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Die Chemnitzer Lemmel seit 1427

Von Hans-Dietrich Lemmel

Vortrag am Familientag 2000.
Ursprünglich gedruckt in "lemlein filii" Heft 6, 2001, seither unwesentlich ergänzt.
Eine gekürzte Fassung wurde gedruckt in "Familie und Geschichte" Band 4, 2002, Seiten 241-249 und 315-324.


Erster Teil
Dieser erste Teil enthält den am Familientag gehaltenen Vortrag, mit einigen Kürzungen und einigen Ergänzungen. Im zweiten Teil werde ich die sächsischen Lemmel-Urkunden des 15. Jahrhunderts im einzelnen besprechen.

1. Einleitung


Chemnitz ist der Ursprungsort der meisten Lemmel und Lämmel, und so ist es mir eine grosse Freude, dass der Familientag 2000 hier in Chemnitz abgehalten wurde.

Der besondere Dank der gesamten Lemmel/Lämmel-Familie gebührt dem örtlichen Organisator Klaus Lämmel; unserem Gastgeber Thomas Lämmel in der Schlossgaststätte Lichtenwalde; meiner Kusine Inge Höfler-Lemmel, die traditionelle Leiterin unseres Familienverbandes seit dem ersten Treffen vor mehr als 30 Jahren; sowie zahlreichen Familienangehörigen, die selbst Familienforschung betrieben und wertvolles Material beigetrugen.

Am letzten Familientag in Dresden sprach ich über die Familie Lemmel unter August dem Starken (1) und seinem Finanzexperten, dem General-Kriegszahlmeister Johann Lämmel in Dresden. Natürlich kam auch er aus Chemnitz.

Heute will ich etwas über die Chemnitzer Lemmel vortragen, und dabei werde ich wieder einige Geschichten aus der Familienchronik erzählen. Die schönsten Lemmel-Geschichten kennen Sie ja schon gedruckt in den "lemlein filii"-Heften, aber es gibt noch einiges mehr.

Voranstellen möchte ich eine Übersichtstafel, aus der die wichtigsten Lemmel/Lämmel meines Vortrages und ihre Verwandtschaft ersichtlich sind.

Obenan finden wir Chunrad Lembelin, unseren Stammvater, der um 1300 in Nürnberg lebte (2).

Ganz unten sind die heutigen Lemmel- und Lämmel-Stämme angegeben (3). Es sind nur die Stämme eingetragen, von denen jemand beim Familientag anwesend war. (Es gibt noch eine ganze Reihe von weiteren Lemmel/Lämmel-Stämmen!) Die Teilnehmer erhielten alle ihre persönliche Ahnenliste ausgehändigt, so dass jeder wusste, zu welchem Lemmel/Lämmel-Stamm er gehört.

In der Mitte der Tafel findet man die beiden Martin Lemmel, Vater und Sohn, die um 1450 in Chemnitz lebten, und von denen fast alle sächsischen Lemmel und Lämmel abstammen.

Rings herum habe ich in der Tafel einige der Personen angegeben, die ich in meinem Vortrag erwähnen werde.  



 2. Die ersten Chemnitzer Lemmel und die Ausbreitung ihrer Nachkommen


Im Jahre 1427 wird der erste Lemmel Bürger in Chemnitz. Das war vor mehr als einem halben Jahrtausend.

Um 1480 leben die beiden Brüder Paul und Hans Lemmel in Chemnitz und im südlich angrenzenden Neukirchen.

100 Jahre später, um 1580, leben bereits über 60 Männer namens Lemmel in Chemnitz und im Erzgebirge.

Heute gibt es in Sachsen mehr als 250 Lemmel/Lämmel-Adressen, die wohl an die 1000 Personen betreffen.

Ursprünglich hatte man annehmen müssen, dass der Name Lemmel, der ein kleines Lamm bedeutet, mehrmals unabhängig entstand, so dass nicht alle Träger dieses Namens mit einander verwandt sein müssen. Das ist im Prinzip richtig, und es gibt in Sachsen tatsächlich mehrere Lemmel-Stammväter. So stammen die Torgauer Lemmel nicht vom ersten Chemnitzer Lemmel ab.

Aber es sind die Chemnitzer Lemmel, die sich so stark vermehrten, dass die wenigen Lemmel anderer Herkunft zahlenmässig kaum ins Gewicht fallen.

Wenn man nur die Stammhalter-Nachkommen betrachtet, also nur die männlichen Nachkommen, die den Namen Lemmel tragen, dann zeigt sich folgendes:

Von den beiden Chemnitzer Lemmel-Brüdern, die um 1500 lebten, hatte
 - Hans Lemmel: 4 Söhne, 9 Enkel, 35 Urenkel;
 - Paul Lemmel: 6 Söhne, 12 Enkel, 29 Urenkel;
und das trotz einiger Missgeschicke. So wurde 1535 ein Lemmel-Sohn in Neukirchen ermordet, und der hätte vielleicht auch noch 30 Urenkel haben können.

Einige der späteren Nachkommen konnten mithalten.

 - Christian Lemmel, um 1740 Bauer in Gornsdorf: Er hatte 3 Söhne, 9 Enkel, 23 Urenkel;

 - Lorenz Lämmel, um 1800 Häusler in Borna bei Chemnitz: 6 Söhne, 13 Enkel, 30 Urenkel;

 - Christian Friedrich Lämmel, um 1840 Wirt und Maurer in Neundorf bei Annaberg: 5 Söhne, 13 Enkel, 27 Urenkel.

Wohlgemerkt: Hier wurden nur die Söhne und die Söhne der Söhne gezählt. Zusammen mit den Töchterkindern ergibt sich ein Vielfaches an Nachkommen.

1839 stirbt in Chemnitz im Alter von 93 Jahren Johann George Lämmel, ein Auszugsbauer aus Borna, und hinterlässt eine lebende Nachkommenschaft von 168 Personen, nämlich 5 Kinder, 50 Enkel, 97 Urenkel und 16 Ururenkel. So steht es als denkwürdiges Ereignis in einer Chemnitzer Chronik (4). - Hier wurden die Töchter und Töchterkinder mitgezählt, jedoch nicht die schon zuvor gestorbenen Nachkommen.


3. Vom Mittelalter zur Neuzeit: Die Bürokratie


Zurück zu den ersten Chemnitzer Lemmeln im 15. Jahrhundert. In der Zeit um 1500 gab es bedeutende Umwälzungen. Es war der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der Beginn von Renaissance und Reformation.

Copernicus entdeckt, dass die Erde sich um die Sonne dreht.
Columbus entdeckt Amerika.
Veit Stoss, Albrecht Dürer, Lucas Cranach und andere schaffen neuartige Kunstwerke.
Martin Luther übersetzt die Bibel.
Gutenberg erfindet den Buchdruck.
Mehr und mehr Leute lernen lesen und schreiben, und Adam Riese bringt ihnen das Rechnen mit arabischen Zahlen bei.
Und vieles andere.

Hinzu kommt eine Umwälzung, die die Familiengeschichte direkt betrifft: Man erfindet die Bürokratie. Nur der Bürokratie ist es zu verdanken, dass wir die Geschichte der Chemnitzer Lemmel heute genau kennen, dass wir über (fast) jeden einzelnen Lemmel schriftliche Dokumente vorfinden.

Zuvor, im Mittelalter, wurde aus dem täglichen Leben kaum etwas aufgeschrieben. Vieles wurde nur mündlich verhandelt und durch Zeugen beglaubigt.

Nun wurde es anders, die Neuzeit beginnt. In Chemnitz wurde um 1425 das erste Bürgerbuch angelegt, in das die neu zugezogenen Bürger eingetragen wurden, darunter auch 1427 "Lemel" und 1437 "Lemel der elder".

Etwas später, um 1500 und danach, gibt es Steuerverzeichnisse, in denen alle Bürger eines Ortes verzeichnet sind, die einen steuerpflichtigen Besitz haben. Aus den eingetragenen Steuer-Beträgen kann man entnehmen, ob einer reich oder arm ist. Aus diesen Steuerlisten kann man verfolgen, wann und wo in Sachsen, vorwiegend im Erzgebirge, die ersten Lemmel auftauchen.

Dann werden Gerichtsbücher angelegt, in denen Kaufverträge und Erbschaftssachen eingetragen werden. Dabei ist es ein besonderer Glücksfall, dass es in Neukirchen bei Chemnitz eines der frühesten dörflichen Gerichtsbücher gibt, das bereits 1491 beginnt; und es ist wiederum ein Glücksfall, dass die Chemnitzer Lemmel um 1500 ausgerechnet nach Neukirchen übersiedeln, wo ihre Erbschaftsregelungen im Gerichtsbuch verzeichnet sind. Während man in den Steuerverzeichnissen nur die Namen findet, nicht aber: "Wer ist der Sohn von wem?", sind in den Gerichtsbüchern, besonders in Erbschaftssachen, ganze Familien und Verwandtschafts-Beziehungen zu erkennen.

Schliesslich dringt um 1550 die Bürokratie auch bis zur Kirche durch: Die Kirchenbücher werden angelegt, in denen alle Trauungen, Taufen und Todesfälle verzeichnet sind. Danach kann man die Lemmel-Familien lückenlos rekonstruieren, sofern nicht die Kirchenbücher im 30-jährigen Krieg oder im 2. Weltkrieg verbrannten.

Um die Geschichte der sächsischen Lemmel/Lämmel zu erforschen, wurden von etlichen Forschern hunderte von Gerichtsbucheinträgen im Staatsarchiv Dresden abgeschrieben und viele tausend Kirchenbucheinträge aus zahllosen sächsischen Kirchen (5).

Dazu haben viele Familienforscher beigetragen. Besonders erwähnen möchte ich Herbert E. Lemmel, der erstmals über die Herkunft der Chemnitzer Lemmel aus Bamberg berichtete; den Dresdener Genealogen Kurt Wensch, der die Urkundenabschriften aus dem Dresdener Staatsarchiv besorgte; Rolf Windisch in Freiberg, der zahllose Kirchenbücher durchsah; und meinen Vater Gerhard Lemmel, der unserer Familiengeschichte in vielen Bibliotheken und Archiven nachspürte.

Der Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit wurde wesentlich von den Kaufleuten einiger deutscher Städte getragen. Hier hatten einige wenige führende Familien das Regiment, und hier konnten sich die Tüchtigsten und Einfallsreichsten durchsetzen und ihre Aktivitäten entfalten. Führend waren im Norden die Hansestädte, im Süden Augsburg, Regensburg und Nürnberg.

Die bekanntesten und erfolgreichsten Unternehmer-Familien waren die Fugger und Welser in Augsburg. Die Stammväter dieser Familien waren um 1300 bescheidene Bauern und Handwerker. Ursprünglich bauten sie Flachs an, webten Leinentuche und brachten diese zum Markt. Ihre besonderen Fähigkeiten entwickelten sie durch gekonnte Vermarktung, durch Erfinden von verbesserten Techniken, und durch das Erlernen des in den italienischen Städten schon früher entwickelten modernen Geldwesens, das den Handel vereinfachte und profitabler machte.

Das in Produktion und Handel verdiente Geld verwendeten sie im Bergbau in den Alpen und Karpaten. Für den Bergbau erfanden sie verbesserte Techniken, so dass sie innerhalb weniger Generationen ein beträchtliches Vermögen anhäufen konnten.

Um 1500 waren die Fugger und Welser bereits die wichtigsten Geldgeber für die Habsburger Kaiser Maximilian den I. und Karl den V. und konnten dadurch deren Politik mitbestimmen.

Warum erzähle ich dieses? Weil die Lemmel in Nürnberg, Bamberg und Chemnitz am Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit ebensolche Unternehmer waren wie die Fugger und Welser. Nur war ihr Erfolg weniger dauerhaft.


4. Die Lemlein in Nürnberg und Bamberg


Über unsere Vorfahren in Nürnberg und Bamberg ist wenig überliefert. Es war ja noch Mittelalter, es gab noch keine Bürokratie, und der auch damals notwendige Schriftwechsel wurde nicht aufgehoben; nur weniges findet sich noch in den heutigen Archiven. Daher erfordern die spärlichen schriftliche Dokumente vor 1500 eingehende Studien und Kombinationen, um aus den wenigen Fakten die Familiengeschichte zu rekonstruieren.

Um 1280/1300 lebte in Nürnberg unser aller Stammvater, Chunrad Lembelin (2, 18). Der Familienname "Lembelin" ist mittelhochdeutsch; später wurde er zum neuhochdeutschen "Lemlein" und "Lämmlein" abgewandelt, und schließlich zu "Lemmel" und "Lämmel". Vom Stammvater Chunrad Lembelin ist nur der Name bekannt. Aber in den wenigen erhaltenen Urkunden steht die Familie in engem Zusammenhang mit den Nürnberger Familien Stromer und Holzschuher, die damals die wichtigsten Handelsunternehmer stellten. Was die Fugger und Welser für Augsburg waren, waren die Stromer und Holzschuher für Nürnberg. Und die Nürnberger Lemlein waren ihre Handelspartner (6).

Der erste Nürnberger Lemlein, über den aus einer Urkunde hervorgeht, womit er handelte, war ein Kürschner, der Felle verarbeitete und mit Pelzen handelte. Die zufällig erhaltene Urkunde sagt freilich nur aus, dass er mit einem Farbstoff handelte, der beim Gerben verwendet wird.
Sein Sohn, Fritz Lemlein, scheint ein Bergwerk in der Gegend von Eger betrieben zu haben. Aber das war sicher nur ein kleiner Teil seines Unternehmens. Er war bereits so reich, dass er sein Vermögen im Geldverleih vermehrte und dabei von einem Schuldner eine ganze Burg, den Wolfstein bei Neumarkt in der Oberpfalz, zum Pfand erhielt. Leider wurde das Pfand wieder ausgelöst, und er musste die Burg wieder abgeben. Aber in der Nähe erwarb ein Vetter einen Besitz in Reichertshofen, so dass die Nachkommen als "Lemmel von Reichertshofen" zum oberpfälzer Adel zählten.

