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zur Stammtafel Lemmel - Prag
Die Bamberger Lemmel in Böhmen und Ungarn 1350-1480
Von Hans-Dietrich Lemmel
v
Erstmals: Vortrag Bamberg 1973.
Dann: Gedruckt in "lemlein filii"
Heft 2, 1975.
Seither: wesentlich korrigiert und ergänzt
bis 2006.
Gliederung:
1. Die Ursprünge des Lemmelschen
Wirtschaftsunternehmens
2. In Böhmen unter Karl dem IV.
3. In Böhmen unter König Wenzel
4. Die nördliche Umgehung Böhmens
5. Fränkische Unternehmen in Ungarn
6. Mathias Lemmel, Schatzmeister König
Sigmunds zum
"Familienblatt" Mathias Lemmel
7. Weitere Lemmel in Ungarn unter König Sigmund
8. Johannes Lemmel, Kammergraf König Albrechts
des II. zum
"Familienblatt" Johannes Lemmel
9. Johannes Lemmel, Graf von Hermannstadt unter
König Ladislaus Postumus
10. Ungarn unter König Matthias Corvinus
Zahlreiches Material, das zu diesem Vortrag verwendet wurde, stammt aus
Archiv- und Literatur-Forschungen von Gerhard Lemmel, Bremervörde,
sowie aus Regesten, Veröffentlichungen und Hinweisen von Gustav
Gündisch (1), Hermannstadt, Herbert E. Lemmel (2-7),
Fürth/Bay. und Wolfgang von Stromer (8-10), Nürnberg. Allen
danke ich herzlich.
(1) Gustav Gündisch: Urkundenbuch zur Geschichte
der Deutschen in Siebenbürgen, Band 5. Hermannstadt, 1974.
(2) Herbert E. Lemmel: Herkunft und Schicksal der
Bamberger Lemmel des 15. Jahrhunderts. In: 101. Bericht des
Historischen Vereins Bamberg, Seiten 13-220, Bamberg 1965.
(3) Herbert E. LemmeL Der Heiratskreis der Bamberger
und Nürnberger Lemmel des 14 Jahrhunderts. In: Blätter
für fränkische Familienkude, Band 9, 1966, Seiten 81 ff
(4) Herbert E. Lemmel: Miszellen zur Geschichte der
Bamberger Lemmel In: Blätter für fränkische
Familienkunde, Band 9, 1968, Seiten 263-286.
(5) Herbert E. Lemmel: Geschichte der
erzgebirgisch.vogtländischen Lemmel im 15. -16. Jahrhundert.
Deutsches Familienarchiv, Band 43, Seiten 235-348, 1970.
(6) Herbert E. LemmeL Lampertiner in Ostfranken.
Quellen und Abhandlungen zur Geschichte der Abtei und der Diözese
Fulda, Band 21, Fulda 1972 Vergleiche: Herbert E. Lemmel: Die
ostfränkischen Lampertiner in der Stauferzeit und 100 Jahre
später, Vortrag 19.11.1966 in Frankfurt-Höchst; Kurzfassung
in: Genealogisches Jahrbuch Band 6/7, Seiten 252-254, 1967.
(7) Herbert E. Lemmel: Die Bedeutung der Lemmel und
ihres Heiratskreises für Bamberg zwischen 1350 und 1450. Vortrag
2.11.1973 in Bamberg.
(8) Wolfgang von Stromer: Nürnberger Unternehmer
im Karpatenraum; ein oberdeutsches Buntmetall-Oligopol 1396-1412. In:
Kwartalnik Historii Kultury Materialnej, Jahrgang 16, Seiten 641-662,
Warschau 1968.
(9) Wolfgang von Stromer: Oberdeutsche Hochfinanz
1350-1450. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte, Beihefte 55-57, Wiesbaden 1970.
(10) Wolfgang von Stromer: Fränkische und
schwäbische Unternehmer in den Donau- und Karpatenländern im
Zeitalter der Luxemburger 1347-1437. Jahrbuch für fränkische
Landesforschung. Institut für fränkische Landesforschung,
Universität Erlangen-Nürnberg, Band 31, Seiten 355-363.
Neustadt/Aisch 1971.
Karl der IV., Wandmalerei in der
Burg Karlstein bei Prag.
(Aus dem Buch "Karl IV." von
K.Neubert u. K.Stejskal, Verlag Dausien
1978)
1. Die Ursprünge des
Lemmelschen Wirtschaftsunternehmens
In den Jahren 1346-1437 herrschen Kaiser Karl der IV. aus dem Hause
Luxemburg und seine Söhne Wenzel und Sigmund nicht nur über
Deutschland, sondern auch als Könige über Böhmen und
Ungarn. Dadurch eröffnen sich für die oberdeutschen Kaufleute
einzigartige Bedingungen für die Ausdehnung ihrer
Wirtschaftskonzerne auf diese Länder. Führend sind dabei
einige Nürnberger Familienunternehmen, die Nürnberger Tuche
und Metallwaren gegen ungarische Weine und Ochsen handeln.
Unentbehrlich für die Rohstoffversorgung Nürnbergs und
Mitteleuropas werden bald die Bunt- und Edelmetallvorkommen der Sudeten
und Karpaten, die von oberdeutschen Unternehmern und Bergleuten
ausgebeutet wurden (10, 11, 12).
So tauchen im 14. und 15. Jahrhundert neben anderen fränkischen
Familien auch die Nürnberger und Bamberger Lemblin/Lemlein/Lemmel
in Böhmen und Ungarn auf.
(Ich verwende die Schreibweise der Namen so, wie sie mir aus den
Quellen vorliegt, oder wie sie für eine Person in den mir
bekannten Quellen jeweils am häufigsten vorkommt. Zu dieser Zeit
kann es für den gleichen Namen viele Schreibweisen geben; zum
Beispiel kommt Mathias Lemmel, König Sigmunds Schatzmeister,
innerhalb von zehn Jahren in folgenden Schreibweisen vor: Lemmel,
Lemmyl, Lemlin, Lämlin, Lemblin, Lumel, Lomel, Lemel.)
Eine Familie Lembelin ist in Nürnberg bereits um 1150
ansässig; wegen der spärlichen Urkundenlage kann man aber
erst nach 1300 konkretere Aussagen über die Familie machen (12a).
Durch das ganze 14. Jahrhundert zeigen die erhaltenen Urkunden Kontakte
der Familie Lemblin/Lemlein/Lemmel zu den Familien Stromer und
Holzschuher. Die Ho1zschuher aber können als das älteste
Nürnberger Handelshaus angesehen werden (14), und die Stromer
betreiben im 14. Jahrhundert das wohl größte Handelshaus
Deutschlands (16), das insbesondere an der wirtschaftlichen
Erschließung Ungarns führend beteiligt war.
Wirtschaftliche Familienbeziehungen und Heiraten pflegten einander zu
bedingen. Wahrscheinlich, aber nicht urkundlich erwiesen, war die ab
1337 in Nürnberg genannte Witwe Irmel Lemblin eine geborene
Holzschuher (13), und ihre Mutter war Jutta Stromer.
(Über die Ehe Friedrich Holzschuher - Jutta Stromer, die nur
in Chroniken angegeben ist, für die aber ein direkter urkundlicher
Nachweis bisher fehlt, siehe die Diskussion bei Herbert E. Lemmel (3).
Die bei Adalbert Scharr (15) angegebene (zweite) Ehe des Friedrich
Holzschuher mit Jutta Graf widerlegt die (erste) Ehe mit Jutta Stromer
nicht.)
Damit ergaben sich für die Bamberger Lemmel einzigartige
Bedingungen, um auch ihrerseits ein Wirtschaftsunternehmen aufzubauen.
(Der Großvater von Jutta Stromer war Conrad Esler. Dieser ist
gemeinsamer Ahne der meisten führenden fränkischen
Untenehmer, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts den
Edelmetallbergbau im Karpatenraum übernahmen: der Stromer,
Eisfogel, Zenner, Ebner und anderer. Diese Verwandtschaften zeigt
Wolfgang von Stromer in einer Stammtafel (17), in die auch einige der
hier behandelten Lemmel als Nachkommen des Conrad Esler
hineingehören.)
Richtungsweisend für die weitere Entwicklung wird dabei, daß
die nächsten beiden Lemmel-Generationen Töchter aus den
führenden alten Bamberger Geschlechtern der Münzmeister,
Tockler und Klieber heirateten (18).
Am Ende der Regierungszeit Karls des IV. sind die Bamberger und
Nürnberger Lemlein an wichtigen Handelsplätzen strategisch
verteilt:
In den Zentralen in Bamberg und Nürnberg sitzen Conrad bzw Fritz
Lemlein im Rat, mit engen Beziehungen zu den führenden Familien,
insbesondere den Tockler, Klieber, Münzmeister in Bamberg und den
Holzschuher, Stromer und später den Imhoff in Nürnberg.
(In Nürnberg sind als Genannte im Größeren
Rat: Fritz Lämblein: ab 1357, Werner Lämblein ab 1394,
Conradt Lämblein ab 1415, Hannß Lämblein, der
spätere Ratsherr und Bürgermeister, ab 1441, Michael
Lämblein ab 1485 (18a).)
Wernher Lembel lebt in Prag als Verbindungsmann zum Kaiserhof. Die
Handelsstraße nach Prag führt über Eger, wo 1371
Chunrat der Laembel erwähnt wird. In Wien besitzt 1368 Jacobus
Lemblinus ein Haus (18b). Schließlich findet sich Wiland Lemel
1374 in Velach (heute Obervellach), dem Zentrum des Kärntner
Edelmetallbergbaues (18c).
(Die letzteren sind genealogisch nicht mit Sicherheit einzuordnen.
"Chunrat der Laembel von Eger" ist in einem Regensburger Testament
erwähnt. Er kann Nachkomme der Nürnbergerin Irmel Lemblin
sein, deren Söhne teilweise in die Oberpfalz gehen. - Jacobus
Lemblinus ist 1368 in Wien als Sohn des Chunradus Lemblinus
erwähnt, als er ein Haus am Graben verkauft, das offenbar bereits
dem Vater Chunradus gehört hatte (18b). Dieser könnte von den
Bamberger Lemblin abstammen, muß es aber nicht. Es gibt in
Österreich mehrere alte Familien ähnlichen Namens (18h), die
sogar das gleiche Wappen wie die Bamberger Lemlein führen, ohne
dass eine nahe Verwandtschaft nachweisbar ist.
Ein dem Bamberger Lemlein-Wappen ähnliches Wappen führen in
Wien: Simon Lempl 1463 (18e), Hans Lampl 1472 (18f), Hanns Lampl zu
Freundsperg 1537: ein weißes Lamm auf grünem Hügel
gestellt in einem roten Schild (18g). - Wiland Lemel in Velach ist mit
größter Wahrscheinlichkeit der Bamberger/Nürnberger
Familie zuzurechnen: große Teile Kärntens und des
Kärntner Bergbaus sind seit langem Bamberger Besitz, und es finden
sich hier auch andere Bamberger/Nürnberger Familien; die
Namensform Lemel kommt sonst in Österreich nicht vor, und nach
1400 lässt sich bei Vorkommen dieses Namens in Österreich die
Herkunft aus Franken nachweisen.)
Damit ergibt sich deutlich die typische Struktur einer
Familiengeselischaft (18d) dieser Zeit, die von dem Senior der Familie
regiert wird, während andere Mitglieder der Sippe Faktoreien in
anderen wichtigen Städten leiten (14). Auf diese Art erreichten
manche Familiengesellchaften eine derartige Machtfülle, dass die
ständig mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfenden
Könige und Kaiser von Darlehen der großen Gesellschaften
abhängig wurden und ihrerseits Angehörigen dieser Familien
einflussreiche politische Posten einräumten.
(11) Hektor Ammann: Nürnbergs
wirtschaftliche Stellung im Spätmittelalter. Nürnberger
Forschungen Band 13, Nürnberg 1970.
(12) Werner Schultheiß: Geld- und
Finanzgeschäfte Nürnberger Bürger vom 13. -17.
Jahrhundert. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs,
Band 1, Nürnberg 1967, Seite 111.
(12a) Hans-Dietrich Lemmel: Nürnberger Lemlein
im 14.Jahrhundert. Fernhändler und Montanunternehmer bereits um
1300? In: Blätter für Deutsche Landesgeschichte, Bd.120/1984,
S.329-370.
(13) Herbert E. Lemmel: Heiratskreis (3), Tafel 5.
(14) Schultheiß (12), Seite 112.
(15) Adalbert Scharr: Zur Genealogie des
Nürnberger Patriziats; Friedrich I Holzschuher und seine Ehefrau
Jutta Graf In: Blätter für fränkische Familienkunde,
Band 8, Heft 4, Nov. 1962 Seiten 144ff.
(16) Schultheiß (12), Seite 83.
(17) Stromer, Hochfinanz (9), Tafel Seite 114.
(18) über die vielfachen verwandtschaftlichen
Beziehungen der Lemmel zu den alten Bamberger Familien siehe die
Veröffentlichungen von Herbert E. Lemmel, insbesondere (2), (3)
und (7).
(18a) Johann Ferdinand Roth: Verzeichnis
aller Genannten des größeren Raths. Nürnberg 1802. Hier
ist das Sterbejahr des Werner Lemlein ein Druckfehler. Für diesen
Hinweis danke ich Herrn Dr. F. X. Pröll von der Stadtbibliothek
Nürnberg. Ferner: Stadtbibliothek Nürnberg, Genanntenbuch,
Handschrift Amb. 804 2°, und: Beschreibung und Bericht vom Ursprung
und Anordnung der Genannten des Größeren Raths allhier in
Nürnberg... 1338-1695, Handschrift Amb. 172 2°.
(18b) Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Teil 3,
Band 1, Nr. 126.
(18c) Archiv Landskron Urk.Nr. S-64. Laut Georg
Khevenhüller, in: Archiv für vaterländische Geschichte
und Topographie, Band 55 (Klagenfurt 1959) S.72.
(18d) In der ursprünglichen Fassung dieser
Arbeit von 1973/1975 war ich Herbert E. Lemmel gefolgt und hatte
etliche Namensträger "Lempel" unserer Familie zugeordnet. Das
konnte nicht bestätigt werden.
(18e) Wiener Stadtarchiv, Augustiner- Urkunden,
Handschnft 451, Seite 156.
(18f) Deutsches Adelslexikon.
(18g) Franz Karl Wissgrill: Schauplatz des
landsässigen Niederösterreichischen... Herren- und
Ritterstands, Wien 1804, Band 5 Seite 417.
(18h) Hans-Dietrich Lemmel,: Die
Lemmel/Lämbl/Lampl in Österreich 1254-1625. Vortrag Wien
1976. Nanuskript.
2. In
Böhmen unter Karl dem IV.
Chunrad Lembelin wird 1305 zusammen mit H. Stromeir, einem
Verwandten
der Irmel Lemlin, als Bürge in Nürnberg erwähnt (19).
