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zur Stammtafel der ostpreußischen Lemmel

Familie Lemmel aus Lötzen/Ostpreußen seit 1770

Hans-Dietrich Lemmel, 1985. Mehrfach ergänzt, zuletzt 2011.


1. Einleitung. 
Der Stammvater der ostpreußischen Familie Lemmel kam im Siebenjährigen Krieg um 1760/1765 als Soldat aus Sachsen nach Ostpreußen, und zwar nach Masuren, in die Gegend von Lötzen und Johannisburg. Die untenstehende Skizze zeigt die masurischen Orte, in denen Lemmel-Nachkommen bis 1945 lebten. Unser Zweig ging über Bartenstein nach Königsberg. Bis 1945 lebte ein großer Teil der Familie in Ostpreußen, wo es Heiraten mit vielen alten ostpreußischen Familien gab. Aber schon vor 1900 begann die Familie sich in fast alle Teile des Deutschen Reiches auszubreiten. Heute leben Nachkommen in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, USA, Brasilien, Südafrika.

 


Die Lemmel-Orte in Ost-Masuren:

        O                                              1850                     :
       Bartenstein                                  o Darkehmen                 :
        1828-1879                                    (bei Angerapp)             :
                                                                      Mierunsken:
                                                          Kutzen o    =Merunen o:
                                                            1888                 ·
                                              Guhsen o              o Lakellen    :
                                                       Kowahlen o   =Schönhofen   :
                                                  =Reimannswalde            1892  :
                   o Gut                                   1895   Schareyken      :
            O       Groß Blaustein                                  o 1855        :
       Rastenburg     1770                                                Eichhorn:
                                      Gansenstein                         1857  o  ·
                                       o   1779                                     :
           Camionken                o                                       Krupin- :
          =Steintal o              Kruglanken                                   nen :
             1775         O                              Nußdorf           O     o  :
                         Lötzen                            o         Treuburg   1853:
                         um 1783                       o         =Marggrabowa       :
                         bis 1881              Schwentainen            1847         :
                                                                                    :
                                                                                    :
            O                          o                           O                .
       Sensburg                      Arys 1869                    Lyck             .
                                                                                .
                                                                     Prostken  .
                                                                     1874 o  .·
                                                 P R E U S S E N         .·
                         Johannisburg                                  .·
                           1805-1851 O                          .....··
                                                  ........······        P O L E N
       .......................................····
       (ferner: Königsberg ab 1837, Berlin ab 1850, Westfalen ab 1870 u.v.a.)


2. Entstehungsgeschichte

Mit der Familiengeschichte der Lötzener Lemmel, die als separates Manuskript vorliegt, führte ich die Arbeiten von etlichen Familienangehörigen fort.

Die erste Stammfolge der ostpreußischen Lemmel wurde bereits 1910 im Genealogischen Handbuch bürgerlicher Familien von Georg Roemert veröffentlicht. (Er hatte eine Lemmelin als Schwiegermutter, und seine Tochter heiratete ebenfalls einen Lemmel; siehe die Übersicht nach L-40/we.) Damals konnte die Familie bis zum Johannisburger Tischlermeister Gottlieb Lemmel zurückgeführt werden, der 1805 heiratete. Erich und Heinz Lemmel entdeckten dann noch dessen Vater Friedrich Lemmel in Lötzen.


Die Einleitung zur Familiengeschichte von Heinz Lemmel, 1937:

 

Mehrere Lemmel-Vettern führten die Familienforschung fort. Erich Lemmel war einer der ersten aktiven Mitglieder des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen in Königsberg. Heinz Lemmel veröffentlichte 1937 einen Privatdruck über die "Familie Lemmel aus Lötzen/Ostpreußen": inzwischen war es gelungen, die Familie auf den Tischlermeister Friedrich Lemmel zurückzuführen, der 1795 in Lötzen starb, und die Liste seiner Nachkommen war erheblich vervollständigt worden. Die "Stammfolge" mit den Namensträgern Lemmel wurde nun durch die Töchterkinder ergänzt.

