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Johann Lämmel (1644-1705) - sächsischer Generalkriegszahlmeister

von Hans-Dietrich Lemmel

Gedruckt in: Zeitschrift für mitteldeutsche Familienforschung Heft 4/2017 Seiten 178-191.

Hier: einige zusätzliche Abbildungen und Links. Spätere Ergänzungen sind mit < > gekennzeichnet.
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1. Einleitung

In den 1990er Jahren besorgte mir der verdienstvolle Genealoge Kurt Wensch zahlreiche Auszüge aus dem Dresdener Staatsarchiv, insbesondere aus Gerichtsbüchern und Musterungslisten im Kriegsarchiv. Daraus ergab sich, dass um 1700 ein Dutzend Namensträger Lemmel und Lämmel in der sächsischen Armee Dienst taten, worüber ich einen Aufsatz "Die Familie Lemmel und August der Starke" (1) verfasste. Der prominenteste dabei war Johann Lämmel (*1644,
†1705), der seit 1680 General-Kriegszahlmeister unter drei sächsischen Kurfürsten war. Inzwischen konnte ich zusätzliches Quellenmaterial auffinden, aus dem unter anderem hervorgeht, dass Johann Lämmel wesentlich dazu beitrug, dass August der Starke die polnische Königskrone errang. Er verdient es also, dass ich ihm mit diesem Aufsatz ein Denkmal setze.

2. Die Eltern

Einzelheiten über Johann Lämmels Eltern ergeben sich aus Kirchenbüchern (2), Gerichtsbucheinträgen, sowie aus den Leichenpredigten (3) auf Johann Lämmel selbst, auf seine Mutter, sowie auf seine Ehefrau.

Der Vater Hans Lemmel war ein Mälzer in Höckericht bei Chemnitz. 1637 kaufte er von seiner Schwiegermutter, der George Kretzschmarin von Stelzendorf, eine Brandstatt (4). Es war 30-jähriger Krieg, und der Hof mag von plündernden Soldaten niedergebrannt worden sein. Aus der Ehe mit der Kretzschmarin stammen zwei Töchter, Elisabeth, die 1657 in Niederrabenstein den Hans Türcke, Bauer in Rottluff heiratete, und Maria, die 1659 in Niederrabenstein den Tophl. Müller aus Rottluff heiratete. In beiden Heiratseinträgen ist als Brautvater "Hans Lemmel in Neustadt" angegeben, denn er lebte inzwischen in Neustadt, nachdem er in zweiter Ehe, wohl um 1642, die Anna Neubert geheiratet hatte, Tochter von Mattheus Neubert, Gärtner auf dem freiherrlichen Taubischen Gut in Neukirchen, und der Elisabeth Arnold. Aus dieser Ehe gab es fünf Kinder. Der älteste, Johannes, wurde am 18.4.1644 im Elternhaus der Mutter auf dem Taubischen Gut in Neukirchen geboren und am 19.4. in der Neukirchener Kirche getauft. Er ist der spätere Kriegsrat. Die weiteren Kinder wurden in zweijährigen Abständen in Neustadt geboren und in der Chemnitzer Niklaskirche getauft, und zwar: Andreas, der nach 8 Monaten starb; Georg, der 29-jährig starb und von dem eine posthume Tochter "Rosina Lämbel" am 15.7.1677 in der Chemnitzer Johanniskirche getauft wurde; dann Franz, der als Nachfolger des Vaters als Mälzer und Schöffe in Neustadt lebte; und Regina, geboren 1652 und 1672 in Chemnitz-Nicolai mit dem Witwer Nicol Herold aus Schönau verheiratet.     
Die Herkunft des Mälzers Hans Lemmel ist unsicher. Nach Durchsicht aller einschlägigen Kirchenbücher muss er in einem Ort geboren sein, wo um und nach 1600 keine Taufbücher existieren. Da kommt als sein Vater nur ein Hans Lemmel
in Frage, der 1601 als Sohn eines Franz Lemmel in Niederrabenstein die Walpurgis Neuber heiratete. Dieser Franz Lemmel ist einer der 29 bekannten Urenkel des Paul Lemmel, der um 1450 in Chemnitz geboren wurde und Bauerngutsbesitzer in Neukirchen und Adorf wurde, wo er sechs Söhne bekam (5).

Laut Leichenpredigt auf seine Frau starb der Mälzer Hans Lemmel, jetzt in der Schreibweise Johann Laemmel, am 17.10.1671 in Chemnitz. Seine Frau Anna geborene Neuber starb in Chemnitz am Morgen des 17.10.1677, im Alter von 61 Jahren und 6 Wochen (6).