Beider Nachkommen, Fritz Lemlein und Peter Stromer, sind 1375 zusammen
als Zeugen genannt (20), und auch die Enkel stehen noch in enger
Beziehung zueinander, als Werner Lemlein 1393 von Hermann Stromer ein
"Eigen bei St. Lorenz am Vischbach gelegen" kauft (21a) und 1403
vorübergehend für einen Besitz Hermann Stromers am Frauentor
eingetragen ist (21b).
("Fritz Lemlein, ein Zeug neben Herrn Peter Stromer". Dieser Eintrag im
Nürnbergischen Geschlechterbuch (20) ist nicht als ein "Besitz"
neben Peter Stromer zu deuten (wie bei H.E. Lemmel (2) S.38f und (3)
S.87). Die Originalurkunde hierzu wurde noch nicht aufgefunden.)
Die Beziehungen zur Familie Stromer erstrecken sich damit über
drei Generationen und setzen sich noch bis in die zweite Hälfte
des 15. Jahrhunderts in Siebenbürgen fort, wie wir sehen werden.
Man kann daraus schließen, dass die Lemmel mit dem Stromerschen
Wirtschaftskonzern zusammenarbeiteten, der am Vischbach seinen
Kauffahrteihof, also die Generalverwaltung hatte (16).
Peter Stromer (†1388) war nicht nur Leiter dieses Unternehmens sondern
auch führender Politiker Nürnbergs sowie politischer Ratgeber
und Finanzier Karls des IV. (22). Auch Fritz Lemlein steht in direkter
Beziehung zu Karl dem IV., als er 1379 von Herzog Heinrich von
Schlesien anstelle des gerade verstorbenen Kaisers Karl "um erklagte
100 Mark Silbers auf Gut und Veste Wolfstain gesetzt" wird (23a), einer
Burg in der Oberpfalz bei Neumarkt, wo die Lemmel seitdem auch als
Schöffen im Rat sitzen (23b). Aus Neumarkt stammte auch der
Geistliche Johannes von Neumarkt, der von 1353 bis 1374 der
kaiserlichen Kanzlei Karls des IV. vorstand (23c).
Aber auch von Bamberg aus bestehen Beziehungen zu
Karl dem IV., insbesondere durch Günther Tockler aus Bamberg, der
1363-1367 Notar in der Kanzlei Karls des IV. ist (24). Nur wenig
später heiratet Hans Lemlein in Bamberg eine Tockler (3).
Gleichzeitig lebt Wernher Lembel in Prag; er ist dort von 1355 bis 1368
beurkundet (25)(25a). Uber seine Tätigkeit dort ist zwar nichts
bekannt, jedoch muss man auch ihn zum Gefolge Karls des IV. rechnen,
wenn man den ab 1396 am Prager Hof genannten Mathias Lemmel als seinen
Sohn ansieht.
Unter Karl dem IV., der mit Anna v.Schweidnitz verheiratet war, kam
Schlesien zu Böhmen. In der Folge lassen sich auch die Prager
Lemmel vereinzelt in Schlesien nachweisen.
Ein Bruder des Mathias Lemmel in Prag ist der Kaufmann Nikolaus Lemmel,
der 1381 in Liegnitz erwähnt ist (25b) und dann von 1400 bis 1415
in Prag (25a). Der Prager Wernher Lembel kann ein Bruder des Bamberger
Conrad Lemlein sein, der dort 1371-1384 Schöffe ist (27) und dort
ein rasch wachsendes Familienunternehmen (2) gründet, das durch
mehrere Generationen von den Nachkommen, den "lemlein filii", gemeinsam
betrieben wird. Mehrere seiner Nachkommen sind im Kupfer-Bergbau und
-Handel in Böhmen und Ungarn tätig, wie wir sehen werden.
(19) Handschrift im Staatsarchiv Nürnberg,
Repertorlum 52 b: Bürgerverzeichnis anno 1302-15, fol. 4a = Liste
der in Nürnberg als Bürger aufgenommenen Personen mit ihren
beiden Bürgen. Vergleiche Lemmel, Heiratskreis (3), Seite 83, und:
C Scheffler-Erhard: Alt-Nürnberger Namenbuch, Nürnberg 1959,
und: Georg Wolfgang Karl Lochner, Nürnberger Jahrbücher,
Nürnberg 1832, Heft 3, Seite 168.
(20) Staatsarchiv Nürnberg, Repertorium 52 a,
Nr.236, folg. 242. Laut Lemmel, Herkunft (2), Seiten 38f, und Lemmel,
Heiratskreis (3) Seite 87.
(21a) Wilhelm Freiherr von Imhoff Genealogisches
Handbuch der... rats- und gerichtsfähigen Familien der vormaligen
Reichsstadt Nürnberg, 9. Fortsetzung, Nürnberg 1900, Seite
256. Vergleiche Lemmel, Herkunft (2), Seite 39 und Lemmel, Hefratskreis
(3), Seite 88. - 1397 ist am , Vispach' Peter Stromair und uxor, aber
kein Lemmel genannt. Staatsarchiv Nürnberg, Losungsliste der
Lorenzer Stadthälfte von 1397, Amts- und Standbücher Nr.278,
foL 14', lautfreundlicher Mitteilung von Dr. Machilek.
(21b) 1403 ist am ,Frawentor' Hermann Stromeyr
genannt. Etwas rechts darunter ist eingefügt: Wernher Lemblin;
dieser Name wurde dann später wieder gestrichen. - Staatsarchiv
Nürnberg, Losungsliste der Lorenzer Stadthälfte von 1403,
Amts- und Standbücher Nr.280, fol 6, laut Dr. Machilek.
(22) Adalbert Scharr: Die Nürnberger
Reichsforstmeisterfamilie Waldstromer bis 1400. In: Mitteilungen des
Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 52,
Nürnberg 1963-64, Seiten 1-41.
(23a) Hauptstaatsarchiv München,
Gerichtsurkunden von Sulzburg/Oberpfalz Nr.59 und 68, Signatur jetzt
Kurbaiern 22903 und 22900. Siehe auch: Regesta Boica, Band 10, 25,
München 1843. Vergl. Lemmel, Herkunft (2), Seite 35, und Lemmel,
Hefratskreis (3), Seite 89.
(23b) Johann Nepomuk von Löwenthal: Geschichte
des Schultheißenamts und der Stadt Neumarkt auf dem Nordgau oder
in der heutigen oberen Pfalz. München 1805, Seite 235.
(23c) siehe z.B. Karel Neubert und Karel Stejskal:
Karl IV., Verlag Dausien , Hanau, 1978.
(24) Paul Schöffel: Nürnberger in
Kanzleidiensten Karls des IV In: Mitteilungen des Vereins für
Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 22, Nürnberg 1934, Seiten
47-68. Und: Alfons Huber: Additamentum primum ad J. F. Böhmer,
Regesta Imperii; Erstes Ergänzungsheft zu den Regesten des
Kaiserreiches unter Kaiser Karl IV 1346-1378; Innsbruck 1889. Seite VII
und Regest 7107, Seite 741. Und: Regesta sive Rerum Boicarum
Autographa, Band 9, München 1841, Seite 162: Günther Tockler
von Babenberg 1366 als Secretarius Karil des IV. - 1367 Günter
Tockler von Bamberg, Herzog Wenzels Sekretär, Historia
Norimbergensis Diplomatica, Nürnberg 1738, Teil 2 S.434.
(25) Archiv der Stadt Prag; rkp. Nr.986 und 902,
Buch der Stadtrechte der Altstadt. Laut Lemmel, Herkunft (2), Seite
38 und Lemmel, Miszellen (4), Seite 274.
(25a) W.W.Tomek: Základy starého
místopisu Prazskeho, Prag 1866-1875.
(25b) H.Bahlow: Schlesiens Deutschtum im Spiegel
seiner Bürgernamen 1250-1500. Ostd.Fam'kde Bd.7 S.143 1975.
(26) Monumenta Boica, Band 54, München 1956 =
Regensburger Urkundenbuch Band 2 1351-1378. Seite 379, Regest 941:
Testament Jacob Planer. Original im Hauptstaatsarchiv München,
Bestand Regensburg S:1.D 25.
(27) Stadtarchiv Nürnberg,
Löffelholz-Archiv, Urk Nr.6 vom 25.5.1373. Laut Lemmel, Herkunft
(2), Seiten 47, 48.
(28) bis (33) entfallen.
3. In
Böhmen unter König Wenzel
Nach dem Tod Kaiser Karls des IV. wird sein ältester Sohn
Wenzel
1378-1400 deutscher König und 1378-1419 König von
Böhmen. An seinem Hof ist ein Mathis Lemmel als Finanzbeamter
tätig: und zwar erwähnt 1396 Johannes Kirchen, "des romischen
kunigs hofschreiber", in einem nach Straßburg gerichteten Brief
(34) "von der 30 gulden wegen, die wir Mathis Lemmel beczalen
müßten".
In dieser Zeit ist König Wenzels "oberster Schreiber" ein
"Johannes von Bamberg", den Wolfgang v.Stromer (34a) als einen
Angehörigen der Bamberger Familie Münzmeister identifizierte,
mit der die Bamberger Lemlein verschwägert sind.
1398 schickt der Görlitzer Rat drei Abgesandte zu einem Tag nach
Lauban. Dabei heißt es in einer Ratsrechnung, daß die von
Lauban "zu schaffen hatten mit dem Lemmel von Proge" (35). Es ist
wahrscheinlich, daß dieser "Lemmel von Prag" mit dem zuvor
genannten Mathis Lemmel identisch ist und im Dienste König Wenzels
steht.
Nachdem Wenzel im Jahre 1400 als deutscher König abgesetzt wird -
er bleibt König von Böhmen -, wird Mathis Lemmel in Prag
nicht mehr genannt. Als aber 1410 die deutsche Königskrone an
Wenzels Bruder Sigmund übergeht, der bereits seit 1387 in Ofen als
König von Ungarn residierte, da geht auch Mathis Lemmel nach Ofen,
wo er alsbald in Sigmunds engerem Gefolge erscheint.
Einige andere Lemmel verbleiben jedoch in Böhmen: 1413 erscheint
ein Michel Lemmel in der wichtigen böhmischen Grenzburg Tetschen
an der Elbe. König Wenzel erhob zu dieser Zeit Anspruch auf einige
sächsische Städte, die früher zur böhmischen Krone
gehört hatten. Offenbar im Verlauf solcher Fehden wird "Miche1
Lemmel von Tetzschen" 1413 in Freiberg in Sachsen in einer Gruppe von
Strauchrittern erwähnt, von denen zwei "gehangen" werden (36).
(Während Michel Lemmel mit dem Leben davonkam, wurde 1460 Markus
Lemlein in Grünhain im Erzgebirge "mit dem Stricke vom Leben zum
Tode gebracht" (37); der Grund ist unbekannt. Zu dieser Zeit herrschten
rauhe Sitten, und nicht nur ein Ritter und Kriegsmann sondern
insbesondere auch ein reisender Kaufmann und Unternehmer musste mit dem
Schwert umzugehen verstehen.)
Michel Lemmel ist ein Sohn (38) des Bambergers Hans Lemlein, der bis
1420 einer der 13 Schöffen von Kuttenberg ist (39). Kuttenberg, 70
Kilometer östlich von Prag, war ein Zentrum des Buntmetallbergbaus
und hatte für die Versorgung Mitteleuropas mit Kupfer eine
überragende Bedeutung. Wie andere Bergstädte in Böhmen
und Ungarn hatte auch Kuttenberg eine überwiegend deutsche
Bevölkerung, so dass es nicht überrascht, dort einen
Bamberger als Schöffen zu finden.
(Später hatte die Nürnberger Ebner-Gesellschaft
das
Kupfermonopol in Kuttenberg (40); eine Ebner war die Frau des
kaiserlichen Ratgebers Peter Stromer, des Vetters von Irmel Lemlin geb.
Holzschuher.)
In den letzten Tagen des Böhmenkönigs Wenzel (†1419) war sein
"oberster Schreiber" 1418 Johannes von Bamberg, der aus der Bamberger
Familie Münzmeister stammte (41); er erscheint in Prag im gleichen
Jahr 1401 (25a), als Mathias Lemmel von Prag abwandert. Johannes
Münzmeister von Bamberg dürfte am Hof König Wenzels als
Nachfolger von Mathias Lemmel anzusehen sein; eine Münzmeister war
auch die Mutter des Kuttenberger Schöffen Hans Lemlein (42). Zudem
war die erste Frau Hans Lemleins eine Tockler aus der alten Bamberger
Familie, die schon 1363-67 mit Günther Tockler einen Notar in der
Kanzlei Karis des IV. stellte (29). Wieder sieht man, wie
wirtschaftliche Interessen und einflußreiche politische
Stellungen innerhalb des Familienkonzerns miteinander verflochten sind.
In Böhmen ergab sich jedoch bald ein katastrofaler Rückschlag
durch die Hussitenkriege.
1415 wurde Johann Hus in Konstanz verbrannt, auf dem gleichen Konzil,
zu dem Mathias Lemmel König Sigmund begleitete, wie wir sehen
werden. Die Folge waren Aufstände der Hussiten in Böhmen. In
Kuttenberg gehörte Hans Lemlein als einer der Schöffen wohl
zu den Mitverantwortlichen für die Ausrottung der dortigen
Hussiten (39). Hierdurch erst erhält der Hussitenkrieg seinen
nationaltschechischen-antideutschen Akzent, und die Deutschen
müssen 1420 fliehen. Hans Lemlein kehrt zurück nach Bamberg,
wo er 1421 seinen Bruder Heinz im Amt als Stadtgerichtsschöffe
ablöst (43). Auch sein Sohn "Michel Lemmel von Tetzschen" kehrt
aus Böhmen zurück: er wird ab 1431 in Nürnberg und
Bamberg erwähnt (44).
In diesen Jahren ist in Bamberg als päpstlich bestellter Richter
in Hussitenprozessen der Dekan Conrad Lemlein tätig (45), der
zuvor 1389 als Baccalaureus in Prag war (46).
(34) Johannes Fritz: Urkundenbuch der Stadt
Straßburg, 1. Abteilung, Band 6, Politische Urkunden 1381-1400,
Straßburg 1899. Seite 630, Regest 1100.
(34a) Stromer, Fränkische und schwäbische
Unternehmer (10), Seite 361.
(35) Richard Jecht: Codex diplomaticus Lusatiae
superioris, Band 3, Görlitz 1905-10: Die ältesten
Görlitzer Ratsrechnungen bis 1419. Ratsrechnung vom 14.12.1398.
(36) Stadtbuch II von Freiberg/Sachsen (1404-1472)
foL 13 b, Handschrift im Ratsarchiv Freiberg. Laut Hubert Ermisch:
Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen, Band 3. In: Codex
Diplomaticus Saxoniae Regiae, 2. Hauptteil, Band 14, Leipzig 1891.
Seite 307, Nr. 47 von l4l3 undSeite 3lO, Nr.81 von 1416. Vergl. H.D.