Ähnlich wie später die Fugger und Welser traten auch die Lemmel in die Dienste von Königen und Kaisern (7). Mathias Lemmel war um 1380 in Prag in der Finanzverwaltung Kaiser Karls des IV., und später, bis 1426, war er der Schatzmeister (also Finanzminister) von Kaiser Siegmund. Sein Sohn Hans Lemmel wurde Graf und Münzmeister in Hermannstadt in Siebenbürgen.

1  2  3
1: Urkunde und Siegel von Mathias Lemmel, 1416
2: Hans Lemmel, Graf zu Hermannstadt, 1439
3: Hans Lemlein, Bamberg 1406

Sein Vetter war Hans Lemlein in Bamberg (8), der für uns eine besondere Bedeutung hat: Im Jahre 1406 schließt er mit seinen Brüdern, nach dem Tod der Eltern, einen Erbvertrag. Darin sind die Brüder als die "lemlein filii" bezeichnet, und Hans Lemleins Siegel unter dem Vertrag zeigt erstmals das Lemlein-Wappen mit je einem Lamm im Schild und auf dem Helm. Dieser Hans Lemlein aber war der Vater der beiden ersten Chemnitzer Lemmel.

Hans Lemlein lebte zeitweilig in Kuttenberg in Böhmen, das damals ein wichtiges Zentrum des Edelmetall-Bergbaus war. Die Kuttenberger Kupferbarren wurden über die Elbe verschifft, und in Tetschen an der Elbe saß Hans Lemleins Sohn Michel Lemmel, vermutlich um für den Verkauf und Transport der Metallwaren zu sorgen. Über ihn ist eine seltsame Urkunde erhalten. Er ist im Jahre 1413 in einen Konflikt mit der Stadt Freiberg verwickelt, wo man ihn als einen Strauchdieb bezeichnete und ihn gehangen hätte, wenn man ihn gefangen hätte. Das ist die erste sächsische Lemmel-Urkunde.

In der Folge gerieten die Bamberger Lemlein in zwei politische Konflikte, die ihr weiteres Schicksal bestimmte.

1. In Prag reformierte Jan Hus die tschechische Kirche. Papst und Kaiser konnten das nicht dulden. Kaiser Siegmund, dessen Schatzmeister Mathias Lemmel war, lud Jan Hus zum Konzil nach Konstanz. Obgleich er ihm freies Geleit zugesagt hatte, wurde Jan Hus 1415 als Ketzer verbrannt. Nach diesem eklatanten Unrecht wurde die hussitische Bewegung kriegerisch, und der Kuttenberger Hans Lemlein und sein Sohn Michel Lemmel in Tetschen mussten Böhmen verlassen. Ersterer ging zurück nach Bamberg, letzterer ging nach Chemnitz.

2. In Bamberg gab es einen Streit zwischen dem Bischof und der Bürgerschaft, der von Kaiser Siegmund, der gerade in Basel weilte, geschlichtet werden sollte. Bei der Verhandlung in Basel waren der Fürstbischof und etliche Vertreter des Bamberger Rates anwesend. Letztere liessen ihren Unmut am Bischof in so handgreiflicher Weise aus, dass es zu einer Messerstich-Verletzung des Bischofs kam, der in seine Domburg nach Bamberg zurückfliehen musste. Unter den gewalttätigen Bamberger Ratsherren in Basel aber war Hans Lemlein. Der Schiedsspruch des Kaisers fiel nun gegen die Ratsherren aus; ihnen wurde eine Geldbuße in der gewaltigen Höhe von 60ooo Gulden auferlegt. Hierdurch waren die führenden Bamberger Familien genötigt, Bamberg zu verlassen. Aus der Bamberger Lemlein-Familie ging Martin Lemmel 1437 nach Chemnitz.
 
Porträt Hanns Lemlein, geb. um 1395, gest.1473.
Ratsherr in Bamberg; ab 1440 in Nürnberg, dort ab 1447 Ratsherr
und zeitweilig Bürgermeister. Wohlhabender Kaufmann mit Handel
im sächsischen Erzgebirge und in den Karpaten.
Sein Bruder Mertein ging 1437 nach Chemnitz, wo er der Stammvater
der meisten sächsischen Lemmel und Lämmel wurde.
[Schabkunstblatt von G. Fenitzer, wohl nach einem nicht erhaltenen Ölbild. Privatbesitz.]

Da der Nürnberger Handel vorwiegend nach Osten orientiert war, und da Böhmen durch die Hussitenunruhen für den Handel versperrt war, zogen die Nürnberger Kaufleute nun über Hof, Plauen, Zwickau, Chemnitz (also etwa entlang der heutigen Autobahn) Richtung Breslau, Krakau und darüber hinaus. In Breslau hatte zeitweilig der kaiserliche Schatzmeister Mathias Lemmel gelebt, und in Krakau lebte nun dessen Sohn, Sigismund Lemmel, als Geistlicher und als Komponist.

So lag es im Zuge der Zeit, dass die Familie Lemmel sich in Chemnitz an der wichtigen Ost-West-Handelsstraße niederließ.


 5. Die Chemnitzer Lemmel: Fernhändler, Tuchmacher, Bergbau-Unternehmer


Aus den Chemnitzer Lemmel-Urkunden des 15. Jahrhunderts (9,10) lässt sich folgendes sagen:

1427 lässt sich Michael Lemmel, der zuvor in Freiberg als Strauchdieb aus Tetschen aufgefallen war, in Chemnitz nieder. Er kehrt jedoch nach Nürnberg zurück, und sein älterer Bruder Martin übernimmt die Stellung und wird 1437 Bürger in Chemnitz.

Vermutlich ist er in erster Linie ein Weber und Tuchhändler. Er muss recht wohlhabend sein, denn seine beiden Söhne kann er auf die Universität schicken. Der ältere, Martin, studiert 1431 in Wien und übernimmt dann das väterliche Geschäft in Chemnitz. Der andere, Michael, studiert in Leipzig und Erfurt; er wird Geistlicher und Jurist. Zwischen 1460 und 1480 sind drei Urkunden erhalten, wonach er als kaiserlich approbierter Notar Streitigkeiten der Klöster Chemnitz und Naumburg schlichtet.

Der jüngere Merten Lemmel wohnt 1476 in der "Webergasse", die sicher nicht nur so hieß sondern auch von Webern bewohnt wurde. Und seine Witwe besaß später (1495) ein Haus am Salzmarkt, das zuvor (1466) einem Viermeister der Tuchmacherzunft, Peter Hösel, gehört hatte (6). Wie Helmut Bräuer (11) zeigte, zählten die Weber und Tuchmacher zu den angesehensten Chemnitzer Zünften. Aber die Lemmel gehörten nicht zu den Familien, die im Chemnitzer Rat saßen. Das waren die reichen Tuch- und Metallhändler Schütz, Neefe, Arnold, Thiel und einige andere. Aber am Chemnitzer Salzmarkt und vor dem Niklastor, wo am Chemnitzfluss Mühlen und Produktionsstätten lagen, waren die Lemmel Nachbarn der Schütz, Neefe und Thiel. Vermutlich waren sie mit diesen Familien auch verschwägert, aber die spärlichen Urkunden dieser Zeit berichten nichts über die Lemmel-Frauen und Lemmel-Töchter.

Um 1500 leben die schon zuvor erwähnten Brüder Hans und Paul Lemmel in Chemnitz, von denen der eine vier, der andere sechs Söhne hat.

Paul ist vermutlich wieder ein Leinenweber. Er dürfte die Tochter seines Flachslieferanten aus Neukirchen geheiratet haben, denn alle 6 Söhne leben fortan auf dem Lande, in Neukirchen, Markersdorf und Adorf, wie man es in dem eingangs erwähnten Neukirchener Gerichtsbuch dokumentiert findet.

Hans hingegen ging ins Erzgebirge, wo der Bergbau durch neue Funde und verbesserte Techniken wieder attraktiv wurde. Seine Söhne sind Bergbau-Unternehmer in den Bergstädten Schneeberg, Platten, Annaberg, Geyer, Thum und Marienberg.

Hier haben wir wieder genau die Struktur eines Familien-Unternehmens, wie wir es 100 Jahre früher von den Nürnberger und Bamberger Lemlein kennen gelernt hatten. Ähnlich hatten die Fugger und Welser angefangen. Einer, Paul Lemmel, produziert Leinen und handelt damit; sein Bruder Hans betätigt sich im Bergbau, der Onkel Michael, Geistlicher und Jurist in Chemnitz, vermittelt das juristische Rüstzeug und die Beziehungen zur Obrigkeit.

Möglicherweise gab es hier noch einen weiteren Lemmel, über den noch keine Urkunde aufgefunden wurde, und der Fernhändler war: In Dirschau (bei Danzig an der Weichselmündung) taucht wenig später eine Lemmel-Familie auf, die vielleicht aus Chemnitz kam. Um 1500 war Friedrich von Wettin, der Sohn des sächsischen Herzogs Albrecht, Hochmeister des Deutschen Ordens, was dem Handel zwischen Sachsen und dem alten Preußen sicher förderlich war. Man kann daher vermuten, dass auch die Dirschauer Lemmel-Familie aus Chemnitz stammte.

In den Lemmel-Generationen nach 1500, für die die nun vermehrt einsetzenden Urkunden detaillierte Auskünfte geben, ist von einem größeren Lemmelschen Handelsunternehmen nichts mehr festzustellen. Die Enkel und Urenkel sind Bauern, Handwerker und Bergleute, die sich ganz ihrer neuen Umgebung eingegliedert haben.


 
Das alte Chemnitz.
In der Mitte das Rathaus und das um 1500 erbaute Gewandhaus,
dahinter in der Stadtmauer der Rote Turm.
Links hinter dem Rathaus die St.Jakobskirche, rechts oben außerhalb der Stadtmauer das St.Georgs-Spital und die St.Johanniskirche, links unten außerhalb der Stadtmauer die St.Niklaskirche. Nach diesen vier Kirchenheiligen benannte Hans Lemmel um 1480 seine vier Söhne.
Der Hausbesitz der Lemmel im 15. Jahrhundert lag in der Webergasse (im Bild hinter dem Rathaus), am Salzmarkt (neben dem Gewandhaus), in der Brudergasse bei der Abtei (im Bild im oberen linken Teil der Altstadt) und "über die Brücke bei St.Niklas" (links vorne im Bild).
Das "Kellerhaus", das Franz Lemmel 1698 kaufte, liegt unterhalb des Schlosses (am oberen Bildrand zu sehen).

Der Chemnitzer Hauptmarkt [Titelbild von "Familie und Geschichte" Heft Nr.36 2001]

6.1 Die Nachkommen des Chemnitzer Hans Lemmel: Schneeberg


Der Chemnitzer Hans Lemmel hatte vier Söhne, von denen drei in die Bergstädte des Erzgebirges gingen. Von dem vierten, Nickel, ist nur bekannt, dass er als jung verheirateter Mann starb.

Der eine Sohn, der wiederum Hans hieß, wurde im Jahre 1512 mit einem Bergwerk, einer "Fundgrube", in Schneeberg belehnt (12), wo er Schöffe, Gemeinde-Vorsteher und Vorsteher der Knappschaft wurde. Nach anfänglichem Wohlstand scheint er aber in weiteren Stollen, mit denen er belehnt wurde, wenig Glück gehabt zu haben, denn seine Witwe, die Hans Lemlin, wird schließlich aus der Kirchenkasse unterstützt. 

Im Geiste von Reformation und Renaissance wurde in Schneeberg eine Lateinschule gegründet, die um 1540 von neun jungen Lemmeln besucht wurde. Acht der Schneeberger Lemmel besuchten eine Universität. Zwei von ihnen wurden protestantische Pfarrer und Schulrektoren. Einer wurde Apotheker und ging nach Lüneburg, wo er aber leider "in grosser Melancholie" und kinderlos starb.

1 2 3
        1: Eigenhändige Unterschrift des
Apothekers Andreas Lemmel in Lüneburg 1580.
        2: Eigenhändige Unterschrift des Magisters Petrus Lemmel in Schneeberg 1614,
        3:   die Nachzeichnung seines Siegels.


Zwei Schneeberger Lemmel-Brüder gingen um 1550 als Kaufleute nach Wien (13) in die Hauptstadt des Reiches. Der eine, wieder ein Hans Lemmel, wurde dort ein wohlhabender Kaufmann. Da seine Frau eine Wienerin war, wurde er sogar in den Stadtrat gewählt. Er hatte die Schwester des Wiener Universitätsrektors, eine Pirkheimerin geheiratet, eine Verwandte des berühmten Nürnberger Humanisten Willibald Pirkheimer. Der Bruder, Stefan Lemmel, handelte mit Wein aus Sizilien. Beide waren führende Protestanten in Wien, und als dort der Habsburger-Kaiser Rudolf der II. die Gegenreformation betrieb, musste die Familie Wien verlassen. Bei der Suche, wohin die protestantischen Wiener Lemmel flüchteten, habe ich bisher nur eine Nachkommen-Linie in der Oberpfalz entdeckt, von der wiederum eine Lemmel-Linie abstammt, die wieder katholisch wurde und später als "Ritter Lemmel von Seedorf" geadelt wurde.

Zurück nach Schneeberg. Der Wohlstand wurde im Bergbau durch harte Arbeit erworben. Wenn in einer Urkunde das Wort "Bergmann" steht, so kann das zweierlei bedeuten: Es kann ein reicher Herr sein, der die Bergarbeiter bezahlt und das Erz verkauft; es kann aber auch ein Arbeiter sein, der selbst ins Bergwerk hinabsteigt und harte Muskelarbeit verrichtet. Die Schneeberger Lemmel waren beides, wie aus einigen Urkunden zu ersehen ist. Offenbar schickte der Bergunternehmer seine Söhne bereits im Alter von 12 Jahren als Arbeiter ins Bergwerk hinunter, damit sie den Betrieb von Grund auf erlernten.

