waren. Der Umfang von Johann Lämmels Waffenhandel zu seinen Lebzeiten kann hieraus kaum ermessen werden.

49  Staatsarchiv Nürnberg, Rep.78a, Findbuch über Geburtsbriefe, Taufzeugnisse, etc, Geburtsbrief für Johann Friedrich Escher, Büchsenschäfter-Geselle aus Dresden, ausgestellt 1732.

|49a  Rolf Morgenstern: Chronik von Olbernhau, Olbernhau 2010, S.150.  > Von H.D. Lemmel im Jahre 2011 ergänzt.|


 

13. Die Lemmel in Glauchau


Das war der Lebenslauf des berühmtesten der sächsischen Lemmel. Nun muss ich noch berichten, was aus Felix Lämmel wurde, der in Polen "im großen Morast verlohren" war.

Felix Lämmel war ein Enkel des Bäckermeisters Melchior Lemmel in Glauchau, der von 1625 bis 1650 erst Stadtvogt und dann Bürgermeister war (50). Er stammte aus Thum im Erzgebirge. Von seinem Enkel Felix Lämmel hieß es in Glauchau, dass er 1699 im Alter von 30 Jahren "auf Wanderschaft in fremde Lande" ging. Wie wir sahen, ließ er sich als Kürassier bei August dem Starken anwerben. Auf dem Marsch durch Polen fehlte er am 3. Dezember 1699, und man nahm an, er sei im Moor versunken. In Wahrheit aber war er fahnenflüchtig, und wir wissen heute, warum (51).

Kurz zuvor war sein Bruder Melchior Lemmel von einer vierjährigen Ostindienreise zurückgekehrt. Eine Nachricht über diese Reise muss seinen Bruder Felix auf dem Marsch in Polen erreicht haben. Die Reiseerlebnisse müssen recht verlockend gewesen sein, so dass Felix Lämmel am 3.Dezember 1699 eine günstige Gelegenheit wahrnahm, dem Kriegsdienst in Polen zu entfliehen. Ein gutes Jahr später tauchte er in Holland auf, von wo er im Auftrag der (Handels-)Kammer der Stadt Hoorn 1701 mit der Ostindischen Compagnie nach Holländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien fuhr. In Batavia, dem heutigen Djakarta auf Jawa, diente er acht Jahre als Pulvermacher, bis er am 1.10.1709 im Hospital von Batavia an einer Tropenkrankheit starb.

Die Ostindische Compagnie schuldete ihm noch 356 Gulden, ein recht schönes Vermögen, und sein Bruder, der Bäckermeister Melchior Lämmel in Glauchau, versuchte jahrelang, mit Hilfe der Gräflich Schönburgischen Behörden diesen Geldbetrag zu bekommen, offenbar vergeblich. Ein weiterer Bruder, Johann Michael Lemmel, reiste ebenfalls nach Ostindien, aber im Jahre 1716 galt er als verschollen, und der Bäckermeister Melchior Lämmel in Glauchau wurde "zu seinem Curator bestellt".

Da der Bäckermeister Melchior Lemmel nach seiner Rückkehr aus Ostindien trotz seiner Heirat mit einer gesunden Frau (sie wurde 96 Jahre alt) kinderlos blieb (vielleicht als Folge einer Tropenkrankheit), und da seine beiden Brüder in Ostindien umkamen, führte dieses exotische Abenteuer zum Aussterben der Glauchauer Lemmel-Familie.

50  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Marienberg.

51  Sächs. HStA Dresden, Außenstelle Glauchau, Schönburg'sche Gesamtregierung Nr.4884. Laut Kurt Wensch.

 

14. Das Königstreffen auf der Elbe und die Folgen

Die große Politik Augusts des Starken wurde für einige weitere Lemmel aus dem Torgauer Lemmel-Stamm zum Schicksal. Einer von ihnen gelangte nach Ostpreußen, wo er zahlreiche Nachkommen hatte, darunter den Familienforscher Hans-Dietrich Lemmel.

In Ostpreußen regierte um 1700 der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich der Dritte, als Herzog. Das deutsch besiedelte Ostpreußen war bis 1660 formell ein Lehen der polnischen Krone, die nun ab 1697 der Kurfürst von Sachsen innehatte. In Deutschland waren die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen ebenbürtig; aber falls Polen die Lehenshoheit über Ostpreußen erneuern würde, drohte dem Kurfürst von Brandenburg die unerträgliche Situation, ein Lehens-Untertan seines sächsischen Kurfürsten-Kollegen zu werden. Als nun August der Starke von den Schweden vor Riga geschlagen wurde, ergriff Kurfürst Friedrich die günstige Gelegenheit, sagte die polnische Lehenshoheit endgültig auf und krönte sich in Königsberg zum "König in Preußen" - nicht "König von Preußen", solange das Ermland und Westpreußen weiter unter der polnischen Krone verblieben.