Lemmel: Lemlein filii. In: Genealogie, Band 10, Seite 515, Juni 1971.
(37) Walter Fröbe: Frau Ava - Zwei
unterschiedliche Blätter aus dem Tagebüchlein des
Malefizschreibers zu Grünhain, 1460-1500. Glückauf- Verlag
Schwarzenberg (ohne Jahresangabe), Seite 1. Diesen Hinweis verdanke ich
Herrn Willy Roch, Krefeld, dem ich auch für zahlreiche andere
Regesten herzlich danke.
(38) Lemmel, Miszellen (4), Seite 275.
(39) Stromer, Fränkische und schwäbische
Unternehmer (10), Seite 364.
(40) Richard Klier: Zur Genealogie der
Bergunternehmerfamilie Schütz in Nürnberg und
Mitteldeutschland im 15. und 16. Jahrhundert. In: Mitteilungen des
Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 55,
Nürnberg 1968, Seite 185.
(41) Stromer, Fränkische und schwäbische
Unternehmer (10), Seite 361.
(42) Lemmel, Herkunft (2), Seite 46.
(43) Lemmel, Herkunft (2), Seite 87.
(44) Lemmel, Miszellen (4), Seite 264.
(45) HSA München, Gerichtsurkunden Kirchberg,
Nr.223, Signatur jetzt Pfalz-Neuburg, Bez. zu Stiften, 609.
(46) Johannes Kist: Die Matrikel der Geistlichkeit
des Bistums Bamberg. In: Veröffentlichungen der Gesellschaft
für fränkische Geschichte, Band 7, Würzburg 1965, Seite
255, Nr.3885.
4. Die nördliche Umgehung Böhmens
Nachdem Böhmen durch die Hussitenkriege versperrt ist,
gewinnt die
nördliche Umgehung über Zwickau-Chemnitz für den
Osthandel an Bedeutung, und alsbald treffen wir dort auch Lemmel an.
1425 wird der Kaufmann Fritz Held von Bamberg, der eine Lemmlin zur
Frau hat, zusammen mit einem Stromer und Christian Imhoff in der
Nähe von Chemnitz beraubt (47). Kurz darauf, 1427, erwirbt ein
"lemel" die Bürgerrechte in Chemnitz, 1437 ebenso "lemel der
elder" (48).
Die Tatsache, dass bereits vor der endgültigen Ansiedlung Lemels
ein naher Verwandter hier beraubt wurde, weist darauf hin, daß
hier an der Handelsstraße nach Schlesien, Polen und in die
Ukraine schon eine ältere Niederlassung bestanden haben mag, wenn
nicht der Lemmel selbst so doch des größeren
Familienverbandes. Chemnitz gewann jetzt an Bedeutung nicht nur durch
die Sperre der Prager Osthandelsstraße, sondern insbesondere
auch durch den Zuzug zahlreicher Flüchtlinge aus Böhmen. Man
wird den "lemel" von 1427 zwar nicht als böhmischen
Flüchtling ansehen müssen, sondern wohl eher als Leiter der
aufstrebenden Faktorei seines Familienunternehmens; es passt aber in
das Bild dieser Zeit, dass als sein Vater der Kuttenberger Schöffe
Hans Lemlein angesehen werden muss, der nach dem Rückzug aus
Böhmen seine Geschäftsbeziehungen neu ordnen musste. Seine
drei Söhne sind mehrfach in Nürnberg und Bamberg belegt. Zwei
von ihnen, Hans und Michael, leben als Unternehmer in Nürnberg,
und zwar als Partner des Handelshauses Imhoff: die gleiche
Partnerschaft Lemmel-Imhoff zeigt sich aber bei dem Überfall von
1425 bei Chemnitz. So bestätigt sich der schon früher
geführte Beweis, daß es sich bei dem Chemnitzer "lemel" um
einen der Bamberger/böhmischen Lemlein handelt, und zwar, wie
andernorts begründet (50), 1427 um Michel Lemmel aus Tetzschen,
der später nach Nürnberg zurückgeht und 1437 in Chemnitz
durch seinen älteren Bruder Mertein Lemlein abgelöst
wird. Mertein wird zu dieser Zeit als Bruder von Hans und Michael
in Nürnberg genannt, lebt dort aber nicht. Sein ältester
Sohn, der ebenfalls Merten heißt (1431 Student aus Bamberg in
Wien), erwirbt als Unternehmer von Chemnitz aus im etwa 1460 stark
einsetzenden Bergbau des Erzgebirges ein stattliches Vermögen.
Hinter Ulrich Schütz gehört er zu den reichsten Männern
von Chemnitz. Seine überaus zahlreichen Nachkommen lassen sich
dort nieder und leben dort noch heute (49). Sein Sohn Michael ist 1461
und 1480 in Chemnitz als kaiserlicher Notar genannt: "Michael Lemmel
imperiali auctoritate notarius approbatus" (51).
(47) Johann Ferdinand Roth:
Nürnberger
Handel, Band 1, Nürnberg 1800, Seite 163. Für diesen und
andere Hinweise danke ich Freiherrn Haller von Hallerstein. -
Vergleiche: Helmut Freiherr Haller von Hallerstein: Landadel und
Stadtadel, Handel und Handwerk - Wandlungen in Generationen. In:
Blätter für fränkische Familienkunde, Jahrgang 1967,
Seiten 78-81. Siehe auch: Lemmel, Herkunft (2), Seite 163.
(48) Ratsakten Chemnitz Kap. III, Sekt. II, Nr.53 a,
Band 1 (Einnahme-Manual 1426-1438) f. 13. Laut Lemmel, Herkunft (2),
Seite 174. Siehe auch Lemmel, Miszellen (4), Seite 276.
(49) Weitere Einzelheiten und Quellenangaben siehe
Lemmel, Herkunft (2) Seiten 160ff und Lemmel, Miszellen (4), Seiten
263ff. Zu den Nachkommen Lemmel im Erzgebirge siehe Hans-Dietrich
Lemmel: Lemlein filii - Eine Übersicht über die Familien
namens Lemmel und Lämmel. In: Genealogie, Band 10, Seite 515, Juni
1971. -
(50) Hans-Dietrich Lemmel: Lemlein filii Stamm
Chemnitz. Manuskript.
(51) H.Holstein: Urkundenbuch des Klosters Berge bei
Magdeburg, Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, S.251 Urk.315 und
S.313 Urk.477.
5. Fränkische
Unternehmer in Ungarn
Bevor wir Mathias Lemmel, der 1410 vom Prager Hof König Wenzels an
den Hof König Sigmunds in Ofen überwechselt, weiterverfolgen,
möchte ich die Situation schildern, die er in Ungarn vorfand.
1418 ist Mathias Lemmel in einer Liste von Sigmunds Gläubigern
unmittelbar hinter Markus von Nürnberg angeführt (52). Markus
von Nürnberg, der aus der Nürnberger Gesellschaft
Flextorf-Zenner hervorging (53), war einer der eindrucksvollsten
Politiker dieser Zeit in Ungarn. Unter ihm erreicht der Nürnberger
Wirtschaftseinfluß in Ungarn seinen Höhepunkt. Das
Eindringen der Nürnberger in Ungarn beschreibt Wolfgang von
Stromer in einer spannenden und dramatischen Darstellung (8):
Nürnberger Handel mit Ungarn läßt sich bereits 1304/07
nachweisen, als im Handelsbuch der Holzschuher (in dem ja auch ein
Lemlein erwähnt wird) Handel mit flandrischen Tuchen und
ungarischen Häuten verzeichnet ist. Um die Mitte des 14.
Jahrhunderts erwirbt Nürnberg Handelsprivilegien im gesamten Raum
zwischen Flandern und Polen. Ungarn-Privilegien erhalten unter anderen
die Stromer, Ebner, Holzschuher, Eisfogel, Schürstab, also der
ganze Verwandtenkreis um Irmel Lemlein geborene Holzschuher.
Gleichzeitig wird in Nürnberg das "Seigerverfahren" zur Gewinnung
von Kupfer und Silber zur Großtechnik entwickelt. Dadurch
bekommen die Nürnberger eine technische Überlegenheit in der
Ausbeutung der ungarischen Erzgruben in den Karpaten, wo bisher die
Italiener führend waren. Ab 1358 werden die Italiener nach einem
Krieg Ungarns gegen Venedig von den oberdeutschen Unternehmern
verdrängt.
Der Konkurrenzkampf mit Italien dauert an, als sich um die
Königskrone Ungarns gleichzeitig Sigmund, der Sohn Karls des IV.,
und ein italienischer Kandidat bewerben. Bei der "Wahlkampagne", die
nicht gerade mit demokratischen Mitteln geführt wird,
unterstützen die Nürnberger Sigmund, und tatsächlich
wird Sigmund 1386 König von Ungarn, gestützt auf die
deutschen Unternehmer im Lande. Einer von ihnen, Markus von
Nürnberg, ist Sigmunds Vertrauter und Autor von Sigmunds
fortschrittlicher Verfassungsreform von 1405. Nach der neuen Verfassung
darf der gesamte ungarische Export von Gold, Silber und Kupfer nur
durch die königliche Kammerverwaltung erfolgen. Kammergraf aber
ist Markus von Nürnberg, und dieses Amt wird durch ein halbes
Jahihundert vorwiegend von Nürnbergern und Bambergern besetzt.
Dabei muss man beachten, dass zu dieser Zeit nahezu ganz Europa auf die
ungarischen Bunt- und Edelmetalle angewiesen war.
Die Nürnberger Seigerhütten in Ungarn waren auf Blei
angewiesen, das aus Polen aus der Gegend von Krakau kam. Für den
Blei-Import erhielt ebenfalls Markus von Nürnberg ein Monopol.
Dadurch konnte er den Bleipreis drücken, womit er
schließlich einen Wirtschaftskrieg zwischen Ungarn und Polen
hervorrief. Die Polen antworteten mit einem Blei-Embargo, wodurch aber
ihre Haupteinnahmequelle ausfiel. In der Folge mussten sie 1406 ihre
Bleibergwerke verpfänden, und zwar ausgerechnet an eine
Nürnberger Gesellschaft. Damit war das gesamte ungarische
Montanwesen, Bergbau und Metallhandel, fest in der Hand oberdeutscher
Großunternehmer.
Kurz darauf ergaben sich jedoch Rückschläge, und 1412 musste
Ungarn einen Teil des Bergbaugebietes in den Karpaten an Polen
abtreten. Zu dieser Zeit kam Mathias Lemmel nach Ofen an den Hof
König Sigmunds.
(52) Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien,
Minoritenplatz 1. Reichsregister, Band G, Blatt 32 Vorder- und
Rückseite.
(53) Stromer, Hochfinanz (9), Seite 154.
6. Mathias Lemmel, Schatzmeister König Sigmunds
Nachdem Mathias Lemmel bereits 1396/98 am Prager Hof mit
finanziellen
Dingen befaßt war, taucht er 1412 in ähnlicher Funktion in
Ofen auf, kurz nachdem Sigmund deutscher König geworden war.
In der Zwischenzeit scheint Mathias Lemmel in Breslau ansässig
gewesen zu sein, denn ein mutmaßlicher Sohn, "Sigismund Lemmel
aus Breslau", kommt 1416 nach Krakau, wo er ab 1421 als Altarist
nachweisbar ist (53a).
1412 stellt Mathis Lemmel in Ofen einen Schuldbrief für Hans
Weysinsteyn, Bürger zu Ofen, über 1000 Gulden in Gold aus
(54). Auch Wenzels Hofschreiber Johannes Kirchen geht zur gleichen Zeit
von Prag nach Ofen; hier wie da ist er mit Mathias Lemmel zusammen in
Urkunden genannt. (34, 55).
In den folgenden Jahren ist unter Sigmunds Urkunden der Name Mathias
Lemmel wiederholt zu finden. Nach den Datierungen dieser Urkunden
begleitet er Sigmund auf seinen Reisen: Neujahr 1416 in Avignon (54a);
Juli 1416 Leeds in England; November 1416 Dortrecht in den
Niederlanden; Mai 1417 und Februar/Mai 1418 Reichstag und Konzil in
Konstanz; August 1418 Weil am Rhein; September 1418 Ulm; Dezember 1418
und Januar 1419 Passau; September 1422 Nürnberg und Regensburg;
September 1423 und Februar 1424 Ofen; schließlich März 1426
Preßburg (55).
Diese Urkunden betreffen meist finanzielle Anordnungen Sigmunds; dabei
ist Mathias Lemmel 1416 als Bürge und König Sigmunds
"sunderlicher ußgeber", 1417 als Sigmunds Schatzmeister und 1418
als sein Triselier oder Triesler erwähnt. Mehrfach ist er Sigmunds
Gläubiger: 1417 sind die Juden von Ravensburg nunmehr dem Mathis
Lemmel verschrieben. 1419 hat Sigmund bei ihm 480 Gulden Schulden, die
ihm Bernhard Marggraf zu Baden bezahlen soll (55). Unter der Urkunde
von 1416 ist das Siegel von Mathias Lemmel erhalten, wovon mir
W.v.Stromer freundlicherweise einen Abdruck besorgte, von dem ich eine
Zeichnung hier wiedergebe. Es zeigt ein aufsteigendes Lamm in einem
Schrägband.

Siegel von Mathias Lemmel, 1416 in
Avignon (54a).
Links Foto des Wachsabdruckes, rechts
Zeichnung.
Aus verschiedenen dieser Urkunden wird deutlich, daß
Mathias
Lemmel in besonderer Beziehung zu Nürnberg steht. Die zwei
Urkunden vom Juli 1416 sind zu dieser Zeit die einzigen Einträge
in Sigmunds Reichsregister (56), die Nürnberg betreffen, und auch
die einzigen, unter denen der Name Mathias Lemmel steht; danach
schuldet Sigmund dem Nürnberger Meister Hartmann Rotsmid, der in
Ofen eine Wasserleitung hinaus auf die Königburg gebaut hatte,
2000 Gulden, die aus der Steuer von Nürnberg gezahlt werden
sollen. Schließlich ist Mathias Lemmel in den Tagen des September
1423 in Ofen anwesend (55), als die Verlagerung der Reichskleinodien
von Ofen nach Nürnberg vorbereitet wird.
Diese Verlagerung der Reichskleinodien zeigt einmal mehr, wie sehr sich
Sigmund auf die Nürnberger verläßt. Offenbar sind die
Reichskleinodien in der freien Reichsstadt Nürnberg sicherer als
in Sigmunds Residenz Ofen.