Als "Mälzer" war Hans Lemmel sowohl Malzproduzent als auch Malzhändler. Man muss sich vorstellen, dass er in Neustadt ein Haus mit Garten nebst Pferd und Wagen besaß, dass er bei den Bauern Gerste einkaufte, die er in einem Lagerraum zum Keimen brachte, dann vergären und rösten musste, bis er das so entstandene Malz an die Chemnitzer Bierbrauer liefern konnte.

Wie kam nun Johannes Lemmel, Sohn eines Malzhändlers, zu dem Amt des General-Kriegszahlmeisters?

3. Der Werdegang

Über seinen Werdegang wird in seiner Leichenpredigt berichtet. Johann Lämmel, der bei den Eltern Schreiben und Rechnen gelernt hatte, ging zum Neujahrsmarkt 1656, also knapp 12-jährig, nach Leipzig in die Lehre bei dem Handelsmann und Ratsherrn Zacharias Crahmer, bei dem er 13 Jahre blieb. Die letzten fünf Jahre wurde er als Handelsdiener mit Auslandsreisen betraut, u.a. "nach Polen, Wilda, Ukraine, Litauen". (Mit Wilda dürfte Wilna in Litauen gemeint sein.)

1668, wohl anlässlich der Beendigung seiner Ausbildung, wird der "Handelsbediente Johann Lemmel in Leipzig"
als ein Wohltäter der Chemnitzer Nicolaikirche erwähnt, der dieser Kirche "ein grün taffetnes Altartuch verehret" hatte. Noch 100 Jahre später wird diese Stiftung in der Richter'schen Chronik von Chemnitz von 1767 (7) erwähnt. Wobei der Chronik-Schreiber offenbar nicht wusste, dass dieser Handelsbediente der spätere Kriegsrat war.

Er "demissionierte" dann bei Crahmer und heiratete am 16.7.1669 in Dresden die Jungfrau Aemilia, Tochter von Benedict Thomae, königlich schwedischer Regiments-Quartiermeister in Meißen, und bekam in den folgenden Jahren 1670-1677 drei Töchter. Wohl durch Vermittlung des Schwiegervaters gelangte er in Dresden in den Dienst des Kurprinzen Johann Georg, und zwar zunächst als "Hof-Handelsmann", dann 1671 als "Fourier" bei der Kurprinzlichen Leib-Garde zu Fuß, dann als Regiments-Sekretär des Kurprinzlichen Kürassier-Regiments. 1673, als sein Regiment mit der kaiserlichen Armee zur Unterstützung Wilhelms von Oranien gegen Frankreich zog, war Johann Lämmel Regiments-Quartiermeister. 1677 besuchte er seine kranke Mutter in Chemnitz, und in ihrer Leichenpredigt wird er "Herr Regiments-Quartiermeister" tituliert. 1680, als der Kurprinz Kurfürst wurde, als Johann Georg der III., wurde dem Johann Lämmel die "Kriegs-Casse anvertraut". Im Alter von 36 Jahren wurde er General Kriegs-Zahlmeister, der nun in der Umgebung von Dresden die Rittergüter Klein-Carsdorf und Deusewitz (= Theisewitz) sowie das Erbschenkgut zu Possendorf mit Vorwerk Wilschdorf erwarb (8).

4. Türkenkriege

Johann Lämmel lebte nun auf dem Rittergut Klein-Carsdorf bei Possendorf, 10 Kilometer südlich von Dresden. Um 1680 rückten die Türken Richtung Wien vor, und in der Verteidigung war auch sächsisches Militär involviert. In diese Zeit fällt eine denkwürdige Taufe in Possendorf. Der Herr Hoë von Hoënegg hatte als kaiserlicher Obrist-Leutnant bei Raab in Ungarn gegen die Türken gekämpft und von dort ein 14-jähriges Mägdlein mitgebracht, das "griechisch und welsch" reden konnte. Er wusste aber nicht, ob und wie sie getauft war. Und so wurde sie am Johannistag 1680 in Possendorf getauft, wobei im Kirchenbuch (9) die erstaunliche Anzahl von 15 Taufpaten eingetragen wurde. Unter ihnen stehen an 13ter Stelle "Herr Johann Lämmel, ChurPrinz Durchl. zu Sachßen bestalter Quartiermeister und Secretarius" und schon zuvor an 7ter Stelle seine Frau Emilia.