Unter den von meinem Vater Gerhard Lemmel 1945 geretteten Familienpapieren fanden sich noch einige weitere Ergänzungen. Hiermit und mit Hilfe von zahlreichen Verwandten begann ich in den 1950er Jahren, die Nachkommenliste der ostpreußischen Lemmel fortzuführen. Heinz Lemmel entdeckte 1975 eine Lemmel-Linie, die 1921 nach Frankreich und Spanien auswanderte. Und noch im Jahre 2002 entdeckte ich eine weitere Lemmel-Linie, die kurz nach 1900 von Prostken im Kreis Lyck nach Duisburg ausgewandert war.

Glücklicherweise waren die Forschungen in Ostpreußen bereits vor 1945 nahezu abgeschlossen. Freilich gab es noch einige Lemmel-Söhne, deren Verbleib unbekannt blieb. Insbesondere aber über die Herkunft des Stammvaters, des Tischlers Friedrich Lemmel in Lötzen, hatten die ostpreußischen Quellen nichts ergeben. Obgleich bereits vor 1600 eine Lemmel-Familie in Dirschau gelebt hatte, schien es doch, daß der Lötzener Friedrich Lemmel selbst nach Ostpreußen eingewandert war; andernfalls hätten die aktiven Forscher der Familie in Ostpreußen sicher weitere Lemmel-Spuren gefunden.

Um seine Herkunft zu ergründen, begann ich Ende der 1950er Jahre mit einer systematischen Lemmel-Forschung in allen Teilen Deutschlands. Durch die verdienstvolle Hilfe des Dresdener Genealogen Kurt Wensch konnte dann 1964 die Herkunft des Lötzener Stammvaters geklärt werden: sein Geburtseintrag wurde in Belgern an der Elbe gefunden. Die Belgerner Lemmel ließen sich dann in Torgau bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Die Herkunft der Torgauer Lemmel wiederum schien in den 1965-1968 herausgekommenen Veröffentlichungen von Herbert Lemmel geklärt zu sein,

Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der Bamberger Lemmel des 15. Jahrhunderts, in: 101. Bericht des Historschen Vereins Bamberg, 1965, Seiten 13-220


und die bei Herbert Lemmel angegebene Stammreihe der Torgauer Lemmel übernahm ich auch in meinem Bericht in der Altpreußischen Geschlechterkunde 1971 über die Herkunft der ostpreußischen Lemmel.

H.D.Lemmel: Die Herkunft der ostpreußischen Familien Steinbach und Lemmel. In: Altpreußische Geschlechterkunde, Neue Folge 19.Jg., Hamburg Mai 1971, S.323-332.


Herbert Lemmels Angabe über die Herkunft der Torgauer Lemmel hielt jedoch einer Überprüfung nicht stand, und die genaue Herkunft des Torgauer Lemmel-Stammvaters bleibt unsicher. Mit größter Wahrscheinlichkeit aber sind auch die Torgauer Lemmel, wie alle anderen Lemmel und Lämmel in Sachsen, Nachkommen der Nürnberger und Bamberger Kaufmannsfamilie Lemlein/Lemmel, von denen ab 1427 etliche nach Sachsen abwanderten.

1926 schrieb Erich Lemmel einen Aufsatz über die Lemmel-Vorfahren, die er bis Johannisburg um 1800 zurück verfolgen konnte. Die Herkunft des dortigen Tischlers Gottlieb Lemmel war noch unbekannt, jedoch schien die Familie Steinbach seiner Frau aus Sachsen zu stammen.

 
  

 


3. Die Herkunft des Lötzener Tischlers Friedrich Lemmel

Für die Herkunft des Stammvaters der ostpreußischen Lemmel konnte in Ostpreußen kein Hinweis gefunden werden. Die einzigen Urkunden über ihn befinden sich im Kirchenbuch von Lötzen:

  > Am 1.3.1795 stirbt "Friedrich Lemmel aus Lötzen 57 Jahre alt".