Über das politische Wirken Mathias Lemmels läßt
sich aus den angeführten Urkunden nur ein allgemeines Bild
entnehmen. Er beginnt seine Laufbahn am Prager Hof als junger Mann; am
Hof in Ofen dürfte er dann enger Mitarbeiter des Markus von
Nürnberg geworden sein, der die Verwaltung und Wirtschaftspolitik
Ungarns von Grund auf reformierte; schließlich wird er ab
spätestens 1417 Schatzmeister Sigmunds. In dieser entscheidenden
Stellung muss er, unter anderem, Verbindungsmann zu den Nürnberger
Finanzleuten gewesen sein. Diese haben im Europa dieser Zeit eine
einzigartige Stellung inne. Sie beherrschen in hervorragender Weise die
Techniken und Praktiken des Geldwesens und der Buchführung, die
sie von den italienischen Städten übernommen und
weiterentwickelt hatten. Sie stützen Sigmunds Thron schon seit
Beginn seiner Regierungszeit, nicht nur durch wirtschaftspolitisches
Wissen sondern auch durch massive Finanzhilfe oder durch Boykott der
Gegner. So auch im Jahre 1423, als die Nürnberger Finanzleute
durch eine gezielte Kreditsperre den Plan einiger Kurfürsten
vereiteln, König Sigmund zu entmachten. Diese
Stützungsaktion für König Sigmund fällt in die
Amtszeit Mathias Lemmels, dem also wohl maßgeblicher Anteil daran
zugekommen sein muß (57).
(53a) 1418 Sigismundus Lemmel de Wratislavia in Krakau zum Magister
promoviert. Zuvor ab 1411 als Sigismundus Lemmichen an der
Universität Leipzig. 1421 und 1436 Altarist in Krakau. - Gustav
Bauch: Schlesien und die Universität Krakau im 15. u. 16. Jh., in:
Zschr. d. Vereins f. Gesch. Schlesiens Bd.41, Breslau 1907, S.99 ff,
hier S.110 Nr.23.
(53b) Friedhelm Brusniak: Henricus Finck de Bamberga, bonus
cantor; in: Musik und Kirche 54 (1984) S.281 f, hier S.284. - Und Mtlg
F. Brusniak, Inst. f. Musikwissenschaft der Univ. Augsburg.
(54) Hauptstaatsarchiv München, Klosterurkunden
im Repertorienraum, Niederaltaich Nr. 552 vom 10.12.1412.
(54a) Hohenlohe Zentralarchiv Neuenstein, Bestand
GHAD 14 Film 1976/67 des Hauptstaatsarchivs Stuttgart. Fotokopie und
Wachsabdruck des Siegels durch W.v.Stromer.
(55) W. Altmann: Die Urkunden Kaiser Sigismunds
1410-37. Regesta Imperii, Innsbruck 1896. Nr. 1967, 1989, 2280, 2353,
2903a, 3009, 3175, 3212, 3413, 3464, 3721, 3752f, 3761, 3770ff, 5175,
5261, 5294f, 5616ff, 5819, 6601. Vergleiche auch (52) und (56). Ferner:
15.4.1418 verhandeln ,her Latzzembog und der Lämlin' einerseits
sowie Hans Rem und Jörg Ploss andererseits, die als Abgesandte der
Stadt Augsburg und Konstanz kamen, wegen einer Schenkung von 7000
Gulden, ,dardurch unser herre der bischoff von Gravenek by dem bytume
behalten würde'. - Die Chroniken der deutschen Städte, Band
5, Göttingen 1965 - Augsburg, Band 2. 27.9.1423 Ofen siehe auch:
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Band 3. Neue Folge
Band 42, Gesamtreihe, Freiburg 1888, Seiten 434 und 441, Kaiserurkunde
Nr.642 a.
(56) Reichsregister (52), Band E, Blatt 153
Rückseite und Blatt 154 Vorderseite. Vergleiche Stromer,
fränkische und schwäbische Unternehmer (10), Seite 361.
(57) Wolfgang von Stromer: Nürnberg und der
Frühkapitalismus. In: Unser Bayern; Heimatbeilage der Bayerischen
Staatszeitung, Jahrgang 21 Nr.7, Juli 1972 Seiten 49-51.
7. Weitere
Lemmel in Ungarn unter König
Sigmund
Nachdem die böhmischen Kupfervorkommen durch die
Hussitenkriege
weitgehend ausfielen, wird um 1420 Ungarn für die fränkischen
Unternehmer eine besonders wichtige Rohstoffbasis. Zwar wird Sigmund
nach Wenzeis Tod 1419 auch König von Böhmen, jedoch kann er
sich dort nicht durchsetzen. In den Jahren 1420-1427 versucht Sigmund,
die Hussiten zu unterwerfen und Böhmen in Besitz zu nehmen -
vergeblich. Es überrascht daher nicht, nunmehr auch in Ungarn zwei
Bamberger Lemmel an wichtigen Plätzen anzutreffen, und zwar zwei
Neffen von Sigmunds Schatzmeister Mathias Lemmel:
1434 wird in der Bergverwaltung der Silberbergstadt Schemnitz, 100
Kilometer nördlich von Budapest, ein Claus Lemmel genannt (58).
Auch er dürfte Bamberger sein und mit dem 1437-1441 in Bamberg
genannten Claus Lemlein (59) identisch sein. Bergwerke in Schemnitz
hatten zu dieser Zeit auch die Nürnberger Thomas Zingel und Mathes
Ebner (60). Thomas Zingel und Claus Lemmel haben in dem Bamberger
Bürgermeister und ungarischen Kammergrafen Eberhard Klieber einen
gemeinsamen Onkel, während Mathes Ebner als Urenkel Ulman
Stromeirs ebenfalls ein weitläufig Verwandter ist. - 1437 betreibt
derselbe Mathes Ebner mit Thomas Zingel ein Bergwerk in Goldkronach in
Oberfranken (60). In Goldkronach besitzt wenig später auch
Johannes Lemmel ein Bergwerk, der ein Neffe des Schemnitzer/Bamberger
Claus Lemmel sein dürfte (61).
Im Jahre 1434 ist neben Claus Lemmel in Schemnitz auch ein Ulrich Lemel
als Ratsherr in Ofen erwähnt: Als "gesworener purger des Rats der
stat Ofen" beurkundet er für die Frau des Hans Ffuh(?)berger in
Ofen eine Vollmacht an ihren Bruder Ludwig Nennyng, Bursner in Wien
(62). In Ofen gab es eine starke Kolonie deutscher Unternehmer,
Kaufleute und Handwerker, und selbst als Bürgermeister gab es
Nürnberger und Bamberger (10).
[Ulrich Lemel in Ofen dürfte identisch sein mit Ulricus Lemel, der
sich Oktober 14O3 unter der "Nacio Renencium" an der Universitat Wien
einschreibt (64); er wäre dann etwa 1385/1390 geboren und kann ein
Sohn des Mathias Lemmel sein. - Ein älterer Ulrich Lemel ist 1388
in Nürnberg genannt (63).]
Neben dem Bergbaugeschäft exportieren die
fränkischen
Kaufleute Tuche und Eisenwaren nach Ungarn, von wo sie dafür
Schlachtvieh importieren. Der Fleischverbrauch in Deutschland steigt zu
dieser Zeit des wachsenden Wohlstandes stark an: selbst Tagelöhner
essen täglich pfundweise Fleisch. Riesige Rinderherden werden
parallel zur Donau nach Süddeutschland herangetrieben, selbst aus
Entfernungen von 1000 bis 2000 Kilometern, also selbst aus
Siebenbürgen, der Walachei und der Krim (65,66).
Es zeigt sich, daß das Familienunternehmen der Lemmel der
Struktur des Ungarnhandels angepasst war; in eigener Produktion
erzeugten sie im Bamberger Zinkenwörth und in der Oberpfalz Tuche
und Eisenwaren (68). Wenn sie diese nach Ungarn exportierten, erhielten
sie dafür Schlachtvieh, das über weite Entfernungen nach
Süddeutschland zum Verkauf herangetrieben wurde.
Der fränkische Raum wurde über eine andere
Handelsstraße mit Vieh versorgt: von der Ukraine und Polen
über Chemnitz und Zwickau (65). Wir sahen schon, daß an
dieser Handelsstraße in Chemnitz 1427 eine Lemmel-Niederlassung
eröffnet wurde. Um diese Zeit gibt es auch in Zwickau einen
Fleischer und Viehhändler Hans Lemmel (gestorben nach 1460) dessen
Vater ein Hencze lemmel war (69).
[Der Zwickauer Hencze lässt sich altersmaßig nicht sicher
einordnen. Es ist nur bekannt, daß sein Sohn Hans um 1460 bereits
zwei Frauen und zehn Kinder überlebte (69). Demnach ist Hans
spätestens um 1415 geboren, wahrscheinlicher jedoch schon um 1400
oder gar früher. Sein Vater Hencze muß also etwa zwischen
1360/90 geboren sein und dürfte daher eine Generation alter sein,
als bisher angenommen wurde (70).]
(58) Staatsarchiv Budapest, Film 11 197, Schemnitzer
Archiv III.56. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Wolfgang von Stromer.
Siehe auch: Budapest Törtenete (Geschichte Budapests). Erscheint
1973. Laut freundlichen Hinweises von Dr. Ivan Borsa, Magyar Orszagos
Leveltar, Budapest.
(59) Lemmel, Herkunft (2), Seiten 96 und 109.
(60) Stromer, Hochfinanz (9), Seite 316.
(61) Lemmel, Herkunft (2), Seiten 112-116.
(62) Stadtarchiv Wien, HA Urkunde 2489. Vergleiche:
Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Teil 2, Band 2, Seite 124,
Nr.2489. Vergleiche Stromer, Fränkische und Schwäbische
Unternehmer (10), Seite 360.
(63) Nürnberger Meisterbuch anno 1370-83(86) =
Liste der Nürnberger Handwerksmeister. Handschrift im Staatsarchiv
Nürnberg, Repertorium 52 b, Nr.303, fol. 82 b. Laut C.
Scheffler-Erhard: Alt-Nürnberger Namenbuch, Nürnberg 1959. -
Ulrich Lembel 1397: Matthias Lex: Nürnberger Personennamen-Buch
1300-1500. Unveröffentlichte Handschrift vom März 1864,
Stadtarchiv Nürnberg, Nr.159 Quart, im 2. Weltkrieg vernichtet.
Laut C. Scheffler-Erhard, wie eben.
(64) Die Matrikel der Universität Wien, Verlag
Böhlhaus Graz-Köln, Band 1, 1956, 1377-1450. Vergleiche
Lemmel, Miszellen (4), Seite 263.
(65) Friedrich Lütge: Der Handel
Nürnbergs nach dem Osten im 15./16. Jahrhundert. In: Beiträge
zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs, Band 1, Nürnberg 1967
Seiten 318-376, insbesondere Seiten 365f.
(66) In der ursprünglichen Fassung dieser
Arbeit von 1973/1975 folgte ich Herbert E. Lemmel und rechnete auch die
Augsburger "Lempel" zur gleichen Familie. Das konnte nicht
bestätigt werden.
(67) entfällt
(68) Lemmel, Herkunft (2), Seiten 46ff und 62ff
(69) Totenbuch der Zwickauer Franziskaner für
die Stadt Zwickau. Stadtarchiv Zwickau, Signatur 3 Nr.1 fol. 47a.
Vergleiche Lemmel, Herkunft (2), Seite 94.
(70) Lemmel, Herkunft (2), Seiten 94f.
8. Johannes Lemmel, Kammergraf König Albrechts des II.
Nach Sigmunds Tod wird sein Schwiegersohn als Albrecht der II.
1437
König von Böhmen und Ungarn. Albrecht ist Habsburger; zuvor
war er schon Herzog von Österreich. 1438 wird er auch deutscher
König. Am 27. Oktober 1439 stirbt er bereits.
1438 ist sein Kammergraf in Ungarn für kurze Zeit ein Johannes
Lemmel (72), der das Amt vom Bamberger Eberhard Cliber übernahm
(73).
Eberhard Klieber war zuvor Bürgermeister von Bamberg. Die Familien
Lemmel und Klieber sind in Bamberg zu dieser Zeit mehrfach
verschwägert (74). Man sollte daher vermuten, dass der ungarische
Johannes Lemmel aus Bamberg stammt, wo es zu dieser Zeit drei
gleichnamige Vettern dieses Namens gibt. Aber man kann keine der
Bamberger Hans-Lemlein-Urkunden auf den Kammergrafen beziehen.
Vielmehr zeigen die Wappen von Mathias Lemmel und Johannes Lemmel eine
auffallende Ähnlichkeit: beide zeigen ein schräg
aufsteigendes Lamm. Die übrigen Bamberger Lemlein haben dagegen,
soweit bekannt, stets ein stehendes oder schreitendes Lamm im Wappen.
Aufgrund dieses Wappenvergleiches muss man annehmen, daß Johannes
Lemmel ein Sohn des Mathias ist. Als Sohn von König Sigmunds
Schatzmeister und als weitläufig Verwandter von Eberhard Klieber
wäre er dann doppelt prädestiniert für das Amt des
ungarischen Kammergrafen.
Über die politische Zusammenarbeit von Eberhard Klieber und
den Bamberger Lemlein im Bamberger Immunitätenstreit um 1435
berichtete ausführlich Herbert E. Lemmel (7). Die enge
Freundschaft der
beiden Familien zeigt sich auch darin, dass die Söhne zusammen in
Wien studieren: dort schreiben sich 1431 am gleichen Tage Martinus
Lemlein und Michael Klieber aus Bamberg zusammen an der
Universität ein (64). Die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider
Familien veranlasste Wolfgang von Stromer (57), von einem Bank- und
Handelshaus Lemmel & Klieber zu sprechen. In Ungarn zeigt sich das
an einigen finanziellen Transaktionen.
1431 leiht Eberhard Klieber dem König Sigmund 1000 Gulden (77) und
1437 noch einmal 2600 Gulden (78) - recht ansehnliche Beträge, aus
denen zu schließen Eberhard Klieber nach heutigem Geldwert
Millionär gewesen sein muß. Dafür erhält er von
Sigmund nicht nur das Kammergrafenamt, sondern auch eine stattliche
Anzahl ungarischer Bergwerke zum Pfand (78), die nahezu das ganze
oberungarische Bergrevier um Schmölnitz und Göllnitz
umfassen. Diese Methode hatte bereits Tradition, nachdem seit 1395
Bamberger und Nürnberger Unternehmer ungarische
Kammergrafenämter besetzt hielten und sich dadurch einen
beherrschenden Einfluss auf den ungarischen Bergbau und Metallhandel
sicherten (79).
[Die Klieberschen Bergwerke sind aufgeführt (78):... item Montanas
et Cameras nostras auri et argenti, ac cupri, et aliarum minerarum in
Smwlnicz, Gylncz, Rwda, Telky, Ida, Jazow, Stilbach, Czyrkendorff et
Munzay existentes.]
Sigmunds Verpfändungen wurden normalerweise weder von ihm noch von
seinen Nachfolgern wieder eingelöst. So muss man annehmen,
daß Johannes Lemmel von Eberhard Klieber auch die Bergwerke um
Schmölnitz und Göllnitz übernahm. Das ist nicht direkt
erwiesen, wird aber durch die Tatsache bestätigt, daß sich
Johannes Lemmel von Januar 1448 bis Januar 1449 im nahegelegenen
Preschau/Eperjes aufhielt (siehe weiter unten), vermutlich wegen seiner
dortigen Bergwerke.