Als 1683 die Kaiserstadt Wien von den Türken belagert wurde, brachte der Polenkönig Jan Sobieski mit seinem Heer die Rettung.
Es war aber nicht nur Polen sondern auch Kursachsen unter Johann Georg dem III., der seine ganze Armee nach Wien schickte, so dass es gelang, in der Schlacht am Kahlenberge die Türken zu besiegen und Wien zu befreien. Während dieses Kriegszuges veranlasste der "Herr General Kriegs-Zahlmeister Lämmel", Gottfried Jentzsch aus Oschatz zum Feldprediger zu berufen (10).   

1686 gingen fünf sächsische Regimenter nach Ungarn gegen die Türken. Johann Lämmel, der der Eroberung Ofens persönlich beiwohnte und nicht nur die sächsischen Truppen sondern hier auch die Truppen von Kaiser Leopold versorgte, wurde zusätzlich zu seinem Zahlmeister-Amt auch zum Proviantmeister ernannt.

Einige Türken kamen in Gefangenschaft, und so wurde am 9.10.1687 in der Leipziger Nikolaikirche ein 19-jähriger Türke namens Ismael auf den christlichen Vornamen Johann Friedrich getauft (11). Sein Taufpate war Herr Johann Lemmel, Churfürstlich Sächsischer General-Kriegszahlmeister. Auch in Possendorf bei Dresden wurden am 21. Mai 1689 zwei türkische Mädchen getauft (12). Dabei heißt es im Taufbuch: "Nachdem die Stadt Ofen in Ungarn den 24. Julij 1686 den Erbfeinden Christ. nahmens den Türcken wieder abgenommen und von denen Christ. Völckern erobert worden, .. hat der Churfürst. Sächß. Hochbestalte Herr General Kriegs Zahlmeister in Dreßden, Herr Johannes Lämmel, Erb- und Lehns Herr auff Carßdorff und Theißwitz pp., zwei Türcken Mägdlein gefänglich mit sich anher gebracht, und von selber Zeit her sie beijderseits ... in dem Heil. Cathechismo Lutheri gründtlich unterrichten" lassen. Sie wurden auf die Namen Dorothea Christiana und Christiana Margarethe getauft. In Abwesenheit einer vorgesehenen Taufpatin, der Ehefrau des Diakons Kirbisch, stand stellvertretend die Jungfer Johanna Margaretha Lämmelin Pate.

Im Wiener Kriegsarchiv wird in einer Aufstellung von 1690 (13) Johann Lämmel als einer von zwölf Generälen der sächsischen Armee aufgeführt. Die Generäle sind etwa zur Hälfte adeligen Standes und zur Hälfte bürgerlich. Damit hat die sächsische Armee dieser Zeit einen erstaunlich hohen bürgerlichen Anteil in der Führungsschicht. Unter den adeligen war Generalmajor v.Minkwitz, dessen Sohn Johann Georg später Johann Lemmels Tochter Johanna Margarete heiratete.

In seinem Wohlstand gedachte Johann Lämmel auch seiner Heimat. Die Chemnitzer Nikolaikirche bekam 1692 eine neue Glocke mit der Aufschrift "Andreas Herold in Dresden goss mich, 1692, Johann Laemmel C.S. General Kriegs Zahlmeister" (14).
< Die alte Nikolaikirche in Chemnitz mit der Laemmel-Glocke. [Postkarte]>

5. August der Starke

1691 starb Kurfürst Johann Georg der III. Sein ältester Sohn, Johann Georg der IV., starb schon drei Jahre später, so dass 1694 sein jüngerer Bruder, Friedrich August, Kurfürst wurde, genannt August der Starke. Johann Lämmel wurde von beiden in seinem Amt als General-Kriegs-Zahlmeister bestätigt. Alsbald ergab sich für August die Möglichkeit, sich zum König von Polen wählen zu lassen, und dazu hat Johann Lämmel einiges beigetragen.

Am 17. Juni 1696 war König Jan Sobieski, der Sieger der Schlacht am Kahlenberg, gestorben. In Polen gab es ein Wahlkönigtum, und für Sobieskis Sohn gab es keine Mehrheit. August der Starke bereitete sich für die Kandidatur vor, und das war ein finanzielles Problem. Die Bestechungsgelder, die August der Starke für seine Wahl zum König von Polen fließen ließ, gingen in die Millionen, zumeist durch den "Hofjuden" Bernd Lehmann, aber auch durch Johann Lämmel. Darüber gibt es einen Aufsatz von Paul Haake von 1906 (15), der u.a. auf Briefen des kursächsischen Feldmarschalls Graf von Flemming basiert.