Eines der Schneeberger Bergwerke hieß "der Rappolt"; es war um 1490 von dem Nürnberger Handelsherrn Friedrich Rappold (14) angelegt worden. Seine Tiefe wird in "Lachter" (etwa 1,90 Meter) gemessen. In einer Chronik des Schneeberger Geschichtsschreibers Peter Albinus heißt es:

      1526 ist Jacob Lemmel, itziger Berggeschworener in Schneeberg, damals
      ungefehr 12 Jahre alt, ins tiefste uffm Rappolt, in die 34 Lachter tief
      gefallen, und bey 3/4 Stunden gelegen. Sind seine Gesellen ausgefahren und
      sich verkrochen. Ist ihm doch in solchem hohen Falle nichts widerfahren, als
      daß er an dem linken Ohr übelhörendt worden.

Später wurde dieser "übelhörende" Jakob Lemmel Knappschafts-Vorsteher und Berggeschworener.

Es waren sehr harte Zeiten. Zweimal gab es in Schneeberg Stadtbrände, in denen auch das Lemmel-Haus abbrannte. Mehrmals gab es Pest-Epidemien. Aus dem Jahre 1521 ist ein merkwürdiger Bericht überkommen. In einer Chronik (15) heisst es:

      Von denkwürdiger Gottlosigkeit und Frevelthat einiger rohen und losen
      Pursche: Anno 1521 rumorte die Pest in Schneeberg also, daß etliche 100
      daran auffgerieben wurden. In der Pest-Zeit fanden sich einige gute Schmauß-
      Brüder in Hannß Lemmels Haus zusammen, waren lustig und guter Dinge, trieben
      also ohne Furcht der Seuche Tag und Nacht, haben die ganze Sterbens-Zeit
      über gefressen und gesoffen, lustig und guter Dinge gewesen, und diese alle
      sind gleichwohl von der Seuche unangetastet und lebendig geblieben. - So
      steht es in einer Schneeberger Chronik unter der Überschrift: "Von Gottes
      Wunder-Gerichten bey Sterbensläufften".

Während hier Hans Lemmel die Pest erfolgreich mit Alkohol bekämpfte, wurde später dieser Familienzweig durch die Pest ausgelöscht. Nur bei dem nach Wien abgewanderten Zweig gibt es heute lebende Nachkommen.

Von dem Wiener Ratsherrn Hans Lemmel, der 1531 in Schneeberg (13) geboren wurde, seinem Vetter Andreas Lemmel, dem Lüneburger Apotheker, und seinem Neffen Petrus Lemmel, der Magister und Konrektor der Schneeberger Lateinschule war, gibt es eigenhändige Schriftstücke, die teils sogar mit ihrem Siegel (16) versehen sind. Die Siegel zeigen jeweils ein Lamm-Wappen, das aber nur entfernt an das bekannte Lamm-Wappen der Bamberger Vorfahren erinnert.

Ein besonderes Prunkstück der Familiengeschichte ist die Porträtmedaille (17) des Wiener Ratsherrn Hans Lemmel von 1583. Sie zeigt auf der einen Seite Hans Lemmel im Profil, auf der Rückseite seine Frau Ursula Lemlin geborene Pirkheimer. Ein anderes Exemplar zeigt auf der Rückseite Hans Lemmels Mutter, die Schneebergerin Margaretha Lemlin. Ihr Geburtsname ist leider nicht überliefert, so dass man nicht weiß, aus welcher Schneeberger Familie die Margaretha stammt, deren Porträt im Wiener Münzkabinett zu besichtigen ist. (Erst 2011 stellte sich heraus, dass ihr Geburtsname Preyßker war und dass sie nicht die Mutter sondern die Stiefmutter des Wiener Hans Lemmel war.)
 
Hans Lemmel, geboren 1531 in Schneeberg im sächsischen Erzgebirge,
Kaufmann, Ratsherr und protestantischer Kirchvater in Wien, gestorben 1601.
Porträtmedaillen im Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums Wien.
Oben: Porträt Hans Lemmel und sein Siegel.
Unten: seine Mutter Margaretha Lemlin in Schneeberg und seine Frau Ursula
Lemlin geborene Pirkheimer in Wien.
Mitte: Die Beschriftung auf seinem Testament.

 6.2 Die Nachkommen des Chemnitzer Hans Lemmel: Marienberg


Ein anderer Sohn des Chemnitzer Hans Lemmel war Jakob Lemmel, der erst kürzlich von Klaus Schröpel in Thalheim in einem alten Bergbuch (18) entdeckt wurde. Er ging als Bergunternehmer nach Marienberg (19), wo er zahlreiche Nachkommen hatte. In den Kirchenbüchern, die hier schon um 1550 beginnen, sind bereits 10 Lemmel-Vettern verzeichnet, die in kurzer Zeit 41 Kinder taufen ließen. Aber die Bergwerke waren nun nicht mehr so ertragreich, und um 1600 sind alle Lemmel wieder aus Marienberg verschwunden. Etliche raffte die Pest dahin, aber einige sind abgewandert, und wir finden sie an anderen Orten wieder: als Schneider in Schwarzenberg oder als Zuckersieder in Leipzig. Aber dort fielen ihre Familien freilich auch bald der Pest oder dem 30-jährigen Krieg zum Opfer, so dass es aus dem einst so zahlreichen Marienberger Lemmel-Stamm schon bald keine Nachkommen mehr gab.
 
Eine Urkunde von 1532: Jakob Lemmel erhält vom Bergmeister
eine Fundgrube in Geyer verliehen.

Melchior Lemmel aus dem Marienberger Stamm wurde Bürgermeister von Glauchau. Drei seiner Enkel gingen um 1680 mit einer holländischen Gesellschaft als Pulvermacher nach Niederländisch-Ostindien, dem heutigen Indonesien. Dort starben sie an Tropenkrankheiten, wodurch dieser Familienzweig ausgelöscht wurde. Hierüber berichtete ich schon am Dresdener Familientag (1).

Schließlich aber gingen zwei Bergbau-Lemmel aus dem Erzgebirge nach Norwegen (20). Die Erschließung des norwegischen Bergbaus erfolgte mit der tatkräftigen Hilfe von Bergleuten aus dem Erzgebirge. Im Jahre 1540 wurde eine "Norwegische Bergwerksordnung" in Zwickau in deutscher Sprache gedruckt. Zu dieser Zeit reformierten die sächsischen Kurfürsten Moritz und August ihre Bergverwaltung; 1554 wurde eine kursächsische Bergordnung erlassen (20a).

In Trondheim in Norwegen lebte noch um 1770 eine Lehrer-Familie Lemmel. Im Jahre 1659 tauchte in Schneeberg ein Mathias Lemmel auf, "ein Bergmann gebürtig aus Norwegen", dessen Nachkommen in Freiberg und Halsbrücke als Hüttenmeister, Berggesell, oder Drahtzieher lebten.

 
Ein Holzschnitt von etwa 1528, der ein Edelmetallbergwerk im
sächsischen Erzgebirge zeigt. (20b)


6.3 Die Nachkommen des Chemnitzer Hans Lemmel: Annaberg


Georg, der dritte Sohn des Chemnitzer Hans Lemmel (10), ging ebenfalls als Bergunternehmer ins Erzgebirge, und zwar zunächst nach Platten auf der böhmischen Seite.

Hier in den Bergstädten herrschten rauhe Sitten, wie aus folgendem Ereignis zu ersehen ist:

  Anno 1586 in Joachimsthal im Erzgebirge ist der Müller Matthes Engelmann
  erstochen worden von Georg Lemmel zu Weynachten. Anno 1587 wurde zu
  dreyenmalen öffentlich Halsgericht gehalten über Georg Lemmeln dem
  flüchtigen Mörder.
 
Er wurde aber nicht gefunden. Vermutlich floh er nach Ehrenfriedersdorf, wo zwei seiner Söhne lebten. Für den einen, der wiederum Georg Lemmel hieß, ist eine Kuriosität zu vermelden: Er war von Beruf ein Fleischer und heiratete die Tochter eines anderen Fleischers, der "Petersillig" hieß; das war wohl ein Spitzname, der daher rührte, dass er die Wurst mit viel Petersilie versetzte. Georg Lemmel übernahm nun die Fleischerei seines Schwiegervaters und übernahm damit auch dessen Namen. Als er starb, wurde im Totenbuch eingetragen: "Yörg Petersillig sonst Lämmel, Bürger und Fleischer in Ehrenfriedersdorf". Sein Sohn und seine Enkel hießen dann gar nicht mehr Lämmel sondern nur noch Petersillig.

Der Mörder Georg Lemmel war einer der Enkel des ersten Georg Lemmel aus Chemnitz. Dieser war also gut beraten, als er sich schon bald aus dem gefährlichen Bergbau zurückzog. Er ging erst nach Annaberg, wo sein ältester Sohn 1534 heiratete; dann erwarb er in der Nähe Landbesitz, wo die zahlreichen Nachkommen als Bauern lebten.

Georgs Sohn Bartel Lemmel erwarb um 1590 ein Bauerngut in Gelenau. Unter seinen Nachkommen finden wir sowohl Klaus Lämmel, den Organisator des Chemnitzer Familientages, als auch Thomas Lämmel, unseren Gastgeber in Lichtenwalde.

Einer von Georgs Enkeln, Peter Lemmel, erwarb ein Bauerngut in Drebach. Er ist dort als ein "Pferdner" verzeichnet: das ist der Besitzer eines größeren Bauerngutes, der Pferde besass, im Gegensatz zu den Kleinbauern, die nur Ochsen hatten. Im 16. Jahrhundert gab es Bauernaufstände gegen die zu hohen Steuern, die von der Obrigkeit verlangt wurden. Dabei war in Drebach Peter Lemmel der erste von vier Sprechern der Bauern. Es ist wohl seinem Geschick zu verdanken, dass für die Aufrührer in Drebach alles gnädig ausging, während an anderen Orten mit Einkerkern und Hängen gestraft wurde. Mit den Drebacher Bauern wurde 1590 ein Vertrag geschlossen, der ihnen mehr Rechte als seither zugestand.

Ein anderer von Georgs Enkeln, Caspar Lemmel, lebte um 1600 in der Bergstadt Thum. Man könnte vermuten, dass er auch hier als ein Bergwerks-Unternehmer lebte, aber das trifft nicht zu; er hatte umgesattelt. Es ist eine Beschreibung seines Besitzes erhalten (21). Sein Besitz, Chemnitzer Strasse 3, war ein "Bürgerhaus mit Braubrechtigung"; zu seinem Haus gehörten "Hof und Garten, Äcker und Wiesen". Das Haus hatte "sehr alte gewölbte Keller, in denen die Waren eines Frachtfuhrmannes und die Bierfässer eines brauberechtigten Bürgers gelagert werden konnten". Daneben gab es einen geräumigen Pferdestall.

Caspar Lemmel war also ein Landfuhrmann, der seine Pferde auf seinen eigenen Wiesen weiden lassen konnte. Welche Waren er in seinem Keller lagerte und mit seinen Frachtwagen transportierte, ist nicht überliefert. Er dürfte mit allem gehandelt haben, was zur Versorgung der Bergarbeiter mit Kleidung und Nahrung nötig war. Wie Helmut Bräuer zeigte (11), waren die Bergstädte auf Zulieferungen in so hohem Maße angewiesen, dass beispielsweise von Chemnitz nach Annaberg wöchentlich 18 Wagenladungen Brot geliefert wurden. So konnte Caspar Lemmel hier als Landfuhrmann ein gutes Geschäft machen.

Georg Lemmel aus Chemnitz wurde der Stammvater der Lemmel/Lämmel-Stämme Cranzahl, Buchholz, Auerbach, Jahnsbach, Gelenau, Drebach, Venusberg, Neundorf, Gestewitz, u.a.

In allen diesen Orten gehören die Lemmel zu den ältesten ansässigen Familien. Manche Bauernhöfe hier waren 300 oder 400 Jahre lang in Lemmel-Besitz, so dass man den Namen Lämmel jetzt auch auf Landkarten finden kann: Oberhalb von Drebach gibt es den 627 Meter hohen "Lämelberg", der als ein beliebtes Ausflugsziel gilt. Auch in Neudorf und Cranzahl gibt es Flurnamen wie Lämmel-Bächlein, Lämmel-Mühle, Lämmel-Kalkofen, die bereits im 16. Jahrhundert beurkundet sind.

Einige der Lämmel-Höfe waren mit dem dörflichen Richteramt verbunden, das ein erbliches Amt war.

Auf einem Bauerngut in Cranzahl lebte der Schöffe und Richter Michel Lemmel, der aus vier Ehen 16 Kinder bekam. Über seine dritte Frau steht 1619 im Kirchenbuch: Christina Lemmel, Hausfrau des Gerichtsschöppen Michel Lemmel, wurde am 9. Juli "nachmittags 2 Uhr vom Donner im Hause getroffen und blieb tot liegen".

In Buchholz bei Annaberg entwickelte sich ein Zentrum des Posamenten-Gewerbes, um den in der Barockzeit aufkommenden Bedarf an Borten, Fransen, Quasten und anderen Verzierungen für Militäruniformen, Trachten und Polstermöbel zu decken. Da gab es im Buchholzer Lämmel-Stamm eine Dynastie von 14 Posamentier-Meistern. Unter den Nachkommen gibt es einige künstlerische Begabungen, darunter den Dresdener Graveur Hermann Lämmel, der 1892, zur 400-Jahrfeier der Entdeckung Amerikas, eine Gedenkmedaille entwarf und prägte (22).