Zu dieser Zeit ist aus den ungarischen Bergstädten jedoch kein
großer Reichtum mehr zu holen. Wir sahen bereits, daß die
Zingel, Ebner und Lemmel 1437 von Schemnitz in Oberungern nach
Goldkronach in Franken umgezogen sind. Die Verluste, die Claus Lemmel
in Schemnitz erlitten haben muß, zeigen sich darin, daß er
1441 ein wertvolles Schenkhaus in Wachenroth bei Bamberg wegen seiner
Schulden an Eberhard Klieber abtreten muß (61). Ein wesentlicher
Grund für diese Pleite liegt darin, daß Oberungarn seit
einigen Jahren von Hussiten geplündert und besetzt gehalten wird.
Dieser Zustand wird 1438 sogar legalisiert, indem Königin
Elisabeth den böhmischen Hussitenführer Johann Giskra von
Brandis zu ihrem Hauptmann ernennt (80).
Die wichtigsten Bergwerke in Ungarn, die dem König
uneingeschränkt verbleiben, sind die Silbergruben in
Siebenbürgen. So ist es zu verstehen, daß Johannes Lemmel
als königlicher Kammergraf ausgerechnet in Hermannstadt auftritt,
und zwar in der ersten Jahreshälfte 1438. Für die zweite
Jahreshälfte ist dort der Hermannstädter Bürgermeister
Niklas Pfeffersack als Kammergraf genannt. Pfingsten 1439 ist wieder
Johannes Lemmel als Ritter und Graf von Hermannstadt nachgewiesen (72);
ob er zu dieser Zeit auch wieder Kammergraf war, muss offen bleiben.
Hermannstadt, Stadtmauer
Der Titel des Kammergrafen schließt das Amt des
Münzmeisters ein. Es ist eine Eigenheit der ungarischen
Münzen dieser Zeit, daß sie nicht nur einen Buchstaben
für den Ort der Münzkammer, also "h" für Hermannstadt,
als Münzzeichen zeigen, sondern auch ein weiteres Zeichen, aus dem
der verantwortliche Kammergraf ersichtlich ist. So zeigen die
Hermannstädter Goldgulden dieser Zeit ein kleines Lamm, das
Wappentier Johannes Lemmels (81), oder aber die verschlungenen
Buchstaben "PFR" für Niklas Pfeffersack; ein drittes Zeichen "P"
konnte noch nicht gedeutet werden (82).
Der Hermannstädter Goldgulden
mit dem kleinen Lamm (unter der
Hand mit dem Reichsapfel) als
Münzzeichen des Münzmeisters
Johannes Lemmel
(Dass Johannes Lemmel 1438 das Kammergrafenamt innegehabt hat,
scheint nicht direkt belegt zu sein. Die Autoren, die dies angeben,
scheinen sich letzten Endes auf Gustav Seiwert zu stützen, der
bereits 1864 in seiner Geschichte der Hermannstädter
Münzkammer (83) das Lamm als Münzzeichen des
Hermannstädter Goldguldens dem "später einflussreichen Comes
Johann Lemmel" zuschreibt, diese Zuschreibung jedoch nur als "vage
Vermutung" gelten läßt. Diese Vermutung wird durch die hier
dargestellten Zusammenhänge bestätigt; insbesondere zeigt die
Urkunde von 1439, daß Lemmel bereits unter König Albrecht in
Hermannstadt war, während Seiwert erst nur die Lemmel-Urkunden von
1444 bis 1455 unter König Ladislaus Postumus kannte und daher
Zweifel an seiner getroffenen Zuordnung haben musste. Warum jedoch
Horvath und Huszar diesen Gulden auf die erste Jahreshälfte 1438
datieren (72), ist mir nicht klar geworden; in den
Münzbüchern wird dieser Gulden allgemein in die
Regierungszeit Albrechts, also zwischen 1437 und 1439, ohne genauere
Datierung eingeordnet. Womöglich also
haben Horvath und Huszar doch eine weitere Urkunde gekannt, die
Johannes Lemmel zu der von ihnen angegebenen Zeit als Kammergraf
belegt.)
Die Hermannstädter Münzkammer hatte eine merkwürdige
Rechtsstellung. Sie war keineswegs allein dem König unterstellt,
wie es der Sigmundschen Wirtschaftspolitik unter Markus von
Nürnberg und Mathias Lemmel entsprochen hätte; vielmehr
scheint Hermannstadt einen Anteil an der Kammer gehabt zu haben, und
gelegentlich erscheint das Gemeindewappen, zwei gekreuzte Schwerter,
als Münzzeichen (83). Diese Zwitterstellung zeigt sich wohl auch
darin, dass im gleichen Jahr der königliche Beamte Johannes Lemmel
und der Bürgermeister Niklas Pfeffersack, beide als Kammergrafen,
einander gegenüberstehen. Bis zum Ende des Jahrhunderts kommen
dann fast alle Bürgermeister auch als Kammergrafen vor, aber eben
nicht ausschließlich. Da sie aber oft gleichzeitig auch
Königsrichter waren, ist es nicht deutlich, ob sie das
Kammergrafenamt im Auftrag der Gemeinde oder des Königs
ausüben. Die Rechte des Königs gehen jedoch deutlich
zurück, spätestens ab 1464, als die Bürger das Recht
erhalten, den Grafen (Comes) von Hermannstadt, der bisher vom
König ernannt wurde, nunmehr selbst zu wählen.
In den Einnahmen König Albrechts ist ein Posten
angeführt: "Von dem Kunigreich zu Ungarn von verkauftes Silber aus
Sibenbürgen ...". Dieser Posten macht mit 12013 ungarischen Gulden
und 4680 Pfund einen beträchtlichen Teil von Albrechts
Gesamteinnahmen aus (84). Dieses Geld dürfte durch den
Hermannstädter Kammergrafen abgeführt worden sein. Wenig
später gerät Friedrich der III. in finanzielle
Bedrängnis, nicht zuletzt weil ihm diese Einnahme nicht mehr zur
Verfügung steht.
Obgleich die Urkunden keine Auskunft über Bergbau-Geschäfte
Johannes Lemmels geben, so ist doch anzunehmen, dass ihm sein Amt einen
zentralen Einfluß auf den Siebenbürger Edelmetall-Bergbau
und -Handel sicherte, der nicht nur seiner eigenen einschlägig
interessierten Familie, sondern auch anderen fränkischen
Handelshäusern zugute kam. Jedenfalls ist von Thomas Altemberger
(†1491), einem Nachfolger Johannes Lemmels als Kammergraf in
Hermannstadt, bekannt, dass er aus dem Bergbau ein beträchtliches
Vermögen erzielte, wobei die Verwaltung königlicher
Finanzämter und die Pacht der Edelmetall-Einlösungsstelle
besonders einträglich waren (85).
Zudem wird der spätere Königsrichter und Salzkammergraf Hans
Lulay, der auch Graf der Goldeinlösungskammer in Hermannstadt war
(1521), einmal als "Lulay alias Lemmel" bezeichnet (85a). Daraus muss
man schließen, dass Lulay in diesen Ämtern Lemmels
Nachfolger war.
Aus dem Jahre 1439 ist ein Brief mit Johannes Lemmels Siegel erhalten,
leider nur in bruchstückhaftem Zustand. Man erkennt undeutlich ein
aufsteigendes Lamm, ähnlich dem Siegel des Mathias Lemmel, und
einen Teil des Schriftzuges "Lemmel".
Siegel von Hanns Lemmel 1439.
Links Fotografie, rechts Zeichnung
der erkennbaren Teile.
Bezeichnenderweise befindet sich der Lemmel-Brief von 1439 im
Stadtarchiv von Thorn an der unteren Weichsel. Darin erbittet Johannes
Lemmel vom Thorner Stadtrat ein Leumundszeugnis für einen
Hermannstädter Bürger, der von Thorn her zugezogen war. Die
Beziehung nach Thorn ergibt sich durch den Verkehrsweg der Weichsel.
Dort verschifften die fränkischen Unternehmer nämlich gern
ihr in den Karpaten gewonnenes Kupfer und Silber, das auf dem Seewege
über Ostsee und Nordsee leichter die Handelspartner, etwa in den
Niederlanden, erreichte als auf dem mühsamen Landweg (9).
Laut Zeitungsberichten wurde um 1976 ein in der
Weichselmündung gesunkenes Schiff gehoben, das mit Kupferbarren
beladen war und aus der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts stammen
soll. Vielleicht also war Johannes Lemmel der Auftraggeber dieses
Kupfertransportes. Die Hansestädte hatten freilich auch
eigenständige Beziehungen nach Siebenbürgen, und einige
Hermannstädter Ratsfamilien scheinen aus Danzig und Thorn zu
stammen. Unter den Zeugen der Lemmel-Urkunde von 1439 befindet sich
unter anderen Lukas Watzelrode. Sein Schwiegervater war der Thorner
Ratsherr Albrecht Russe: ein Nikolaus Russe war in der Mitte des 15.
Jahrhunderts Ratsherr in Hermannstadt. 1444 war Georg Hecht
Bürgermeister von Hermannstadt: 1411 wurde Arnold Hecht,
Bürgermeister von Danzig, in den Wirren nach der Schlacht von
Tannenberg vom Deutschen Orden ermordet (86). Die hier wie da
auftretenden Namen zeigen, dass es Zu- und Abwanderungen zwischen
Siebenbürgen und dem alten Preußen gab.
Zufällig sind Lukas Watzelrode und Hans von der Linde, ein anderer
Zeuge dieser Urkunde, Vorfahren der ostpreußischen Lemmel. Lukas
Watzelrode ist Großvater von Niklas Koppernigk, genannt
Copernicus, der 1473 in Thorn geboren wurde (86). Sein Vater und
Großvater, Niclas und Johannes Koppernigk, lebten zur Zeit von
Johannes Lemmel als Großkaufleute in Krakau und befassten sich
mit ungarischem Kupferhandel. Sie müssten mit Johannes Lemmel
Handelsbeziehungen gehabt haben, zumal Lemmels mutmasslicher Bruder
Sigmund als Altarist in Krakau lebte.
Als östliches Grenzgebiet Ungarns bot Siebenbürgen einen
Ausgangspunkt für den Schwarzmeerhandel, besonders seitdem die
Türken 1390 die untere Donau erobert hatten und, mit
Unterbrechungen, die rumänische Walachei tributpflichtig hielten.
Dadurch war der wichtige Schifffahrtsweg der Donau versperrt, und das
Schwarze Meer war nur noch auf dem Landwege zu erreichen. Dabei hatte
Hermannstadt eine Vorrangstellung inne, weil es in den rumänischen
Fürstentümern Stapel- und Handelsrechte unterhielt. Bereits
seit dem Ende des 14. Jahrhunderts ist Nürnberger Handel,
vornehmlich mit Nürnberger Tuchen, in Siebenbürgen
nachgewiesen (87), von wo sich der weitere Handel mit der Walachei und
dem Schwarzmeerraum ergab. Dort waren die Gewürze des Orients eine
besonders begehrte und profitable Handelsware.
Landkarte um 1450 (88a)
Aus diesen wenigen Hinweisen ersieht man, welche wirtschaftliche und
politische Bedeutung Johannes Lemmels Position als Graf von
Hermannstadt gehabt haben mag. Dazu kommt aber der noch wichtigere
Aspekt, dass das rings von Bergen umgebene Siebenbürgen gerade zu
dieser Zeit die wichtigste natürliche Festung im Abwehrkampf des
Abendlandes gegen die Türken darstellte (88). Johann Hunyadi, der
bedeutendste ungarische Heerführer gegen die Türken, hatte in
Siebenbürgen seine Hausmacht. Trotz vieler
Türkeneinfälle wurde Siebenbürgen nie unterworfen,
selbst dann nicht als über Budapest die Türkenfahne wehte.
Während die Türken bei ihren Einfällen seit 1395 stets
nur auf Raub und Plünderung aus waren, waren sie gerade 1438 mit
der Absicht nach Siebenbürgen eingefallen, es zu unterwerfen. Sie
konnten sich zwar nur zwei Monate dort halten, jedoch waren als Folge
noch 20 Jahre später einige Orte wüst und entvölkert.
Auch Hermannstadt wurde berannt, wurde aber nicht erobert.
Wie furchterregend dieses entlegene und von Türken verheerte
Grenzland auf den Mitteleuropäer gewirkt haben muss, geht daraus
hervor, dass der rumänische Fürst Vlad Dracul, Herrscher der
Walachei, zu dieser Zeit den Kern für die
Dracula-Schauererzählungen abgab (88a).
Vlad Dracul
Dabei hatte Vlad den Beinamen "Dracul" 1431 in Nürnberg
von Kaiser
Sigmund erhalten, als dieser ihm die Mitgliedschaft im "Drachen-Orden"
verlieh, als Verpflichtung zum Kampf gegen die Nichtchristen. Sein
Sohn Vlad Tepes, 1431 in Schäßburg geboren und als Sohn des
Vlad Dracul "Dracula" genannt, pflegte gefangene türkische
Soldaten zu pfählen - was freilich erst die Touristen des 19.
Jahrhunderts erschreckte, denn im Mitteleuropa des 15. Jahrhunderts, wo
Verbrecher aufs Rad geflochten oder gevierteilt wurden, war man
Grausameres gewohnt.
Wenn unmittelbar nach dem Türkeneinfall von 1438 Johannes Lemmel
als Graf von Hermannstadt auftritt, so ist es klar, daß seine
Aufgabe darin bestand, das Land wieder aufzubauen und aufzurüsten,
gestützt auf die Wirtschaftskraft der fränkischen
Handelshäuser und auf die Produktivkraft der deutschen Städte
Siebenbürgens. Auch die Nürnberger Waffenschmieden werden
durch Johannes Lemmel in Siebenbürgen einen guten Absatz bei der
Aufrüstung gegen die Türken gefunden haben.
Dies alles wird jedoch sehr bald jäh unterbrochen, als König
Albrecht der II. am 27. Oktober 1439 nach einem Türkenfeldzug
stirbt und das Land in Wirren um die Nachfolge gestürzt wird.
(71) entfällt
(72) Anhang, Regest 1,2
(73) Stromer, Fränkische und Schwäbische
Unternehmer (10), Seiten 361-364.
(74) Lemmel, Herkunft (2), Seite 61.
(75) Germanisches Nationalmuseum
Nürnberg, Imhof-Archiv, Fasc. 26 (Lemmel-Archiv), Nr.6.
(76) Stromer, Fränkische und Schwäbische
Unternehmer (10), Seite 361.
(77) Lemmel, Miszellen (4), Seite 282.
(78) Gusztav Wenzel: Magyarorszag Banyaszatanak
Kritikai Törtenete, (= kritische Geschichte des ungarischen
Bergbaus), Budapest, 1880. Seite 359, Beilage H.1. - Vergl. Stromer,
Fränkische und schwäbische Unternehmer (10), Seite 364.
(79) Stromer, Fränkische und
schwäbische Unternehmer (10), Seiten 363/364.