Im April 1696 musste Lämmel 100ooo Taler aus der Generalkriegskasse herausgeben, zur Begleichung von Augusts Schulden und zur Einlösung von Pfändern. Auch der Rat der Stadt Zittau musste 100ooo Taler beitragen. August verkaufte das Gut Pillnitz an seine Mutter für 15ooo Dukaten.
Im April/Mai 1697 verzichtete August gegenüber Ernst August von Hannover und Georg Wilhelm von Celle auf seine Ansprüche auf das Herzogtum Lauenburg, für eine Million Gulden. Weitere ähnliche Projekte folgten. Für diese Finanztransaktionen waren die engsten Vertrauten der Graf von Flemming, der Baron von Löwenhaupt, der Hofjude Berent Lehmann, und der Kriegszahlmeister Lämmel. Sie waren von der Kontrolle durch die sächsische Finanzcommission befreit. Für Lämmel bemerkte August, "in seinen Rechnungen befänden sich auch fielle sachen, so ich nicht gerne sehe, das die commission sie zu sehen bekehme" (16).

Am 1.Juni 1697 trat August in Baden bei Wien zum Katholizismus über. Er versetzte seine Juwelen bei den Wiener Jesuiten, die ihre Brüder in Warschau veranlassten, den polnischen Magnaten Vorschüsse auf Rechnung Augusts bis zur Höhe von einer Million zu versprechen. Das alles half zunächst nichts. Im Juni 1697 versammelten sich die wahlberechtigten polnischen Magnaten in Warschau. Unter den Kandidaten waren die Söhne des vorigen Königs Sobieski, ein Prinz Conti, der von Ludwig dem XIV. unterstützt wurde, Kurfürst Max Emanuel von Bayern (Sobieskis Schwiegersohn), der Herzog von Lothringen, der Pfalzgraf von Neuburg, aber nicht der Kurfürst von Sachsen.

In letzter Minute, im Juni 1697, schickte August seinen Kriegszahlmeister Lämmel und den Juden Bernd Lehmann zu den sechs Städten der Oberlausitz, von denen 30ooo Taler eingetrieben wurden. Am Nachmittag des 26. Juni trafen Lämmel und Lehmann in Warschau ein, mit 40ooo Talern baren Geldes, welches schleunigst ausgepackt und unter den polnischen Magnaten verteilt wurde. So berichtet es P.Haake (15) aufgrund von Briefen von Augenzeugen. Darauf schwenkten die Sobieski-Anhänger großenteils um auf die Seite Augusts. Aber die Versammlung war zerstritten, und der eine Teil rief den Prinzen Conti, ein anderer Teil August zum König aus. Beide nahmen die Wahl an. Nun hatte August den geografischen Vorteil. Am 6. Juli betrat er mit einer Truppe polnischen Boden, zog am 12. September in Krakau ein und ließ sich krönen, 27 Jahre alt. Derweil erschien der französische Konkurrent Conti mit einer Flotte auf der Ostsee bei Danzig, von wo er aber im November von sächsischen Truppen vertrieben wurde.

Johann Lämmel, 53 Jahre alt, war nun nicht nur kurfürstlich sächsischer sondern auch königlich polnischer General-Kriegszahlmeister. Er ließ sich in einer prächtigen Rüstung porträtieren, und ein nach dem Porträt angefertigtes Schabkunstblatt (17) befindet sich im Dresdener Kupferstich-Kabinett; es hat die Inschrift "Johann Læmmell, Potentissimi Regis et Electoris Saxoniæ Consiliarius Belli intimus"; zu deutsch etwa: "Des allermächtigsten Königs und Sachsens Kurfürsten Geheimer Kriegsrat".
Johann Lämmel (1644-1705), Königlich polnischer und Kurfürstlich sächsischer Geheimer Kriegsrat. Schabblatt (270x190mm) von Pieter Schenk (1660-1718/19) nach Samuel Bottschild. (Kupferstichkabinett Dresden). Vgl. Anm. 18.

Die Ernennung zum "Geheimen Kriegsrat" erfolgte, laut Leichenpredigt, 1701. Das Porträt, also nach 1701 zu datieren, wurde von Pieter Schenk angefertigt, der etwa in dieser Zeit auch die Gräfin Cosel, die wichtigste Mätresse von August dem Starken, porträtierte. Die Mätressen waren wichtig. Ein Schreiben (18) von 1704 des Livländischen Staatsmannes Johann Reinhold von Patkul an den Kriegsrat Lämmel in Dresden anempfiehlt ihm Gefälligkeiten gegen die (Mätresse) Lubomirska; man könne sich dadurch beim König "in guten Kredit setzen".
Das muss gewirkt haben, denn als später die Gräfin Cosel an die Stelle der Lubomirska trat, kam Patkul in größere finanzielle Schwierigkeiten (18). – Solche "Gefälligkeiten" muss es viele gegeben haben, und es ist sicher nicht die Regel, dass es dafür, wie in diesem Fall, einen schriftlichen Beleg gibt.