  > Am 27.6.1819 stirbt "die verwitwete Tischlerfrau Eleonora Lemmel geb. Waschul aus Lötzen 70 Jahre alt".

Dabei sind als Hinterbliebene fünf Kinder angegeben, davon vier namentlich: Eleonore, Friedrich, August, Carl. Das fünfte Kind, Gottlieb, war bereits am 17.8.1815 als Tischler in Johannisburg durch ein Unglück ("den Hals abgeschnitten") gestorben, so dass er in dem Lötzener Eintrag von 1819 nicht mehr genannt wird.

Die Söhne Friedrich und August wurden Tischlermeister in Lötzen, während der Verbleib des Carl, der 1819 etwa 35 Jahre alt war, auch heute noch unbekannt ist.

Für den ältesten Sohn Friedrich gibt es einen Eintrag in der Lötzener Bürgerliste, wonach er in "Camionken" geboren wurde, und zwar, nach seinem in der Heiratsurkunde angegebenen Alter, um 1775. August, der zweite Sohn, wurde nach seinem Gesellenbrief in Gansenstein bei Kruglanken geboren, und zwar, nach seinem Sterbealter, um 1779. Der Stammvater Friedrich Lemmel kam also vor 1792, als der Lötzener Magistrat seinem ältesten Sohn einen Geburtsbrief ausstellt, nach Lötzen, nachdem er noch 1775 in Camionken und 1779 in Gansenstein lebte.

Die Heirat dürfte, da der älteste Sohn als zweites (1819 lebendes) Kind um 1775 geboren wurde, etwa um 1770/1773 stattgefunden haben. Vor diesem Datum muß Friedrich also in diese Gegend eingewandert sein; sonst kommt der Name Lemmel dort nicht vor. Nach seinem Sterbealter muss er um 1738 geboren sein, so dass er im Alter von etwa 32 bis 35 Jahren heiratete.

             Friedrich Lemmel, geboren um 1738, wo?
             um 1770/1773 Heirat in Masuren mit Eleonora Waschul
             um 1773 Geburt der Tochter Eleonore
             um 1775 in Camionken Geburt des Sohnes Friedrich
             um 1779 in Gansenstein bei Kruglanken Geburt des Sohnes August
             um 1780 wo?, Geburt des Sohnes Gottlieb
             um 1782/1785 wo?, Geburt des Sohnes Carl
             spätestens 1792 in Lötzen, wo die Söhne das Tischlerhandwerk lernen, als "Meistersöhne"
             gestorben 1795 in Lötzen, 57 Jahre alt, Tischlermeister

Nach diesen dürftigen Auskünften der ostpreußischen Urkunden blieb nichts anderes übrig, als systematisch in Deutschland nach einem Friedrich Lemmel zu suchen, der irgendwo um 1738 geboren wurde, womöglich als Tischlerssohn.

Die hauptsächlich um Chemnitz und im Erzgebirge lebenden Lemmel dieser Zeit waren bereits von Herbert Lemmel weitgehend erforscht, aber es gab darunter keinen passenden Friedrich Lemmel und auch keinen Tischler. Der einzige Hinweis auf eine Tischlerfamilie Lemmel fand sich in Torgau an der Elbe. Einem Hinweis von Erich Lemmel folgend ließ ich mit Hilfe von Kurt Wensch, Dresden, und Jürgen Herzog, Torgau, Gerichtsbücher und Kirchenbücher von Torgau und vielen Orten der Umgebung durchsehen. Hier waren seit dem 16. Jahrhundert Lemmel ansässig, die durch zehn Generationen bis zur Gegenwart fast ausschließlich Tischler waren. Darunter fand man endlich einen Christian Friedrich Lemmel, der am 3.2.1739 in Belgern an der Elbe geboren wurde. Ohne dass ein direkter urkundlicher Nachweis vorläge, erweisen doch mehrere Indizien, dass dieser Christian Friedrich aus Belgern mit Friedrich Lemmel in Lötzen identisch sein muss:

1. Der älteste Enkel des Lötzener Friedrich heißt, wie in Belgern, Christian Friedrich. Obgleich dieser Doppelname im 18. Jahrhundert häufig war, mag dies ein Hinweis darauf sein, dass der Lötzener Stammvater tatsächlich Christian Friedrich geheißen hat, wobei bei seinem Tod nur sein Rufname Friedrich eingetragen wurde.