Nur nebenbei ist der eine oder andere noch mit dem Bergbau verbunden. 1623 heiratet in Zwönitz der Bäckermeister Martin Lemmel. Bald darauf wird er im Bergbuch des Bergamtes Geyer (23) als "Gewerke mit einem Kux" verzeichnet. Sein Neffe Christof Lemmel, der als Müller in Zwönitz lebt, ist als "Gewerke mit einem halben Kux" verzeichnet. Diese beiden sind nicht aktive Bergleute; sie haben mit ihren "Kuxen", das entspricht etwa heutigen "Aktien", Anteile am Bergwerk erworben und hoffen nun auf einen guten Ertrag. Aber das Bergglück war dem Martin Lemmel nicht gewogen, und er starb in bitterer Armut. Am 11. März 1660 wurden in Zwönitz zwei alte "verlebte" Eheleute Martin Lemmel und sein Weib Catharina zusammen in einem Grab "verscharret", nachdem sie nur 12 Stunden nach einander gestorben waren. So steht es in der Lehmannschen Chronik (15) "derer natürlichen Merkwürdigkeiten" im Erzgebirge.

Mitten in Zwönitz gibt es gleich neben dem Rathaus ein ansehnliches Gebäude, das als das "Lämmelhaus" bekannt ist. Ich hatte vermutet, dass dies das Anwesen des Martin Lemmel des 17.Jahrhunderts gewesen sein könnte, aber das war es nicht. Horst Lämmel in Thalheim erkundete, dass das Lämmel-Haus ursprünglich die Zwönitzer Posthalterei gewesen war, die erst um 1920 von dem Spediteur Oswald Lämmel aus dem Drebacher Lämmel-Stamm übernommen wurde. Erst seit dieser Zeit heisst es das "Lämmel-Haus".

 
Das "Lämmel-Haus" (Mitte) in Zwönitz am Markt.
Es ist die ehemalige Posthalterei gleich neben dem Rathaus (rechts).


 
Neukirchen bei Chemnitz: Ausschnitte aus der Türkensteuerliste 1501.
Oben: "Pauel Lemmell". Darunter der "Hausgenosse" "Jorge Lemmell".

7. Die Nachkommen des Chemnitzer Paul Lemmel


Man hat sich gewundert, dass Paul Lemmel, der einer durch und durch städtischen Familie angehörte, mit seinen Söhnen ins Dorf zog (10). Einer der Nachkommen, der Pfarrer und Familienforscher Lothar Wunderwald, formulierte es so: "Warum soll ein Großkaufmann Paul Lemmel sich plötzlich hinter den Pflug stellen, den Kuhstall ausmisten und ein kümmerliches Leben unter Menschen führen, die kaum lesen und schreiben konnten?" Nun, ganz so kümmerlich dürfte das Dorfleben doch nicht gewesen sein.

Es gab gute Gründe für den städtischen Unternehmer, vor die Tore der Stadt zu ziehen. Wie Helmut Bräuer es schilderte (11), waren die Leineweber in der Stadt recht beengt. Sie brauchten Platz zum Lagern von Flachs und zum Aufstellen der Webstühle; sie benötigten freie Wiesenflächen zum Bleichen des Leinens; schließlich mussten sie Pferde und Fuhrwerke irgendwo einstellen. Auch gab es in Chemnitz mehrfach Streit um Privilegien und Kontroversen mit den Zünften und dem Stadtrat, so dass auf dem Lande "unzünftige" Webstühle aufgestellt wurden, auf denen, wie man es heute nennen würde, Schwarzarbeit gemacht wurde.

Als Paul Lemmel um 1500 nach Adorf und Neukirchen hinauszog, war er über 50 Jahre alt, und seine sechs Söhne kamen gerade ins beste Heiratsalter. So verwundert es nicht, dass sie am neuen Wohnort in die bäuerliche Bevölkerung einheirateten. Wie sie hier lebten, ist zwei Generationen später beurkundet.

 
Ausschnitt aus dem Gerichtsbuch von Ehrenfriedersdorf von 1571.
"Nickel Lemmels hinderlaßene Erben und ihre Stifmutter" lassen
das Ergebnis ihrer Erbverhandlung beurkunden.


1571 starb in Thum Nickel Lemmel, einer von Pauls Enkeln. In seiner Hinterlassenschaft fanden sich 36 Ellen "Flachsen Linnet", 3 Kühe und verschiedener Kleinkram, darunter ein flachsenes Tischtuch, ein "grobes Bettzeug nit gar neu", ein Mantel, eine Truhe, eine Zinnschüssel, und sonst nichts nennenswertes. Er hatte also eine kleine Landwirtschaft für den Eigenbedarf, sowie einen bescheidenen Handel mit Leinen. Wohlhabend war er nicht, denn er hinterließ auch Schulden. Sein Vater, Nickel Lemmel in Adorf, war noch wesentlich wohlhabender gewesen, mit einem größeren Bauerngut für den Flachsanbau und mit einer Gastwirtschaft.

Etliche von Pauls Nachkommen sind in den Steuerverzeichnissen als "Gärtner" eingetragen. Das darf man nicht als Gärtner im heutigen Sinne verstehen. Es zeigt nur an, dass sie nicht wie ein Bauer ein Bauerngut zu versteuern hatten, sondern dass ihr Landbesitz nur aus einem kleineren Garten bestand. Man muss annehmen, dass sie ein Handwerk ausübten, vielleicht das eines Leinenwebers. Erst in den späteren Kirchenbucheintragungen sind die ausgeübten Handwerke explizit angegeben.

In Neustadt bei Chemnitz zeigt sich, dass sich hinter der Bezeichnung "Gärtner", wie es in der Steuerliste steht, ein "Mälzer", also Malzhändler, verbarg, der durchaus wohlhabend gewesen sein mag. Einer von ihnen, Hans Lemmel, 1644 in Neustadt als Sohn eines "Mälzers" geboren, ist der sächsisch-polnische General-Kriegszahlmeister Johann Lämmel unter August dem Starken, über den ich am letzten Familientag in Dresden berichtete (1). 1692 stiftete er der Chemnitzer Nikolai-Kirche eine Glocke, die 225 Jahre lang den dortigen Lemmeln läutete, bis sie 1917 im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen werden musste.

Sein Bruder Franz Lemmel, der zunächst, wie sein Vater, als Mälzer und Gerichtsschöffe in Neustadt lebte, scheint dort ein gutes Geschäft gemacht zu haben, denn 1698 kaufte er sich in Chemnitz eine bekannte Bierwirtschaft, das sogenannte Kellerhaus unter dem Schloss, das derzeit gerade renoviert wird. Die Chemnitzer Zeitungen berichteten darüber (siehe Abbildung). Seine Söhne blieben hier aber nicht sondern zogen das bäuerliche Leben in Stelzendorf vor. So blieb das Kellerhaus leider nicht in der Familie.
 

Unter den Ururenkeln des Chemnitzer Paul Lemmel sind fünf, die wiederum Paul Lemmel heißen, und einer davon ist das schwarze Schaf der Familie. Während alle braven Lemmel im Neukirchener Kirchenbuch verzeichnet sind, finden sich über diesen Paul Lemmel unrühmliche Einträge im Verzeichnis der "Huren und Buben im Kirchspiel Neukirchen" und im "Malefizbüchlein der Gutsherrschaft Neukirchen". Soll ich hieraus etwas berichten? Ja?

Also: Zu dieser Zeit saß auf dem Neukirchener Rittergut ein übler Herr namens Heinrich Gröbel, und besagter Paul Lemmel gehörte zu seinem Gesinde. Im Jahre 1609 beginnt die Geschichte damit, dass "Paul Lemmell zu Neukirch hinweggangen ist, weil er eine Zeitlang mit Katharina R. hurerey getrieben und sie geschwengert welche gleichfalls auch davongelauffen". Zwei Jahre später wird Paul Lemmel vom Pfarrer wieder "zu seinem Pfarrkind angenommen", nachdem er seinen Ehebruch "öffentlich bekannte und auch öffentlich Buße tun mußte". Auf dem Gut wird er von Heinrich Gröbel wieder angenommen, muss aber einen "Revers geben, dass er niemals erzähle, worüber er gesündiget hat". Aus Dank für die Wiederaufnahme beim Schlossherrn Gröbel übernahm er die Durchführung einer nächtlichen Beerdigung des an der Pest verstorbenen Sohnes Jochim des Schlossherrn. Derweil wurde Gröbels Tochter Sibille diskret nach Böhmen geschickt und der, der sie geschwängert hatte (zum Glück war es nicht unser Paul Lemmel), wurde erschossen. Darauf aber wurde Heinrich Gröbel in der Augustusburg in Haft genommen, und das Gut Neukirchen wurde an den Kurfürsten abgetreten. Der Pfarrer schrieb dazu: "Gott say Lob, Ehr und Dank, dass dieser Tyrann und gröbste Bauer hinweg ist." Gleichzeitig verschwand auch Paul Lemmel.

Aber alle anderen Nachkommen des Chemnitzer Paul Lemmel waren ehrenwerte Leute. Unter denen, die die verschiedensten ländlichen Berufe ausübten, gab es auch wieder einige Bergarbeiter. Und wenn man darüber Berichte findet, dann stößt man wieder einmal auf ein Unglück: ein Beispiel für die schrecklichen Arbeitsbedingungen im damaligen Bergbau.

Dazu muss ich zunächst einige Erläuterungen geben. In Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge gab es ein Bergwerk mit einem Schacht, der der "Junge Bierkrug" genannt wurde, etwa 50 "Lachter" tief, das sind etwa 80 Meter. Die Bergleute, die zum Schutz einen "Schachthut" auf dem Kopf hatten, fuhren "von tag", (also "hinunter"), über eine "Fahrt", das ist ein System von beweglichen Leitern, die, von einem Mühlrad angetrieben, ständig auf und ab bewegt wurden. Im Totenbuch des Jahres 1737 findet man diesen Eintrag:

    Johann Christoph Keller, juvenis Metallicus, 20 1/4 Jahre alt, und Johann Christoph Lämmel,
    Bergknab, 14 1/4 Jahre alt. Beide sind Sonnabend den 29. Juni früh 3/4 5 Uhr aufn jungen
    Bierkrug nach verrichteten Gebet eingefahren, an ihre Arbeit zu gehen; nachdem aber dieser
    nomine Lämmel kaum 1 1/2 Lachter von tag gefahren, so fället Er, ohne daß es jemand gewahr
    wird, von der Fahrt, Gott weiß, wie es zugegangen, hinweg, und da noch zwey purschen in der
    mitten eingefahren, berührt er diese nicht, den untersten aber, nomine Kellern, nimmt er mit
    hinein, daß sie beiderseits so elendiglich umbkommen müssen, da Lämmel in die 48 Lachter,
    Keller aber 35 Lachter gefallen. Keller ist dergestalt elendiglich zugerichtet gewesen, daß sein
    Gehirn im Schachthut zusammengelesen werden mußte, beyde sind aber tod herausgezogen und
    nach Hause gebracht worden zum größten Leidwesen ihrer Eltern.
 
Im Gegensatz zu diesen Bergleuten lebten die meisten Nachkommen des Paul Lemmel ein ruhiges ländliches Leben ohne spektakuläre Ereignisse, viele von ihnen als Leineweber und Strumpfwirker. Auf dem Lande hatte die Pest nicht so schreckliche Auswirkungen wie in den Bergstädten, so dass sich die ländlichen Lemmel stärker vermehrten als die in Schneeberg und Marienberg, die fast ganz der Pest zum Opfer fielen.

Für den Familienforscher gibt es hier das Problem, dass zu viele Lemmel den selben Vornamen haben. Den extremsten Fall gab es um 1590 im Kirchspiel Neukirchen: Hier und in den Nachbarorten Neustadt und Jahnsdorf gab es gleichzeitig acht Männer namens Paul Lemmel, die alle nach ihrem Urgroßvater, dem ersten Chemnitzer Paul Lemmel benannt worden waren. Da in den vorhandenen Urkunden die verschiedenen gleichnamigen Vettern nicht immer klar unterschieden werden können, so gibt es in manchen Ahnentafeln Unklarheiten, welcher Paul Lemmel der richtige Vorfahr ist. Und das, obgleich aus diesem Familienzweig die bedeutenden Familienforscher Herbert E. Lemmel und Johannes E. Herold stammen.

Die Nachkommen des Paul Lemmel lebten hauptsächlich in Neukirchen, Klaffenbach, Stelzendorf, Leukersdorf, Neustadt, Markersdorf, Jahnsdorf, Gornsdorf, Auerbach, Adorf, Raschau, Chemnitz-Borna, Rödlitz, Eschefeld.

Zum Eschefelder Lämmel-Stamm gehört der Leipziger Kupferstecher Moritz Lämmel, dessen Porträt-Stahlstiche berühmter Leute wie Beethoven, Goethe (24), Hölderlin, Schopenhauer, Schumann um 1860 weite Verbreitung fanden und im Brockhaus-Lexikon verwendet wurden. Von seinem Sohn Martin, der Kunstmaler war, sind Entwürfe für Spielkarten bekannt. 
 

8. Die Chemnitzer Lämmel nach 1800


Nachdem die Nachkommen der ersten Chemnitzer Lemmel kurz nach 1500 auf das Land und ins Erzgebirge gezogen waren, gab es in der Stadt Chemnitz lange Zeit nur vereinzelte Lemmel. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zogen viele Lemmel und Lämmel aus dem Erzgebirge zurück nach Chemnitz, die meisten als Arbeiter und Handwerker. Die Schreibweise des Namens ist jetzt vorwiegend Lämmel.

Einige brachten es hier zu Ansehen und Wohlstand.