(80) Günther Freiherr von Probszt: Die
niederungarischen Bergstädte, ihre Entwicklung und wirtschaftliche
Bedeutung bis zum Übergang an das Haus Habsburg 1546. Buchreihe
der Südostdeutschen Historischen Kommission, Band 15. München
1966, Seiten 57f.
(81) Golddukaten König Albrechts des II. von
Ungarn, Münzzeichen H/Lamm. Originale im Wiener Münzkabinett,
Kunsthistorisches Museum, Burgring 5, und im Budapester
Münzkabinett, Ungarisches Nationalmuseum, Museum Körut. Die
Fotografie wurde durch Herrn Hofrat Bernhard Koch, Direktor des Wiener
Münzkabinetts, dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
Hinweise auf diese Münze verdanke ich Prof W. v. Stromer und Ing.
Artur Pohl, Budapest. Eine Abbildung dieses Goldguldens findet sich
bei: Jacobus a Mellen, Lubecensis, Series Regum Hungariae e Nummis
Aureis. Das ist: Eine Reihe ungarischer Könige aus goldenen
Münzen... ins Teutsche gebracht von D. Gottfried Heinrich
Burghart, Breßlau-Leipzig (Bei Daniel Pietsch) 1750, Tab. III no.
24 (König Albertus), mit Text Seite 310 (wo das Lamm allerdings
nicht erwähnt ist). Dieser Goldgulden ist noch nicht erwähnt
bei: Jacobus a Mellen, Series..., Lubeciae 1699. - Eine Beschreibung
befindet sich bei Jacobus Rupp: Numi Hungariae, Buda 1841, Seite 52:
Münzzeichen ,h et agnellus'. - Eine Abbildung befindet sich bei L
Rethy und G. Probszt Corpus Nummorum Hungariae, Graz 1958, Seite xxix
Nr.131; die Münzzeichen dazu siehe Artur Pohl: A
Kesoközepkori Magyar Penzek Verdejegyei Összeallitotta (= die
Münzzeichen der ungarischen Münzen des
Spätmittelalters), Budapest 1965. - Historischer Hintergrund siehe
Artur Pohl, Die Grenzlandprägung - Münzprägung in
Österreich und Ungarn im 15. Jh., Graz 1972.
(82) Artur Pohl: Ungarische Goldgulden. Graz 1974.
(83) Gustav Seiwert. Beiträge zu einer
Geschichte der Hermannstädter Münzkammer; 1. Abteilung bis
zum Jahre 1542. In: Archiv des Vereines für Siebenbürgische
Landeskunde. Neue Folge, 6. Band, 2. Heft. Kronstadt 1864. Seiten
153-200, besonders Seiten 163f und 175.
(84) Karl Schalk: Aus der Zeit des
Österreichischen Faustrechts 1440-1463. In: Abhandlungen zur
Geschichte und Queilenkunde der Stadt Wien, Band 3, Wien 1919, Seite 19.
(85) Gustav Gündisch: Thomas Altemberger und das
Alte Rathaus. Zeitung ,Neuer Weg', Hermannstadt, 18.3.1972, Seite 4.
(85a) Staatsarchiv Hermannstadt, "Collectio
Rosenfeld" mit Abschriften von Urkunden aus Budapester Archiven von
Karl Ludwig von Rosenfeld, der als genauer Arbeiter gilt. Mtlg. Gustav
Gündisch 1974.
(86) Ahnenliste H.D. Lemmel. Zentralstelle
für Genealogie in der DDR, Leipzig, AL 8957. Nach Forschungen von
Helmut Strehlau, Westpreußische Familienforschung, Bad Salzuflen.
(87) Schürstab'sche Handelsbücher
1363-1383. Laut Gerhard Pfeiffer (Herausgeber): Nürnberg -
Geschichte einer europäischen Stadt. Nürnberg 1971, Seite 99.
(88) Gustav Gündisch: Zur
Überlieferung der Türkeneinfälle in Siebenbürgen.
Kolozsvari Bolyai Tudomanyegyetem Erdelyi Tudomanyos Intezet,
Koloszvar, 1947. Und: Gustav Gündisch: Jahre geschichtlicher
Bewährung; die Siebenbürger Sachsen in der Türkenabwehr.
In: Die Woche, Nr.273, Seite 5, Hermannstadt 16.3.1973.
(88a) Ralf Peter Märtin: Dracula, das
Leben des
Fürsten Vlad Tepes. Wagenbachs Taschenbuch, Berlin 1980,
Neuausgabe 2001. – Mark Benecke: Tanz der Vampirforscher.
Süddeutsche Zeitung Nr.117, 22.5.2001, mit Porträt-Abbildung.
Tafel 1: Die Machthaber in
Böhmen und Ungarn im Jahrhundert von
1350 bis 1450
König Ladislaus Postumus
(Ausstellungskatalog KHM Wien)
9. Johannes Lemmel, Graf
von Hermannstadt unter König Ladislaus Postumus
Erst nach König Albrechts Tod wird am 22. Februar 1440 sein
Sohn Ladislaus geboren, der den Beinamen Postumus erhält. Seine
Mutter Elisabeth, die Tochter König Sigmunds, läßt ihn
am 15. Mai 1440 mit der eigens entwendeten Stefanskrone krönen.
Diese Krönung wird aber von der ungarischen Oligarchie nicht
anerkannt, die statt dessen den polnischen Jagellonen-König als
Wladislaw den I. zum König von Ungarn wählt. Er wird am 17.
Juli 1440 in Ofen mit einer Ersatzkrone gekrönt. Er kann sich aber
erst in Ungarn durchsetzen, nachdem im Dezember 1440 Johann Hunyadi
einen Teil seiner Gegener besiegt. Hunyadi hatte seine
militärische Laufbahn unter Kaiser Sigmund begonnen; er wechselte
dann aber als ein ungarischer Nationalist in das antideutsche Lager
über und ebnete dem Polen-König Wladislaw den Weg. Dieser
ernannte ihn dafür zum Wojewoden von Siebenbürgen, ein
Titel, den Johann Hunyadi l440-1444, also die ganze Regierungszeit
Wladislaws des 1. hindurch, führt (89).
Obgleich Hermannstadt zunächst noch zur Habsburgerpartei
hält, ist Johannes Lemmel in dieser Zeit hier nicht genannt. 1440
ist der Hermannstädter Bürgermeister Trautemberger
Kammergraf; er prägt mit dem Münzzeichen "h-T" Münzen
für Königin Elisabeth und zieht sich so den Groll Hunyadis
zu, weil er ihm dadurch die Unterstützung im Kampf gegen die
Türken verweigert. Hunyadi finanziert seine
Türkenfeldzüge hauptsächlich mit Siebenbürger Gold.
Erst Mitte 1441 geht Hermannstadt zu König Wladislaw über;
Bürgermeister und Kammergraf wird Jakob Sachs, der nunmehr
für Johann Hunyadi Goldgulden prägt (90).
Im November 1443 stirbt in Bamberg Eberhard Klieber, der vormalige
ungarische Kammergraf. "...als Eberhard Clieber seliger seine
geschaffte getane hett", wird eine Geldangelegenheit für Fritz
Zollner und Thomas Zingel von einem Hans Lemlein geregelt (91); hier
dürfte es sich nicht um den Hermannstädter Johannes Lemmel
handeln sondern eher um seinen gleichnamigen Vetter, den späteren
Nürnberger Ratsherrn und Bürgermeister.
Im April 1444 schreibt sich ein Andreas Lemmel an der
Universität Wien ein (92), und zwar mit der Angabe "de
Cibinio" (= aus Hermannstadt). Sein Vater Johannes muss also zu dieser
Zeit weiterhin seinen Wohnsitz in Hermannstadt gehabt haben.
1440 reißt in Ungarn auch die seit 1395 bestehende Reihe der
Bamberg-Nürnberger Kammergrafen ab (79): mit der habsburgischen
Königsmacht endet in Ungarn auch der politische Einfluß der
fränkischen Familien. Jedoch hat auch der nunmehrige
Hermannstädter Kammergraf, der Bürgermeister Trautemberger,
offenbar Beziehungen zur Oberpfalz: In Störnstein bei Neustadt an
der Waldnaab, einer zu dieser Zeit böhmischen, also Sigmund'schen
Enklave in Bayern, siegelt 1435 ein Jörg Trautenberger für
Margarethe Lemmel, einer geborenen Redwitz, einen Urfehdebrief wegen
ihres in Hussitenfehden umgekommenen Mannes Albrecht Lemmel (93).
Derweil war in Siebenbürgen Anton Trautenberger 1432 als
Königsrichter Vorgänger von Johannes Lemmel (102) und wird
nun 1440 als Kammergraf dessen Nachfolger.
Die doppelten Beziehungen zwischen den Familien Lemmel und
Trautenberger in der Oberpfalz und in Hermannstadt zeigen, daß
auch noch mit Trautenberger das Kammergrafenamt unter oberdeutschem
Einfluß bleibt.
In den folgenden Jahren gibt es in Ungarn wechselnde Kämpfe
zwischen der Jagellonenpartei im Osten und der Habsburgerpartei im
Westen und Norden. 1442 erringt das polnisch-ungarische Heer unter
Wladislaw und Hunyadi bei Hermannstadt und am Eisernen-Tor-Paß
entscheidende Siege gegen die Türken, die danach bis nach Sofia
zurückgedrängt werden.
Bei den großen Kosten des Türkenkrieges macht es Wladislaw
schwer zu schaffen, dass ihm die Einnahmen aus dem oberungarischen
Bergbau fehlen. Der ganze Norden Ungarns mit seinen Erzgruben wird nach
wie vor von Johann Giskra von Brandis besetzt gehalten, und zwar
zunächst im Namen der Königinwitwe Elisabeth, dann, nach
ihrem Tod 1442, im Namen des Habsburger Königskindes Ladislaus
Postumus. Dabei plündern Giskras Unterführer das Land aus und
brennen 1442 sogar die Silberbergstadt Schemnitz nieder.
Der Jagellone Wladislaw vermag dagegen nichts zu unternehmen. Um im
Türkenkrieg den Rücken frei zu haben, muss er sogar 1443 mit
Giskra Frieden schließen; dabei überlässt er ihm das
ganze besetzte Gebiet mit allen königlichen Einkünften aus
Bergwerken, Münzregal und Zöllen (80).
Bei diesem Vertrag setzt sich die Habsburgerpartei auch in
Siebenbürgen wieder durch, denn 1444 tritt Johannes Lemmel wieder
als Graf in Hermannstadt auf (94).
Nach dem Vertrag mit Giskra kann Wladislaw nun im Februar 1444 einen
triumfalen Einzug in Ofen halten, erleidet aber am 10. November 1444
eine Niederlage gegen die Türken bei Warna, wo er den Tod findet.
Sein Nachfolger als König von Ungarn wird nominell der
fünfjährige Habsburger Ladislaus Postumus; sein Vormund ist
sein Onkel, der deutsche Habsburgerkönig Friedrich der III., der
aber selbst die ungarische Krone anstrebt und sein Mündel nicht
freigibt.
Wegen des geschwächten Königstums setzt nun in
Österreich und Ungarn eine Zeit des Faustrechts (84) ein, in der
sich lokale Herren mit Privatheeren bekriegen. Dazu gehören auch
Johann Giskra von Brandis und Johann Hunyadi. Giskra herrscht weiter in
Oberungarn; im übrigen Ungarn setzen die Stände Johann
Hunyadi, der inzwischen zum reichsten Grundbesitzer Ungarns wurde, 1445
als Reichshauptmann und 1446 als Gubernator ein. Etwa den gleichen Rang
auf Seiten der Habsburgerpartei hat Johann Giskra von Brandis inne:
nachdem er von Königin Elisabeth zum General-Capitän und
obersten Hauptmann des Königs Ladislaus Postumus ernannt wurde,
wird er im April 1444 in diesen Funktionen von Friedrich dem III.
bestätigt (95) und 1445 von den Ständen in Oberungarn zu
einem der Oberhauptleute gewählt (80). 1446 wird er als König
Ladislaus' Hauptmann von Ungarn bezeichnet, Johannes Lemmel aber als
sein Diener und Rat (96).
Zu dieser Zeit befindet sich Johannes Lemmel gerade auf einer Reise
über Ofen nach Wien. Zeitweilig kann er nicht auf seinen Posten
nach Hermannstadt zurückkehren, denn von November 1446 bis Juni
1447 führt Johann Hunyadi einen Krieg gegen den deutschen
Habsburgerkönig Friedrich den III. (97). In dieser Zeit wird
Johann Hunyadi - wie schon 1440-1444 unter Wladislaw - wieder als
Wojewode von Siebenbürgen bezeichnet (98); 1446 ist er auch in
einer Urkunde über Herrnannstadt genannt (99), wo er vielleicht
Funktionen des abwesenden Johannes Lemmel wahrnimmt.
Vermutlich hatte Johannes Lemmel in Oberungarn seinen privaten Besitz
und wohl auch Bergwerke. Von Januar 1448 bis Januar 1449 ist er in
Preschau (ungarisch: Eperjes) beurkundet (99a). In drei Urkunden von
1448 tritt er zusammen mit Johann Giskra auf, wobei zwei Besonderheiten
auffallen: Lemmel wird nun vor Giskra an erster Stelle genannt, und
Lemmels Titel lautet jetzt: "immerwährender Graf von Hermannstadt"
(comes perpetuus Cibiniensis). Das Wort "perpetuus" ist bezeichnend: es
demonstriert den Anspruch auf das Hermannstädter Grafenamt,
obgleich derzeit dieser Anspruch gegen den Gubernator Johann Hunyadi
nicht durchgesetzt werden kann.
Hunyadi ist gerade außer Landes. Er zieht mit einem Heer
südwärts gegen die Türken, wird aber am 19. Oktober 1448
in der (zweiten) Schlacht auf dem Amselfeld (im heutigen Kosovo)
geschlagen. (In der ersten Schlacht auf dem Amselfeld waren die Serben
am 28.6.1389 von den Türken geschlagen und anschließend
unterworfen worden.)
Nun war Hunyadis Stellung geschwächt und er wird
gezwungen,
1449 mit Giskra einen Waffenstillstand zu schließen, wobei Giskra
in einem Vertrag vom 28. März 1450 Oberungarn mit den
Bergstädten abermals zugesprochen erhält (80). Hunyadi
verliert seinen Titel als Wojewode von Siebenbürgen. Auch Johannes
Lemmel kann sein Grafenamt in Hermannstadt nun wieder ausüben.
Dabei wird er 1449 erstmals auch als Königsrichter bezeichnet -
ein Titel, der nach den bekannten Urkunden seit 1432 nicht mehr vorkam,
im übrigen aber immer mit dem Hermannstädter Grafenamt
verknüpft ist (100).