2. Vater und Bruder des Christian Friedrich in Belgern heißen Gottlieb. Ebenso
heißen ein Sohn und ein Enkel des Lötzener Friedrich.

3. Das Geburtsdatum in Belgern (Februar 1739) stimmt mit dem Sterbealter in Lötzen (März 1795, 57 Jahre alt) hinreichend überein, wenn man berücksichtigt, das Begriffe wie "57 Jahre alt" und "im 57. Lebensjahr" häufig verwechselt werden.

4. In Torgau-Belgern, wo in zehn Generationen 32 Tischler Lemmel nachgewiesen sind, und in Lötzen-Johannisburg, wo mindestens 3 Söhne und 8 Enkel Tischler wurden, handelt es sich um ausgeprägte Tischlerfamilien, die hier wie dort Älterleute und Obermeister der Innung stellten. Dagegen kommt bei den etwa 8000 erforschten Lemmeln der Tischlerberuf sonst fast nicht vor.

5. In Belgern und Umgebung ist trotz vorhandener Kirchenbücher außer seiner Geburt nichts über Christian Friedrich auszumachen. Er muss also ausgewandert sein, zumal ein Grund für die Abwanderung in der schlechten wirtschaftlichen Lage des Vaters zu sehen ist, dessen Haus 1743 wegen Steuerschulden versteigert wurde.

Obwohl jedes einzelne dieser fünf Indizien nicht viel besagt, erscheint doch ihre Kombination hinreichend für den Beweis der Identität des Belgerner Tischlersohnes Christian Friedrich mit dem Tischlermeister Friedrich Lemmel in Lötzen. Obendrein liefern die historischen Gegebenheiten eine plausible Erklärung dafür, warum Christian Friedrich nach Ostpreußen gelangte, worauf erstmals Erich Lemmel hinwies:

Im Jahre 1756, als Christian Friedrich 17 1/2 Jahre alt war, begann der 7-jährige Krieg mit dem Einmarsch König Friedrichs des II. von Preußen in Sachsen. Das wesentlich schwächere sächsische Heer musste schon im Oktober 1756 kapitulieren, und mehr als 18ooo sächsische Soldaten gerieten in preußische Gefangenschaft. Sie wurden alsbald gezwungen, im preußischen Heer zu dienen.
(Siehe zum Beispiel Georg Holmsten: Friedrich II., Rowohlt Monografie Nr.159.)

1760, als Christian Friedrich 21 Jahre alt war, gab es die verlustreiche Schlacht bei Torgau, in der der Preußenkönig seine Soldaten mit dem Ruf anfeuerte: "Kerls, wollt ihr denn ewig leben?!" Dadurch siegte er zwar gegen die Österreicher, büßte aber 17ooo Mann, ein Drittel seiner Armee, ein. So waren die Preußen gezwungen, rasch neue Soldaten in der Torgauer Gegend zu rekrutieren.

Ob Christian Friedrich Lemmel bereits 1756, als 17-Jähriger, oder erst 1760, nun 21-jährig, zu den preußischen Truppen kam, mag offen bleiben. Jedenfalls wurden 1761 preußische Truppen nach Ostpreußen gegen die Russen geworfen, die tief in das Land eingedrungen waren und in Königsberg die Regierung ausübten, bis der Krieg durch den Tod der Zarin Elisabeth am 5.1.1762 die überraschende günstige Wendung für Preußen nahm.

Nach dem Friedensschluss (Mai 1762 mit Russland und Februar 1763 mit Österreich) wurden die preußischen Truppen zum Aufbau der Kriegszerstörungen verwendet, wobei natürlich ein Tischler wie wie Christian Friedrich Lemmel zu nützlichem Einsatz kam. So wurden von den 210ooo preußischen Soldaten 60ooo ins Zivilleben entlassen, von denen etwa 15ooo in Ostpreußen angesiedelt wurden, sofern sie nicht nach fünf Jahren wieder zu ihren Regimentern zurückgerufen wurden.