Der Strumpfwirker Benjamin Lämmel, geboren 1784 in Neukirchen, heiratete 1814 in Chemnitz-Nikolai (mit dem Geläut der vom General-Kriegszahlmeister Johann Lämmel gestifteten Lemmel-Glocke). Sein Sohn gründete in Chemnitz-Schönau eine Trikotagenfabrik. Dessen Enkel Max Lämmel, Trikotagenfabrikant und Kirchenvorsteher, stiftete der Chemnitzer Lutherkirche Abendmahlskelch, Kanne und Leuchter (25), zum Gedenken an seine im ersten Weltkrieg gefallenen Söhne.

Damals gab es in der Lutherkirche bereits eine andere Lemmel-Stiftung. Alexander Lemmel, geboren 1839 in Neukirchen, brachte es als Bäcker in Chemnitz zu Wohlstand. Er stiftete das Taufbecken in der Lutherkirche.

1986 war es der Ingenieur Roland Lämmel, wieder aus einem anderen Lämmel-Stamm, der mir als Mitglied des Kirchenvorstandes der Lutherkirche über diese Stiftungen berichtete.

Unter den Lemmeln aus Neukirchen und Klaffenbach gab es mehrere Firmengründer. Arthur Lemmel (*1880) gründete ein Textilwarengeschäft in Leipzig. Karl Hermann Lemmel (*1834) gründete eine Handschuhfabrik in Limbach, die unter seinem Sohn Theodor Max Lemmel bis in die 1960er Jahre als Stickerei-Manufaktur fortbestand. Paul Lemmel (*1867), Sohn des Chemnitzer Bäckers Alexander Lemmel, ging als Kaufmann erst nach Tanger in Marokko, dann nach Barcelona in Spanien, wo sein Enkel noch heute eine Handelsfirma für chemische und pharmazeutische Produkte betreibt. Und noch in jüngster Vergangenheit gründete Stefan Lämmel ein Autohaus, mit dem er von Chemnitz nach Neukirchen hinauszog.

 
 Literatur

1    Hans-Dietrich Lemmel: Die Familie Lemmel und August der Starke. In: Familienforschung in Mitteldeutschland 39. Jg. 1997/1998 S.193-204.    Erweiterte Fassung in: "lemlein filii" Heft 5 (1999) S.24-40, Selbstverlag Höfler-Lemmel D-92318 Neumarkt, Parkstr. 6.

2      Hans-Dietrich Lemmel: Nürnberger Lemlein im 14. Jh.; Fernhändler und Montanunternehmer bereits um 1300? In: Blätter für deutsche Landesgeschichte Bd.120 (1984) S.329-370. Und in: "lemlein filii" Heft 4 (1991), Selbstverlag Höfler-Lemmel D-92318 Neumarkt, Parkstr. 6.

3    Hans-Dietrich Lemmel: Regesten und Stammfolgen aller Lemmel und Lämmel, Hektografien in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig; und: Mikrofilme Nr. 1691488 bis 1691491 (1990) der Genealogischen Gesellschaft von Utah.

4      Julius Theodor Pinther: Chronik der Stadt Chemnitz und Umgegend, Chemnitz 1855, S.185.

5      Im Rahmen dieser Übersicht über die Lemmel-Geschichte ist es unmöglich, die genauen Quel-len-angaben für die vielen benutzten Auszüge aus Kirchen- und Gerichtsbüchern im einzelnen anzugeben.

6      Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jh.; in: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, Bamberg (1965), S.13-220.

7      Hans-Dietrich Lemmel: Die Bamberger Lemmel in Böhmen und Ungarn 1364-1475. In: "lemlein filii" Heft 2 (1975) S.37-78, Selbstverlag Höfler-Lemmel D-92318 Neumarkt, Parkstr. 6.

8      Hans-Dietrich Lemmel: Regesten und Stammfolgen der Nürnberger und Bamberger Lemlein, Manuskripte in Arbeit. Vorläufige Fassung in Nürnberger Archiven hinterlegt.

9      Herbert E. Lemmel: Geschichte der erzgebirgisch-vogtländischen Lemmel im 15.-16. Jahr-hundert; in: Deutsches Familienarchiv Bd.43 (1970) S.235-348.

10     Hans-Dietrich Lemmel: Regesten und Stammfolge der Familie Lemmel in Chemnitz 1427-1526, sowie 1501-1564 in Adorf und Neukirchen bei Chemnitz, 1556-1671 in Neudorf bei Annaberg, u.a. Lemmel-Verlag, A-1170 Wien, Handlirschgasse 14.

11     Helmut Bräuer: Handwerk im alten Chemnitz. Chemnitz, 1992. - Helmut Bräuer: Chemnitz und das Erzgebirge um 1500; Vortrag am Lemmel/Lämmel-Familientag Chemnitz-Lichtenwalde 2000.

12     Hans-Dietrich Lemmel: Regesten und Stammfolgen der Bergunternehmerfamilie Lemmel in Schneeberg im Erzgebirge 1512-1624. Lemmel-Verlag, A-1170 Wien, Handlirschgasse 14.

13     Hans-Dietrich Lemmel und Gerhard Lemmel: Hans Lemmel in Wien; Handelsmann, Ratsherr, Protestant. In: Wiener Geschichtsblätter, 35. Jg. 1980 S.69-81.

14     Der Nürnberger Handelsherr Friedrich Rappold ist ein Vorfahr von Konrektor Eugen Schöler in Schwabach, der auf dem Familientag 1989 in Nürnberg-Rummelsberg ein Referat über Nürnberger Familienwappen gehalten hatte. - Petrus Albinus: Meissnische Bergchronik Anno 1590. Zitiert bei Gustav Sommerfeldt: Erzgebirgische Forschungen und Geschlechterkunde Teil 1, Dresden 1929. Jetzt auch: Reprint-Ausgabe Verlag v.Elterlein, Stuttgart.

15     Christian Lehmann: Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge, Leipzig 1699, S.993. Und Christian Meltzer: Historia Schneebergensis Renovata, Schneeberg 1716, S.1059. Beides jetzt auch: Reprint-Ausgaben Verlag v.Elterlein, Stuttgart.

16     Hans Lemmels Siegel 1592: Archiv des Schottenstiftes Wien, Stiftungsurkunde vom 12.6.1592. Verg. Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Bd.I/3 S.102 Urk. Nr.2702; Bd.I/5 S.153 Nr.5599. - Petrus Lemmels Siegel 1614: Staatsarchiv Dresden, Gerichtsbuch Marienberg Nr.54 für das Annaberger und Freiberger Viertel 1587-1671, nach Blatt 139; laut Mtlg Kurt Wensch 1988.

17     Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett, 2 Porträtmedaillen auf Hans Lemmel, 1583.

18     Bergarchiv Freiberg, Bergbuch des Amtes Geyer (1529-1640) Rep.62 Sect.XXXV Nr.17 Raum 10, und zwar S. 76b, 85b, 86a, 229b. - Mtlg K.Schröpel 1995.

19     Hans-Dietrich Lemmel: Regesten und Stammfolgen der Bergunternehmerfamilie Lemmel in Marienberg im Erzgebirge 1520-1750. Lemmel-Verlag, A-1170 Wien, Handlirschgasse 14.

20     Bergbaumuseum in Kongsberg, Norwegen; "Norwegische Bergwerksordnung", Zwickau 1540. - Die deutsche Einwanderung in Kongsberg, Heft 1 der Beiträge zur Geschichte des Deutschtums in Norwegen (ohne Datum, etwa um 1943).

20a     Lisa Kaiser: Die oberste Bergverwaltung Kursachsens im 16.Jh, in: Forschungen aus mitteldeutschen Archiven, Berlin 1953, S.255ff.

20b    Holzschnitt abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung vom 5.12.1991.

21     Besitznachfolger von Caspar Lemmel war Hans Clausnitzer, dessen Besitz in Thum beschrieben wird. Helene Hoffmann: Tobias Clausnitzer ...; in: Zeitschrift für bayrische Kirchengeschichte Bd.29, Neustadt/Aisch 1960.

22     Siehe die Abbildung der Lämmelschen Amerika-Medaille in "lemlein filii" Heft 5 Seite 42.

23     Bergarchiv Freiberg, Bergbuch des Amtes Geyer, Rep.62 Sect.XXXV Nr.14 Raum 10, unter "Gewerken" des "Bergk Städtleins Zwenz" (= Zwönitz) S. 14, 16b, 35b. - Mtlg K.Schröpel 1995.

24     Siehe die Abbildung des Goethe-Porträts von Moritz Lämmel in "lemlein filii" Heft 5 Seite 43.

25     Siehe die Abbildung des Lämmelschen Abendmahlgerätes in "lemlein filii" Heft 5 Seite 46.           




Die ersten Chemnitzer Lemmel


Von Hans-Dietrich Lemmel

Zweiter Teil


Während ich im ersten Teil eine allgemeine Übersicht über die Geschichte der Chemnitzer Lemmel gab, bespreche ich im vorliegenden zweiten Teil die sächsischen Lemmel-Urkunden des 15. Jahrhunderts.


1. Einleitung


Im Jahre 1413 gibt es in Freiberg die erste sächsische Lemmel-Urkunde. Von 1427 bis 1525 lebte die Familie Lemmel in Chemnitz, von wo sie sich ab etwa 1500 in den südlich angrenzenden Dörfern und in den Bergstädten des Erzgebirges ausbreitete. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts und am Beginn der Kirchenbuch-Aufzeichnungen gibt es im sächsischen Erzgebirge bereits über 60 Männer namens Lemmel, deren Nachkommen in vielen sächsischen Ahnenlisten auftauchen.

Über die Chemnitzer Lemmel gab es von Herbert E. Lemmel umfangreiche Veröffentlichungen (1-4), die kritisch gesichtet werden müssen und aufgrund neuer Urkundenfunde ergänzt und korrigiert werden können (5,6).

Aus dem umfangreichen vorhandenen Material möchte ich hier über die ersten Urkunden der sächsischen Lemmel berichten sowie über die Argumente, die für ihre Herkunft aus Bamberg sprechen.


2. Die frühesten Urkunden 1413-1526


Die ersten sächsischen Lemmel-Urkunden sind rasch aufgezählt:

 > 1413/1416: "Cunr. von der Yle (=Eybe) von Tetzschen und Mich. Lemmel von Tetzschen" (7). Sie werden in einer Freiberger Urkunde in einer Gruppe von 14 Männern genannt, die von den Freibergern als Strauchdiebe ("Böcke") angesehen werden: "Pögke die uff dem walde gestruchet habin". Zwei von ihnen werden gehenkt.

 > 1427 zahlen "Lemel" 15 Groschen und 1437 "Lemel der elder" 10 Groschen für Burgrechte in Chemnitz (8). Leider sind beide ohne Vornamen und ohne Herkunftsangabe eingetragen.

 > Michael Lemmel aus Chemnitz wird 1452 an der Universität Leipzig (9) immatrikuliert und 1456 an der Universität Erfurt (10). Von 1460 bis 1501 ist er als Geistlicher und Jurist in Chemnitz beurkundet (11).

 > 1476: Merten Lemmel in der Webergasse in Chemnitz (12).

 > 1496/1497: Die Merten Lemelyn verkauft 1496 ihr Haus am Salzmarkt an Nicl Philipp. 1496/97 hat sie einen Grundbesitz "uff der alden Steyngruben" bei St.Nikolai. 1497 wohnt sie mit Valty Tyl (= Schwiegermutter oder Schwägerin von Ulrich Schütz) in einem kleineren Haus in der Klostergasse (13). Dann wird sie nicht mehr genannt. Am Salzmarkt lebten auch Nickel Thiel und Ulrich Schütz, die führenden Chemnitzer Unternehmer dieser Zeit. Das Lemmelsche Haus am Salzmarkt hatte zuvor (1466) einem Viermeister der Tuchmacherzunft, Peter Hösel, gehört (1).

 > 1495-1501: Pauel Lemmel hat in Chemnitz einen Besitz, der mit "Ebtey", "Beym Closter Ebtey" oder "Brudergasse" bezeichnet ist. 1497 Andreas Uhl/Uhlich und Paul Lemmel in einem Haus am Salzmarkt. Dann wird er nicht mehr in Chemnitz genannt (13).

 > 1495-1497: Hans Lemmel/Lemel/Lämel mit einem Besitz "bey Sanct Nicl". 1498-1499: Hans Lemmel "ubir die Brück bei S.Niclauß, Paul Lemmel dis jar in geschos". 1500-1504: Hans Lemmel und Jorg Lemmel abwechselnd oder gemeinsam für diesen Besitz genannt (13). In dem Gelände "bei Sankt Niklas", südlich der Chemnitzer Stadtmauer am Chemnitz-Fluss, gab es Mühlen und metallverarbeitende Betriebe, insbesondere der Unternehmerfamilie Thiel (1).

 > 1501: Pauel Lemmell und Jorge Lemmell in der Türkensteuerliste (14) von Neukirchen (südlich von Chemnitz), der letztere unter den "Hausgenossen" angeführt.

 > 1503: Hans Lemmel wird Bürger in Chemnitz (15).

 > 1526: "Hans Lemmelyn" in Chemnitz unter den Hausgenossen erwähnt (16).

 > Ab 1530 sind 6 Söhne des Paul Lemmel in Neukirchen beurkundet, die etwa zwischen 1475 und 1495 geboren sein müssen.


3. Genealogische Deutung dieser Urkunden


Zunächst müssen die genannten Personen zeitlich eingeordnet werden. Die ab 1495 genannten Pauel und Hans Lemmel muss man als Söhne des Merten Lemmel von 1476 ansehen, dessen Witwe noch 1496/97 lebt. Mit dem Hans Lemmel, der 1503 Bürger wird (was normalerweise anlässlich der Heirat geschieht), und mit Jorg Lemmel, der ab 1500 genannt ist, scheint eine neue Generation aufzutauchen. Damit kann man folgende Stammtafel aufstellen:
 
Die mit Fragezeichen versehenen Geburtsjahre sind Abschätzungen, die von den nicht bekannten wahren Geburtsjahren natürlich abweichen können. Der 1476 genannte Merten Lemmel mag also um 1415 geboren sein, vielleicht auch etwas früher oder später. Sein Vater dürfte der eine der beiden "Lemel" sein, die 1427 und 1437 das Chemnitzer Bürgerrecht erwerben. Demnach wäre Merten noch nicht in Chemnitz geboren sondern an dem unbekannten Herkunftsort seines Vaters.