6. Die Niederlage

1698 empfing August der Starke in einem Schloss bei Lemberg, das nun zu seinem Reich gehörte, den Zaren Peter den Großen. Beide verständigten sich über einen Kampf gegen Schweden, das die stärkste Macht im Norden war und fast das gesamte Ostsee-Umland beherrschte. August zog mit seiner Armee quer durch Polen nach Litauen, das ebenfalls zu seinem Reich gehörte. Von hier aus versuchte er im Februar 1700, den Schweden die Stadt und Festung Riga abzunehmen, wobei er aber von dem 20-jährigen Schwedenkönig Karl dem XII. vernichtend geschlagen wurde.

Unter Augusts Soldaten war ein Johan Georg Lemmel (nur sehr weitläufig verwandt mit Johann Lämmel). Der lief zu den Schweden über, wurde im Livländischen Kavallerie-Regiment des Generals von Tiesenhausen "Volontär", dann Kornett, Leutnant, Rittmeister, und starb 1719 in einem Feldzug gegen Trondheim (19).

Nach der Niederlage bei Riga wurde Johann Lämmel zum Geheimen Kriegsrat ernannt (20), aber er konnte das Blatt auch nicht mehr wenden.
Als August der Starke auf dem Rückzug in der Garnison von Posen seine Truppen sammelte, wurde Johann Lämmels Schwiegersohn, der Oberst Otto Heinrich von Egidy, am 30.11.1702 von dem Starosten Gembinski "mördlich überfallen und ums Leben gebracht". Angeblich hatte der Mordanschlag dem König gegolten, denn August und Egidy sollen einander in Gestalt und Gesicht geähnelt haben (21).

1706 musste August abdanken und auf die polnische Krone verzichten. Aber als es dem Zaren Peter doch noch gelang, den Schwedenkönig zu schlagen, wurde August der Starke bereits 1709 zum zweiten Mal zum König von Polen gekrönt. Aber das erlebte Johann Lämmel nicht mehr; er war im Jahre 1705 im Alter von 61 Jahren gestorben.

Nebenbei: Das Beispiel des sächsischen Kurfürsten August, der die polnische Königskrone errang, dürfte dazu beigetragen haben, dass sein brandenburgischer Kollege, Kurfürst Friedrich der III., sich 1702 in Königsberg eine Königskrone aufs Haupt setzte, als König in Preußen, das bis 1660 ein polnisches Lehen gewesen war.

7. Ein Finanzproblem

Um 1700 gab es noch keine Finanzämter. Wenn ein Fürst Geld brauchte, lieh er es sich von jemandem und verpfändete ihm dafür bestimmte Einkünfte, die der Geldgeber dann selbst einziehen musste. Normalerweise konnte der Geldgeber mehr Geld eintreiben als er zuvor dem Fürsten geliehen hatte. So hatte der Geldgeber ein gutes Geschäft gemacht und der Fürst war der Sorge enthoben, selbst in seinem Land die Steuern einzutreiben.

So reiste im Jahre 1703 "der Geheime Kriegs-Rath Johannes Lämmel" mit Pferdegespann, Schatztruhe und Wachmannschaft von Dresden nach Leipzig. August der Starke hatte dem dortigen Oberpostmeister Johann Jakob Keeß (22) die Einkünfte der Post für 160ooo Taler verkauft und Lämmel sollte dieses Geld nun für den König in Empfang nehmen.
 
In Leipzig residierte Egon Anton Fürst zu Fürstenberg als Statthalter Augusts des Starken. Offenbar unterließ es Lämmel, den Fürsten über seinen Geldtransport zu unterrichten; oder aber August der Starke hatte seine Leipziger Posteinkünfte nicht nur einmal sondern doppelt verpfändet, was bei August öfters vorgekommen sein soll. Lämmel war jedenfalls der schnellere. Als der Fürst ebenfalls vom Oberpostmeister Keeß 160ooo Taler einforderte, schrieb dieser zurück, dass sich "der Herr Geh. Kriegs-Rath Lämel" schon in Person eingefunden und das Geld entgegengenommen habe. Pech für den Fürsten. Kurz darauf verstarben sowohl Lämmel als auch Keeß, und der Fürst von Fürstenberg bedrängte sowohl die Keeßschen Erben als auch die Lämmelschen Erben wegen der 160ooo Taler. Der Schriftwechsel erstreckte sich bis 1712. Zum Schluss aber, sieben Jahre nach Johann Lämmels Tod, wurden "die Lemmelischen Erben allen Anspruchs entnommen". Es wurde also bestätigt, dass Johann Lämmel alles ordnungsgemäß abgewickelt hatte.