In den Jahren von 1449 bis 1455 sind 14 Hermannstädter Urkunden
über Johannes Lemmel bekannt (101). In der zeitlichen Abfolge
zeigen diese Urkunden zwei auffallende Lücken: offenbar war er
das ganze Jahr 1451 hindurch bis in die erste Hälfte von 1452
nicht in Hermannstadt, und auch nicht zwischen Ende 1453 und Anfang
1455, sofern man diese Lücken nicht als zufällige Lücken
in den Urkundenbeständen deuten will. Es war indessen durchaus
üblich, dass der Graf von Hermannstadt nicht ständig
anwesend war. 1454 wütete eine besonders verlustreiche Pestwelle
in Hermannstadt (102), und Johannes Lemmel dürfte, wie unter
wohlhabenden Leuten üblich, vor der Pest ausgewichen sein -
wohin, muss offen bleiben.
Die Hermannstädter Urkunden der Jahre 1449 bis 1455 geben Auskunft
über Johannes Lemmels Wirken als Königsrichter, Graf und
Leiter der Nation der Siebenbürger Sachsen (103). Er entscheidet,
in welcher Rangfolge die Kürschner und die Schneider in der
Fronleichnams-Prozession zu gehen haben; er regelt einen Nachlass; er
schlichtet einen Grenzstreit zwischen zwei Gemeinden und einen Streit
um eine Mühle; er kümmert sich um Angelegenheiten der
Kürschner und Lederhändler; er bestätigt bezahlte
Schulden; er setzt sich für die verbrieften Freiheiten der
sächsischen Kaufleute ein und schützt die Schusterzunft; er
hebt Steuern ein.
In einer Urkunde von 1450 (104) kommt wieder die Gegnerschaft gegen
Johann Hunyadi zum Ausdruck, als Hunyadi eine Aktion des
Hermannstädter Rates und des Richters Lemmel missbilligt.
Das Prägen von Münzen gehört in dieser Zeit nicht mehr
zu den Pflichten Johannes Lemmels. Johann Hunyadi hatte die
Münzkammer nach Klausenburg verlegt, und seine dortigen
Kammergrafen, die Italiener Christophorus und Antonius de Florentia,
hatten das Einlöserecht für Edelmetalle. Gold wurde nur in
Nagybanya geprägt. Hermannstadt hatte also zu dieser Zeit keine
Münzkammer und keinen Kammergrafen (105).
1452 übernimmt der zwölfjährige Ladislaus Postumus
offiziell die Regierung von Ungarn, Österreich, Böhmen und
Mähren, und führt sogleich wesentliche Änderungen durch.
Er setzt seinen bisherigen Gefolgsmann Johann Giskra ab; dessen Gegner
Johann Hunyadi, der nun nicht mehr als Reichsverweser amtiert, ernennt
er zum Erbgrafen von Bistritz in Siebenbürgen. Hunyadi muss die
bisher freie Sachsenstadt Bistritz jedoch erst erobern, wodurch er sich
die Feindschaft der Siebenbürger Sachsen zuzieht. Seine Macht
scheint sich nun auch auf Hermannstadt zu erstrecken, wo die
Münzkammer wieder eröffnet wird, und Goldgulden mit dem Namen
des Königs Ladislaus offenbar von Hunyadi geprägt werden
(106). Dennoch vergleicht sich König Ladislaus aber auch mit
Hermannstadt, wo er Johannes Lemmel, obgleich er ein Parteigänger
des nunmehr abgesetzten Johann Giskra gewesen war, als seinen Grafen
bestätigt und ihn zudem in sein engeres Gefolge aufnimmt: Anfang
1453 bedankt sich Ladislaus bei Johannes Lemmel für
Huldigungsgeschenke zu seinem Regierungsantritt (107); in den folgenden
Urkunden wird Johannes Lemmel von König Ladislaus als Ritter
seines Hofes und als sein besonderer Vertrauter bezeichnet (108).
[Staatsarchiv Hermannstadt, Urkunde
vom 10.12.1455 mit dem
Siegelabdruck von Johannes Lemmel]
Die gehobene Stellung am Königshofe kommt auch in einer
Wappenänderung zum Ausdruck. Während 1439 (109) Johannes
Lemmel im Wappen ein steigendes Lamm führte, ist 1455 (110) im
Wappen ein Querband hinzugekommen, und der Schild ist nunmehr mit einer
- in Einzelheiten nicht deutlich erkennbaren - Krone versehen.
Als Königsrichter hat Johannes Lemmel offenbar auch Gesetze
geschaffen, die in das Hermannstädter Recht eingingen und als
"Nürnberger Recht" bezeichnet werden. Offenbar wurde Johannes
Lemmel als Nürnberger angesehen, da die Zentrale der Familie um
1440 sich von Bamberg nach Nürnberg verlagerte.
Und zwar ließ 1481 Thomas Altemberger, Bürgermeister,
Königsrichter und Kammergraf von Hermannstadt, den nach ihm
benannten Codex Altemberger schreiben, eine Hermannstädter
Gesetzessammlung, die auch als "Nürnberger Recht" bezeichnet wurde
(111). Aus dieser Bezeichnung schloss man früher, daß
Hermannstadt im 15. Jahrhundert sein althergebrachtes Recht aufgegeben
und Nürnberger Recht angenommen habe. Inzwischen weiß man,
daß die Bezeichnung "Nürnberger Recht" lediglich von einer
Zwischenüberschrift herrührt, die sich nur auf einen kleinen
Teil des Werkes, nämlich die, Artikel 534-562 beziehen.
Erstaunlicherweise enthalten diese Artikel aber keine sicheren
Parallelen zum Recht dieser Zeit in Nürnberg, so dass die
Bezeichnung "Nürnberger Recht" bisher unklar blieb (112).
Eine Jahreszahl auf der Innenseite des Rückdeckels des Codex
Altemberger lässt darauf schließen, daß der 1481
entstandene Codex eine Abschrift eines Original-Manuskriptes ist, das
bereits 1453 abgeschlossen wurde (112). Dieses Datum aber fällt in
die Amtszeit Johannes Lemmels. Womöglich also erhielten die
Artikel 534-562 deswegen die Bezeichnung "Nürnberger Recht", weil
sie von dem "Nürnberger" Johannes Lemmel eingeführt wurden.
In dieser Zeit sind die sonst widerstreitenden Parteien in Ungarn
vereint durch den Kampf gegen die Türken, die 1451 Serbien und
Bosnien erobern. Nach Erfolgen gegen die Türken brechen die
internen Streitigkeiten aber wieder aus, besonders als im Juli 1456
Johann Hunyadi stirbt. In dem einsetzenden Bürgerkrieg
erstürmt ein ungarisches Heer unter Michael Szilagyi Bistritz und
belagert auch Hermannstadt (113). Wohl im Zusammenhang hiermit wird
1456 Johannes Lemmel als Graf und Königsrichter von Hermannstadt
durch Petrus de Ruffamonte abgelöst, der aus dem Siebenbürger
Gräfenadel stammt (100). Kammergraf wird Bürgermeister Oswald
Wenzel (113). Damit sind die königlichen Ämter nunmehr mit
Einheimischen besetzt; wahrscheinlich musste Johannes Lemmel als zu
enger Vertrauter des glücklosen Königs Ladislaus
zurücktreten, sofern er nicht in diesem Jahr starb, womöglich
bei der Belagerung fiel.
König Ladislaus versucht, sich der mächtigen Familie Hunyadis
zu entledigen, und lässt einen seiner Söhne enthaupten.
Ladislaus muss aber selbst fliehen und stirbt 1457 in Prag. König
von Ungarn wird ein anderer Sohn Hunyadis: Mathias Corvinus. Damit
entschwindet Ungarn für einige Zeit aus dem deutschen
Einflussbereich.
Zur gleichen Zeit, als Johannes Lemmel Graf von Hermannstadt ist, ist
sein Vetter Hans Lemlein Ratsherr in Nürnberg. Man muss annehmen,
daß die beiden Vettern in einflußreichen politischen
Funktionen in Nürnberg und Hermannstadt zwei Pole darstellten, die
den Südosthandel nicht nur des Lemmelschen Familienunternehmens
sondern auch der Gesellschaften der verschwägerten Familien
bestimmten. Allerdings war der Handel durch die Unruhen der
Türkenkriege zu dieser Zeit sehr erschwert. Während zu Anfang
des 15. Jahrhunderts der Einfluss fränkischer Unternehmer in
Ungarn dominierend war, ist für die Zeit zwischen 1444 und 1455
Johannes Lemmel meines Wissens der einzige Vertreter des
fränkischen Unternehmertums, der sich in Ungarn in so hoher
politischer Position halten konnte.
(89) J. Siebmachers großes und allgemeines
Wappenbuch, 14.Band, 12. Abteilung: Der Adel von Siebenbürgen,
Seite 21.
(90) Artur Pohl: Die Grenzlandprägung -
Münzprägung in Österreich und Ungarn im 15. Jahrhundert.
Graz 1972, Seiten 52 f.
(91) Staatliche Bibliothek Bamberg, M.v.0. Hs 1 (StGB
1439/45) f.309. Laut Lemmel, Herkunft (2), Seite 97.
(92) Anhang, Regest 4
(93) Stromer, Fränkische und schwäbische
Unternehmer (10), Seite 364.
(94) Anhang, Regesten 3-4.
[95] Joseph Chmel: Regesta
chronologico-diplomatica Friderici IV. Romanorum Regis. Wien 1838,
Seite 165, Regest Nr.1627, und Seite 200, Regest Nr.2006.
[96] Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Abt.2 Bd.2 Nr.3191 = Archiv
der Stadt Wien, Hauptarchiv-Urkunden Nr.3191.
[97] Schalk, Faustrecht [84], S. 58f. Und: Chmel, Regesta [95], S.223
Regest Nr.2198.
[98] Für 1446: Wenzel [78], S.400. - Für 1448: Siebmacher
[89], S.21.
[99] Wenzel [78], S.432.
[99a] Bela Ivanyi (Hrsg.): Eperjes Szabad Királyi Város
Levéltára/Archivum Liberae Regiaeque Civitatis Eperjes)
1245-1526. Acta Litteratum ac Scientiarum Reg. Universitatis Hung.
Francisco-Josephinae, Sectio: Juridica-Politica, Bd.2, Szeged 1931.
-Regesten aus Eperjes Nr.323 vom 25.1.1448, 325 vom 11.4.1448, 328 vom
5.9.1448, 331 vom 15.1.1449.
(100) Auskunft Gustav Gündisch.
(101) Gustav Gündisch: Urkundenbuch zur
Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen, Bd.5, Bukarest 1975,
S.278-512.
(102) Johann Seivert: Die Grafen der Sächsischen
Nation und Hermannstädter Königsrichter im
Großfürstentum Siebenbürgen. In: Ungarisches Magazin,
1782, Bd.2 S.261-302. - Vergl. K.G. v.Windisch: Johann Seiverts
Nachrichten von Siebenbürgischen Gelehrten und ihren Schriften,
Preßburg 1785, S.223.
(103) Siebmacher (89), Seite 21.
(104) Anhang, Regest 8.
(105) Pohl, Münzzeichen (82) und: Pohl,
Grenzlandprägung (90), Seiten 55f.
(106) Pohl, Grenzlandprägung (90), Seiten 77f.
(107) Anhang, Regest 12.
(108) Anhang, Regesten 14, 17, 18, 19.
(109) Anhang, Regest 2. Dem Stadtarchiv Thorn
danke ich sehr für die Anfertigung einer Fotografie des Siegels.
(110) Anhang, Regest 19.
(111) Georg Ernst Waldau: Vermischte Beyträge
zur Geschichte der Stadt Nürnberg, Nürnberg 1786/87, Bd..1,
S. 479.
(112) Ute Monika Schwob: Kulturelle Beziehungen
zwischen Nürnberg und den Deutschen im Südosten im 14 bis 16.
Jahrhundert. Buchreihe der Südostdeutschen Historischen
Kommission, Band 22. Verlag Oldenbourg, München 1969, Seiten
200ff. Siehe auch: Emil Sigerus: Vom alten Hermannstadt, Folge 2, Seite
124.
(113) Pohl, Grenzlandprägung (90), Seiten 81f.
Tafel 2: Stammtafel
Lemlein/Lemmel in Böhmen und Ungarn
(teilweise überholt!)
Landkarte von Böhmen und Ungarn
mit den in der Lemmel-Geschichte
wichtigen Orten
König Mathias Corvinus. Links
Monument in Klausenburg (88a)
10. In Ungarn unter König Matthias Corvinus
Unter König Matthias Corvinus, der von 1458 bis 1490
regierte, findet sich kein Lemmel mehr in Siebenbürgen (114). Von
Johannes Lemmels Sohn "Andreas Lemmel de Cibinio", der sich im April
1444 an der Wiener Universität einschrieb (92), ist bisher nichts
bekannt geworden.
In Oberungarn aber, der heutigen Slowakei, tauchen zwei weitere Lemmel
auf, die wohl Söhne oder Neffen des Kammergrafen Johannes Lemmel
sind. 1456 stellt König Ladislaus in Buda eine Urkunde aus, in der
er der Bergstadt Kremnitz die von König Sigmund erteilten
Privilegien bestätigt. Darin ist unter den Vertretern von Kremnitz
an erster Stelle der "Iudex" (= Bürgermeister) Nicolaus Lemmel
genannt (114a). Und 1467 ist einer der Ratsherren von Bistritz
Johannes/Hans Lemell/Lemmel (114b). Ob sie Nachkommen hatten, die hier
verblieben oder abwanderten, ist eine Frage für künftige
Forschungen.
Johannes Lemmels Nachfolger als Repräsentant des oberdeutschen
Großkapitals in Siebenbürgen wird Ludwig Stromeir. Er war
zuvor Bürgermeister und Montanunternehmer in Amberg in der
Oberpfalz; 1470-1490 ist er Consul, Vorsteher eines Stadtzwölftels
und Hausbesitzer am Großen Ring in Hermannstadt; vermutlich ist
er identisch mit Ludwig Nürnberger, der seit 1466 in Hermannstadt
nachzuweisen ist. So fehlt zwischen Lemmel und Stromeir als
fränkische Interessenvertreter in Siebenbürgen nur ein
Jahrzehnt. Ludwig Stromeir ist ein Enkel des Kuttenberger
Münzmeisters Hermann Groß, der aus Nürnberg stammt.
Ludwig Stromeirs Neffe Ortolf Stromer heiratete die Schwester Katharina
des Kuttenberger Münzmeisters Hans Harsdorfer (115). Wenn auch die
Nürnberger nun in Ungarn keinen Kammergrafen oder
Münzmeister mehr stellen, so behalten die Familien, die solche
Ämter zuvor bekleidet hatten, doch weiterhin wirtschaftlichen
Einfluß.
Lemmelsche Wirtschaftsunternehmen leben in einigen Zweigen
im Bergbau der Oberpfalz und des sächsischen Erzgebirges fort. In
Nürnberg führen Kaspar und Hans, die Söhne des
Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein, ein Unternehmen im Verein mit
ihrem Schwager Hans Imhoff, der 1460 Ursula Lemlein heiratet (116).