Demnach muss man annehmen: Christian Friedrich wurde 1763 in Ostpreußen vom Militär entlassen, arbeitete an verschiedenen Orten als Tischler, heiratete um 1770/1773 die Eleonore Waschul, lebte 1775 in Camionken und 1779 in Gansenstein, bis er sich als Tischlermeister in Lötzen niederließ, wo er spätestens 1792 lebte und 1795 starb. Er wurde Stammvater von über 50 Lemmel-Familien in Masuren, Königsberg und in allen Teilen Deutschlands, sowie in Österreich, Frankreich, Spanien und Amerika. Es sind mehr als 360 Nachkommen bekannt, inklusive Töchterkinder und früh gestorbene Kinder.

4. Groß-Blaustein - Camionken - Gansenstein - Lötzen

Unsere Familienforscher suchten lange nach der Herkunft unserer Stamm-Mutter Eleonore Waschul, der Ehefrau von Friedrich Lemmel. Der Name Waschul wurde sonst nirgends gefunden, jedoch gab es in der Umgebung einige Vorkommen des Namens Waschulewski. Erst 1994 brachte eine Veröffentlichung die Lösung. [Otto Wank: Bevölkerungsfluktuation zwischen Ostpreußen und den Nachbarländern. Altpr.Geschl'kde Bd.24 1994 S.125-218; S.149.] 1719 sind die Waschulle Leibeigene auf dem Adeligen Gut Groß Blaustein, das dem Baron von Micrander gehört. Mathias Waschulle erscheint in einer Liste von 14 Männern, die nach Polen geflüchtet sind. Wegen geflüchteter Leibeigenen gab es mehrfach Konflikte zwischen Preußen und Polen.

Unter dem Deutschen Orden hatte es eigentlich keine Leibeigenen gegeben. Prussen und auch zugewanderte Deutsche und Polen wurden als freie Bauern angesiedelt. Aus Geldmangel war der Orden freilich gezwungen, Söldnerführern statt Bar-Bezahlung Rittergüter zu übergeben. Dadurch wurden die hier ansässigen Prussen zu Leibeigenen. Diese waren an das Rittergut gebunden und durften es nicht verlassen. Offenbar ist dann ein nach Polen geflüchteter Waschulle als Pole unter dem polonisierten Namen Waschulewski wieder nach Masuren eingewandert.

Wir können also sicher sein, dass Eleonore Waschul aus dem Rittergut Groß-Blaustein stammt. Dort muss Friedrich Lemmel nach seiner Entlassung aus der Armee um 1770 als Tischler gearbeitet und seine Frau geehelicht haben. Groß-Blaustein liegt nordwestlich von Lötzen, bereits im Amt Barten, Kreis Rastenburg.

Halbwegs zwischen Groß-Blaustein und Lötzen liegt das Dorf Camionken, das später in Steintal umbenannt wurde. (Der slawische Wortstamm Kamen bedeutet Stein.) [Fritz Gause, Sonderschriften Nr.48 (1981) und Nr.53 (1983) des Vereins für Fam'fg in O.u.W.preußen, Hamburg] Hier wurde um 1775 der Sohn Friedrich geboren.

Der Ort Gansenstein, wo Friedrich Lemmel 1779 lebte und seinen zweiten Sohn bekam, liegt unweit bei Kruglanken nordöstlich von Lötzen. Offenbar arbeitete er auch hier als Tischler auf einem Rittergut, denn in Gansenstein gab es ein Rittergut, das zu dieser Zeit dem Carl Alexander von Schlichting gehörte.  Es gibt eine "Geschichte des Rittergutes Gansenstein" von Walther Uhse, Königsberg 1914, die ich leider noch nicht einsehen konnte. [Quassowski Seite S 269]