Der Oberpostmeister Keeß muss jedenfalls gut verdient haben, denn zum Trauergottesdienst nach dem Tod seiner Witwe 1723 gaben die Erben einen Auftrag an Johann Sebastian Bach, der darauf
die Motette "Jesu, meine Freude" (23) komponierte.

8. Waffenhandel

1702 war Johann Lämmel bei einem Sohn des Dresdener Büchsenschäftlers Gottfried Escher Taufpate gewesen (24), wodurch ein enger Kontakt mit einem Waffenfabrikanten dokumentiert wird.
Über die Finanzierung hinaus war Johann Lämmel auch mit der Beschaffung von Waffen befasst. Im Jahre 1703 erteilte der Kurfürst dem Geheimen Oberkriegsrat Lämmel den Befehl, zur Errichtung einer Gewehrfabrik in Olbernhau auswärtige Kräfte heranzuziehen (25). Darauf berichtete Lämmel, dass er sich gegen 50 Personen, Büchsenmacher und Rohrschmiede, "aus fremden Territoriis (vermutlich Suhl und Umgegend) verschaffet, welche sich insgesambt auf seine Persvasion in gedachtem Olbernhau niedergelassen".

Johann Lämmel muss einen europaweiten Waffenhandel betrieben haben, und zwar privat, denn nach seinem Tod sind es seine Erben, die sich um Außenstände bemühen müssen (26). Da geht es insbesondere um Lieferungen an den Zaren, und zwar Lieferungen von 100 Pistolen aus Amsterdam, 700 Pistolen aus Suhl, sowie eine Pallasch-Klinge(27) mit des Zaren Wappen. Die Witwe musste sich um ausstehende Geldbeträge kümmern. Den Umfang des Lämmelschen Waffenhandels kann man daraus ermessen, dass Aufforderungen zur Rückzahlung von Verbindlichkeiten an viele Adressaten gingen, nicht nur in Sachsen sondern auch nach Prag, Frankfurt/Main, Lüttich, Amsterdam, Hannover, Bremen, Hamburg, Danzig, Moskau.

9. Johann Lämmels Gutsbesitz

In Klein-Carsdorf ließ Johann Lämmel an einem Kachelofen eine eiserne Platte mit seinem Familienwappen anbringen (28). Die Platte wurde im Hammerwerk Bahra bei Pirna von dem Schneeberger Bildhauer Johann Heinrich Böhme angefertigt, der 1675 am Dresdener Hof arbeitete (29).

Lämmels Wappen (30) zeigt ein Lamm in der unteren Hälfte des Schildes unter einem belaubten Zweig in der oberen Hälfte.
 
  Kachelofen aus Klein-Carsdorf mit dem Familienwappen des Johann Lämmel an der linken Seite unten (Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum, Inv.-Nr.26837); Ofenplatte angefertigt von dem Schneeberger Bildhauer Johann Heinrich Böhme im Hammerwerk Bahra bei Pirna. - Umzeichnung des Wappens durch H.D.Lemmel.

Am 10.7.1687 feierte Johann Lämmel die Hochzeit seiner Tochter Johanna Rahel mit dem kurfürstlich-sächsischen Oberst Otto Heinrich von Egidy auf Badrina in Nordsachsen (31). Ein Jahr später musste er am 24.7.1688 den Tod seiner Frau erleben. Sie wurde am 1.8. "in ihr zubereitetes Gewölbe oder Schlaff-Cämmerlein unter der Kirchen-Empore bey der Cantzel" in Possendorf beigesetzt (32).

Etwa um diese Zeit wurde an der Possendorfer Kirche das "Kleincarsdorfer Betstübchen" angebaut, und zwar an der Stelle, wo heute die Sakristei mit dem darüber liegenden Konfirmandenzimmer sich befindet. Das Betstübchen wurde an die andere Seite des Kirchenschiffes verlegt. Dort sieht man heute über einem Fensterbogen einen Schlussstein mit dem Lämmelschen Wappen, das dem auf der Ofenplatte gleicht, jedoch zusätzlich die Initialen J L zeigt. Womöglich hatte Johann Lämmel anlässlich des Todes seiner Frau das Betstübchen gestiftet und daran sein Wappen anbringen lassen (33).
Schlussstein mit dem Lämmelschen Wappen am "Klein-Carsdorfer Betstübchen" der Possendorfer Kirche mit den Initialen J L.