Damit hatten sowohl der sächsische als auch der brandenburgische Kurfürst einen Königstitel errungen, sie waren nun wieder ebenbürtig und feierten mit einander.

Im Juni 1730 gab August der Starke ein Fest (52) zu Ehren des preußischen Königs (53), und zwar auf der Elbe bei Belgern. Darüber wird folgendes berichtet:

"Am 27. Juni fuhr Seine Majestät der König von Polen mit seiner Majestät dem König von Preußen aus dem Lager auf der Elbe an Belgern vorbei zur Jagd nach Lichtenberg. Die Belgerner Bürgerschaft machte dieserhalb am Ziegelberge Parade und gab Salve, wobei aber der Tischler Samuel Lämmel den Ackersmann Fröber aus Unachtsamkeit durch einen Schuss in die linke Hälfte 2 1/2 Zoll tief hart verwundete. Wiewohl Fröber kuriert wurde, so musste der vielen Kur- und sonstigen Kosten wegen doch Lämmels Haus zur Subhastation (=Zwangsverkauf) gebracht werden." So wird die Prunksucht der Großen zum Ruin für die Kleinen.

Unter den Organisatoren dieses Königstreffens war auch der Belgerner Tambour Samuel Lemmel, der nach dem Ausscheiden aus dem Kriegsdienst Amtsverwalter in Mühlberg geworden war. Sein Neffe war der unglückliche Schütze Samuel Lemmel in Belgern. Beide gehörten zum Torgauer Lemmel-Stamm, in dem es seit 1550 bis zur Gegenwart in zehn Generationen 47 Tischler gab.

Aber nicht nur der unglückliche Schütze Samuel Lemmel sondern auch sein Bruder Gottlieb musste sein Haus verkaufen, wegen Steuerschulden (54). Aus dieser Notlage ging dessen Sohn Friedrich zu den preußischen Truppen, die während des 7-Jährigen Krieges nach der Schlacht von Torgau 1760 nach Ostpreußen gegen die Russen geworfen wurden, die dort tief in das Land eingedrungen waren. Als 1762 mit Russland Frieden geschlossen wurde und die Soldaten entlassen wurden, saß Friedrich Lemmel in Masuren auf der Straße, ohne Geld für die Heimreise. Aber als Tischler war er eine begehrte Arbeitskraft, um das kriegswüste Land wieder aufzubauen. Nach zehn Jahren heiratete er Eleonore Waschul aus einer leibeigenen Prussenfamilie des Rittergutes Adlig Groß Blaustein (55) und ließ sich schließlich als Tischlermeister in der Stadt Lötzen nieder. Über seine vier Söhne, die alle Tischler wurden, wurde er der Stammvater der später weit verbreiteten ostpreußischen Lemmel (56), als Spätfolge der Politik Augusts des Starken.

52  J. de Bordes: Ausführliches Tagebuch oder eingehende Beschreibung aller Vorkommnisse in dem großen Lager Sr. Majestät des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen zwischen Mühlberg und Radewitz in Sachsen in der Nähe der Elbe. In: Veröff. d. Altertumvereins zu Torgau, Heft 18/19, Torgau 1906, S.5. - Laut Mtlg Gerhard Lemmel.

53  Es war Friedrich Wilhelm, der "Soldatenkönig" (der das Bernsteinzimmer dem Zaren schenkte).

54  LHA Magdeburg, Gerichtshandelsbuch Amt Belgern II Rep.D Nr.9 S.212 u. 677b. Laut K.Wensch.

55  Totenschein Pfarramt Lötzen 1935 für Eleonora Lemmel geb. Waschul, + 27.6.1819. - Zu Waschul / Groß-Blaustein siehe Otto Wank: Bevölkerungsfluktuation zwischen Ostpreußen und den Nachbarländern. In: Altpreuß. Geschlechterkunde Bd.24 S.125-218; S.149.

56  H.D. Lemmel, wie Anm.5, Lemmel-Stamm Lötzen. - H.D. Lemmel, Die Herkunft der ostpreußischen Familien Steinbach und Lemmel, in: Altpreußische Geschlechterkunde, Neue Folge 19.Jg., Hamburg 1971, S.323ff. - Georg Roemert: Stammfolge Lemmel aus Johannisburg in Ostpreußen, in: Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, Görlitz 1910, S.365-374.  


15. Dank

Zum Schluss möchte ich meine Freude zum Ausdruck bringen, beim heutigen Familientag in Dresden, 1994, unter den Zuhörern dieses Vortrags auch Kurt Wensch vorzufinden, mit dem ich 40 Jahre lang in Briefwechsel stand. Durch seine ungezählten Auszüge aus den Akten des Dresdener Staatsarchiv verdanke ich ihm nicht nur die Überwindung vieler toter Punkte in der Lemmel-Forschung sondern auch die meisten der Urkundenfunde, die der vorstehenden Chronik der Familie Lemmel unter August dem Starken zu Grunde liegen.


Ende

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