Ihre Wirtschaftsinteressen liegen weiterhin im ungarischen
Bergbaugebiet: dort ist Hans Lemlein, der eine der Brüder, 1475
als "Bürger auf der Krembnitz", also Bürger der Bergstadt
Kremnitz genannt, als er seinen Bruder Kaspar Lemlein in Nürnberg
bevollmächtigt, für ihn Lehen zu empfangen (117). Wenn es
auch keinen direkten Beweis für die Zusammenarbeit des
Nürnberger Ratsherrn Hans Lemlein mit seinem ungarischen Vetter
Johannes Lemmel gibt, so gibt es hierfür doch ein wichtiges Indiz:
Kaum verschwinden die oberungarischen Lemmel von der Bildfläche,
so rückt hier der Sohn des Nürnberger Ratsherrn in die
entstandene Lücke nach; über seinen weiteren Verbleib ist
leider nichts Gesichertes bekannt.
Bald darauf jedoch sterben die Lemlein in Nürnberg kinderlos; ihr
beträchtliches Vermögen erbt die Familie Imhoff(118).
Die Kinder des Hans Imhoff und der Ursula Lemlein verheiraten sich mit
den Nürnberger Hallern, von denen ein Zweig nach Siebenbürgen
auswandert und dort auch das Amt des Grafen von Hermannstadt bekleidet.
Die Kinder lmhoff sind aber auch mit den Augsburger Fuggern
verschwägert, deren Gesellschaft bald führend im ungarischen
Bergbau wird.
Der Nürnberger Ratsherr und Bürgermeister Hans Lemlein ist
der letzte der Familie, der in diesem aufregenden
wirtschaftspolitischen Spiel zwischen Bamberg/Nürnberg und
Böhmen/Ungarn einen wichtigen Posten bekleidete. Er starb 1473,
also vor genau 500 Jahren, als das heute 1000-jährige Bamberg
gerade halb so alt war wie heute. - (Dieser Schlusssatz stammt aus
meinem Vortrag beim Familientag in Bamberg 1973.)
(114) Quellen zur Geschichte
Siebenbürgens,
Band 1: Rechnungen aus dem Archiv der Stadt Hermannstadt. Hermannstadt
1880. - In diesen 1467 einsetzenden Rechnungen findet sich kein Lemmel.
(114a) Státni Okresny Archív
Ziar nad
Hronom (= Staatl. Kreisarchiv Ziar an der Gran), pobocka Banská
Stiavnica (Zweigstelle Kremnitz), Archivfond Magistrat der Stadt
Kremnitz, Abt.I, Gruppe 1., Fasc.1, Urk.39a. Mtlg Dir. Mikulás
Celko 1991 nebst Fotokopie.
(114b) Státni Okresny Archív,
Banská Bystrica, Urkunde vom 25.9.1467, Fotokopie 1991 durch
Dir. Peter Hamala. - Bezirksarchiv Ziar nad Hronom, Sign.I Abt.36
Angelegenheitsgruppe Bd.I lfd.Nr.22. Mtlg Dir. Mikulás Celko
1991 nebst Fotokopie.
(115) Richard Klier: Nürnberg und Kuttenberg.
In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt
Nürnberg. Band 48, 1958, Seiten 51-56. Und: Mitteilung von
Wolfgang von Stromer.
(116) Lemmel, Herkunft (2), Seite 163 und
Tafel 5.
(117) Stadtarchiv Bamberg, Nürnberger
Patrizier-Urkunden, Rep. A 102 Lade 426, Nr.634 - Herrn Stadtrat Hans
Paschke danke ich sehr für die Mitteilung dieser Urkunde. - Das
Siegel Hans Lemleins ist kaum zu erkennen, vielleicht zeigt es ein
aufsteigendes Lamm.
(118) Lemmel, Herkunft (2), Seiten 153ff. - Und:
Helmut Freiherr Haller von Hallerstein: Größe und Quellen
des Vermögens von hundert Nürnberger Bürgern um 1500.
In: Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs, Band 1,
Nürnberg 1967, Seite 117.
Anhang: Regesten zu
Johannes Lemmel, ungarischer
Kammergraf und Graf von Hermannstadt
(Zu seinem Familienblatt mit
weiteren Regesten.)
1. 1438, in der ersten Hälfte des Jahres, ist
Johannes Lemmel ungarischer Kammergraf in Hermannstadt. In der zweiten
Hälfte des gleichen Jahres ist Niklas Pfeffersack für dieses
Amt genannt.
[Numizmatikai Közlöny Jahrgang 1941, Seite 36. Zitiert bei:
Tibor Antal Horvath und Lajos Huszar: Kamaragrofok a közepkorban.
In: Numizmatikai Közlöny, Band 54/55, Budapest 1956, Seiten
21-35, Resumee Seite 80. (Ergänzung 1 von L. Huszar in:
Num.Köz., Band 64/65, 1066, Seiten 55-59 und 112.)]
2. Hermannstadt, 1439, montag an den phinxt heyligen
tag. "her Hanns Lemmel, ritter, graff cu der Hermanstad" an
bürgermeister und rathmanne der stat Thorn. Orig-Papier, ohne
Wasserz., grün.Verschlußsiegel (Lamm). H.L. erbittet
Leumundszeugnis
für den ersamen Hannus Puschawsen, jetzt mitbürger zu
Hermannstad, der dort bezichtigt wird, "in den czeyten, alse der Orden
von Prewssen myt den Pollan crigeten" vor 7 bis 8 Jahren,
als Tilman von Wege für den Rat zu Thorn "houbtman was und her
Gotschalk Stade aws scheppen-banck", dass er "nicht sulle gefaren han
allze eyn beder man". H.P. benennt für sein korrektes Verhalten
die houbtlewte und Claeken son von der Lynden, Hans, und Mattis
Jungeweisen, und Lucas Waczelrode, die das Poschawsen bestätigen
möchten.
==> Lucas Waczelrode: mütterlicher Großvater von Nicolaus
Copernicus.
Wappen des Hanns Lemmel: ein aufsteigendes Lamm.
[Stadtarchiv Thorn (Archiwum miasta Torunia) dok. 922.] Mein Dank gilt
Prof. W. v.Stromer, der mich 1971 auf diese Urkunde aufmerksam machte.
Dem Thorner
Stadtarchiv danke ich sehr für die 1973 erfolgte Anfertigung der
Fotografien
des Siegels und der Urkunde.
3. 1444: Johann Lemel, Comes de Cibinio, wird dem
Stuhlrichter Lorenz Turolt vorgesetzt; vielleicht hat er aber dabei die
Stelle des Bürgermeisters Georg Hecht vertreten.
[Nach einer Stolzenburgischen Urkunde, zitiert von Johann Seivert: Die
Grafen der Sächsischen Nation und Hermannstädter
Königsrichter im Großfürstentum Siebenbürgen.
Ungarisches Magazin 1782, Band 2, Seiten 261-302, Seite 290.
Vergleiche: J. Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch,
Band 14, 12. Abteilung: Der Adel von Siebenbürgen, Seite 29.]
4. April 1444 schreibt sich "Andreas Lemmel de
Cibinio" unter der ungarischen Nation bei der Universität Wien ein.
[Die Matrikel der Universität Wien, Verlag Böhlhaus
Graz-Köln, Band 1, 1956, 1377-1450.]
Andreas Lemmel muß ein Sohn von Johannes Lemmel sein. Er ist sonst
unbekannt.
5. 1.10.1446 benachrichtigt Johan Giskra von Brandis,
könig Laslan hauptman in Hungern etc., den Bürgermeister,
Richter und Rath der Stadt zu Wien, daß der strenge Ritter her
Hanns Lemmel, sein besunder heimlicher und getrauer diener, als sein
Bevollmächtigter zu ihnen kommen werde; geschrieben in Ofen.
Indorsat: herrn Yskra begern an den Tesch1er... per Lembel. Dabei liegt
ein undatiertes Schreiben des Hanns Lemmel, graff zu Cibin, her Gijskra
rat, an Bürgermeister und Rat in Wien wegen einer
Geldangelegenheit des Herrn Giskra.
[Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Abteilung 2, Band 2, Nr.3191 =
Archiv der Stadt Wien, Hauptarchiv-Urkunden, Nr.3191.]
6. 13.6.1449 Hermannstadt. Joh. Lemmel, iudex regius
Cybiniensis und die übrigen Vertreter der sieben sächsichen
Stühle (Verwaltungs- und Gerichtsgemeinschaften) in
Siebenbürgen bestätigen ihre Urkunde von 1448 über den
Rangstreit der Hermannstädter Kürschner und Schneider in der
Prozession am Fronleichnamstag.
[Staatsarchiv Hermannstadt, U. II, Nr.125.]
7. 5.6.1450 Hermannstadt. Comes Johannes Lemmel und
die übrigen Stadtvertreter schreiben an den Rat von
Wiener-Neustadt in Angelegenheiten des Nachlasses von Sigismund Walach,
der kinderlos gestorben ist.
[Auktionskatalog von Gilhofer und Ranschburg, Wien, Heft 16, 1904,
Seite 60, Nr.565, nach dem seither verschollenen Original.]
8. 4.7.1450. Der Gubernator Ungarns, Johannes von
Hunyad, mißbilligt das Vorgehen des Hermannstädter Rates
gegen seinen früheren Bürgermeister Anton Trautenberger,
wobei der "iudex Lemmel" und ein Stadtbürger Richardus besonders
angeführt werden.
[Staatsarchiv Hermannstadt, U. 11, Nr.130.]
9. 5.12.1450. In einer Urkunde der sieben Stühle
über einen Hattertstreit (Grenzstreit) zwischen zwei Gemeinden
wird im Dorsualvermerk erwähnt "praesente comite Lemlio".
[Staatsarchiv Hermannstadt, K.A. Cisnadie (Heltau) Nr.9.]
10. 1.7.1452. Nos Johannes Lemmel, comes
Cybiniensis, und die übrigen Vertreter der Sieben Stühle
bestätigen ihre Urkunde von 1411 über einen Mühlenstreit
der Gemeinde Rothberg mit ihren Gräfen.
[Staatsarchiv Hermannstadt, U. II, Nr.135.]
11. 2.7.1452. Nos Johannes Lemmel, comes Cybiniensis,
und die Vertreter der Sieben Stühle urkunden in Angelegenheiten
des Lederhandels der Hermannstädter und der Bearbeitung von Fellen.
[Staatsarchiv Hermannstadt, Z.(Zunft-) U. 1, Nr.7.]
12. 3.2.1453. König Ladislaus dankt für die
von Nicolaus Vizaknai und Johannes Lemmel, iudex regius Cybiniensis,
überbrachten Geschenke Hermannstadts und der Sieben Stühle.
[Staatsarchiv Hermannstadt, U. II, Nr.140.]
13. 17.3.1453 wurde dem Andreas Loketas in
Hermannstadt durch her Johannis Lemmel, hie Königsrichter, ein
Brief gesant, daß her eine schult in Wien hett bezalt. Dieser
Brief ist in einem Schreiben erwähnt, das Burgermaister, richter
und gesworn burger der stad Cybin alias Hermannstad am 4.6.1453 an
Bürgermeister und Rat der Stadt Wien richten.
[Quellen zur Geschichte der Stadt Wien, Abteilung 2, Band 2, Nr.3519 =
Archiv der Stadt Wien, Hauptarchiv-Urkunden, Nr.3519.]
14. 12.6.1453. König Ladislaus V erwähnt in
einer Bestätigungsurkunde zusammen mit comes Johannes Zaz von
Hermannstadt, Königsrichter von Mühlbach, auch den comes
Johannes Lemmel, iudex regius Cybiniensis, aulae nostrae militis.
[Staatsarchiv Hermannstadt, Z.U. 1, Nr.9.]
15. 12.6.1453 ertheilte König Ladislaus den
Dörfern Bolgatsch und Seiden das Recht über Tod und Leben,
und bestätigte auf Lemels Ansuchung den Sächsischen
Kaufleuten die vom Könige Siegmund erhaltenen Freyheiten.
[Staatsarchiv Hermannstadt, U. II, Nr.147.]
16. 24.9.1451 Johannes von Hunyad, Erbgraf von
Bistritz und Oberkapitän von Ungarn, ersucht, "festinanter
egregium lemmel" zu ihm zu schicken.
[Staatsarchiv Hermannstadt, Collectio posterior V, Nr. 1156.]
17. 15.5.1455. König Ladislaus V trägt dem
Rat von Hermannstadt auf, die Hermannstädter Schusterzunft in
ihren Rechten zu schützen. Es geschieht über Einschreiten
"egregii Johannes Lemmel, comes Cibiniensis, aulae nostrae militis,
fidelis nostri dilecti".
[Staatsarchiv Hermannstadt, Z.U. 1, Nr.34.]
18. 12.7.1455. König Ladislaus befiehlt den
Sachsen von Kronstadt, den Martinszins an "egregium Johannem Lemmel,
comitem Cibiniensis,
aulae nostrae militem et familiarem specialem" auszufolgen.
[Staatsarchiv Kronstadt, Privilegien Nr.138.]
19. 10.12.1455. "Nos Johannes Lemmel, comes
Cybiniensis aulae regiae miles" bestätigt, den Martinszins des
Burzenlandes eingehoben zu haben. Der Siegeldruck ist rund (2,4 cm) in
schwarzem [grünem] Wachs. Im Siegelfeld, in einem dreieckigen
Schild, befindet sich auf einem Streifband [Querband] ein Tier [Lamm]
im Profil, rechtsgedreht. Der Schild ist mit einer unbestimmten Krone
versehen, die wie eine Haube aussieht. Im Nebenraum, zwischen zwei
Kreisen, befindet sich, soweit leserlich, die Inschrift: Sigillum.
[Staatsarchiv Hermannstadt, früher Archiv des Burzenländer
Evangelischen Kapitels A.B. Im Staatsarchiv Hermannstadt noch nicht mit
einer Aufstellungssignatur versehen.]
Herr Generaldirektor Titileanu von der Directia Generala a Arhivelor
Statului, Bukarest, stellte mir dankenswerterweise eine Fotokopie
dieser Urkunde und die oben angeführte Siegelbeschreibung zur
Verfügung. Die in eckigen Klammern eingefügten Wörter
stammen aus einer früheren weniger ausführlichen
Siegelbeschreibung in Gustav Gündisch's Urkundenwerk, das
veröffentlicht wird. Das Siegel läßt sich nicht klar
fotografieren.
20. 1460: Johann Lemmel, Königsrichter zu
Hermannstadt und Königlicher Hofjunker - nach Urkunden war er es
in den Jahren 1452 bis 1460.
[Johann Seivert: Die Grafen der Sächsischen Nation ..., wie Regest
3.] Die Jahreszahl 1460 kann nach den Hermannstädter Archiven
nicht bestätigt werden. Sie ist auch unwahrscheinlich, da 1456
Hans Lemmel durch Petrus de Ruffamonte aus dem Siebenbürger
Gräfenadel als Graf und Königsrichter abgelöst wird.
(Mitteilung Gustav Gündisch.)
Ende
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