5. Lötzen

Der 1739 in Belgern geborene Friedrich Lemmel kam also im 7-jährigen Krieg als Soldat nach Ostpreußen, wo er wohl 1762 nach dem Friedensschluss mit Russland abgemustert wurde. Er dürfte dann als Tischler auf dem Gut Adlig-Groß-Blaustein gearbeitet haben, wo er um 1771/1772, also etwa 32-jährig die Leibeigene Eleonore Waschul heiratete, mit der er in den folgenden Jahren fünf Kinder bekam. Er arbeitete dann an verschiedenen Orten, 1775 in Camionken, 1779 in Gansenstein, bevor er sich als Tischlermeister in Lötzen niederließ. Bei der hiesigen Tischlerinnung muss er seine Meisterprüfung abgelegt haben. Jedenfalls erhielten seine Söhne, die in Lötzen Tischler wurden, für ihre Lehrzeit Vergünstigungen "wie es Meistersöhnen zusteht".

Die älteste Tochter Eleonore war mit einem Herrn Hirsch verheiratet. In Lötzen ist 1832 der Schneidermeister Michael Hirsch als Hausbesitzer verzeichnet:  Das ist entweder Eleonores Mann oder ihr Sohn.

Die Söhne Friedrich und August blieben als Tischlermeister in Lötzen, wo August sogar zum Eltermann der Tischlerinnung gewählt wurde. Sie hatten eine zahlreiche Nachkommenschaft. Ersterer hatte neun Kinder, letzterer fünf. Von beiden sind Geburtsbrief und Lehrbrief erhalten.

Geburtsbrief Friedrich Lemmel, geboren 1775, ausgestellt in Lötzen 1792


Geburtsbrief August Lemmel, geboren 1779, ausgestellt Lötzen 1797


Lehrbrief Friedrich Lemmel, Lötzen 1795.
Er erlernte das Tischler-Handwerk in Lötzen 1792-1795.



Lehrbrief August Lemmel, Lötzen 1797.
Er erlernte das Tischler-Handwerk in Lötzen 1794-1797.

 
                     
August heiratete Marie Milthaler, Tochter eines Lötzener Mälzenbrauers, dessen Vater 1732 seines evangelischen Glaubens wegen aus Salzburg vertrieben worden war.

Da Friedrich und August in Lötzen lebten und starben, landeten ihre Geburts- und Lehrbriefe im Archiv der Lötzener Tischlerinnung. Von dort kamen diese Dokumente in das Königsberger Staatsarchiv, von dem größere Bestände bei Kriegsende nach Göttingen kamen, wo unser Vater sie um 1970 vorfand und kopieren ließ.

Dagegen gingen die jüngeren Brüder Gottlieb und Carl von Lötzen fort, wobei sie ihre Dokumente mitnahmen. Wohin Carl ging, ist unbekannt; jedenfalls ging er nicht in Lötzen in die Tischlerlehre. Gottlieb absolvierte in Lötzen die Tischlerlehre bei seinem älteren Bruder Friedrich Lemmel und ging dann nach Johannisburg, 50 km südlich von Lötzen, dicht an der polnischen Grenze.

6. Johannisburg

Am 6.5.1805 beantragte der Magistrat der Stadt Johannisburg beim Kreisrat Becherer in der Kreisstadt Arys für den Tischlergesellen Gottlieb Lemmel und einige andere Kleinbürger die Verleihung des Bürgerrechts, und diesem Antrag wurde am 14.5. entsprochen. Nachdem der "Kleinburger Lemel" am 1.6.1805 an Bürgerrechtsgeldern 2 Mark gezahlt hatte, konnte er am 5.6. heiraten, und zwar die Johanna Steinbach. Ihr Urgroßvater Michael Steinbach war 1690 aus Annaberg in Sachsen nach Johannisburg gekommen, und ihr Großvater hatte die Tochter des Johannisburger Bürgermeisters Christoph Hoffmann geheiratet, wodurch sich eine Verschwägerung mit prominenten masurischen Familien ergab. So finden sich über einige unserer Johannisburger Vorfahren Berichte bei dem masurischen Chronisten Pisanski.
[Altpreußische Geschlechterkunde 1995]