Auf seinem Possendorfer Gutsgelände ließ Johann Lämmel im Jahre 1691 auf dem Käferberg eine Holländer-Windmühle errichten (34a), die noch heute eine Touristenattraktion bildet (34b).
Holländer-Windmühle auf dem Käferberg bei Possendorf  (34b)

Am 9.6.1693 heiratate Johann Lämmel in Wittenberg in zweiter Ehe die Justina Sayfried, Witwe des Amtmannes Christian Jahn und Schwester des Chemnitzer Ratsherrn Christian Albinus Seyfried (35).
1699 wurde der Kirchturm von Possendorf vom ersten Gesims aufwärts erhöht. Dazu wurde der erste Quaderstein gelegt "von dem über diesen Bau bestellten Inspector Christian Michael Albrecht, derzeit Verwalter bei dem Kriegsrat und General-Kriegszahlmeister Johann Lämmel". Die Baukosten beliefen sich auf 2000 Taler incl. zwei neuer Glocken. Zu den Kosten trug der Churfürst außer dem nötigen Bauholz 200 Taler bei. "Johann Lämmel, damaliger Besitzer der beiden Güter Klaincarsdorf und Theisewitz, wie auch der Schänke in Possendorf, gab 100 Taler." (36)

In einer Art "Who is who" in Dresden von 1702, einem Buch unter dem Titel "Das jetzt lebende Dreßden" (37), wird "Johann Lämmel auff Carsdorff und Theißwitz" unter den "Geheimbten Kriegs-Räthen" als "General-Proviant- und Kriegs-Zahlmeister" angeführt.
"Königlicher Kriegs-Rath" Dresden 1702

10. Johann Lämmels Tod und Nachfahren

Laut seiner Leichenpredigt war er am 2.5.1705, schon krank, zur Messe nsch Leipzig gereist, wo er am 26.5. starb. Der Eintrag im Leipziger Ratsleichenbuch (38) lautet: "Ein Mann, 60 Jahre alt, Herr Johann Lämmel, kgl. Poln. und churf. Sächs. Hochbestellter und Geheimer Kriegsrat sowie Kriegszahlmeister von Dresden, allhier vom Neumarkt, abgeholt am 29.5.1705."  Die Beisetztung erfolgte "in seiner vorlängst ausgesehenen und ausgebaueten Ruhestätte in der von dem seligen Manne iederzeit so werthgehaltenen Kirche zu Possendorff". In diesem Gewölbe wurde am 19.2.1712 auch Johann Lämmels kleiner Enkel, Wilhelm Christian Nerger, begraben (39).

Die Witwe und die Schwiegersöhne erster Ehe führten nun einen umfangreichen Schriftwechsel, der in einem 400-seitigen Akt erhalten ist: "Protocollum gehalten nach des seel. Herren Geheimbden Kriegs-Rath Lämmels tödlichen Hinritt" (40). Zunächst wird die Todesnachricht an eine Liste von 28 Adressaten verschickt, darunter der Bruder "Franz Lämmel bey Chemnitz". Dann bitten die Erben Seine Majestät, die Prüfung der Rechnungssachen des Verstorbenen beschleunigen zu lassen, und zu verfügen, dass am 2.Juli in der Sophienkirche durch Oberhofprediger Carpzov eine Gedächtnispredigt gehalten werde. Zur prachtvollen Beisetzung gaben die Bankiers Gottfried Otto und Friedrich Weiß ein Darlehen von 1000 Talern.
< Die gedruckte Leichenpredigt auf Johann Lämmel. Ausschnitt der Titelseite. Sammlung Stolberg LP3129.>

 
Unter dem Personal, das nun größtenteils entlassen wird, finden sich: Gotthelf Metzler aus Freiberg, Lakai; Johann Christian Trepte aus Pillnitz, Gärtner und Lakai; Christoph Tröger aus dem Amt Frauenstein, Kutscher; Johann Volkmar Stockmann aus Suhl, Kellner und Kellermeister; Andreas Neumann, Jäger; Meister Michael Andree, "Hoffeueressenkehrer"; Christoph Seydel aus der Herrschaft Tetschen in Böhmen, Mälzer und Brauer auf der Schenke zu Possendorf; sein Nachfolger wird Hans George Bör von Lockwitz. In der Frau Kriegsrätin Diensten befinden sich noch: eine Köchin, aus Torgau gebürtig; das "Mädgen" von Bitterfeld; ein Kutscher aus dem Voigtland; ein Lakai von Leipzig.

Noch 1715 heißt es beim Verkauf des Rittergutes Sachsgrün, dass vom Kaufgeld die "Frau Geheimte Kriegsräthin Lämmelin" mit 2285 Gulden und 15 Groschen zu befriedigen sei (41).