Sieht man sich die Einträge von 1427 im Chemnitzer Bürgerbuch an, so stellt man fest, dass in diesem Jahr viele der Neubürger aus Böhmen kommen, wo die 1420 begonnenen Hussiten-Unruhen in der Schlacht bei Aussig 1426 einen Höhepunkt fanden, so dass viele Deutsche aus Nordböhmen nach Sachsen flüchteten (17). Sollte es also der Michel Lemmel aus Tetschen sein, der 1427 als "Lemel" Bürger von Chemnitz wird?

4. Herkunft aus Bamberg


Den Chemnitzer Urkunden kann man nichts über die Herkunft der Familie entnehmen. Wenn man dennoch eine Aussage über ihre Herkunft machen kann, dann nur auf Grund einer jahrzehnte lang durchgeführten systematischen Namensträger-Lemmel-Forschung.

Vor 1400 gibt es Vorkommen des Namens Lemmel vor allem in Nürnberg, wo sich die Entwicklung des mittelhochdeutschen Namens Lembelin zum neuhochdeutschen Lemlein und Lemmel nachweisen lässt (18). Familien mit Lemlein-ähnlichen Namen gibt es schon seit dem 12. Jahrhundert in vielen oberdeutschen Städten, so dass dieser Name einerseits einer der ältesten bürgerlichen Familiennamen ist, andererseits aber sicherlich mehrmals unabhängig entstanden ist.

Unter den verschiedenen oberdeutschen Familien dieses Namens gibt es um 1400 eine Familie Lemlein in Bamberg, bei der einige Urkunden nahtlos mit den sächsischen Lemmel-Urkunden zusammenpassen. Ein solches Zusammenpassen gibt es nur hier und in keiner der anderen Städte mit alt eingesessenen Lemlein-Familien. Somit möchte ich die schon von Herbert E. Lemmel angegebene Herkunft der Chemnitzer Lemmel aus Bamberg (19) bestätigen, dabei jedoch einige Einzelheiten richtigstellen.

Die Chemnitzer Lemmel-Vornamen Martin und Michael kommen zu dieser Zeit bei keiner anderen Lemlein/Lemmel-Familie vor, außer in Bamberg. Hier werden die Brüder Mertein, Michel und Hanns Lemlein ab 1431 in verschiedenen Urkunden genannt (20). 1433 werden sie gemeinschaftlich belehnt, wobei Hanns, der jüngste, die Lehen in Empfang nimmt, und zwar im Namen seiner Brüder, die nicht anwesend sind. Ab 1442 werden nur noch die nunmehr in Nürnberg lebenden Michel und Hans Lemlein belehnt; Mertein hat seinen Lehensanteil aufgegeben, wird aber noch 1446 und 1447 in Bamberg als Auswärtiger erwähnt. Während in Bamberg der Familienname fast ausschließlich "Lemlein" lautet, werden die von Bamberg nach Nürnberg abgewanderten Lemlein dort mehrfach auch "Lemel" oder "Lemmel" genannt, so dass es nicht überrascht, dieselbe Namenswandlung auch in Sachsen vorzufinden.

Der Grund dafür, dass die drei Brüder aus Bamberg fortziehen, liegt im ungünstigen Ausgang eines jahrelangen Privilegienstreites zwischen den Bürgern und dem Fürstbischof. Dabei war Hans, der jüngste der Lemlein-Brüder, einer der Bamberger Ratsherren, die den Bischof bei seiner feierlichen Belehnung durch Kaiser Sigmund in Basel tätlich angriffen; der Bischof floh mit einer Messerstich-Verletzung zurück nach Bamberg (21). Darauf mussten, besonders im Jahre 1437, viele vermögende Bamberger ihre Stadt verlassen. Und es ist gerade im Jahre 1437, dass "Lemel der elder", also Mertein, der älteste der drei Brüder, das Chemnitzer Bürgerrecht erwirbt. Er wird nun in den Bamberger Urkunden als Auswärtiger erwähnt.

Ein jüngerer "Martinus Lemlein de Pabenberga" ist 1431 an der Wiener Universität immatrikuliert (22). Nach der Herkunftsangabe muss er der Sohn eines der drei Bamberger Lemlein-Brüder sein. Dabei kommt als sein Vater nur Mertein in Frage, da die Söhne der beiden anderen aus späteren Quellen bekannt sind. Nach seinem Studium in Wien taucht Martinus Lemlein nicht wieder in Bamberg auf. Entweder starb er jung, oder aber er ging mit seinem Vater nach Chemnitz und ist mit dem Chemnitzer Merten Lemmel von 1476 identisch.

Was aber ist mit dem Michel Lemmel 1413 in Tetschen? Für die Bamberger Lemlein sind vielfältige Beziehungen nach Böhmen belegt. Schon seit 1355 lebte ein Zweig der Bamberger Lemlein in Prag (23). Im Jahre 1420 ist ein Hans Lemlein einer der 13 Schöffen der Kupferbergbau-Stadt Kuttenberg in Böhmen (24). Wegen der Hussiten-Unruhen muss er nach Bamberg zurückkehren, wo er ab 1421 Schöffe ist (25). Er ist der Vater der Brüder Mertein, Michael und Hanns, und es muss dieser Bamberger Michael sein, der 1413/1416 im böhmischen Tetschen lebt und der 1427 wegen der Hussiten-Gefahr nach Chemnitz überwechselt, bevor er nach Nürnberg zieht, wo er ab 1442 in vielen Urkunden belegt ist.

Nach den geschilderten Umständen ist die Identität des Tetschener Michel Lemmel zwar nicht restlos gesichert aber doch recht wahrscheinlich. Über den Wasserweg der Elbe wurde das Kuttenberger Kupfer verschifft, so dass Michael Lemmel in Tetschen womöglich als Beauftragter der Kuttenberger Handelsherrn saß (26). Worum es aber in der Fehde mit den Freibergern ging, in der er beinah gehenkt worden wäre, das ist nicht überliefert. In dieser Zeit wurden freilich viele Streitigkeiten nicht vor Gericht sondern mit dem Schwert ausgetragen (27).

Mit den Hussiten-Unruhen war der historische Nürnberger Handelsweg über Prag nach Breslau und Krakau behindert, und nun zogen die Kaufleute bevorzugt über Chemnitz und Freiberg Richtung Osten (28). Im Jahre 1425 gab es einen Nürnberger Kaufmannszug, von dem wir wiederum nur deshalb wissen, weil er überfallen wurde, und zwar bei Chemnitz. Diesem Zug gehörten ein Stromer und ein Imhof an, beides Handelspartner der Nürnberger und Bamberger Lemlein, sowie Fritz Held von Bamberg (29), dessen Frau Agnes Lemmlin war, eine Base oder Schwester der drei Bamberger Lemlein-Brüder.

Die hier belegte Handelsbeziehung der Bamberger Lemlein nach Chemnitz ist ein weiteres Indiz dafür, dass die beiden Chemnitzer "Lemel" von 1427 und 1437 aus Bamberg kamen. Die Chemnitzer Lemel-Niederlassung wird, zumindest anfangs, mit fränkischen Handelshäusern in enger Verbindung gestanden haben. Hanns, der jüngste der drei Lemlein-Brüder, der in Nürnberg Ratsherr wurde, hatte 1451 und 1457 mit Herzog Wilhelm von Sachsen zu verhandeln (30). Wenn er vom Rat mit dieser Aufgabe betraut wurde, kann man schließen, dass er hierfür wegen seiner persönlichen Beziehungen geeignet war. Schon Conrad Lemlein, der bereits vor 1400 gestorbene Großvater der drei Lemlein-Brüder, hatte ein Lehen des "Markgrafen von Meichsen" (31), das wohl darauf zurückzuführen ist, dass 1366-1374 Ludwig von Meißen Bischof von Bamberg war.

Ich glaube, dass die geschilderten Zusammenhänge ausreichen, um die Herkunft der Chemnitzer Lemmel aus Bamberg behaupten zu dürfen. Es ergibt sich die folgende Tafel, in der, soweit bekannt, auch die weiteren Lemlein-Vorfahren (32) eingetragen sind.           
 

5. Die Nachkommen von Hans und Paul Lemmel


Während Hans Lemmels Söhne als Bergunternehmer im Erzgebirge auftauchen, finden wir Pauls Söhne in den Bauerndörfern südwestlich von Chemnitz.

Ab 1501 ist Paul Lemmel in Neukirchen und Adorf beurkundet (33); in Neukirchen lebt 1501 auch (sein Neffe) Georg Lemmel, aber als "Hausgenosse", das heisst ohne eigenen Besitz. Auf ihn komme ich noch zu sprechen.

1519 kauft Paul Lemmel in Neukirchen das Bauerngut des Anders Wayner/Wagner (34). Durch den Glücksfall, dass in Neukirchen eines der ältesten dörflichen Gerichtsbücher erhalten ist, sind hier für Paul Lemmel sechs Söhne beurkundet: Paul, Valten, Bastian, Blasius, Dietrich und Nickel, die etwa im Zeitraum 1475-1495 geboren sein dürften. Im einzelnen:

1530 ist Paul Lemmel gestorben; seine Witwe lebt in Adorf, wo der Sohn Nickel Lemmel ihr Vormund ist.

1531 wird Paul Lemmels Gutskauf von 1519, der versehentlich nicht aufgeschrieben worden war, im Gerichtsbuch nachgetragen, und Valten Lemmel (der hierdurch als weiterer Sohn erwiesen ist) verkauft das Gut an Georg Seydel. Valten übernimmt gleichzeitig in Markersdorf das verschuldete Gut seines Bruders Dietrich, der nach Lichtenstein geht.

1532 tritt ein Nickel Thümer als Vormund der Lemmelyn auf, und auf der folgenden Seite des Gerichtsbuches wird Blasius Lemmel in Adorf genannt, den man als weiteren Sohn ansehen muss. (Bei Nickel "Thümer" kann es sich um den schon zuvor genannten Sohn Nickel Lemmel handeln, dessen gleichnamiger Sohn wenig später mit einem Gutsbesitz in Thum (35) nachgewiesen ist.)

Weiters sind im Gerichtsbuch Bastian Lemmel in Adorf (1511 und 1544) genannt sowie 1539 Paul Lemmel, der auch 1543 und 1544 als Paul "Lemle" in Neukirchen das Amt eines Schöppen innehat. Letzterer verklagt 1535 den Steffan Schumann wegen eines Mordes, der an Paul Lemmels Vetter (= Neffen), einem unmündigen Kinde, desselben Steffan Schumanns Stiefsohn, geschehen ist (36).

Die weiteren Lemmel-Einträge in Landsteuerverzeichnissen und Gerichtsbüchern lassen nicht in allen Fällen erkennen, wer Sohn von wem ist, so dass bis zum Beginn der Kirchenbücher einige Unsicherheiten bestehen bleiben. Zahlreiche Nachkommen leben bis zur Gegenwart im Kirchspiel Neukirchen sowie in den südlich angrenzenden Orten Jahnsdorf, Adorf, Gornsdorf u.a.

Neben Paul Lemmels Sohn Nickel gibt es einen zweiten Nickel: Dessen Witwe, die Nickel Lemelin, wird 1504 im Neukirchener Gerichtsbuch (34) zusammen mit "Jorge Lemel als seines Bruders natürlichen Vormund" genannt. Dieser Nickel, der wohl als jung Verheirateter kinderlos starb, tritt also neben Hans und Georg Lemmel, die schon in den Chemnitzer Urkunden (siehe oben) als Söhne des Chemnitzer Hans Lemmel festgestellt wurden. Diese dürften identisch sein mit Hans und Georg Lemmel, die alsbald im Bergbau von Schneeberg und Platten auftauchen.

1512 wird Hans Lemmel mit einer Fundgrube in Schneeberg belehnt (37). (In den vorherigen Berglehenbüchern von 1503 und ab 1509 ist hier noch kein Lemmel verzeichnet.) 1522 sind Schneeberger Gemeinde-Vorsteher: Hans Lemmel, Nicol Wagner, Wolf Thiel und Nicol Barthel (38), und dies sind Familiennamen, die auch in den Chemnitzer und Neukirchener Urkunden in enger Beziehung zur Familie Lemmel stehen. Der Schneeberger Hans Lemmel steht hier in einer Gruppe von Chemnitzer Unternehmern, die um 1500 im Schneeberger Bergbau tätig sind. Ich konnte ihn nicht der Gruppe von finanzkräftigen Nürnberger Bergwerks- und Metallhandels-Unternehmern zuordnen, die von Theodor Gustav Werner (39) untersucht wurde. Hans Lemmels Nachkommen sind dann, insbesondere durch die Schneeberger Regesten von Ernst Költzsch, bekannt. Es ist der gebildetste Zweig der Familie: Von den zehn Söhnen und Vettern der dritten Schneeberger Lemmel-Generation besuchten neun die dortige Lateinschule (40). Von den 19 Männern (ohne die, die als Kind starben) der 3. bis 5. Generation besuchten acht eine Universität. Abgesehen von einem nach Wien abgewanderten Lemmel-Zweig (41) fielen die Nachkommen namens Lemmel nach wenigen Generationen der Pest zum Opfer; ob Töchterkinder überlebten, wurde nicht untersucht.