Aus Pisanskis Chronik: Die alte Johannisburger Kirche brannte 1694. Eine neue Fachwerkkirche wurde 1696 fertiggestellt. Der Fachwerk-Glockenturm wurde bereits 1737 wieder abgerissen und durch einen gemauerten Turm ersetzt, der 1739 fertig wurde. In dieser Form ist die Kirche noch heute zu sehen. In dieser Zeit war unser Vorfahr Christoph Hoffmann Bürgermeister von Johannisburg. Sein Schwiegersohn, unser Vorfahr Gottfried Steinbach, wurde 1728 als Stadtältester vereidigt.

Pisanski berichtet weiter, dass sich in der Johannisburger Kirche drei Grüfte befanden: in der Halle nach Süden die Hoffmannsche Gruft, und gegenüber nach Norden die Steinbachsche Gruft. Dazwischen, vor dem Altar, befand sich die Maletiussche Gruft. Die Maletius sind eine alt eingesessene Johannisburger Familie, die in unserer Ahnentafel nur als Stiefahnen vorkommen.

Als Bürgermeister und Ratsherr hatten unsere Vorfahren Hoffmann und Steinbach ein modern anmutendes Problem zu lösen. Es ging um die "Koedukation", die damals freilich noch nicht so hieß. Pisanski berichtet hierüber: In der Schule, die neben der Kirche auf dem Kirchhof stand, wurden "vormals sowohl Knaben als Mädchen" unterrichtet. Aber im Jahr 1726 sind letztere "dem Glöckner zur Unterweisung übergeben worden; und da es damit nicht gehörig von statten ging, ist 1731 eine besondere Mädchenschule angeleget, und ein studirter Lehrer dazu berufen worden".

Während diese Familien zu den Lemmel-Vorfahren gehören, gibt es in Johannisburg auch Sembritzki-Verwandtschaft. Pisanski berichtet, dass Johann Heinrich Engelland aus Kumilsko bei Johannisburg die dortige Schule mit solchem Erfolg besuchte, dass er "auf die Academie habe dimittiret werden können". Seine Mutter war eine Zembritzki, Tochter von Johann Zembritzki, der 1711-1722 Landschöppe in Johannisburg war. Er ist ein Vetter unseres direkten Sembritzki-Vorfahren.

Zu dieser Zeit war Johannisburg zweisprachig, weil viele Polen, besonders evangelische Polen, über die nahe gelegene Grenze ins Preußische herüber gekommen waren. In der Kirche wurde der Gottesdienst abwechselnd auf deutsch und polnisch gehalten. In dieser Barockzeit galt das Polnische als die vornehmere Sprache. So wie später in den "besseren Kreisen" französisch parliert wurde, so blühte jetzt das Polnische. Dieser Mode folgte auch der Johannisburger Landschöppe: er schrieb seinen Familiennamen, der seit den ersten Urkunden vor 200 Jahren in deutscher Version "Sembritzki" geschrieben wurde, nun auf polnisch: "Zembrzycki". Das wird genauso ausgesprochen, nur wird das "rz" zu einem "j" wie in "Journal". Unser Tischlermeister Gottlieb Lemmel in Johannisburg konnte freilich nicht ahnen, dass sein Urenkel Gerhard Lemmel einmal eine Sembritzki-Tochter heiraten würde.

Die folgenden Bilder von der Johannisburger Kirche fotografierte ich am 29.8.1959. Das Kircheninnere dürfte noch genauso aussehen wie zu der Zeit, als unsere Vorfahren hier heirateten, getauft und beigesetzt wurden. Damals wusste ich noch nicht, dass hier meine Vorfahren Steinbach und Hoffmann ihre Begräbnis-Grüfte gehabt hatten, und daher weiß ich leider nicht, ob von diesen Grüften etwa noch eine Grabplatte oder eine Inschrift zu sehen war.
 
 

7. Spät entdeckte Zweige

Während die meisten ostpreußischen Lemmel-Zweige bereits vor 1945 erforscht waren, konnten später noch zwei weitere Zweige entdeckt werden.