1714 verkaufen die Erben das Erbschenkgut Possendorf mit dem Vorwerk Wilschdorf an Carl Gottlob v.Leubnitz für 10ooo Taler. Der Käufer erhält auch die Gerichtsbarkeit, die bisher dem Amt Dippoldiswalde zustand. Aber noch 1727 läuft darüber ein Gerichtsakt des v.Leubnitz gegen Johann Lemmels Erben auf Badrina (42).

Die Witwe Justina Lämmel lebte noch lange; sie wurde am 13.9.1723 in Dresden beerdigt (43). Aus ihrer Ehe gab es keine Kinder, und so kam der Besitz an die drei Töchter der Ehe Lämmel-Thomae, also an die Familien der Schwiegersöhne v.Minkwitz, v.Egidy und Nerger. Über die Erbteilung gibt es umfangreiche Gerichtsakten.
Die Erben hatten das Erbschenkgut Possendorf mit dem Vorwerk Wilschdorf an Oberhofjägermeister Carl Gottlob v.Leubnitz auf Olbernhau verkauft; die darauf haftenden Hypotheken sollten von den Erben gelöscht werden, was aber nicht geschehen war. Der Streit wurde von den Advokaten bis 1732 hingezogen.
 
Zu einem Gerichtstermin 1727 (44) sind die Erben namentlich aufgeführt. Hieraus und aus der Leichenpredigt sind die folgenden Nachkommen ersichtlich. (Die beim Gerichtstermin Anwesenden habe ich mit einem Stern * markiert.)
1. Die Tochter Johanna Margaretha Lämmel. Sie heiratete am 24.10.1692 den Obersleutnant Georg Wilhelm Trosch; deren Tochter Aemilia Engelburg Trosch starb jung. In zweiter Ehe heiratete sie am 21.4.1700 den Hans George v.Minckwitz, Amtshauptmann von Grimma. Vier Kinder:  Johanna Charlotte*, verheiratet vor 1727 mit einem v.Hartitzsch;  Johann Carl Eberhardt v.Minckwitz* auf Niederpoyritz; George Friedrich (jung gestorben); und Rahel Christina v.Minckwitz.
2. Die Tochter Johanna Rahel Lämmel, gestorben 1697. Sie heiratete am 10.7.1688 in Theisewitz den kurfürstlich sächsischen Oberst Otto Heinrich v.Egidy (45), der (wie oben erwähnt) am 30.11.1702 in Posen erstochen wurde. Söhne: Hans Otto v.Egidy auf Badrina (in Nordsachsen), verheiratet mit Charlotte Perpetua v.Hartitzsch; der Hauptmann Samuel Heinrich v.Egidy*, verheiratet mit Johanna Christina Brückner; sowie zwei jung gestorbene Kinder Gottlob Alexander und Johanna Henriette v.Egidy.
3. Die Tochter Johanna Emilia Lämmel. Sie heiratete am 30.10.1693 den Oberstleutnant Christian Ehrenreich Nerger*. Sie lebten auf Klein-Carsdorf und Theisewitz, wo sie am 13.5.1721 (sie) und am 31.1.1722 (er) starben (46). Fünf Kinder Nerger: Johanna Aemilia; Christian Ehrenreich*, Corporal bei der kgl. Leibgarde zu Pferde; Johann Joachim*, kgl. Reitender Trabant, dann
am 6.3.1731 als Garde-Wachtmeister in Kreischa verheiratet mit Maria Büttner (47); Anna Catharina (Hellerin?) geb. Nerger*; sowie der bereits erwähnte Knabe Wilhelm Christian Nerger, der 1712 starb. - Außer diesen sind beim Termin 1724 anwesend: Friedrich Ernst Nerger*, Rahel Christiana Nerger* und Maria Sophia Nerger*, deren Verwandtschaft aus der Leichenpredigt nicht ersichtlich ist.

Für die Familie Lemmel sprang bei der Erbschaft nichts heraus. Johanns Bruder, der Mälzer Franz Lemmel in Chemnitz, hatte 1698 das sogenannte Kellerhaus in Schlosschemnitz gekauft, wo er gegen Abgaben an die Chemnitzer Braugewerkschaft die Erlaubnis erhielt, fremdes Weißbier auszuschenken. Er besaß zuletzt in Chemnitz "das königlich sächsische Gut unter dem Schlosse" (48), das er womöglich durch Vermittlung seines ranghohen Bruders bekommen hatte. Aber dieser Besitz blieb nicht in der Familie; die beiden Söhne von Franz lebten in einfachem Stande, Hans (*1687) als Bäcker in Chemnitz, und Christoph (*1691) als Bauer im nahegelegenen Stelzendorf.

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