Auf der böhmischen Seite des Erzgebirges strömten in den Jahren 1531/1532 zahlreiche Bergleute in Platten zusammen, als man in neuen Gängen fündig wurde; die meisten kamen von Schneeberg, so dass man Platten eine Kolonie von Schneeberg nennen kann (42). Unter ihnen ist Georg Lemmel, wohl der schon aus Chemnitz bekannte Bruder des Schneeberger Hans Lemmel. Lemmels Nachbar in Platten ist Georg Thiel, womit die Lemmel-Thiel-Beziehung aus Chemnitz und Schneeberg fortgesetzt wird. Im Häuserlehnbuch der Bergstadt Platten (43), das recht schlampig geführt wurde und schlimme Verstümmelungen der Namen aufweist, ist Georg Lemmel 1537 einmal als Jürge Lemischer, dann als Jorge Lenitzsch verzeichnet; dasselbe Haus wird 1538 durch (Georgs Sohn) Wolf Lemel/Demel verkauft. Da die Häuser durch Angabe der Nachbarn bezeichnet werden, ist es sicher, dass es sich jeweils um einen Lemmel handelt. Vater Georg und Sohn Wolf Lemmel tauchen wenig später auf der sächsischen Seite des Erzgebirges auf und lassen sich in der Nähe von Annaberg in Krottendorf und Neudorf nieder (44). Zahlreiche Nachkommen leben dann in Cranzahl, Buchholz, Auerbach, Gelenau, Drebach u.a.

Erst 1995 entdeckte Klaus Schröpel neben Hans und Georg Lemmel einen dritten Bergunternehmer: Jakob Lemmel, der 1530 als Gewerke in Geyer beurkundet ist (45), wo ihm 1538 sein Sohn Bendix folgt. Seine Witwe Margarete Lemlin ist dann als Gewerkin in Marienberg genannt, zusammen mit Nickel Schütz, Georg Hösel und anderen (46). Lemmel-Schütz-Hösel: Diese Kombination gab es schon zuvor in Chemnitz, wodurch die Einordnung des Jakob Lemmel als Chemnitzer Lemmel bestätigt wird. Wenig später lebt (Jakobs Sohn) Hans Lemmel mit stattlichem Besitz 1552 in Marienberg und 1557 in Geyer (47). Die zahlreichen Lemmel-Nachkommen, die in den bereits 1551 einsetzenden Marienberger Kirchenbüchern verzeichnet sind, sterben größtenteils an der Pest; nur wenige bis etwa 1700 führende Linien sind bekannt.

Ich muss mich in dieser Abhandlung auf die Enkel des jüngeren Chemnitzer Martin Lemmel beschränken. In der Urenkel-Generation gibt es 20 Lemmel-Vettern, und Ururenkel gibt es über 60. Aber nur 10 der 60 Ururenkel sind Stammväter von heute noch blühenden Lemmel/Lämmel-Stämmen geworden; bei den anderen, die über Töchter-Nachkommen ebenfalls in Ahnentafeln auftauchen, sind die männlichen Nachkommen-Linien ausgestorben.

Die zehn Stammväter der sächsischen Lemmel/Lämmel seien hier aufgezählt. Dabei ist anzumerken, dass in den meisten Zweigen die Schreibweise des Namens um 1700 von Lemmel zu Lämmel wechselt.

Sechs Urenkel von Hans Lemmel, der um 1450 in Chemnitz geboren wurde:
  1. Hans Lemmel, Bauer in Cranzahl, * um 1540.
  2. Valten Lemmel, Förster und Schöppe in Auerbach, * um 1555.
  3. Bartel Lemmel, Bauer in Venusberg und Gelenau, * um 1550.
  4. Michael Lemmel, Bauer oder Müller in Drebach, * um 1560.
  5. Hans Lemmel, Kaufmann und Ratsherr aus Schneeberg in Wien, * 1531.
  6. Dessen Bruder Stefan Lemmel, Kaufmann aus Schneeberg in Wien, * um 1545.

Vier Urenkel von Hans Lemmels Bruder Paul:
  7. Franz Lemmel, Bauernsohn aus Stelzendorf, * um 1540.
  8. Paul Lemmel, Bauer in Stelzendorf, * um 1545.
  9. Ilgen Lemmel, aus Jahnsdorf in Meinersdorf, * um 1540.
 10. Michael Lemmel, aus Jahnsdorf in Adorf, * um 1550.        
            
 Aus den Steuerverzeichnissen, Gerichtsbüchern und aus den ältesten Kirchenbüchern kann man erschließen, in welche Orte die Chemnitzer Lemmel im 16. und 17. Jahrhundert nach und nach abwanderten. Die folgende Tafel soll dies illustrieren.    


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│ Die ersten Lemmel-Vorkommen in der Chemnitzer Gegend                      │
│ ====================================================                      │
│                                                                           │
│ Leipzig                                                                   │
│ nur 1477-1555                                                             │
│ dann spätere Einwanderungen                                               │
│                                                                           │
│                       Röhrsdorf           Ebersdorf                       │
│                       nur 1547            nur 1577-1583                   │
│                                                                           │
│           Rabenstein Rottluff   Chemnitz                                  │
│           1577       1575-1613  1427-1526          Niederhermersdorf      │
│                                 dann 1600-Gegenw.  1601                   │
│                                                                           │
│                     Schönau Altendorf Neustadt                            │
│                     1607    1604      um 1550 –1642                       │
│                                                                           │
│         Mittelbach        Stelzendorf       Höckericht                    │
│         1530-1554 kein L. 1530 kein Lemmel  nur 1530                      │
│         1626              ab 1535 -1635     1547 kein Lemmel              │
│                                             1551-1580                     │
│                                Markersdorf                                │
│                                nur 1530-1531                              │
│                                dann kein L.                               │
│             Leukersdorf        ab 1609                                    │
│             1554 kein L.                                                  │
│ Seifersdorf 1571-1576    Neukirchen    Klaffenbach                        │
│ 1642-       dann kein L. 1501-Gegenw.  nur 1608-1612                      │
│             ab 1601                    dann ab 1642                       │
│                                                                           │
│             Pfaffenhain  Adorf         Burkhardtsdorf                     │
│             1548 kein L. 1501-1564     nur 1607-1623                      │
│             1551-1596    dann ab 1583                                     │
│             1678-1693                                                     │
│                                                                           │
│             Jahnsdorf    Meinersdorf   Gornsdorf     Gelenau              │
│             1554 kein L. 1564-1599     nur 1567      1548 kein L.         │
│             ab 1555      dann ab 1722  dann ab 1602  ab 1599 –Gegenwart   │
│             bis 1718                                                      │
│                          Thalheim      Auerbach      Venusberg            │
│                          nur 1576-1594 ab 1546       1585-1599            │
│                          nur 1612-1613               dann ab 1629         │
│                          dann ab 1764                             Drebach │
│                                                      Herold       1588-   │
│                                                      ab 1622      Gegenw. │
│                          Jahnsbach    Thum                                │
│                          1548-1625    1548: Witwe Lemmel                  │
│ Ortmannsdorf                          bis Gegenwart                       │
│ aus Rottluff                                                              │
│ ab 1645                                                                   │
│                                                                           │
│ Gruna                                                                     │
│ 1555-1605                                                                 │
│                                                                           │
│ Lößnitz                                                                   │
│ 1574-1626                                                        1990/9/2     │
│                                                                           │
└───────────────────────────────────────────────────────────────────────────┘

  6. Andere Lemmel-Familien in Sachsen


Es liegt nahe, anzuzweifeln, ob die zahlreichen sächsischen Familien namens Lemmel und Lämmel tatsächlich alle denselben Ursprung haben und auf die Chemnitzer Lemmel des 15.Jahrhunderts zurückzuführen sind. Solch ein Zweifel ist berechtigt, und in der Tat gibt es in Sachsen etliche Lemmel-Stämme, die einen anderen Ursprung haben. Diese hatten aber überraschenderweise nur wenig Nachkommen, so dass sie gegenüber den söhnereichen Chemnitzer Lemmeln kaum in Erscheinung treten.

Im folgenden sind die Lemmel-Stammväter anderer Herkunft aufgezählt.

1460 macht der Fleischer Hans Lemmel in Zwickau eine Stiftung (48) für das Seelenheil seines Vaters Hencze. Nachkommen sind nur über drei Generationen zu verfolgen. Der erwähnte Hencze Lemmel ist vielleicht identisch mit Heinz Lemlein in Bamberg, einem Onkel der Chemnitzer Lemmel.

Am 14.5.1460 wird Markus Lemlein in Grünhain mit dem Stricke vom Leben zum Tode gebracht (49). Da außer dieser betrüblichen Meldung nichts über ihn bekannt ist, weiß man nicht, in welchen Familienzweig er einzuordnen ist.

1477 lebt ein Lemmel unbekannter Herkunft in Leipzig, als sein Sohn Conrad Lemmel als Presbyter im Hochstift Merseburg immatrikuliert wird (50). Danach findet man 1506 Steffan Lembel (51) und 1555 Wolff Lemmel (52) in Leipzig. Weitere Nachkommen sind nicht bekannt. Spätere Lemmel in Leipzig sind Nachkommen der Chemnitzer Lemmel.

Um 1500 lebt ein Lemmel in Auerbach im Vogtland, dessen Sohn Hans Lemmel ab 1532 als Gewerke beurkundet ist (53). Er könnte ein Enkel des Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein sein, dessen Sohn Hans 1475 in der Bergstadt Kremnitz in den Karpaten lebt, und der möglicherweise von dort nach Auerbach kam. Nachkommen sind bis nach 1600 in den böhmischen Bergstädten des Erzgebirges festzustellen.

1529-1542 lebt der Kürschner Michel Lemmel in Torgau (54), vermutlich ein naher Verwandter der Lemmel in Auerbach/Vogtland. Aus diesem Stamm gab es um 1800 zehn Vettern namens Lämmel, heute aber nur noch zwei. Ein Lemmel des Torgauer Stammes gelangte durch den 7-jährigen Krieg nach Ostpreußen (55); seine zahlreichen Nachkommen leben heute in allen Teilen Deutschlands sowie in Frankreich, Spanien, Amerika und Südafrika.

Ein Fritz Lemlein/Lemmel unbekannter Herkunft ist 1542 Vogt in Brambach, hat 1549 einen Geleitsdienst in Buttelstedt bei Weimar, und ist schließlich Bürgermeister und Richter in Wildenfels (56). Seine Nachkommen sind bis 1700 in Hartenstein bei Schneeberg zu festzustellen.

1604 kommt Johann Lembler aus Sulzbach/Oberpfalz nach Dornburg/Saale, wo er fürstlich-sächsischer Amts-Schösser wird (57). Seine Vorfahren in der Oberpfalz sind wahrscheinlich ein Zweig der Bamberger Lemlein. Die Nachkommen in Dornburg und Altenburg sind im Mannesstamm nur über zwei Generationen zu verfolgen.
                                 
            
 Quellen und Anmerkungen

1  "Herkunft". Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jahrhunderts. In: 101. Bericht des Historischen Vereins Bamberg, Bamberg 1965, S.13-220. Hier besonders S.160-192.

2  "Nachkommen". Herbert E. Lemmel: Die Nachkommen des Paul Lemmel aus Chemnitz (und seiner Brüder), Privatdruck, 2 Bände, Bad Homburg 1967/1968.

3  "Miszellen". Herbert E. Lemmel: Miszellen zur Geschichte der Bamberger Lemmel. In: Bl. f. fränk. Fam'kde Bd.9, 1968, S.263-286.

4  "Geschichte". Herbert E. Lemmel: Geschichte der erzgebirgisch-vogtländischen Lemmel im 15.-16. Jahrhundert. In: Deutsches Familienarchiv Bd.43, Degener Neustadt/Aisch 1970, S.235-348.

5  Hans-Dietrich Lemmel: Lemmel, Limmer und andere. In: Mitteldeutsche Familienkunde Bd.6 1981 S.409 ff. - Hier wird auf einige Fehler bei Herbert E. Lemmel hingewiesen; insbesondere wird seine wiederholt behauptete Gleichsetzung des Namen Lemmel mit Limmer, Lehmann u.a. widerlegt.

6  Hans-Dietrich Lemmel, Regesten und Stammfolgen aller Lemmel und Lämmel, Hektografien in der Deutschen Zentralstelle für Genealogie, Leipzig, und Mikrofilme Nr. 1628279 bis 1628282 (1990) der Genealogischen Gesellschaft von Utah.

7  1413: "Pögke die uff dem walde gestruchet habin: Ha. Iakusch von Dux, Ha. Clopatsch, Pa. Förster, Merten der Iürgen knecht von Scheren was, Wolff, Cunr. von der Yle (=Eybe) von Tetzschen, Schultheiß ist gehangen, Harberg, Mich. Lemmel von Tetzschen, N. Frasser (=Fresser) von Bischoffswerde, Knor von Bischoffswerde, Ha. Beheme ein bader von Dippoldiswalde, Halbesiar, Slesener". - 1416: "Ha. Iakusch, der gehangen worde, der besagit die hernach geschriben steht:" (Es folgen dieselben Namen wie 1413 außer Iakusch und Schultheiß). - Hubert Ermisch: Aus dem Stadtbuch II (1404-1472), (Handschrift im Ratsarchiv Freiberg), in: Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen Bd.3, Codex Diplomaticus Saxoniae Regiae 2.Hauptteil Bd.14, Leipzig 1891; S.307 Nr.47 (fol.13b) von 1413 und S.310 Nr.81 von 1416.

8  Ratsakten Chemnitz Kap.III Sekt.II Nr.53a Bd.1, Einnahme-Manual 1426-1438 f.13 und 73'. 1427: "cv gl zen burgrechte von Lemel". 1437: "c gl zen burgrechte vo Lemel dem elder". - Ich zitiere hier die Chemnitzer Urkunden laut Herbert E. Lemmel: "Herkunft" Seite 174. Nach Auskunft des Chemnitzer Stadtarchivs im Jahr 2000 sind die fraglichen Urkunden so fragil, dass Kopien oder Fotografien nicht angefertigt werden konnten.