1974 fand Inge Höfler-Lemmel bei einer Spanienreise Lemmel-Einträge in den Telefonbüchern von Barcelona und Madrid. Es stellte sich heraus, dass die Lemmel in Barcelona von einem Paul Lemmel abstammen, der 1890 von Chemnitz nach Barcelona ging, siehe Lemmel-Stamm Neukirchen. Die Lemmel in Madrid aber waren ostpreußische Lemmel. Sie sind sogar doppelte Lemmel, weil der Vorfahr Julius Lemmel 1875 in Königsberg seine Kusine zweiten Grades Auguste Henriette Lemmel geheiratet hatte. Deren Enkel Alfred Lemmel wanderte in den wirtschaftlichen Nöten der Inflationszeit nach Frankreich aus, wo er zwei Söhne bekam, von denen der eine, Jean Pierre, in Madrid lebt, der andere, Christian, im Nordwesten von Paris.

Schließlich entdeckte ich noch 2002 eine Lemmel-Linie in Duisburg, wo Renate Gierens geborene Lemmel Angaben über ihre Familie machen konnte: Ein Landarbeiter Julius Lemmel lebte um 1870 in Prostken Kreis Lyck in der Südost-Ecke von Ostpreußen. Er muss ein Sohn des schon zuvor bekannten  Friedrich Wilhelm Lemmel sein, der 1817 in Lötzen geboren wurde. Der Sohn von Julius, der wiederum Friedrich Wilhelm hieß, ging um 1905 nach Duisburg als Hochofenarbeiter nach Duisburg, wo er heiratete und sechs Kinder bekam, darunter vier Söhne, mit vielen Nachkommen.


Die neu entdeckten ostpreußischen Lemmel-Zweige in Duisburg und Frankreich:

                                 Friedrich Lemmel
                                 Tischler in Lötzen
                                 *1739 in Belgern/Elbe
                                 †1795 in Lötzen
                                         │
                          ┌──────────────┴─────────────┐
                   Friedrich Lemmel                    │
                   Tischler in Lötzen           Gottlieb Lemmel
                   *1775, †1836                 Tischler in Johannisburg
                          │                     *1780, †1815
      ┌───────────────────┤                            │
      │            Friedrich Lemmel             ┌──────┴───────────┐
      │            Tischler in Lötzen     Gottlieb Lemmel          │
      │            *1802, †1860           Steuerbeamter in    Carl Lemmel
Fr.Wilhelm Lemmel         │                Ostpreußen         Kaufmann in
*1817 in Lötzen           │               *1808, †1887         Bartenstein
      │                   │                     │             *1812, †1873
      │                   │                     │                  │
Julius Lemmel      Auguste Henriette      Julius Lemmel            │
Landarbeiter in    Lemmel                 Ökonom in Schwetz        │
 Prostken          *1849, †1916           *1850, †1888        Ernst Lemmel
*?1845                        ∞ 1875 in Königsberg            Stadtrat in Posen
      │                   └────────────┬────────┘             *1866, †1939
Fr.Wilhelm Lemmel                      │                      Im 1.Weltkrieg
*1874 in Prostken                Leopold Lemmel               u.a.in Saargemünd
Arbeiter Duisburg                Kaufmann in Stettin
      │                          *1878 in Pr.Stargard
      │                          †1921 in Saargemünd an
      │                             Kampfgasverletzung
  ┌───┼────┬─────┐                     │
Julius│    │     │                     ├────────────────┐
   Walter  │     │               Alfred Lemmel     Ernst Lemmel
      Fr.Wilhelm │               in Frankreich,    Kaufmann in Berlin
           │ Friedrich           *1906, †1975      *1908, †1969
           │                           │
           │                 ┌─────────┴────────┐
         Renate       Jean-Pierre Lemmel        │
         *1940        Manager in Madrid  Christian Lemmel
        ∞Gierens      *1935              Elektro-Ing. in Paris
                                         *1944


Ende

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