9  Georg Erler: Die Matrikel der Universität Leipzig 1409-1559, Leipzig 1895,    S.178.

10 J.C.Herman Weißenborn: Acten der Universität Erfurt, Studentenmatrikel. In: Geschichtsquellen der Provinz Sachsen Bd.8 (1881-1899) S.259 Zeile 33.

11 Hubert Ermisch: Urkundenbuch der Stadt Chemnitz und ihrer Klöster. In: Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, 2.Hauptteil Bd.6, Leipzig 1879, S.152 Regest 186 und S.401 Regest 437.

12 Stadtarchiv Chemnitz, Locat 9831, Schöffenbuch der Stadt Chemnitz 1458-1483, Register des Marktrechts.

13 Stadtarchiv Chemnitz Kap.III Sekt.II Nr.42a, Geschoßbuch der Stadt Chemnitz. "Herkunft" S.188.

14 Staatsarchiv Dresden, Türkensteuerliste 1501, Bl.256a; Fotokopie durch K.Wensch 1988.

15 Bürgerbuch Chemnitz.

16 Stadtarchiv Chemnitz Locat 9831, Markbuch der Stadt Chemnitz Nr.2, mit Register aller Einwohner der Stadt vom Jahre 1526, Blatt 125b.

17 "Miszellen" S.274.

18 "Nürnberger Lemlein". Hans-Dietrich Lemmel: Nürnberger Lemlein im 14. Jahrhundert. Fernhändler und Montanunternehmer bereits um 1300? In: Bl.f.deutsche Langesgesch. Bd.120, 1984, S.329-370. Und in: "lemlein filii" Heft 4, Kallmünz 1991, zu beziehen von I.Höfler-Lemmel, Parkstr.6, D-92318 Neumarkt/OPf.

19 "Herkunft" Kapitel V-VI; "Miszellen" Kapitel III.

20 1431: Katharina, Witwe des Hanns Lemlein, kauft ein Ewiggeld für die Söhne Hanns, Mertein, Michel. (Stadtarch. Bamberg, Urk. 12.11.1431.) Hanns ist Katharinas leiblicher Sohn; die älteren Mertein und Michel sind ihre Stiefsöhne. - 1433,1434: Die Söhne des verstorbenen Hanns Lemlein werden vom Bamberger Bischof belehnt, wobei der Sohn Hanns die Lehen im Namen seiner Brüder bestätigt. Ab 1442 leben Michel und Hans Lemlein in Nürnberg und werden belehnt, ohne dass der Bruder Mertein noch erwähnt wird. (Germ. Nationalmuseum Nürnberg, Imhoff-Archiv Fsc.26 (Lemlein-Archiv) Urk. 13b u. 14. und folgende.) - 1446: Hans und Martin Lemlein in Bamberg durch einen Anwalt vertreten. 1447: Bamberger Häuser im Besitz von Auswärtigen, darunter "hannsen lemlein et fratres hewser"; da "fratres" im Plural steht, sind Mertein und Michel gemeint. (Hist.Verein Bamberg, Rep.2/1 Nr.2).

21 Heinrich Joachim Jäck: Bambergische Jahrbücher vom Jahre 741-1833, Jg.1
   1829 S.192.

22 Die Matrikel der Univ. Wien, Verlag Böhlhaus Graz-Köln, Bd.1 1956.

23 "Nürnberger Lemlein" Kapitel 8.

24 Wolfgang v.Stromer: Fränkische und schwäbische Unternehmer in den Donau- und Karpatenländern im Zeitalter der Luxemburger 1347-1437. In: Jahrbuch f. fränk. Landesforschung Bd.31, Neustadt/Aisch 1971, S.355-365. Hier S.364.

25 Adalbert Decker: Das ehemalige Karmelitenkloster zu Bamberg. In: 91. Ber. d. Hist. Vereins Bamberg, Bamberg 1952, S.265.

26 Dass Michel Lemmel "ein Kriegsmann der böhmischen Könige" (so Herbert E. Lemmel, "Miszellen" S.275) gewesen sei, halte ich für abwegig.

27 Die Fehde mag ähnlicher Art gewesen sein wie die "Kragensche Fehde" 100 Jahre später. 1510 wurde ein Kaufmannszug auf dem Wege von Nürnberg nach Krakau von adeligen Raubrittern überfallen, von denen zwei von der Stadt Görlitz gefangen und geköpft wurden. Hieraus ergab sich eine Frontstellung: auf der einen Seite die Städte, die bemüht waren, die Handelsstraßen zu sichern; auf der andern Seite die oberlausitzer Ritterschaft mit Unterstützung durch den Landvogt der Oberlausitz, den böhmischen Herrn Siegmund von Wartenberg auf Tetschen. Diese Parteien führten sechs Jahre lang einen Klein-krieg mit Überfällen und Rachezügen, die sich bis nach Sachsen hinein erstreckten. - Hermann Knothe: Die Kragensche Fehde, in: Neues Archiv für Sächs. Gesch. u. Altertumskunde Bd.7, Dresden 1886, S.216.

28 Vergl. "Herkunft" S.163f.

29 Roth: Geschichte des Nürnbergischen Handels, Teil 1, Nürnberg 1800, S.163. Laut Helmut Frhr Haller v.Hallerstein: Landadel und Stadtadel... in: Bl. f. fränk. Fam'forschung Bd.9, 1967, S.78.

30 Nürnberger Briefbücher Bd.22 f.26', Bd.27 f.146'. Vergl. "Herkunft" S.141.

31 Erbvertrag von 1406. Germ. Nationalmuseum Nürnberg, Imhoff-Archiv Fsc.26 (Lemlein-Archiv) Urk. 2. - Vergl. "Herkunft" S.46, 68.

32 "Nürnberger Lemlein", Kapitel 2.

33 Neukirchen: Staatsarchiv Dresden, Türkensteuerverzeichnis 1501, S.256a. - Adorf: Mitteilung des Genealogen Alfred Maschke, Chemnitz, an Werner Hartmann, Nürnberg.

34 "GB Neukirchen": Staatsarchiv Dresden, Gerichtsbuch Chemnitz Nr.211 für Neukirchen 1491-1553. Laut Kurt Wensch und Herbert E. Lemmel. - 1504 Nickel Lemelin mit Vormund Jorge Lemel: Blatt 7 Nr.4. - 1511 Bastian: Blatt 11b. - 1519/1531: Blatt 60. - 1530 Sohn Nickel: Blatt 55b. - 1532: Blatt 71 und 72. - 1539-1544 Paul: Blatt 153b und 160b. - 1544 Bastian: Blatt 163. - Und weitere Stellen. - Dietrich in Lichtenstein: Kirchenbücher Chemnitz-Jakobi 1556-1561.

35 1571 in Thum: "Nickel Lemmels hinderlasene Erben und ihre Stifmutter". Staatsarchiv Dresden, Gerichtsbuch Ehrenfriedersdorf Nr.168 für Thum Blatt 61f. Fotokopie durch Gerhard Lemmel.

36 H. Ermisch: Das Chemnitzer Achtbuch; in: Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte, Jahrbuch 7, Chemnitz 1891, Seiten 23ff.

37 Bergarchiv Freiberg 234 c (3), Berglegenbuch Schneeberg 1509-1513. Laut Ernst Költzsch, Willy Roch, Herbert E. Lemmel.

38 Carl Lehmann: Chronik der freien Bergstadt Schneeberg, Schneeberg 1837/1838, Bd.1 S. 125, 138, 145. - Christian Meltzer: Historia Schneebergensis Renovata, Schneeberg 1716, S. 426, 475, 477; jetzt auch Reprint Verlag v.Elterlein, Stuttgart.

39 Theodor Gustav Werner: Regesten und Urkunden über Beteiligungen von Nürnbergern an der Zeche Rappolt und anderen Schneeberger Bergwerks- und Metallhandelsunternehmen; in: Mitteilungen desVereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Band 59, 1972, und Band 60, 1973.

40 Schneeberger Kämmerei- und Kastenrechnungen; laut Ernst Költzsch.

41 Hans-Dietrich Lemmel und Gerhard Lemmel: Hans Lemmel in Wien; Handelsmann, Ratsherr, Protestant; in: Wiener Geschichtsblätter, 35. Jg. 1980, S. 69-81.

42 Viktor Karrell: Das Erzgebirge und seine Besiedlung. Verlag Vinzenz Uhl, Kaaden 1924.

43 Erich Matthes: Das Häuserlehnbuch der sächs.-böhm. Bergstadt Platten im Erzgebirge 1535-1570. Verlag Degener, Neustadt/Aisch 1967. - Herbert E. Lemmel, der das Original im Böhmischen Landesarchiv in Prag unter Loc.2806 einsah, las Wolf "Lemel", wo Matthes Wolf "Demel" angibt.

44 1544 Georg Lemmel und Peter Wanderer Gerichtsverwandte des Amtes Hartenstein in Krottendorf. 1556 Wolff Lemmel Richter in Neudorf. Staatsarchiv Dresden, Gerichtsbuch Amt Hartenstein Nr. 8, Amtshandelsbuch 1544-1554, Blatt 14; und Nr. 11 1552-1574 Reg.Nr. 121 Blatt 80; laut Kurt Wensch und Ernst Költzsch. - Wolf Lemmel oo 1534 in Annaberg; Kirchenbuch 1534 Nr.42. - Sowie viele weitere Urkunden.

45 Bergarchiv Freiberg, Bergbuch des Bergamtes Geyer 1529-1540, Rep.62 Sect. XXXV Nr.17 Raum 10; S. 76b, 85b, 86a, 229b; laut Mtlg K.Schröpel 1995.

46 Handschrift im Ernestinischen Gesamtstaatsarchiv zu Weimar: Irrungen und Gebrechen auf St.Annaberg und Marienberg 1503-1546, Blatt 84. - Zitiert bei Walter Bogsch: Der Marienberger Bergbau in der ersten Hälfte des 16.Jh., Dissertation Leipzig 1933, gedruckt Schwarzenberg 1933; siehe Seite 142 Anm.648. Laut Mitteilung von Willy Roch. - Die Gewerkin Margarete Lemlin wurde in den Arbeiten von Herbert E. Lemmel nicht richtig eingeordnet.

47 Staatsarchiv Dresden: Landsteuer-Verzeichnis 384 Lage 27, Marienberg 1552; Gerichtsbuch Geyer Nr.9 1548-1566 fol.164, Geyer 1557. Laut Kurt Wensch und Ernst Költzsch.

48 Totenbuch der Zwickauer Franziskaner, Stadt Zwickau, unter "Erbar Hantwerg der fleyscher"; ein Eintrag, der laut Ernst Költzsch auf 1460 datiert werden muss: "Hencze lemmel Dorothea uxor parentes Hans lemmels/ Margarethe uxor Hans lemmels vor 10 sy kynder / gerdrut uxor Hans lemmels, Nickel Ylgner ir vater." Das heißt: Hans Lemmel, Sohn von Heinz Lemmel, hat im Jahre 1460 bereits zwei Frauen und zehn Kinder überlebt und stiftet etwas für ihr Seelenheil. - Stadtarchiv Zwickau, Signatur 3 Nr.1 fol.47a; laut Ernst Költzsch und Edwin Siegel.

49 Frau Ava; zwei unterschiedliche Blätter aus dem Tagebüchlein des Malefizschreibers zu Grünhain A.D.1460-1500. Aufgefunden und zum Druck befördert von Dr. Walter Fröbe, Glückauf-Verlag Schwarzenberg (ohne Jahreszahl). - Laut Mtlg Willy Roch 1972.

50 Georg Buchwaldt: Die Matrikel des Hochstifts Merseburg 1469-1558; Verlag Böhlau, Weimar, 1926. - Laut Mtlg Ernst Költzsch.

51 Steffan Lembel 1506 Besitzer eines Grundstückes in Leipzig vor dem Peterstor als Lehen des Thomas- oder Georgen-Nonnenklosters. - Mitteilung Herbert E. Lemmel, ohne Quellenangabe.

52 Wolff Lemmel wird 1555 Neubürger in Leipzig als ein Bürgerssohn. - Annelore Franke: Leipziger Neubürgerlisten 1502-1556 Bd.A-M S.85; Stadtarchiv Leipzig 1981, laut Mtlg Erhard Werndl 1988.

53 Staatsarchiv Weimar Reg. Pp 459, Türkensteuerregister 1532. - Erich Wild: Das Stadtbuch des Rates zu Auerbach vom Jahre 1535; Auerbach, 1935. - Erich Wild: Geschichte und Volksleben des Vogtlandes; Plauen, 1936. - Aus einem 1565 erwähnten "großväterlichen" Erbe folgt, dass schon der etwa 1450 geborene Vater des ab 1532 beurkundeten Gewerken Hans Lemmel in Auerbach ansässig gewesen sein muss.

54 Stadtarchiv Torgau. Mitteilungen Jürgen Herzog an Kurt Wensch. - In der Torgauer Steuerliste von 1495 im Staatsarchiv Weimar ist noch kein Lemmel verzeichnet.

55 Hans-Dietrich Lemmel: Die Familie Lemmel und August der Starke; in: Familienforschung in Mitteldeutschland, 39.Jg. 1997/1998 S.193-204.

56 1542 Fritz Lemmel Vogt zu Brambach: Stadtarchiv Zwickau, Stadtbuch Nr.24 1539-1541, III x 1, Nr.24 Bl.100b. - 1549 Fritz Lemlein zu Buttelstedt: Staatsarchiv Weimar, Dienersachen, Mitteilung 1980. - Ab 1551 Friedrich Lemlein Bürgermeister Ronneburg: Christian Löber, Historie von Ronneburg; Altenburg 1722.

57 Staatsarchiv Düsseldorf, Fürstlich Stolberg-Stolbergsche Leichenpredigten-Sammlung N3.15022. - Fritz Roth: Auswertungen von Leichenpredigten Bd.6 R5662 und R5856. - Und andere Quellen.

Ende

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